Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1911
- Issue
- Heft 41 (27.10.1911)
- Date
- 1911-10-27
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 41;; Die Wahrheit Seite 7 -Kultur unter gesunden Verhältnissen, daß wir diese Schlüsse nicht ziehen wollen, weil sie zu dithyrambisch klingen wurden.- Durchdie zielbewrißten Allstreug'uugen zahlreicher Generationen von Denkern und Politikern wurde, hier ein Volk, von reinem, weder durch venerischen Krankheiten noch durch Alkohol vergiftetem Blute, von ausgeprägtem FamiliensiUn, eingewurzelten Gewohnheiten zum tugendhaften Leben, ungewöhnlicher geistiger ^Regsamkeit und idealer Geistesrichtung Herangeziichtet. Es war eine selbstverständliche ergänzende Maßregel.- daß diese höchsten ethischen Schütze nicht der Vernichtung auf dem 'Wege der. Vermischung mit minder sorgfältig gezüchteten Rassen preisgegeben wurden. Das Verbot der Mischehen bewirktees. daß der erste rassebildeude Faktor, die Vererbung, seine Wirkungskraft in höchster Potenz betätigen konnte, indem die angedeuteten Vorzüge - nicht ..nur unvermindert von Generation auf Generation übergingen, sondern dank der Inzucht sich stets steigerten. Andrerseits ergab sich aus . dem Ringen, nach ewigem Bestände eine in der Menschheitsgeschichte säst beispiellose Zuchtwahl. In dem Daseinskampf. der Nation, die durch Schwert und Feuer, durch den härtesten wirtschaftlichen' und moralischen Druck und durch stetige Abfallsverlocknugen in ihrem Gefüge erschüttert ,wurde> konnten sich nur die geistig und moralisch stärksten und ^physisch zähesten Individuen erhalten und fortpflanzen. Die Geschichte belehrt uns aber darüber, daß auch höchst begabte Völker, selbst wenn sie nicht ein solches. Alter haben,, wie in diesem Falle, alle Charakteristika des Greisentums aufweisen : sie verfügen gewöhnlich über außerordentliche Geschicklichkeit und Routine,, über Gewandtheit und eine Ueberfülle von Talenten, aber die verjüngenden Impulse im geistigen Schaffen, die Frische des nationaleus Lebens, das Beschreiten neuer Bahnen der kulturellen Tätigkeit sind ihnen versagt. Die Erbwerte dieser 'Rassen können nach zwei Richtungen gesondert werden: 1. die angeerbten biologischen, generativen Werte; 2. die durch das -Historisch-soziale Milien überkommenen, die in Sprache, Erziehung. .Unterricht, Literatur, -.Religion nsw. wirksamen Ueberlieferungen der Vorfahren, die Traditionswerte. Die Begabungsquote, von der wir früher schon gesprochen haben, ist angeerbt, sie ist durch die Rasse gegeben, sie ist der -endogene Faktor; die Traditionswerte aber sind nur gegeben durch die überkommene Kultur. Nicht deshalb fehlt Frische, fehlt Jugend nnd Kraft, weil die Rasse, sondern weil die Kultur, die 'Tradition schon alt ist. Würde eine alte Rasse von starker Begabung die auf ihr lastenden, das.Originäre erdrückenden Traditionswerte abschütteln und durch neue, ihrem eigensten Jugendnnilien adäquate Werte ersetzen können, so würde, was den Kulturwert einer solchen Rasse betrifft, nichts mit ihm sich messen lassen. Wir erkennen also, daß trotz des außerordentlich großen Anteiles mit dem die Juden unserer Tage an dem kulturellen Schaffen der Gegenwart partizipieren, alle diese Leistnngen nur -ein geringer Teil dessen sind, was. sie unter normalen Schaffensbedingnngen produzieren könnten. Wir sehen also in dem jüdischen Volk ein Rohmaterial vor uns, aus dem tatsächlich, um mit Bnber zu sprechen, alles >Gute und alles Schlechte werden könnte, beides im größten Stile, oder das sich auch vollkommen auflösen könnte. . Der Zionismus ist das Streben, es zu erhalten und nicht .'das Schlechte oder auch nicht irgendetwas wohlfeil Gutes, sondern das Beste aus ihm zu entwickeln. Notwendig muß dies das Streben aller guten Inden sein, seien sie mm Zionisten oder nicht. Aber nicht nur der Inden, sondern aller, deren Streben dahin geht, vorhandenes Rohmaterial, sozusagen brachliegende Naturschätze vor der Vernichtung zu bewahren, sie für die allgemeine Wohlfahrt und Kultur auszuuützen. Ans dieser gemeinsamen Basis ergibt sich von selbst, was an unserem Ziel notwendig, essentiell, und was zufällig, temiporär, akzidentell nnd ausscheidbar ist. : Der Zionismus ergibt sich in dieser Art als ein. notwendiges Ziel nicht nur nationaler, sondern kosmopolitischer Aeberlegungen. Aber er ist mehr als das. Jeder Mensch hat in sich das -Streben, nach , möglichster Entfaltung seiner Persönlichkeit. Mit der Größe seiner Aufgabe wächst der Mann. Die Dekadenz, die große Lehre unserer westlichen Kult'nrmenschheit mit ihrer Lebensnberdrüssigkeit,. mit ihrem Jagen nach äußern Genüssen, ist zum großen Teil -dem Mangel an Aufgaben zuzufchreiben. Nur