Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1911
- Issue
- Heft 41 (27.10.1911)
- Date
- 1911-10-27
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Die Wahrheit . ■ . . •, . . .. . Nr. 41. dies jedoch schon deshalb unmöglich, weil sie durch große italienische Unternehmungen in der Türkei mit Italien eng verbunden sind. Der große Geld- und Warenimport aus Italien geht fast durchweg durch ihre Hände. Es ist doch interessant, daß z. B. der eben erwähnte Ritter von Fernandez, Präsident der italienischen Handelskammer ist. Auch die „Banca di Roma'' hat den Juden L n c e n o zu ihrem Direktor für die Türkei ernannt. All diese Leute haben sich auch um die jung türkische Bewegung große Verdienste erworben. Damit wird auch zum Teile die Wahrnehmung erklärt, daß die feindselige Haltung gegen die italienischen Untertanen in der Türkei, wenigstens vor der Hand nich t jeiteForm e n an geno mmen, die a llg emein befürchtet wurden. Wird jedoch der Krieg nicht bald ein Ende nehmen, so wird die türkische Judenheit an den Folgen der Repressalien gegen die Italiener schwer zu leiden haben. . * ■ * Die antisemitische „Deutsche Tageszeitung" behauptet, daß die Inden an den Ausschreitungen in Wales Schuld tragen durch Steigerung der Lebensmittelpreise und Erhöhung der Miete. Das genannte Blatt, das allerdings in seinem verbohrten Judenhaß nicht als lautere Quelle gelten kann, schreibt dann weiter: In leitenden jüdischen Kreisen der englischen Hauptstadt hat man das natürlich wohl erkannt, und mau macht sich deshalb große Sorgen wegen der Zukunft. Man weiß überdies, daß, wenn vorläufig auch nur in einem kleinen, ziemlich abgelegenen Distrikte Unruhen vorgekommen sind, im ganzen Reich die antisemitische Stimmung in den letzten Jahren ganz gewaltig zugenommen hat. Wenn die Waliser zuerst losschlugen, so ist es in der Hauptsache darauf zurückznführen, daß ihnen trotz ihrer sprichwörtlichen Gutmütigkeit der Geduldsfaden gewöhnlich eher reißt als dem Engländer, und dann sind selbstverständlich in den größeren Städten, wo die meisten Inden leben, der Grundbesitz und die Geschäfte nicht so ausschließlich in jüdischen Händen wie in den kleinen walisischen Städten. Die Zahl der Inden ist in England in den letzten Jahren in beinahe unglaublicher Weise gewachsen, ans Rußland, Rumänien und anderen kontinentalen Ländern sind sie in Scharen herübergekommen, weil England schließlich das einzige Land war, wo sie mit offenen Armen ausgenommen wurden, weil'man sich hier gar zu gern rühmt toleranter zu sein als wo anders, ein Stolz, der übrigens bei näherer Untersuchung sehr wenig berechtigt ist. Die gegen die Ausländer gerichtete Bewegung, die in den letzten Jahren des konservativen Regimentes hier so entichieden zum Ausdruck kam und zu der berüchtigten Alien Bill führte, war eigentlich im Grunde genommen eine antisemitische Bewegung, nur ist es damals der englischen Presse besser gelungen, ihren wahren Charakter zu verbergen. Man hatte erkannt, daß die großen Städte dermaßen von flüchtigen kontinentalen Juden überschwemmt wurden, daß, wie z. B. in Liverpool, Manchester und ganz besonders London, ganze Stadtviertel absolut jüdisch wurden und die Engländer sich nach und nach gezwungen sahen, das Feld zu räumen. Seitdem haben sich die an der Spitze der hiesigen israelitischen Gemeinde stehenden Leute alle Mühe gegeben, den Strom der jüdischen Einwanderung. abzulenkeu, und zwar zunächst nach anderen englischen Städten und dann, wo irgendmöglich, nach den Vereinigten Staaten. In vielen Fällen wird jetzt israelitischen Flüchtlingen das dazu notwendige Geld von der reichen jüdischen Kolonie Londons gegeben. Eine klare antisemitische Stimmung läßt sich in den Kreisen, die speziell von dieser jüdischen Einwanderung berührt werden, ans Schritt und Tritt erkennen. Ganz unabhängig von dieser Bewegung macht sich in den höchsten.Kreisen seit dem letzten Thronwechsel auch eine antisemitische Bewegung bemerkbar. Es ist sattsam bekannt, wie unter König Eduard die reichen Juden in die englische Gesellschaft eingedrungen sind, und wie sie es verstanden hüben, sich einen Einfluß zu sichern, wie sie selten oder niemals in irgendeinem