Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1911
- Issue
- Heft 40 (20.10.1911)
- Date
- 1911-10-20
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 40. Zeile 7. Die Wahrheit Dr. I. S. Bloch. Dr. F r i e d b e r g e r. Armenrat Iellinek, Dr. M. Löwy, Religionslehrer A. Rotter, Prof. S u l z e r und viele Andere. Am Ansgang des Festtages erschienen der Vorstand des österr.-ungar. Kantoren-Vereines und fast sämtliche Wiener Kantoren unter Führung des Vizepräsidenten des Kanloren- Vereines Oberkantor Bauer. Letzterer hielt namens der Kollegenschaft eine Ansprache, in welcher er. die hohen Verdienste des Jubilars würdigte. und ihm baldige Genesung wünschte. Zum sichtbaren Ansdruck ihrer Verehrung wurde dem. Jubilar ein. silberner Lorbeerkrauz überreicht. Tiefgerührt dankte dieser für die herzliche Ovation seiner Kollegen. Unzählig waren die eingelangten brieflichen und telegrastschen Glückwünsche, unter anderen von der Gemeinde Nürnberg. von Professor Fried m a n n-Berliu, vom Hofburgschanspieler Reimers, vom Komponisten Leo Fall. Leo S t e i n rc. rc. Die Inden in Tripolis. Ueber die jüdische Bevölkerung in Tripolis werden im „Univers israelite“ folgende Mitteilungen veröffentlicht: In Tripolitanien lebten 1904 etwa 18.000 Juden. Davon 12.000 in Tripolis selbst, in Bengasi 2000. in Jeffren 1000' die übrigen in geringerer Zahl in anderen Orlen wie Zelitna. Zauja u. f. w. Die vornehmsten Familien sind aus Europa eingewandert; sie stehen seit länger als 100 Jahren in reger Handelsbeziehung mit Livorno. London. Manchester. Paris. Die tripolitanischen Juden sind im allgemeinen braun, mager, groß, unschön; das Antlitz der meisten trägt die Spuren der Trauer. Sie sind sehr fromm, von Aberglauben erfüllt; ihre Frömmigkeit bekundet sich in hänsigem strengen Fasten, ihr Aberglauben zeigt sich namentlich bei Krankheiten. Ihre Kleidirng besteht in blauem Bllruus, roten Hosen, schwarzem Turban; nur wenige junge Leute kleiden sich nach europäischer Mode; die Frauen bevorzugen reiche und elegante Tracht: ärmellose Bluse, weite, goldgestickte Hosen, seidene, den ganzen Körper umhüllende Tücher. Die Wohnungen sind eng und dunkel. Die meisten Familien verfügen nur über ein mit sehr wenigen Möbeln, versehenes Zimmer, sie schlafen und essen ans dem Fußboden. Nur die wenigen Reichen haben enropäische Häuser. Von den etwa 2000 Familien in Tripolis fallen über 400 der öffentlichen Wohltätigkeit zur Last; die 1000 Familien, deren Häupter Handwerker, kleine Beamte, Kolporteure, Händler sind, leben in recht dürftigen Verhältnisfen. Bis 1883 nährten sich viele reichlich durch den Handel mit Straußenfedern; seitdem mußte man einen neuen Nahrnngszweig suchen: den Export und die Bearbeitung von Halfa (Esparto-Gras). ein Handel, der aber durch wenige monopolisiert ist. Die Juden in Tripolis zeichnen sich aus durch ihre vorbildliche Sitteureinheit, die unzweifelhaft auf ihre tiefinnerliche Religiosität znrückznführen ist. Sie beobachten strenge alle rabbinischen Vorschriften und verfehlen nie ein Gebet. Es gibt unter ihnen sogar solche, welche die sogenannte „Hafsaka," das ist ein Fasten, welches eine ganze Woche dauert, beobachten. Dieses Fasten findet kurz vor Purim statt. Man bereitet sich darauf vor durch kalte Waschuugen. Es beginnt am Freitag Abend, eine oder zwei Stunden nach Sonnenuntergang und dauert bis zum darauffolgenden Freitag. Der Anblick dieser Fastenden ist herzzerreißend, sie sehen aus wie wandelnde Leichen. Sie müssen furchtbar leiden, aber sie bleiben standhaft, weil sie glauben, daß sie ein gottgefälliges Werk tun und sich hierdurch ihr Seelenheil verschaffen. Wer die Hafsaka beobachtet, gilt als H a s s i d. Eine weniger empfehlenswerte Sitte ist das Schwören. Die tripolitanischen