Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1911
- Issue
- Heft 40 (20.10.1911)
- Date
- 1911-10-20
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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9tr: 40. Die Araulwahk. Humoreske von Babette Fried. (Fortsetzung.) Nie noch war der Ausfall des Tachuun so freudig begrüßt -worden, wie au diesem Tage, wo die Gemeinde auf Enthüllungen, die ihr beim Vorsteher werden sollen, gespannt war. -Endlich waren sie alle dort. Der Eiuberufer der Versammlung trat gleichseitig als Referent auf. Er räusperte sich ein wenig, nahm zur Kräftigung seines Nervensystems eine große Prise Schnupftabak und begann zu sprechen: „Rabossai!^ Ich habe Euch hieher kommen lassen, um -Euch eine, für das Gemeindewohl wichtige Eröffnung zu machen. Ihr Alle wißt gut. wie schmerzlich es für die Gemeinde ist, daß wir einen Rebbe ohne Rebbezin haben. Die Verstorbene Frau Hmnnah war ein braves Weiö, oleho Hat-Scholanm, aber was ist zu mit? Mit einer tobten Rebbezin kann mau nicht wirtschaften. Dies eiusehend habe ich unfern verehrten Herr Rabbiner vorbereitet und ihm recht zugesetzt. Es ist nicht leicht gegangen, meine Herren, aber .meiner eindringlichen Beredsamkeit und kräftigen Beweisführung ist es gelungen, den Rabbi zu be- -stimmen wieder zu heiraten. Da es aber nicht angeht, daß ein solcher Chossid^) selber freien soll, so hat er es dem würdigen Kohol überlassen, ihm ein Weib auszusuchen; welche wir ihm wählen werden, diese nimmt er ohne Widerrede." „Das geht nicht," fiel der anwesende Doktor Singer dem Referenten ins Wort, „das wäre ein Vorgehen, wie es in früheren Zeiten üblich war und ungleiche und oft unglückliche Ehen gestiftet hat. Mein Freund, der Rabbiner, muß sich, seine 'Lebensgefährtin frei wählen, soll er glücklich sein. „Unglückliche Ehen? meinte kopfschüttelnd einer der ältesten der Herren, da irren Sie doch, so gelehrt Sie sind, Herr Doktor. Alle Welt weiß, wie glücklich ich mit meiner seligen Frau durch fast fünfzig Jahre gelebt habe und auch diese meine Ehe kam durch einen bloßen Zufall zu Stande. Mein seliger Vater hatte, als ich mich meinem 20. Lebensjahre näherte, keinen höhern Wunsch als mich verheiratet zu sehen. Einstmals, als er wie, alljährlich in Leipzig zur Messe war, begegnete er einem alten Jugendfreund, der ihn darnach befragte, wann er die .Heimreise autreten werde. Der Vater antwortete ihm, daß er vorher noch eine wichtige Familienangelegenheit zu erledigen habe, nämlich für sein Kind eine passende Partie ausfindig zu wachen. Dasselbe hielt diesen Freund ebenfalls zurück. Auch er hatte ein „feines Kind" zu verschidecheu. Ein Wort gab das andere, die beiden Väter wurden einig und es wurde be- -schlossen, die beiden Kinder am Obami8ob0bo88or bisch’vat in ein gewisses Dorf zu bringen, um dort im Hause eines bekannten Gastwirtes die 1"noim schreiben und das Knaßmahl abzuhalten. Ich hatte gegen diese Abmachung nichts einznwenden und eine kindische Freude gehabt, daß ich zu meiner Verlobung mit der fremden Maid einen pelzbesetzten neuen Kaftan und einen .Zylinderhut bekommen habe. Wir langten glücklich und frohen Mutes im Hofe, der LÜr Schenke gehörte, an, wo uns der Wirt händereibend entgegenkommt und sagt, daß die andere Partei schon hier angelangt sei und in der Schenkstnbe sitze. Dort saß beim großen Kachelofen, uns erwartend, bereits Reb Lämml mit seinem Kind — einem derben, jungen rotwangigen Burschen. Tableau! Jetzt standen wir zwei Heiratskandidaten uns gegenüber, ohne Kalle. 