Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1911
- Issue
- Heft 42 (3.11.1911)
- Date
- 1911-11-03
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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9tr; 42. . „ Die Wahrheit Seite 5. : ' Die jüdische Frage kann von zivei Gesichtspunkten behandelt - werden: vom - Standpunkte der' „historisch ' aüsgebildeten Lebensnormen" ausgehend, sollte man nur für die "Befriedigung der dringendsten Bedürfnisse der jüdischen Bevölkerung sorgen. Man. könnte aber mit der Tradition, auch, ganz brechen und atte. existierenden Beschränkungen gegen die. Juden vollständig befestigen. Dem damaligenFinauzminister schien. der el ftere Weg zweckmäßiger. Er. schlug vor,. auf Grund des § 87 der Verfassung, die „provisorischen" Rechtseinschränknngen gänzlich zu beseitigen und in die Jndengesetzgebung eine gewisse „Ordnung", ein „System" hineinzntragen. Die vollständige Umänderung dieser Gesetzgebung, sowie die, Frage der Abschaffung des Ansiedlnngsrayons soll der Reichsduma überlassen bleiben. Doch könnte, auf Grund des § 87 der Reichsverfassnng, eine Reihe von Einschräukltngen innerhalb des Ansiedlnngsrayons sofort beseitigt werden. Zn diesem Zwecke schlägt Kokowzew folgende Maßregeln vor: Die Abschaffung der Jgnatiewffchen „provisorischen Regeln" und aller daraus entstandenen Rechtseinschränknngen. Damit würde Rußland für die Juden gleichsam in zwei Teile geteilt: der Ansiedlungsrayon, dessen Städte, Flecken und Dörfer den Juden vollständig offen wären,' und das übrige Rußland, in das nur akademisch gebildete Personen. Kauflente und Handwerker mit sämtlichen Mitgliedern ihrer Familien Zugang fänden. Dadurch würde mehr Klarheit in die Judengesetzgebung gebracht werden. Was den Erwerb von Immobilien durch Juden betrifft, sollte ihnen der Kauf und die Pacht des Obschtschinalandes unbedingt verboten bleiben, dagegen sollten sie in Privateigentum befindliche Grundstücke erwerben dürfen, und zwar sowohl innerhalb des Ansiedlnngsrayons, wie außerhalb desselben, sofern sie das Wohnrecht im inneren Rußland erworben haben. Alle Einschränkungen auf dem Gebiete des Handels, wie z. B. bei der Beteiligung an Aktiengesellschaften, sollten wegfallen. Die 300- Rilbel-Strafe, der die Verwandten der sich der Militärpflicht Entziehenden unterworfen werden, sollte ebenfälls abgeschaffl weren. Dieses Projekt schien den Mitgliedern des Ministerrats sehr „radikal". Sämtliche Minister erklärten sich gegen Verleihung des Rechtes auf Erwerb von Gütern an die Inden. Insbesondere war der Kriegsminister grgen die Zulassung der Juden ins Gebiet der Donkosaken. Das Projekt wurde laut diesen Direktiven umgearbeitet und zur Bestätigung auf Grund des §87 unterbreitet — die 58 eftäti guitg erfolgte aber nicht. Daß mit den neuen, täglich sich vermehrenden Gefahren "für die russischen Juden die alten nicht überwunden werden, dafür sorgen schon unsere Staatsretter vom schwarzen Verbände, denen der Wind von oben seit dem Kiewer Verbrechen besonders günstig weht. Wer dachte beispielsweise noch an die seinerzeit in einem kranken echtrussischen Gehirn entstandene Idee von der Ausschließung der Juden aus der Armee? Nnn erfährt mau in Dumakreiseu, daß der Kriegsminister Such o w k i n o w auf direkten Befehl des Zaren eine Gesetzvorlage über die Ablösung der Wehrpflicht der I n den durch G e l d z a h l n n g in aller Form ausgearbeitet hat. Was ein solches Ausnahmegesetz für die Rechtslage der russischen Inden bedeutet, haben wir bereits zu verschiedenen Malen auseinandergesetzt. * * * Die in der letzten Zeit in jüdischen Advokatenkreisen überaus häufig gewordenen Xiebertritte zum Christentum aus Gründen der Karriere veranlaßten eine Gruppe Odessaer jüdischer Advokatnrsgehilfen (dies ist gewöhnlich der Charakter der in der Advokatur tätigen Juden, die das Justizministerium wegen ihrer Zugehörigkeit zum Judentum Mcht für würdig hält, zu „Rechtsanwälten" befördert zu werden) auf der am 18. Oktober stattgefundenen