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Die Wahrheit · 1911-11-03 · Heft 42 (3.11.1911) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1911
Issue
Heft 42 (3.11.1911)
Date
1911-11-03
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Berichterstatter zu Vertretern des katholischen, protestantischen und jüdischen Glaubens zu schicken und sie um ihre Meinung zu befragen, und die genannten Herren haben, statt den lästigen Frager abzuweiseu. wirklich geantwortet. Herr Rabbiner Professor Maybanm in Berlin äußerte sich folgendermaßen: „Als deutschem Staatsbürger kann es mir ganz gleichgültig sein, ob der Papst in Rom residiert oder in Jerusalem. Der Jude kann an Jerusalem nur noch ein geschichtliches, aber gar kein politisches Interesse haben. Er hat seine Mission in Palästina erfüllt und muß, um seine Mission noch weiter zu erfüllen, treuer Staatsbürger der verschiedenen Ländern bleiben, denen er angehört. Als Jude aber, das mnß ich osten gestehen, wäre mir ein Papst in Jerusalem sehr unangenehm, wie es meinen Glaubensgenossen überhaupt unangenehm sein müßte. Der Grund beruht auf historischer Erfahrung. Wir haben gesehen, welch ein tolerantes Volk die Türken sind. Alle Völker sind ihnen durchaus gleichberechtigt. Sie denken nicht an Proselytenmacherei. Und die Päpste? Auch ihre Geschichte kennen wir. Und wenn heute der Sitz des Papstes nach Jerusalem verlegt würde, so ginge morgen die Proselyteumacherei an. Und käme zu diesem Wohnungswechsel gar noch territoriale Macht, dann müßte „das Land des Papstes natürlich sofort christlich werden". Alle die schönen, von Inden geschaffenen, zu.großen Hoffnungen berechtigenden Anfänge industrieller und wissenschaftlicher Natur würden bald wieder ruiniert sein. Und deshalb wiederhole ich : Als deutschem Staatsbürger ist mir die. Angelegenheit gleichgültig; als Jude aber ziehe ich in Jerusalem den Türken dem Papste unbedingt vor. Und jeder denkende Jude wird mir beipflichten." . * * * In der Sitzung des Zentralkomitees der Alliance Jsraälite Universelle, die am 18. Oktober in Paris stattfand,, wurde der Antrag aus Abschaffung der Wahlen zum Zentralkomitee und Einführung des Systems der Kooptation mit 19 gegen 5 Stimmen angenommen. Von den 19 Herren, die für den Antrag stimmten, waren 18 in Paris ansässige Mitglieder des Zentralkomitees, der neunzehnte war ein Belgier. Die fünf bei der Sitzung anwesenden deutschen Mitglieder des Zentralkomitees, nämlich die Herren Justizrat Max Fuchs-Berlin, Geheimrat Professor Dr. Landau-Berlin, Gumpertz-Hamburg, Oschinsky- Breslau und Wittner-Leipzig, traten dem Antrag einstimmig mit der größten Entschiedenheit entgegen. Von den Rabbinern Dr. Werner-München und Dr. Vogelstein-Königsberg lagen schriftliche Aeußerungen vor, die gleichfalls scharf gegen die Abschaffung der Wahlen protestieren. Dennoch wurde der Antrag mit den erwähnten 19 Stimmen gegen die 5 Stimmen der deutschen Mitglieder angenommen. Um das Statut der Alliance im Sinne des Antrags zn ändern, ist noch eine zweite Abstimmung des Zentralkomitees nötig, die frühestens nach 4 Wochen statlfinden kann. Sodann muß noch die Genehmigung der Generalversammlung der Alliance eiugeholt werden. Es ist nötig, die jüdische Oeffentlichkeit rechtzeitig auf die Konsequenzen hinzuweisen, die sich aus der Einführung des Kooptationssystems ergeben würden. Das Prinzip der Oeffentlichkeit würde dadurch vernichtet, jede Kontrolle seitens der beitragleistenden Mitglieder in allen Ländern ausgeschaltet, der Einfluß der nicht in Paris wohnhaften Mitglieder des Zentral- Komitees auf Null reduziert und die Verwaltung der Alliance immer einer kleinen Gruppe von Pariser Herren überlassen bleiben. Wie wir erfahren, beabsichtigt das Präsidium der deutschen Konferenzgemeinschast der Alliance, mit aller Energie gegen diese Pläne anzukämpfeu und eine Aktion dagegen einzuleiten, die in der nächsten Zeit in ihren Einzelheiten der Oeffentlichkeit zur Kenntnis gebracht werden wird. * -i- * Der Geschäftsbericht der jüdischen Gemeinde in Paris pro 1910 gibt einige höchst interessante Daten über die dortigen Gemeindeverhältnisse: Die jüdische Gemeinde hatte 1910 bei 979.723 Frarks Einnahmen