Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1911
- Issue
- Heft 40 (20.10.1911)
- Date
- 1911-10-20
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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fcfiic 10 Die Wndrhen Nr. 40. Baue r, Kultusvorsteher S. S t e i n e r und Vorsteher N e u f e l d dem Feste entsprechende Reden. Wien. Montag, den 16. d. M., ist im Alter von 76 Jahren Frau Fanny Zirner. die Mutter des Vorstandes der Wiener Kulrnsgemeinde, Herrn Hof- und Kammerjuwelier Max Zirner, gestorben. Die Heimgegangene stand im Mittelpunkte eines recht innigen Familienlebens, und ihr Andenken wird nicht nur von ihren Angehörigen, sondern auch von allen, die jemals mit ihr zu verkehren Gelegenheit hatten, in Liebe und Pietät bewahrt werden. Sie ruhe in Frieden! Wien. Eine dettypischen Figuren der Wiener Knltusgemeinde, der Tempeldiener Jakob Saal, der nahezu vier Jahrzeure in vielfacher Verwendlmg der Gemeinde treu gedient hat, ist nach kurzem Krankenlager' am Siuichasthorarage im 71. Lebensjahre gestorben. Wer kannte nicht den Mann mir der hünenhaften Gestalt, der an die Grenadiere des Vormärz und an die Biederkeit der früheren Zeiten erinnerte und der mit Pein-' lichster Akkuratesse und Pünktlichkeit seinen Dienst im Tenipel, in der Religivnsfchule, in der Bibliothek, sowie auch als Inkassant des Franenvereines und Waisenhausvereines versah. Eine seltene Ruhe und Gelassenheit war ihm eigen und Leideuschastlichkeit war ihm vollkommen fremd. Bei seinem vielfachen Verkehre mit der Gemeiiide war er überall bekannt und infolge seines biederen und bescheidenen Wesens überall .beliebt. Diese Sympathien kamen auch in der großen Beteiligung an seinem Leichenbegängnisse zum Ausdruck, das Dienstag, den 17. d. M., vom Trauer- Hanse, I., Seitenstctteugafse 4. stattfand. Unter den Trauergästen befanden sich der Präsident der Kultitsgeiueiude Dr. Alfred S t et «, der Vizepräsident Dr. Gustav K o h u, viele Mitglieder des Knltns- und Bethausvorstandes. 1. Sekretär kaiserl. Rat Dr. Lieben, Sekretär Dr. Adler mit dem Beamtenkörper. sämtliche Tempeldiener und viele andere. Die kantoralen Funktionen im Hause und am Friedhöfe versahen Oberkanlor Don Fuchs und I. Kantor M a t y a s in erhebender Weise und an der Bahre hielt Oberrabbiner Dr. G ü d e m a n u dem Heimgegangenen, besten Dieusttreue, Pflichttreue und Ehrenhaftigkeit er würdigte, einen warmen Nachruf. Das ehrende Andenken, das er hinterläßt, niöge auch der Witwe ein Trost in ihrem großen Schmerze sein. Er ruhe in Frieden! Wie«. Im Alter von 83 Jahren wurde vorige Woche Montag bei zahlreicher Beteiligung der Familien-Angehörigen und guten Freunden Frau Clara Gut t m a n n zu Grabe getragen. Nach erhebendem Bortrage des Hazur tomim durch Oberkantor M a t y a s widmete Rabbiner Dr. F e u ch t w a n g der Verblichenen einen ehrenden Nachruf, in welchem er die Tugenden der Heimgegangenen rühmend hervvrbob und die Kinder derselben zur Nachahmung des guten Beispieles ihrer edlen Mutter ermahnte. Sre ruhe in Frieden! * ■ Wie«. Herr Buchhändler I. M. Bels und besten Familie wurden während der jüngsten Feiertage von einem schweren Schicksalsschlage betroffen. Es starb nämlich am Schlußseste dessen allseits beliebter und geachteter Sohn Isidor in jungen Jahren, eine trauernde Witwe mit mehreren Kindern znrücklaffeud. Allgemeine Teilnahme wendete sich den iiefbetrübten Angehörigen zu. Die Beerdigung fand Dienstag, den 17. b. M. bei überaus großer Beteiligung statt. Die liturgische Funktion versah Oberkantor S ch o r r in ergreifender Weise und Rabbiner M a y e r s o h n hielt dem Frühverblichenen