Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1911
- Issue
- Heft 41 (27.10.1911)
- Date
- 1911-10-27
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 5. Nr. 41. / 'Die Wahrheit beobachten den „Schnlchon Ornch" bis in seine kleinsten Details, die anderen glauben nichts, gehen nicht in die Synagoge, beobachten den Sabbat nicht, essen sogar nicht einmal koscher, nennen sich aber dennoch orthodoxe Juden. Zu der ersten Kategorie gehören sämtliche Vertreter der alten Generation und einige Vertreter der jungen. Und zu der zweiten gehören die Vertreter der jungen Generation und einige von der alten. Nun wissen wir Alle, daß die Zukunft der jungen Generation gehört, und die junge Generation des 20. Jahrhnndertes kann und will nicht die grundlosen Ansichten unserer Vorfahren für wahr halten, wenn wir auch noch so sehr ihr Andenken hochschätzen und in Ehren halten. Unser Leben hat sich verändert. Unsere Geschichte hat sich verändert.- Daher muß auch unsere Art der Gottesverehrung und unsere religiöse Anschauung eine andere werden. Unsere Lebensweise ist besser und anders geworden durch die Zivilisation. Daher muß auch unser religiöses Leben besser und anders werden. Wäre es besser, wenn die jüngere Generation dem Judentum ganz verloren ginge, als wenn sie durch den Liberalismus gerettet wird, welcher nach meiner Ansicht das einzige Rettungsmittel für das moderne Judentum ist? Möchtet ihr lieber gar kein Judentum haben als ein liberales und erneuertes? Soviel über das orthodoxe Judentum im allgemeinen. Jetzt laßt uns die Stellung der Leiter der orthodoxen Gemeinden betrachten. Im Gegensätze zu derjenigen der liberalen Rabbiner, was der wichtigste Punkt dieses Artikels ist. Welches sind die Fähigkeiten, Forderungen und Vergütungen des orthodoxen Rabbiners? Was tut er für seine Gemeinde? Und in welcher Weise dient er der Menschheit? Wir wissen, daß er nicht nur all die Hunderte der geschriebenen Gesetze zu beobachten hat, sondern auch die Tausende der ungeschriebenen. Er muß nicht nur die Bibel, sondern auch den Talmud. Choschem Mischpot, Joreh Deah, Eben Hoeser und eine Menge anderer alter Gesetzbücher kennen, die veraltet sind, ans das moderne Leben sich nicht anwenden lassen, und unter den jetzigen Verhältnissen und in unserem heutigen Zeitalter nicht ansgeführt werden können. Von modernen Anschauungen weiß er nichts. Von seiten seiner Gemeinde wird ihm wenig Achtung gezollt, während der liberale Rabbiner von ihr hochgeschätzt wird. Für diese beträchtlichen Dienstleistungen erhält der orthodoxe Rabbiner als Lohn viel Schimpf und ein kärgliches Gehalt. Die Schüler hören nicht auf ihn, und die schulentlassene Jugend versteht ihn nicht. Er ist unnütz für seine innere Welt und tot für die äußere. Das ist die Lage der orthodoxen Rabbiners. Das ist die Thorah und das ist ihre Belohnung. Ganz anders dagegen verhält es sich mit dem modernen liberalen Rabbiner, der in allen Kultusangelegenheiten tonangebend ist und bei allen Maßnahmen seiner Gemeinde um seinen Rat befragt wird. Er lehrt die Jugend das Wort Gottes so, daß er ihre Achtung gewinnt, ja sehr oft vergöttert man ihn. Er steht in Berührung mit den jüngeren Elementen seiner Gemeinde und erzieht die Kinder, daß sie ihre Religion, ihre Geschichte und ihren Gott lieben. Wenn er auch nur einigermaßen befähigt ist, wird er oft ein wichtiger Faktor auch außerhalb der Mauern seines Gotteshauses, und seine nützliche Tätigkeit macht sich bald fühlbar in der ganzen Stadt, in der Provinz und im Lande. Ein liberaler Rabbiner kümmert sich wenig um die kleinlichen Differenzen in den alten religiösen Rechtsgrundsätzen und Lehren. Aber er sieht, daß die Grundsätze der Lehre und des Ursprunges des Judentums nicht beseitigt werden dürfen. Seine Universitäts- und Gymnasialbildnng befähigen ihn, mit affen Klassen der Bevölkerung zu verkehren, liberal und weitherzig zu sein, das Gute in jeder Religion, heransznfinden, über alle möglichen Dinge zu' sprechen, zu lernen und zu lehren, geachtet zu werden, seine Meinung ans dem Katheder und in der Presse zu vertreten, seine Gegner zu widerlegen und den Namen seines Gottes in einer allgemein verständlichen Sprache zu verherrlichen. Da er ein