Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1911
- Issue
- Heft 40 (20.10.1911)
- Date
- 1911-10-20
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6. Die Wahrheit Nr. 40. bekannte Mensch ikow, daß die Deklaration höchstens gewisser redaktioneller Aenderungen -bedürfte/ dem Inhalte nach entspräche sie aber den Anschauungen aller national gesinnten Russen und den vitalsten Interessen des russischen Volkes. Dieser Erkenntnis Werde sich der/Premier-Minister nicht-verschließen können, wenn er sich nicht in Gegensatz zn dem urwüchsigen Nationalismus der vielen Millionen Russen stellen will/ — Die liberale „Rjetsch" äußert die Befürchtung, daß - die Majorität der Duma die Deklaration akzeptieren werde. Eine zeitgemäße Heiligmtg des Snlrlroth-Kestes. In der Nummer 273 der „Arbeiter-Zeitung" vom 4. Oktober d. I. veröffentlichte Herr Dr. Julius Deutsch unter dem Titel „Sind das M en schetl?" frtrchtbare Tatsachen über monatelang es entsetzliches Elend/welche» infolge der Wohnungsnot in Wien über schuldlose Arbeiterfamilien gekommen ist, die sonst nichts verbrochen haben, als daß sie niehrere Kinder besitzen. Dieselben mußten bis vor einigen Tagen samt ihren Kindern ans der freien Wiese nächtigen und Hausen. Nach dieser Schilderung müssen diese Leute in Wien samt ihren Kindern durch diese Lebensweise - in jeder Hinsicht verkommen. Der Schreiber dieser Zeilen hatte schon früher Gelegenheit, sich von der Richtigkeit dieser Angaben persönlich zn überzeugen. Er besuchte nämlich sein krankes, derzeit im Franz- Josess-Spitale (X. Bez., Triesterstraße) liegendes Kind und sah dort hinter einem Bretterzaun, der mehrere Lücken aufweist, mehrere solche delogierte Arbeiterfamilien, denen. die helle Verzweiflung von den Gesichtern abzulesen war, besonders den Frauen. Wir Juden haben nun soeben das Sukkoth-Fest gefeiert, an dem uns aufgetragen wurde, zum Andenken an den Zug durch die Wüste tagelang in Hütten zn wohnen und freigebig gegenüber den Armen und Fremden zu sein. Die heilige Schrift' empstehlt uns Juden überhaupt bei Gelegenheit aller unserer Feiertage, au frühere Notlagen unseres Volkes zurückzudenken, damit unser Herz nicht verhärte. Gegenwärtig ist es nun sehr weuigeu -Wiener Inden möglich, eine Hütte ausznstellen. Es dürfte aber wohl der Ausübung dieses religiösen Gebotes gleichwertig sein, wenn jeder einigermaßen noch am Judentum hängende Jsraelite einen entsprechenden Geldbetrag dafür widmen wollte, armen, unschuldig delogierten Arbeiterfamilien, wenn sie auch Nichtjnden sind, mindestens in einer Hütte zu wohnen, zu ermöglichen. Vielen dieser unglücklichen Arbeiterfamilien fehlt es begreiflich erweise auch an Wäsche, Kleidern u. s. w.. wenn es ihnen wieder gelingt, eine Wohnung zn erlangen. Ich glaube keine Fehlbitte zu wagen, wenn ich die wohllöbliche Redaktion der „Wahrheit" ersuche, eine Kollekte zn diesem Zwecke einzuleiten. Meine eigenen bedrängten wirtschaftlichen Verhältnisse erlauben mir leider nicht, diese Aktion mit einer großen Summe einzuleiten, dies können jedoch glücklichere Glaubensgenossen tun und auch die bescheidene Mitwirkung der ärmeren Juden vermag ein ansehnliches Resultat zu erzielen. Möge die Wiener Judenheit ihre alte wohlbekannte Wohltätigkeit auch in diesem Falle wieder üben! Möge sie bedenken, daß die Zeit für diese Unglücklichen drängt und die Wiener Arbeiterschaft die vollste Sympathie der Inden fchou ans dem Grunde verdient, weil sie sich bis dato trotz ihrer oft verzweifelten Lage nicht als Werkzeug der In den Hasser mißbrauchen ließ! Zedokoh ist eine Hauptforderung der mos. Religion und wenn in unserem modernen Sodom brave, unschuldige Mitmenschen samt ihren Kindern auf die Gasse gestoßen werden, dann haben wir Juden mindestens die Pflicht der Gastfreundschaft eines Lot. Mögen die Wiener Juden die Gelegenheit uicht versäumen, einen kiddusch hasch em durch Uebung rechtzeitiger Mildtätigkeit