einen warmen Nachruf. Debreczen. (Die Haartracht der Frauen von F ö l d e s.) Zwischen dem Rabbiner der Gemeinde Földes. Emanuel Czillag und den Frauen dieser Ortschaft ist es wegen deren Haartracht zu einem Konflikt gekommen. Der Rabbiner hatte iu zahlreichen Predigten die Frauen ausgefordert, sich nach jüdischem Ritusdas Haar abschneideu zu laffeu. Da sich die Frauen dessen weigerten, setzte sich der Rabbiner mit den Ehemännern ins Einvernehmen. Da auch dies nichts nutzte, versuchte er dadurch ans Ziel zu gelangen, daß er der Genieinde eineu Antrag unterbreitete, wonach jenen Frauen, welche sich weigern, ihr Haar abschneiden zu lasten, der Tempelbesuch verboten wird. Diese Maßregel führte zn einer förmlichen Revolution und die Frauen drohen nun, sich von ihren Gatten scheiden zu lasten, falls der Antrag des Rabbiners angenommen wird. Jaroslau. (Eine Katastrophe bei „Taschlich".) Die jüdische Bevölkerung begab sich wie alljährlich am Roschhaschouofeste zum Flnste San, um dort das Taschlich-Gebet zu verrichten. Der Zugang zum Flusse führt über eine Brücke, auf welcher das Gebet verrichtet wurde. In diesem Jahre gab es auf dieser Brücke ein solches Gedränge, daß-dieselbe mitten im Gebete eiustürzte, so daß nahezu 100 Personen in das allerdings nicht sehr tiefe Master fielen. Die am User Stehenden eilten den Verunglückten zu Hilfe, und es gelang, sämtliche ans Land zu retten. Doch erlitten viele von ihnen mehr oder minder schwere Verletzungen, besonders die Frauen erlitten schwere Nervenchoks, aus denen sie sich erst nach einigen Tagen erholten. Der Unwille der Bevölkerung richtet sich nunmehr gegen die Behörden, welche wohl Kenntnis davon hatte, daß die religiösen Juden aus Anlaß des Neujahrsfestes in Masten die Brücke betreten werden, doch nichts unternahmen, .um die Brücke entweder zu sichern, oder deren Betreten in größeren Masten zn verbieten. Wilna. Im Wiluaer jüdischen Friedhofe spielte sich dieser Tage eine kleine Sensation ab. In einer herrschaftlichen Kutsche fuhren drei Damen der Gräflich Potockischeu Familie vor dem Haupttore des älren großen jüdischen Friedhofes in Wilna vor und baten den Friedhofwächter, ihnen das Grab des daselbst ruhenden Mitgliedes der Familie Potocki, der, wie bekannt, seinerzeit zum Judentum übergetreten war, zu zeigen. Der Wächter führte die Damen auf das gewünschte Grab. Die Damen verlangten allein zu bleiben. Sie blieben nahezu anderthalb Stunden an dem Grabhügel ihres jüdischen Verwandten wortlos und in. Gedanken versunken stehen. Als sie nachher den Friedhof verließen, überreichten sie dem Friedhofswächter eine größere Summe mit dem Aufträge, das Grab ui Stand zu halten. London. Vor kurzem wurde in London ein Testament des am 22. März 1909 verstorbenen Baron H o r a z ' G ü n z bürg, des Vaters des im Vorjahre verstorbenen Baron D a v i d G ü n z b n r g, bekannt gemacht Das Testament bezieht sich aus das in England liegende Vermögen im Werte von 390.000 Pfund Sterling. Nach den rein vermögensrechtlichen Bestimmungen des Testamentes schreibt der .Erblasser,, daß der, da er dem Beispiele'seiner Eltern folgend, zeitlebens die Wohltätigkeits-Anstalten großzügig unterstützt habe, und die von ihm gegründeten Wohlfahrtseinrichtnngen durch ihn so gut fundiert wurden, daß sie, ans fremde Hilfe nicht angewiesen, sehe er sich nicht veranlaßt, sür Wohltätigkeirszwecke neue Summen zn testieren. Er tne dies um so beruhigter, als er nicht daran zweifle, daß seine Kinder dem Glauben ihrer Väter immer treu bleiben und in Wahrung der Traditionen der Familie stets dem Hilferufe der Gemeinschaft und Einzelner Folge, leisten und