reiches Maß modernen Wissens besitzt, ist er unabhängig; und wenn er mit seiner Gemeinde oder seine Gemeinde mit? ihm nicht zufrieden ist, so kann er leicht eine Lehrerstelle an einem Gymnasium oder an einer Universität annehmen, oder kann sein Auskommen finden im Journalismus oder in irgend einer anderen nützlichen und ehrenhaften Stellung. Aber was kann ein orthodoxer Rabbiner in einem solchen Falle tun? Seine lästige, einseitige jüdische Bildung verschlimmert noch seine Lage und macht ihn noch hilfloser und elender. Ist es also ein Wunder, wenn wir euch verlassen? Könnt ihr uns tadeln, wenn wir leben und in der Gemeinde nützlich und tätig sein wollen? Nennt ihr uns „Verräter", weil wir soviel von unserer Zeit, Freiheit und Lebensfreude für unser Volk opfern und für die kommende Generation, welche das Vertrauen zn den Rabbinern der alten Zeit verloren hat? Sind wir zu verachten, weil wir vorwärts marschieren und mit der Zeit fortschreiten wollen? Könnt ihr es verhindern? Steht es in euerer Macht, den Gang der Geschichte nach enerm Willen'zu leiten? Die religiöse Reform ist die natürliche Folge der Entwicklung. Sie kann daher weder verhindert noch gehemmt werden. Im Gegenteil. Je mehr die Zeit fortschreitek, umsomehr wird sie sich ausbreiten, bis sie nicht nur die amerikanische, sondern die gesamte jüdische Welt umfassen wird. Hunger-Knttstleu von Josef Grob,KWien. „Hunger-Künstler können nicht singen und Gesangs- Künstler können nicht hungern." Das, — glaube ich, wird heute jeder begreifen, vielleicht auch diejenigen, welche die feste Ueberzeugnng hegen, daß der heutige Chasen vor allem ein Gesangskünstler fein muß. Die allgemein große Teuerung, unter welcher verschiedene Berufsschichten zn leiden haben, hat auch den jüdischen Chafonim,- oder wenn es schon fein muß, den Gesangskünstleru der jüdischen Synagogen tiefe Wunden geschlagen. Ich möchte sogar behaupten, daß gerade unsere Bernfsgenossen am meisten t>on dieser Tenerungsplage getroffen sind. Der Kaufmann erhöht seinen Warenpreis, der Hausherr seinen Wohnungszins, der Gewerbetreibende den Preis seiner Erzeugnisse und der Arbeiter seine Lohnforderung. Freilich gibt es auch viele, die mit gewissen Einschränkungen der Teuerung Trotz zu bieten versuchen, so z. B. der Jude, der ab und zu noch ein Bethaus besucht, die üblichen Nedtirim TJndiiwos an den Chasen. Das ist ja — unter uns gesprochen — kein „Muß". Und was soll nun der Kantor erhöhen? Den echt jüdischen „Aw-horachainiiri14, oder den choralisch-moderneu „Zadik katomor?“ Auf Ehre, es wäre ein mißlungenes Unternehmen. Es bliebe für den Kantor nichts anderes übrig, als im Essen sich einzuschränken, gewissermaßen ein „Taanis-Studinm" zu absolvieren. Und da möchte ich nur eines bemerken: Wie sehr wir uns auch geschmeichelt fühlen, wenn manche unserer Gemeindemitglieder— in ihrer großen Verehrung für uns — uns nicht wie Alltagsmenschen taxieren, so müssen wir doch bitten, uns nicht zu überschätzen. Wenn wir vielleicht in „Hilchos Neginoh“ nicht einem jeden Privatmenschen zu vergleichen sind, aber in „Hilchos Achiloh“ — das muß einmal festgeftellt werden — sind auch wir Chasonim einem jeden Menschen gleich . . . von unseren Frauen und Kindern nicht zu reden, bei denen ist dieser Standpunkt so klar wie „Toras Moisehe“. Jeder Mensch, sei es einKosch-hakohol, oder ein Kantor, ein Pfarrer oder l’hawdil Rabbiner, jeder Mensch, sei er was immer, essen muß er, und wenn ich nicht irre — ich glaube nicht — habe ich selbst einen Wunderrabbi in Galizien, der doch gewiß nicht als Alltagsmensch zn betrachten ist — mit meinen eigenen Augen essen gesehen. Ich dürfte mit der Annahme nicht fehl gehen, daß unsere Kollegen in den Landgemeinden von der Teuerung nicht so stark betroffen werden, aber ich halte es hier nicht am Platze, den Unterschied im Einkommen nitb den Lebensbediugungen eines Proviuzkantors und des Kantors in der Großstadt zu erläutern; Zweck meines Aussatzes ist heute einzig und allein festzustellen. daß die ungeheure Teuerung unter den Wiener Kantoren geradezu Entsetzen hervorgerufen hat. Gewiß gibt es ja Ansnahmsfälle, aber wie pflegte mein alter, armer Chasen zu sagen: „Nicht jeder kann singen mit „Maselbegleitung" ...