3) Die zwei Väter hatten in ihrem Eifer jeder nur von ihrem feinen Kind gesprochen und es als selbstverständlich gehalten, daß der andere unter, dem. „feinen Kind" eine Tochter verstehe,, während er selber über einen Sohn verfüge. Die beiderseitige Verlegenheit, war keine geringe, denn wir fürchteten die unausbleibliche.. Blamage, wenn wir nicht mit Ehassanim heimkehrten, da man doch in der heimischen K'hille wußte, daß wir zur Brautschaü ausgezogen waren. Aber der Wirt, dem die beiden Väter ihre Verlegenheit mitteilten, wußte guten Rat. l) Meine Herren. , a) Frommer. a) Braut. Seite 11. „Ich habe," sagte er, „ebenfalls zwei feine Kinder, glücklicherweise sind es beide Mädel; machen wir aus den beiden Jungen da und meinen Kindern je ein Paar und allen ist geholfen." Gesagt, getan! So wurde, meine Ehe geschlossen. Ein anderer der älteren Herrn löste den Erzähler ab. Reb Mendl's Geschichte, so begann er, erinnert mich anmeine eigene Heirat. Mein Kreidl, hundert Jahre soll sie leben, ist mir ans eben solche Art. oder eigentlich was noch schlimmer ist, durch einen Betrug, zngesagt worden. Reb Mendl hatte das Glück gehabt, daß seine Eltern für eine Kalle für ihn sorgten und ihn unter die Chuppe führten. So gut war es mir nicht. Früh verwaiste arbeitete ich in einem fremden Geschäfte den ganzen Tag, abends lernte ich Gemore, besuchte den Schinr, an alles dachte ich, nur ans Heiraten nicht. So wurde ich, ehe ichs ahnte, 26 Jahre alt, ein damals für einen Junggesellen unerhörtes Alter. Wenn mich meine Freunde ausforderten, ein Weib zu nehmen, antwortete ich lachend, daß ich keine Zeit und Luft zum Freien habe. Mein künftiger Schwiegervater trug mir selber die Tochter an. Als die Kunde von meiner Verlobung in die Oessentlichkeit kam, war Berl Schadchen ganz außer sich darüber, daß ihm so ein sicherer Verdienst entgangen war. Er kam zu mir und sagte mir ein trockenes Nasol tow! Dann begann er: „Weißt Du David, daß Deine Kalle ein großes Hum4) hat?" Ich glaubte, daß er mich nur ärgern wolle und sagte gleichgiltig: „So? ist mir auch recht!" „Also so leichtsinnig bist Du in Deinen Jahren?" sagte der Schadchen. Ich fragte ganz ernst: „Nun, was für einen Fehler hat denn meine Kalle?" „Einen großen! Sie hat einen Fuß kürzer als den andern." „Das ist nicht wahr!" rief ich empört aus. „Also anders gesagt. Sie hat einen Fuß länger als den andern. Ist Dir das so recht?" Ich gab keine Antwort und ging, schnurstracks zu meinem Schwäher, dem ich das eben Gehörte mitteilte und ihn bat, mir meine Kalle zu zeigen. ..Das geht nicht," rief er im Tone der höchsten Entrüstung. Mein Kreidelleben ist so schämig, sie möcht' vor Busch oh 5) in die Erde sinken, wenn sie der Chosen auschauen möcht'. Doch weißt Du was! Davidleben. Setz' Dich da ruhig nieder und Kreidete wird in der Stube.daneben ein paarmal ans und abgehen, wirst Dn gleich am Tritt erkennen, daß sie nit krumm ist. Mir war's recht. Bald darauf hörte ich im Nebenzimmer zarte Füßchen so ruhig und gleichmäßig auftreten. daß alle meine Zweifel geschwunden waren. Kurz darnach war die Chasseae6) und als ich meine Kalle von der Chuppe wegführte, zeigte es sich, daß sie wirklich krumm war. Mein Schwäher hatte ohne ihr Wissen ihre jüngere Schwester im Nebenzimmer aufmarschieren lassen. Trotzdem habe ich mein braves ehoscheves Weib so gerne gehabt, als wenn wir uns, wie man jetzt sagt: „aus Liebe" genommen hätten. Diese beiden Beispiele genügten, um den Doktor zu überstimmen und der Vorsitzende richtete an das Zibbur die Frage, ob einer von einer passenden Jungfrau für den Rabbi wisse. Ja einer! So viele ihrer auch da waren, jeder hatte eine Braut in Reserve. Tochter, Schwester, Nichte, Base. Mündel oder auch nur Bekannte. Wäre ein Fremder bei diesem lärmenden Angebot zugegen gewesen, er hätte glauben müssen, daß der weibliche Nachwuchs von Waslowice aus lauter Milsterdamen bestehe. (Schluß folgt). *) Fehler. 5) Scham. 8) Hochzeit. Die Wahrheit