und 1,035.508 Ansgaben ein Desizit von 55.585 Franks. Es mußten daher fast sämtlichen ans dem Jahre 1905 noch vorhandenen Reservefonds aufgebraucht'werden. Die Zahl der Gemeindemitglieder betrug Ende Dezember 3933 (gegen 2354 int Vorjahre). Ein Mitglied bezahlt einen Jahresbeitrag von 30.000 Franks (Baron Rothschild), drei einen solchen von 5000 Franks, vier von 3000 Franks, drei von 2500 Franks, ein von 2000 Franks usw. Dabei sind noch 1668 Steuerzahler, die jährlich nur 10 Franks entrichten. Außer den Stenern gingen ein an freiwilligen Spenden 193.560 Franks, die Totenbestattnng brachte 46.778 Franks ein, das Koscherfleisch 45.585 Franks. Ferner figurieren unter den Einnahmen die Spende der Baronin Rothschild von 30.000 Franks für die Religionsschnlen und 20.000 Franks von Baron Rothschild für das Rabbinerseminar. Das Knltuspersonal besteht aus 11 Rabbinern, 16 Kantoren, 18 Sekretariatsbeamten, 4 Chordirigenten, 127 Chorsängern, 17 Schächtern, 43 Synagogendienern. 2928 Kinder erhielten in 73 Schulen Religionsunterricht (1457 Knaben und 1471 Mädchen). 355 wurden konfirmiert und 256 Knaben feierten ihre Barmizwohs. Es fanden 353 Trauungen und 972 Beerdigungen statt (darunter 451 Arnie, die kostenlos beerdigt wurden). Bei den angegebenen Zahlen ist zunächst zu bemerken, daß nicht alle Inden, die in Paris wohnen, Mitglieder der Großgemeinde sind. Es gibt noch ganz liberale Gemeinden, die Deutsche orthodoxe Gemeinde, verschiedene russische, polnische und türkische Minjonim. Ebenso gibt es noch viele Inden, die sich überhaupt am religiösen Leben nicht beteiligen. Immerhin ist die Tatsache feststehend, daß die Zahl der Inden in der französischen Hauptstadt von Jahr zn Jahr zünimmt, und ist wohl die Anzahl gegenwärtig auf über 50.000 Seelen zn schätzen. Wir wollen noch zum Schluß einige Zahlen anführen, die Aufschluß geben über die großen Ausgaben und Einnahmen der Gemeinde. Für die Bedürfnisse der Synagogen wurden ausgegeben 327.000 Franks, doch wurden für Platzmieten und Spenden in den Synagogen 330.000 Franks eingenommen.! Für die Religionsschulen wurden 70.000 Franks verwendet, für die Rabbiner 103.256 Franks, für das Sekretariat 97.000 Franks. Außerdem wurden 62.000 Franks als Zuschuß bewilligt für das Konsistorium, damit dasselbe arme Gemeinden in Frankreichunterstütze zwecks Erhaltung der religiösen Institutionen, 95.000 Franks für Neubauten, 42.000 Franks für das Rabbinerseminar. Es sind Riesensnmmen, die in der großen Gemeinde Paris vereinnahmt und verausgabt werden, und zeigen sie noch, daß das Judentum in Paris tätig ist, um die religiösen Be-' dürfnisse ihrer Angehörigen zn befriedigen. * * * Am ersten Halbfeiertage des eben vornbergegangenen Sukkothfestes gab Baron Leopold de Rothschild eine Soiree, bei welcher auch König Georg mit der Königin erschienen waren. Dieser hohen Auszeichnung wird in den Londoner Hofkreiseu umso höhere Bedeutung beigemessen, als gewisse Kreise gerne die Behauptung verbreiten, daß König Georg kein Freund der Juden sei und die Beziehungen, die zwischen König Eduard und den jüdischen Häusern Rothschild und Sassoon bestehen, nicht fortznsetzen gedenke. Es wird mm behauptet, daß König Georg Gewicht darauf lege, diese Gerüchte zu zerstreuen, weshalb er vor kurzer Zeit den Chef der Familie Sassoon und jetzt denjenigen des Hauses Rothschild mit seinem Besuche auszeichn.ete. * * Ans der Vergangenheit des Ministers Kokowzew, des Nachfolgers von Stolypin, wird in der „Welt" folgendes berichtet: Es ist in weiteren Kreisen bekannt, daß die Regierung nach der Auflösung der ersten Session der Reichsduma Erleichterungen der Lage der Juden auf verschiedenen Gebieten plante. Aber nur wenige wissen, daß gerade Kokowzew mit der Ausarbeitung dieser Maßregeln beauftragt wurde. Schon allein dieser Auftrag beweist, daß Kokowzew nicht für die absolute Rechtlosigkeit der Juden war. Im großen ganzen stimmen jedoch seine Ansichten mit denen der herrschenden Politik überein. Das Projekt wurde ansgearbeitet und — mit allgemeinen Betrachtungen versehen — dem Ministerrate überreicht. Diese allgemeinen Betrachtungen enthielten folgendes:

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