Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1911
- Issue
- Heft 40 (20.10.1911)
- Date
- 1911-10-20
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr 40. Die Wahrheu Seite &. einem Briefe der Dolly Landsberger an ihren damaligen Verlobten heißt es nämlich: Frau Selbach bittet Frau Wertheim, ihr" doch einige Billets zur Unterstützung für einige jüdische .Kinder abzunehmeu. Frau Wertheim äußert beirEmpfang des Briefes :„Nein, fällt mir gar nicht im Traume ein, wenn mich nicht.eine E^elleuz bittet, benfe ich gar nicht daran, etwas zu geben." Das oberste Gebot wahrer, dem Herzen entspringender Wohltätigleit ist: tu das Gute i:m des Guten willen. Wenn das Herz nicht die Triebfeder zur Wohltätigleit ist, dann ist Wohltun unsittlich. Um den roten Adlerorden dritter oder vierter Klaffe zu ergattern, oder um sich bei Exzellenz beliebt, zu machen, wird auch von reichen Juden sehr oft sehr viel gegeben, in der Hoffnung. dieses Wohltmt werde eingeschrieben werden in das Buch der Ordenskandidateu. Diese unsittliche, uujüdische Wohltätigleit sindet man in geradezu erschreckender Ausbreitung in der jüngeren Generation wohlhabender jüdischer Kreise. Hier ist das soziale Empfinden und Mitgefühl in unseren nur dem Vergnügen lebenden übermodernen jungen Mädchen nicht selten erstickt. Das geräuschlose Geben, das stille Mitfühlen, kennen sie nicht; der Begriff Wohltätigleit ist für sie ein Kollektivbegriff von Amusemeni, Tanz und Flirt. Und so wird viel, viel Geld für wohltätige Zwecke in nnseren wohlhabenden Schichten ansgegeben, ohne «nrs Ziel zu kennen. Manche. Träne jüdischer Mütter könnte mehr getrocknet werden, wenn all überall in unseren besitzenden Kreisen die echte Herzenswohltätigleit dem kühlberechnenden, egoistischen. Scheinwohltnn weichen würde. Darum sei die Forderung des Tages: Seid edel, hilfreich und gut, und erbarmt euch der Schwachen und Kranken, weil das jüdische Herz Not und Elend seiner Glaubensgenossen und seiner Mitmenschen mitfühlt, auch wenn nicht eine Exzellenz bittet. * * * Am 18. d. M. findet in Paris eine Sitzung des gesamten Zentralkomitees der Alliance Jsraelite Universelle statt. Wie wir erfahren, plant die Pariser Leitung die Durchsetzung eines Antrags, ^wonach die Wahlen für das Zentralkomitee abgeschafft (!) und durch ein System der Kooptation ersetzt werden sollen. Dadurch würde die Allianceleitntig natürlich vollkommen der kleinen Gruppe ausgeliefert werden, die gegenwärtig in Paris am Ruder ist. Von seiten der deutschen Mitglieder der Zentralkomitees wird der schärfste Widerstand gegen diesen Knebelungsversuch entfaltet werden, der dem Statut wie der Tradition der Alliance ins Gesicht schlägt. Das Statut, in dem allgemeitie Wahlen vorgesehen sind, kann nur geändert werden, wenn 24 der Mitglieder des Zentralkomitees einen entsprechenden Antrag stellen, was bisher nicht geschehen ist. Der geplante unerhörte Antrag verdient, vor der jüdischen Oeffentlichkeit gebrandmarkt zu werden. Die Präsidialmitglieder der Deutschen Konferenzgemeinschaft, die Herren Jnstizrat Fnchs und Geheimrat Prof. Landau, die sich zu der Sitzung nach Paris begeben, werden den Antrag entschieden bekämpfen und gleichzeitig die Vorgänge bei den letzten Wahlen zur Sprache bringen, die gleichfalls zu lebhaften Auseinandersetzungen führen dürften. * * * Seitdem Stolypin als Opfer des Terrors fiel, hat die in punkto Judenhetze erfahrene „Nowoje Wremja" einen auch für sie ungewöhnlich leidenschaftlichen linb aufreizenden Ton gegen die jüdische Bevölkerung angeschlagen. Mit größter Beharrlichkeit wird die Idee des völligen, rücksichtslosesten Vernichtungskampfes gegen das Judentum gepredigt. Unverhohlen wird der „Volkszorn" gegen „die Blmfeinde des russischen Volkes," die Inden, angerufen und die Pogrompraxis findet die begeistertsten Panegyriker in den einflußreichen „Publizisten" des privilegierten Patriotenblattes. Eine feste Stütze in diesem heiligen Werke hat das Blatt in ihrem Kiewer Mitarbeiter, Sawenko, demselben Herrn Sawenko, den Menschikow vor einigen Monaten in derselben „Nowoje Wremja" als „Lügner