Generalversammlung ihrer Organisation an das leitende Komitee folgende Interpellation zu richten^, Hat das Komitee Kenntnis, davon, daß in letzter Zeit häufig Advokatnrsgehilfen jüdischen Bekenntnisses ans Gründen der Karriere znm Christentum übergetreten sind; daß die unlängst stattgehabte Weigerung des Zentralausschnsses der Friedensrichter, einigen neubekehrten Christen eine Bescheinigung ihres Rechtes auf Führung von Zivilprozessen anszustellen, allgemein ans diese betrübende Erscheinung zurückgeführt wird-; daß dadurch die Würde des Anwaltstandes überhaupt und der jüdischen Advokamrsgehilfen im besonderen, auf die der Verdacht der Prinzipienlosigkeit und Unmoralität fällt, schweren Schaden leidet? Eine Gruppe jüdischer Advokatnrsgehilfen des Odeffaer Gerichtsbezirkes erachtet es deshalb als ihre Gewissens- und Standespflicht, das Komitee zu befragen, was es zu tun gedenkt, um derartige Erscheinungen innerhalb unseres Standes zu bekämpfen." Der Obmann der Organisation, Herr I. B r o d o w s ky, erklärte, daß das Komitee sich mit dieser Frage bisher nicht befaßt habe, daß es aber diese Erklärung zur Kenntnis nehme und über die Angelegenheit ernstlich beraten werde. * * * Man schreibt der „N. I. K." ans London: Laut einer Mitteilung, die im hiesigen „Globe" vor einigen Tagen erschienen ist, fordert die Regierung von Nikaragua die Juden Rußlands wie auch anderer Länder, wo sie verfolgt werden, auf, nach Nikaragua ausznwandern und sich dort als Landwirte niederznlassen. Diese Einladung erfolgt osfiziell durch Herrn R. Sosman, den Generalkonsul der zentralamerikanischen Republik in den Vereinigten Staaten, der selber ein russischer Jude ist und bei der letzten Revolution in Nikaragua eine hervorragende Rolle gespielt hat. Jedem jüdischen Ansiedler werden 140 Morgen Land versprochen. Im Falle einer größeren jüdischen Ansiedlung würde die Regierung bereit sein, örtliche Autonomie zu gewähren. In der Notiz des „Globe" wird ferner berichtet, es verlaute, daß die nikaraguanische Regierung sich mit einer der großen jüdischen Wohltätigkeits-Organisationen in Europa in Verbindung setzen wolle, um sie für die Gründung einer solchen jüdischen Ausiedlung zu interessieren. Diese Nachricht ist mit der Vorsicht anfzunehmen, die sich nach den zahlreichen Ansiedlnngs-Projekten der letzten Jahre dringend empfiehlt. Es wäre gewiß wünschenswert, der jüdischen Massenemigration neue Wege zu erschließen, doch ist es mehr als zweifelhaft, ob Nikaragua ein für größere Judenmassen geeignetes Gebiet darftellt. Das Klima ist dort im wesentlichen tropisch und von den Höhen aus, wo Europäer leben könnten, würde sich der Absatz der Bodenprodukte, vorwiegend Mais und Kaffee, sehr schwierig gestalten. Misrachi und zionistische Organisation. Die leidenschaftliche Erregung der Misrachisten auf dem letzten Kongreß, die fast znm Austritt derselben ans der zionistischen Organisation führte, hat sich wieder gelegt und das Zentral-Burean der Föderation „Misrachi" versendet folgenden Aufruf: An unsere Gesinnungsgenossen! Der X. Kongreß hat beschlossen, daß in Zukunft die Kulturarbeit in den Nahmen der offiziellen Tätigkeit eiubezogen werde. Dieser Beschluß entfachte in unseren Reihen einen Sturm der Erregung. Die Weihe der Festeszeiteu jedoch mit ihrem reichen Inhalt versöhnender und ausgleichender Gedanken und Stimmungen mag uns nunmehr befähigen, leidenschaftloser zu urteilen, gemessener zu betrachten, wo wir stehen, wohin wir steuern. Manche unserer Gesinnungsgenossen— und nicht die schlechtesten — die unserem Ideal iit treuer Arbeit gedient, erklärten die Verantwortung für eine gemeinsame Arbeit nicht weiter tragen zu können. Sie begründeten ihre Mitarbeit am zionistischen Werke mit dem Bestreben, lediglich ideale und wirtschaftliche Werte für das jüdische Volk zu schaffen. Die im September in Berlin tagende Konferenz hat die entscheidungsschwere Gewiffensfrage eingehend erörtert und ist, wie bekannt, zu dem Ergebnis gekommen, daß es notwendig