Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1911
- Issue
- Heft 40 (20.10.1911)
- Date
- 1911-10-20
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Hmrrtat ersucht, damit die regelmäßige Expedition des Mlattes keine Hlnterbrechung erleide. Abonnements-Bedingungen'. Kanzjäyrig Kr. 14.— Kalvjätzrig Kr. 7.—, vierteljährig Kr. 3.5Ü. K. k. Postsparlaffen-Konto 1VV.918. - Probenummern gratis zur Verfügung. Ans der Woche. Die Lorbeeren des vom Boden der^antisemitischen Jauche zu Würden , und Macht emporgestiegeueu Mechaniker Schneider scheinen dem Abgeordneten Dr. Jerabek, der übrigens infolge des für Mähren abgeschlossenen Wahlkompromisses, der Deutschfreisinnigen mit den Antisemiten mit Hilfe jüdischer Stimmen gewählt wurde, in den Kopf gestiegen zu sein und so suchte er jüngst durch rohes und unflätiges Schimpfen auf die Juden seinem berüchtigten Vorbild gleich zu tun. Den Anlaß hiezu bot die Teilerungsdebatte im Abgeordnetenhause, in deren Verlaus er mit der Motivierung, daß man die jüdischen Viehhändler Argentiniens (!) nicht unterstützen dürfe, gegen die argentinische Fleischein.fuhr. Protestierte und sich dann die von unerhörter Bestialität zeugende Pointe leistete, daß er an den Wiener Kandelabern.statt des Blumenschmuckes lieber die Wucherjnden baumeln sehen möchte. Mit dem wutschnaubenden Demagogen, der die Folgen der unglückseligen Politik des christlichsozialen Ministers Dr. Weißkirchner von seiner Partei gerne auf andere abwälzen möchte und hiezu die Inden als Sündenbock benützt, wollen wir uns weiter nicht beschäftigen, Wozu denn-mit ihm streiten, da er ja selbst nicht glaubt, was er behauptet? Aber nicht unbeachtet können wir es lassen, daß der deutschfreisinnige Präsident Dr. Sylvester, der in jener/Sitzung ans dem Präsidentenstuhl saß und der doch vermöge seines Amtes berufen wäre, zur Wahrung des parlamentarischen Anstandes solch blutrünstige, gegen Menschlichkeit und gute Sitte gerichtete Ausfälle gegen Staatsbürger zurückznweisen, es nicht der Mühe wert fand, den Redner zu rügen oder zur Ordnung zu weisen. Diese Haltung des Präsidenten verstößt nicht nur gegen die allerdings im österreichischen Parlamente nicht besonders hoch stehende parlamentarische Etiqnette. sondern liefert auch einen klaren Beweis dafür, wie mächtig die Sympathien sind, die die Dentschnationalen mit den Antisemilen verbinden. Hoffentlich wird dieser Vorfall auch für die deutschen Juden in Böhmen, die sich noch immer von den deutsch-freisinnigen Phrasendreschern betören lassen, eine heilsame Lehre für die Zukunft sein. Was uns aber bei der ganzen Affaire absolut unbegreiflich erscheint, ist der Umstand, daß unter den jüdischen Abgeordneten im Hause sich kein einziger gesunden hat. der dem antisemitischen Maulhelden die gebührende Behandlung zuteil werden ließ. Mit Noblesse richtet man gegen solche Gesellen nichts ans, ans einen groben Klotz gehört ein grober Keil. * * * * Ueber eine tapfere Tat eines schlichten jüdischen Arbeiters in den Witkowitzer Eisenwerken, die in der großen Oesientlichkeit bisher wenig bekannt war, veröffentlicht die „Jud. Volksstimme" folgendes: Am 30. August d. I., 1 Uhr mittags, war eine zweitansendköpsige Menschenmenge vor der Mündung eines fünfhundert Meter laugen Werkskauals. der zur Ableitung heißer Wässer und giftiger Gase des Hochofens und der Kupferhütte dient, versammelt. In großer Aufregung standen zahlreiche Beamte, Polizisten, Gendarmen, Betriebsleiter und Meister, die Feuerwehr, die Aerzte mit dem Chef des Krankenhauses und auch der Generaldirektor des Werkes. Es sollte der einige Stunden vorher durch eigene Unvorsichtigkeit an einer tiefen Stelle des Kanals verunglückte 27jährige Werksingenieur Paul Leiuinger ausgesucht werden/ was aber mit großer Mühe und Todesgefahr verbunden war. Denn um weiter hineinzukommen, durfte man weder aufrecht gehen noch auf Händen und Füßen kriechen; in aufrechter Haltung drohte Erstickung durch Gase und in liegender Stellung der Tod des Ertrinkens durch heißes Wasser. Schon hatten einige versucht einzudringen. mußten aber ohnmächtig und unverrichteter Sache znrückkehren, weshalb keiner der Anwesenden es mehr wagen tvollte. Da kaut gerade der erst zwei Tage in der hiesigen Maschinenfabrik, Abteilung Weichenwerkstätte, beschäftigte Arbeiter Jsak Finkelstein, geboren zu Krakau 1886, des Weges und bot bereitwilligst seine Dienste an. Ein Ingenieur der Werksbahn »nb ein zweiter Arbeiter wurden ihm beigegeben. Nach fünfzig Schritten im finsteren