und ehrlosen Menschen" stempelte. Ein daitkbares Thema für diesen findigen Herrn ist natürlich der Kiewer „Ritualmord." Dieser Tage war nun wieder einmal in der „Nowoje Wremja" ein Pogrombrief aus Kiew zu lesen, wo der Kiewer „Ritualmord" mit erneuter Energie in Angriff genommen wurde. Unter anderem wird da versichert, daß der unlängst — nach Feststellung der Aerzte an Diphtherie — verstorbene Knabe Tscheberjak, ein Spielgenosse Juschtschinskys, von den Juden als gefährlicher Zeuge vergiftet worden sei.' * * ■■•■■■■■ * Auch die Ereignisse im Ausland müssen für die Judenhetze herhalteu und so war der allwissende Sykophant der „Nowoje Wremja," Menschikow, bereits am 2. Oktober in der Lage, der staunenden Menschheit die wahren Ursachen des jeden Kulturmenschen so tief betrübenden neuesten Krieges zu offenbaren. Nach den Informationen dieses unerschrockenen Kämpfers für Recht und Gerechtigkeit wurde der türkisch-italienische Krieg von niemand anderem als von den Inden angezettelt, die „nach der Theorie Herzls sich auf den Trümmern der niedergeworfenen Türkei einrichten wollen." Diese verblüffende Entdeckung beruht natürlich auf zwingenden fachlichen Beweisen und kann unmöglich von bloßer Sympathie für die unglücklichen Türken eingegeben worden sein. Der beste Beweis hierfür ist die Tatsache, daß das Snworin-Menschikowsche Blatt schon am folgenden Tage ganz entschieden für die Italiener Partei ergriffen hat. Dieses führende Organ der herrschenden Parteien Rußlands riet der Türkei, sich an ihre „deutschen Freunde" zu wenden und erklärte unverhohlen, daß eine Prellung des „kranken Mannes" für Rußland nur von Vorteil sein könne. * * * Heber den Pogrom in Osch im Tnrkestangebiete werden dem „Berliner Tageblatt" aus Petersburg nachstehende Einzelheiten gemeldet: Nach dem Attentat in Kiew begannen die echt russischen Leute eine heftige Agitation gegen die Juden in der Lttadt. Sie verbreiteten das Gerücht, daß die Juden einen Sartenknabetl gestohlen und einen Ritualmord an ihm verübt hätten. Daraufhin gerieten die Sarten in furchtbare Aufregung, drangen in die Häuser der Inden und begannen einen Pogrom. Die Polizei war der fanatischen Menge gegenüber machtlos. Die Sarten umzingelten die Häuser der jüdischen Bevölkerung, brandschatzten sie und schlugen auf die fliehenden Inden mit Knütteln ein. Der Pogrom hielt an, bis Militär mit Waffengewalt einschritt. Eine Anzahl Inden wurden getötet, viele sind schwer verwundet, einige verbrannten in den Häitsern, die von der Menge in Brand gesteckt worden waren. * * * Die Ernennung Kokowzews zum Millisterpräsidenten veranlaßte, wie die Petersburger Korrespondenz der „Welt" mitteilt, die rechtsstehenden Parteien zu einer gemeisamen politischen Deklaration an die Adresse des neuen Premiers, die auf eine Beeinflussung desselben nach der Richtung der nationalistischen Politik zielt. Der Verband des russischen Volkes, der Verband des „Erzengels Michael" und die Nationalisteupartei arbeiteten gemeinsam ein Memorandum aus, das sich mit der jüdischen, finnischen und polnischen Frage befaßt. Der auf die Juden bezügliche Teil wurde von Purischkewitfch abgefaßt und verlangt Verschickung sämtlicher „wohnrechtsloser" Juden nach dem Ansiedluugsrayon; Annullierung aller jüdischen Kaufakte auf Immobilien außerhalb der Städte; energische Maßnahmen gegen die „Verjndung des Handels und der Gewerbe", Zurückdrängung der Juden vom Advokaten- und Apothekerberuf; ein Verbot der Sabbatruhe; Repressivmaßnahmen gegen die jüdische Presse; Ausschließung der Juden vom Militärdienst, tvie auch vom Wahlrecht usw. Im letzten Augenblick überlegten sich die Nationalisten, die an der Ausarbeitung des Memorandums teilgenommen hatten, die Sache, und verweigerten ihre Unterschriften, so daß das Elaborat nur im Namen der extremen rechten Parteien eingereicht werden konnte. Ein Führer der Nationalisten, Abgeordneter Krupewsky, kritisierte sogar in der „Nowoje Wremja" die Maßlosigkeiten des Memorandums, die der guten Sache nur schaden könnten. — Demgegenüber erklärte ein anderer Führer der Nationalistenpartei, der sattsam