sowohl sie selbst als ihre Kinder und Kindeskiiider nicht an jene Institutionen vergesten werden, die mit den ihnen so teuren Namen verbünden sind. Die jüdische Gefarntbevölkerurrg der Welt zählt 11,625.653 Köpfe; davon entfallen allein auf Europa 8,892.019. An der Spitze der europäischen Länder steht die jüdische Bevölkernng Rußlands, die 5.082.342 Seelen beträgt, Oesterreich hat 1,233.412, Ungarn 851.378, Deutschland 607.862, die Türkei 282.277, Rumänien 250.000, Großbritannien und Irland 240.547, Holland 103.000. In Frankreich zählt man nur 95.000 - Inden, und in Spanien, das vor den großen Judenverfolgungen eine jüdische Bevölkerung von vielen hunderttausend Köpfen zählte, nnr noch tausend. Interessant ist die stat. Zusammenstellung die den Prozentsatz der jüdischen Bevölkerung in den größeren Städten zniammeilstellr. An der Spitze steht Jerusalem mit 55 von 100; es folgen Lodz mit 47,5 Prozent, Odesta mit 33,75 und Warschau mit 33.36 Prozent. An vierter Stelle steht New-Dork mit 26,3 Prozent, vor Budapest mit 23 Prozent. Wiens jüdische Bevölkernng beträgt 8,75 Prozent der Gesamteinivohnerschaft. In Deutschland steht Frankfurt niit 8,15 Prozent an der Spitze. In Berlin zählt man 4,85. Prozent, in Breslau 4.8 Prozent, in Chicago 3,58 Prozent, in Hamburg nur 2.34 Prozent und in London nur 2,28 Prozent. In Paris beträgt der Prozentsatz 2,07 Prozent, noch geringer ist er in Rom, wo ' die indische Bevölkernng mit 1,51 Prozent angegeben wird. Brüssel zählt 1,16 Prozent, die geringste Zahl unter den europäischen Hauptstädten aber zeigt Petersburg mit nur 0,83 Prozents Jüdische Bühne. Direktion M. S i e g l e r. Hotel Stefanie, H. Taborstraße 12. Ab Freitag, den 20. Oktober, täglich: - „A l N a h ar oj s Bnw e l", Operette von I. Latainer, Musik von S. Moguleskn. Alle zionistischen Verbände, werden ans dieses Stück aufmerksam gemacht. Sonntag, den 22. Oktober. Nachmittag halb 4 Uhr zn ermäßigtem Preise: „L ü g e u n d W a h r h e i t", von I. Lateiner. Dienstag, den 24. Oktober, unter Regie des Autors, Herrn Peretz Hirschbein: „D i e N e v:e j I e". Studenten zahlen an Wochentagen halbe Preise. — An. Sonntagen und Feiertagen zahlt jedes Kind eine ganze Karte. Karten im Vorverkauf beim Portier des Hotel Stefanie. Htteratnr. Das im Verlage von I. K a n s f in a n n in Frankfurt am Main bereits in zweiter Auflage erschienene „Kochbuch für die einfache und feine jüdische Küche" von Marie Elsässer erhielt soeben ans der „Internationalen Kochknustansstellung in Frankfurt am Main" die große A n s st e l ln n g s m e d a i l l e. * * * Oft und West. Heft 10. Oktober 1911. 11. Jahrgang. Inhalt: Genug der Versäumnisse. Ein Ruf zur Tal! Illustrationen zn Rußlands Judenpolitik in den letzten Mouaten. Die neuesten Arbeiten Leopold,Pili» chowski's (mit 18 Illustrationen) von Nahum Sokolow. Die Pogrome in Süd-Wales. Ihre Ursachen und Wirkungen. Die Inden als Wehrvolk. Von Dr. B. Wolfs. Sein erster Vers. Bon Theodor Zlocisti. Moses letztes Gebet. Gedicht von Adolf Friedemann. Der jüdische Stil. (Schluß.) Von Dr. A. Coralnik. Geschenke. Aus den volkstümlichen Geschichten von J. L. Perez. Tondichtungen alttesiameutlicher Texte von Joh. Seb. Bach. (I). Von Dr. L. Hirschberg. Israels Klagelied. (Noten und Text). M i t te i l n n g eil a u s d e m D e n t s ch e ii Bureau de r Alliance Israslite Universe l l e: Die Alliance Jsraelite Universelle an die Times, London. Der Brand in Aidin..Notizen: Siebenzigster Geburtstag." Ottensos. Hochfeldeil. Gleiwitz. Nachtrag znm Jahresbericht 1910. Sammlung für die abgebrannten Glanbensbrüder in Konstantinopel. Literarische-Revue.