Lande der Welt genossen haben. In allen Beamten- und selbst in Militär- und Marinekreisen findet man-zahlreiche Juden, wir haben jüdische Offiziere in der Flotte und in der Armee, und jüdische Minister sitzen im Kabinett, von der juristischen Karriere gar nicht zu sprechen. Das mußte zu einer Reaktion führen, die nur durch den Schütz aufgehalten wurde, den König Eduard den Juden' angedeihen (ließ. Man hat immer damit gerechnet. daß der gegenwärtige König dieser Wirtschaft schnell ein Ende machen werde, und trotz der verhältnismäßig kurzen Zeit, die seit diesem Thronwechsel verstrichen ist, ist. schon eine Menge Anzeichen dafür hervorgetreteu, daß diese Hoffnung nicht enttäuscht werden wird. * -r- Ueber die Stellung Kokovtsöfs, des Nachfolgers Stolypins, : zur Judensrage brachte der „Temps" vor 'kurzem einige interessante Bemerkungen. Der Minister soll sich darüber folgendermaßen geäußert haben: „Die Judensrage ist unter allen ethnischen Fragen in Rußland die schwierigste, die verwickeltste und die gefürchtetste. Und die nationalistischen Leidenschaften haben 7 inden letzten Jahren .einen solchen Grad erreicht, daß jede radikale Lösung momentan wenigstens unmöglich ist. Man denke sich eineu^ Minister, der durchaus für. die Gleichberechtigung und für die Abschaffung des Ausiedeluugsrayons wäre, so würde es ihm rein unmöglich sein, seine Ideen zu verwirklichen. Würde er es wagen, so würde ihn die unwiderstehliche öffentliche Meinung von einem Tage auf den anderen.von der Bildstäche hinwegfegen." Das stimmt, denn die. eine Tatsache, daß Kokovtsof nach dem Attentate aus Stolypin strenge Weisungen gab zur Verhinderung eines Pogroms, hätte zur Folge, daß er von den Blättern der äußersten Rechten ein „Minister der Kadetten und Juden" genannt wurde. Orthodore m»d liberale Rabbiner. Vor kurzem, so lesen wir in d'er „Straßburgen israel. Wochenschrift", wurde von den jüdischen Blättern der orthodoxen Richtung eine Mitteilung veröffentlicht, wonach ein liberaler Rabbiner aus Amerika von seinem Amte zurücktrat, weil er.angeblich den Liberalismus als im Widerspruche mit dem Wesen des Judentums stehend und für den Bestand desselben als nachteilig erachtete. Nun hat dieser Tage ein orthodoxer Rabbiner.' Raphael P. Goldsteiu' in Portlaud Oregon, seinen Austritt aus der Orthodoxie erklärt und die Gründe für diesen seinen Schritt in dem in Cincinnatti erscheinenden „American Jsraelite" veröffentlicht. Dieses Schreiben darf allgemeines Interesse beanspruchen, weshalb wir es nachstehend in deutscher Uebersetzung wiedergeben: - In der letzten Zeit ist in den orthodoxen Blättern viel von jenen jungen „Verrätern"' die Rede gewesen, welche die Orthodoxie verlassen, um in die destruktive Reformbewegung einzutreten, welche das' gesamte Judentum in Amerika zu vernichten droht. Da ich nun ein junger Mann von orthodoxen Eltern und von orthodoxer Erziehung bin, der jetzt ein liberaler Rabbiner werden will, so will ich allen meinen orthodoxen Brüdern und Freunden die Ursache erklären, warum ich ein liberaler Rabbiner zu werden beabsichtige. , Bevor ich jedoch diese Gründe auseinandersetze, möchte ich bemerken, daß ich bei der Behandlung dieser Frage offen und -unparteiisch bin. Ich will nicht Unrecht als Recht erscheinen lassen, denn ich bin kein „Mumor Lehachis". Ich bin .für den Liberalismus, nicht weil er besser klingt, oder weil er modern ist, sondern weil ich nach langer Untersuchung und sorgfältiger Prüfung zu der Ueberzeuguug gekommen bin, daß er die einzige Richtung im Judentum ist, welche die amerikanische Judenheit vor dem Untergänge zn retten vermag. Ich bin der Sohn eines orthodoxen Rabbiners. Ich habe das Cheder, die Klaus und die Jeschiwoh besucht. Ich war ein Misnaged, ein Chassid und ein Apikores. Ich kenne das orthodoxe Judentum so^ weit, daß ich es kurz charakterisieren vermag. Es ist wie alle "orthodoxe Sekten konservativ, engherzig und scheinheilig. Wenn es bis in seine äußersten Konsequenzen durchgeführt wird, so ist es . einfach anmaßend, abergläubisch und närrisch bis zum höchsten Grade. . Die orthodoxe Judenheit zerfällt gegenwärtig in zwei Teile; die einen glauben an alle 613 Ge- und Verbote, und