ins Werk zu fetzen. R. L. Kaiserl. §lrtt Josef Singer. / Am Simchas-Thorafeste beging kaiserl. Nat Oberkantor Josef Sing er seinen 70.. Geburtstag) uud die mannigfachen ehrenden Kundgebungen, die ihm aus diesem Anlässe zuteil wurden, gaben beredtes Zeugnis für die hohe Wertschätzung, die er in den .weitesten Kreisen. geuießtt Leider war die Festesstimmuug getrübt, durch ein Unwohlsein des Jubilars, das denselben ans Hans fesselte und die vom. Vorstande der Wiener Kultusgemeinde geplante Ehrung im Tempel/unmöglich machte. Aber in der Wohnung des Jubilars, wo die Kinder desselben, Frau Oskar S t r a u s, Direktorstellvertreter Eugen Singer aus Lemberg und Herr Haus Singer, die Honneurs machten, war den ganzen Tag über ein Kommen und Gehen von Gratulanten, die durch sinnige Widmungen und herzliche Glückwünsche ihrer Sympathie für den Jubilar Ausdruck gaben. Um die Mittagsstnnde erschienen der Präsident der Kultusgemeinde Dr. Alfred Stern, der Vizepräsident Dr. Gustav Kohn, die Knltnsvorsteher Dr. Markus Spitzer und Carl L e m b e r g e r, Sekretär Dr. Adler, sowie die Bethausvorsteher Rudolf Kohn und Dr. Elias M ü n z mit dem Sekretär Brau n, um die Glückwünsche des- Kullusvorstandes uud Bethausvorstandes zu übermitteln. Nach einer herzlichen Ansprache des Präsidenten brachte Sekretär Dr. Adler folgende Adresse zur Verlesung: Im Laufe der Jahrzehnte, während deren Sie als Oberkantor unserer Kultusgemeinde wirkten, haben Sie jede Gelegenheit zur Ehrung'Jhrer Person gemieden. Nun bietet der Tag, an dem Sie, hochgeehrter Herr kais. Rat, Ihr siebenzigstes Lebensjahr vollenden, dem Knltnsvorstande und der Gemeinde einen sehr willkommenen Anlaß der Verehrung der Gemeinde für Ihre Person Ausdruck zu geben. Schon Ihre Berufung als Nachfolger Snlzers gab Ihrer Stellung und Persönlichkeit Bedeutung und Charakter. Tausende und Abertausende würden durch Sie zur Andacht angeregt und durch die Weihe des Gebetes erbaut. In Ihrer nie versagenden Pflichttreue, in Ihrer warmen Liebe zu Ihrem heiligen Berufe imd in Ihrer Lebensführung waren Sie stets das leuchtende Vorbild eines Scheliach-Zibbur. Der traditionelle Synagogengesang nuferer Vorfahren war Ihnen ehrwürdig und durch Ihre literarischen Arbeitet! haben Sie den wissenschaftlichen Nachweis erbracht und wortwörtlich ausgesprochen, daß diesem Vermächtnis unserer Väter der diamantene Kranz des grauen Alters zuerkannt werden muß. Ihr geklärtes Urteil fand stets volle Beachtung in allen Fragen Ihres Amtes. Den verwaisten Kindern und der Jugend, die des freundlichen Lichtes entbehrt, waren Sie ein fürsorglicher, selbstloser Lehrer. Ihr segensvolles Wirken wurde Allerhöchsten Ortes durch die Verleihung des Titels eines kaiserlichen Rates gewürdigt. Freude und Befriedigung erfülle Sie daher heute bei Ihrem Rückblick auf Ihr Gesamtrvirken! Die Gebete des Segens, die Sie. sehr geehrter Herr Oberkantor, an Ihrem Ehrentag für die Gemeinde sprachen, steigen empor zn des Schöpfers Throne. Mögen Sie an Ihnen und Ihren Kindern und Enkeln sich erfüllen. Dies sind die besten, innigsten Wünsche, die ich Ihnen namens unserer Gemeinde, namens des Kultusvorstandes uud in' meinem eigenen Namen vom Herzen ansspreche. Mit vorzüglicher Hochachtung Dr. Lieben Der Präsident: Erster Sekretär. Dr. Alfred Stern. Tiefbewegt dankte kaiserl. Rat Singer für die ihm seitens des Präsidenten und des Vorstandes zuteil gewordene Ehrung. Persönlich gratulierten: Oberrabbiuer Dr. G ü d e m a n n, der Direktor des Wiener Bank-Vereines, Herr Felix Ku r a n d a, der Direktor des Blindeninftitutes kaiserl. Rat Heller und eine Deputation; des Lehrkörpers dieses Institutes, namens der Zöglinge des Mädcheuwaisenhauses drei Waisenmädchen, von denen eines ein ergreifendes/Gedicht deklamierte, eine Deputation des Tempelchores der inneren Stadt und Leopoldstadt, ferner Direktor K l a p p H o l z samt Frau, Frau Dr. W e ch s b e r g e r