Juden schwören bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit, ohne oft auch nur daran zu denken. Ein Herr A. Sutton, Lehrer der Allianceschule in Tripolis, hat nicht weniger als 24 Schwüre gezählt, von denen er die folgenden namhaft macht: Hai Adonai, Hai haschem (So wahr Gott lebt), Bnrnch hn (Gelobt sei er), bei dem Lichte Gottes, bei der El-griba (d. i. eine Synagoge auf der Insel Djerba), bei der Synagoge von Amrns. bei den sieben Seforim und den. sieben Himmeln, bei dem Brot und dem Salz, bei dem heutigen. Tag, bei den zehn Worten oder einfach bei den Zehn, bei dem Namen,; bei dem Opfer, bei der Sonne und den Sternen, bei den „Schewatim" (Stämmen). Jedem Schwure geht das arabische Wort „oiras" voraus, d. h. bei dem Haupte des.also „oira buya" bei dem Haupte meines Baters. Anch der Aberglaube ist noch sehr stark verbreitet bei den Juden in Tripolis. Die Inden in Rumänien. (Schluß.) Auswanderung; jüdische Bevölkerung. — In den letzten zehn Jahren hat sich infolge des gegen die Inden unternommenen wirtschaftlichen Krieges und des ihnen fortgesetzt zngefügten Unrechts eine ununterbrochene Auswanderung von rumänischen Inden vollzogen, deren Ziel hauptsächlich Amerika ist. Nach statistischen Erhebungen beträgt die Gesamtziffer der Ausgewanderten in diesen zehn Jahren nicht weniger als 40.000. Wegen der wirtschaftlichen Krisis in den Vereinigten Staaten hatte im Jahre 1909 die Auswanderung etwas nachgelassen, aber 1910 hat sie wieder kräftig, begonnen und in diesem einen Jahr haben ungefähr 3500 Juden Rumänien verlassen. Ein Teil von ihnen ist auf eigene Kosten ansgewandert. anderen haben die großen philantropischen Gesellschaften Beihilfe geleistet. Trotz des Ueberschnsses der Geburten ist nunmehr ein erheblicher Rückgang in der Ziffer der jüdischen Bevölkerung Rumäniens eingelreten. Die Antisemiten des Landes, die diese Feststellung in ihrer Behauptung stören würde, daß die Juden den Handel, die Industrie und alle Gewerbe überfüllen, bemühen sich diese von der offiziellen Statistik konstatierten Ergebnisse zu ignorieren. So hat noch am 1. Dezember 1910 der frühere Minister Johann Lahrwary in der Kammer vor der Gefahr gewarnt, die Rumänien von der jüdischen Bevölkerung droht, die „durch ihre Fruchtbarkeit, den Ueberschnß der Geburten über die Todesfälle, die rumänische Bevölkerung zu überfluten droht." Dabei hat die Zahl der Geburten in der jüdischen Bevölkerung ständig abgenommen. Im Jahre 1907 hat sie 7725 betragen. 1908 ist sie auf 7498 gefallen und 1909 auf 7218. Im abgelanfenen Jahr sind 4487 jüdische Sterbefälle gemeldet. Die offizielle Zählung vom Jahre 1899 gibt die Zahl der jüdischen Bevölkerung ans 266.652 Seelen an bei einer Gesamtbevölkerung von 6 Millionen Seelen. Wenn mau den Ueberschnß der Geburten über die Todesfälle und andererseits die ununterbrochene Auswanderung berechnet, so werden heute höchstens 240.000 Seelen die jüdische Bevölkerung Rumäniens bilden. Eine vom Finanzminifterinm herausgegebene Statistik beweist das Gegenteil der beliebten Behauptung, daß der rumänische Handel immer mehr in die Hände der Inden geraten ist. Die Statistik stellt fest, daß die Zahl der bevorrechteten rumänischen Kauflente in ständiger Zunahme, die der jüdischen Kauflente in ständiger Abnahme begriffen ist. Als Grund für die letztere Erscheinung wird das Znrückgehen des jüdischen Mittelstandes und die Verarmung der kleinen Kanflenle angegeben. In folgendem sind die Ziffern für die letzten vier Jahre znsammengeftellt: 1906 1907 1908 1909 Rumänische Kaufleute 74.337 76.340 77.248 77.624 Indische Kauflente 26.239 25.188 23.588 24574 Sie ergeben für diese vierjährige Periode eine Zunahme der rumänischen Kaufleute um 3287 und eine Abnahme der t jüdischen um 1665 Personen.