in den großen Gefahrperioden der Menschheit erstanden ' ihr auch ihre Heroen. Was wir gegenwärtig an menschlicher. Größe sehend es sind fast nur die Helden noch unterdrückter. Völker, die ihr Leben gegen die Tyrannei in die Schanze schlagen. Nichts in der Welt aber könnte sich mit der Größe derjenigen Aufgabe messen, die der jüdischen Elite wartet. Wie oft sehen wir es im sozialen Leben, daß nur irgendein zufälliges Geschehnis bei völliger Gleichheit der Anlagen den einen auf die Höhe des Glücks, mit allen Möglichkeiten, sich geistig und seelisch zu vervollkommeneu, den andern aber in Dürftigkeit und damit in engen Horizont, Niedrigkeit der Gesinnung und Häßlichkeit hinansfnhrt, eine Proletarisierung, deren Fluch sich auch die Nachkommen kaum je entziehen können. Im historischen Leben geht es nicht anders mit den Völkern. Wir waren nun schon 31t oft das Objekt der Proletarisierung. Und deshalb wollen wir jetzt genau erkennen, warum wir und ob wir denn immer diesen Fluch tragen müssen, und durch diese Erkenntnis wollen wir dann auch die Mittel gewinnen, selber endlich die Herren unseres Schicksals zu werden. Uerschiedeue Nachrichten. Wien. Freitag» den 27. Oktober 1911 abends. Predigt des Herr» Rabbiner Dr. M. Rosen in a n n im Leopoldstädrer Tempel. Wien. (P 0 a l e - Z i 0 lt.) Samstag, am 28. b. M. um 8 Uhr abends findet im Lokale des Jüd. Handlungsgehilfen-Verbandes (Achwah), H. . Taborstraße 20 (Schmelzqasse 1), Souterrain, ein Bortrag des Gen. Leon Chazanowiez (Kasriel) über: „Aufnnd absteigende Tendenzen im Judentnme", statt. Gäste herzlich willkommen! Wien. Donnerstag, am 2. November, 7 Uhr abends, findet im Restaurant Guth, H., Stefaniestraße, die konstituierende Generat-Bersammlnng des „Oesterr. J-raelir. Retigionslehrerbundes" statt. Tagesordnung I. Begrüßung. 2. Mitteilungen. 3. Wahlen. 4. Bundesorgan (Diskussion). 5. Anträge. Wien. Samstag, den 21., versammelten sich die Wiener Kantoren: B a u e r, F u ch s, M a t y a s, S ch l e i s e r, B a s s e r, Kläger. S e r e b r e n i k. L a n d a u. L ö w i t, H a r 11 b 0 r j, S m o tr i tz ky, Roth, L ö w y, O e st e r r e i ch e r. Bassel, üleumaun. Grob, Ilma r, S ch l e s i n g e r, W e i ß m a n n und Rosenzweig in der Wohnung des Kantors A. P e k a r n i f, um denselben, anläßlich seines stattgehabten 25 jährigen Amtsjubiläums im Tempel des IX. Bezirkes zu ehren. Oberkantor Bauer hielt an den Jubilar im Namen der Kollegenschast eine Ansprache, woraus Oberkantor Kläger, als Amtskollege, einen von ihm verfaßten und dem Jubilar gewidmeten „Mi-Scheberach" vortrug und Kantor L ö w i t die von den Wiener Kollegen gewidmete Adresse, zur Verlesung brachte. Auch Oberkantor Don Fuchs richtete an den Jubilar einige herzliche Worte nnd gedachte dankbar jener Zeit, da er noch im Temp'elchore des IX Bezirkes unter Kautor Pekar,nik wirkte. In launiger Weise würdigte Professor Nascher die Tätigkeit des Jubilars als Kantor und Chordirigent. Alle Festgäste versanunelten sich später zu einem gemeinsamen Abendegeu, zu Ehren des Jubilars, im Restaurant H e r l i n g e r, wo das gemütliche Mal durch Tischreden nnd insbesondere durch gesangliche Borträge der Kollegen Matyas, Basse r, Oesterreicher und Rosenz w e i g, die mit rauschendem Beifalle und mit Dank ausgenommen wurden, gewürzt wurde. Wien. «Jüdische-akademische Verbindung., „U n i t a s" ) Die Chargeuwahlen für das lanßnde Wintersemester halten folgendes Ergebnis. cand. jur. Josef G r 0 ß m a n n X> cand. jur. Walter H i r s ch XX^X und cand. med, Siegfried Winter XXX- Wien. Am 1. November vollendet Herr Heinrich Bond y das 25. Jahr seiner ausgezeichneten Wirksamkeit als Sekretär des israelitischen Tempelvereines für die beiden Tempelvereine Mariahils nnd Neubau. Die großen Sympathien, deren sich dieser überaus fähige und pflichttreue Beamte infolge seiner allgemeinanerkannten Amtsführung uud seiner persönlichen Liebenswürdigkeit und Bescheidenheit in weitesten Kreisen der beiden Bezirke erworben hat, werden gewiß an diesem Tage zn entsprechendem Ausdruck gelangen. Wien. Sonntag, den 22. d. M., 4 Uhr nachmittags fand im Tempel XX, Kluckygaffe die Trauung des Herrn Walter Schwarz mit Fräulein Franziska P i st 0 l statt. Die außerordentliche Beliebtheit, deren sich der Vater des Bräutigams, Herr Isidor Schwarz. Präsident des Vereines zur Bekleidung und Unterstützung armer alter Männer israelitischer Konfession, in den weitesten Wiener Gesellschaftskreisen erfreut, dokumentierte sich in der unendlich großen Zahl der Trauungsgäste, die der Tempel kaum fassen konnte. Man bemerkte unter den Anwesenden den Bethausvorsteher der Kultnsgemeinde, Herrn Theodor K 0 h n, den Prä-