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Die Wahrheit · 1911-10-06 · Heft 39 (6.10.1911) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1911
Issue
Heft 39 (6.10.1911)
Date
1911-10-06
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 39 Urpl.'oduktl0lk, unter- ' freienkillturellen Entfqltungsmöglichkeiten, ritute.U : der die - Stabilität; der Entwicklung, den auswärtigen Schutz und esne .kräftige - ökonomische -Entfaltung sichernden Souveränität eines Großstaates.! - Natürlich Hängt ' aber die -Nichtigkeit dieser Beantwortung davon, ab, ob es stimmt, daßgegenwärtig der Ans l ös uu g s- -ch.r o.z.e ß, unseres Volkesw j r! l i ch i n; v o l Le m G a n g e ist und in/.seinem lmaufhaltsamen Porwär-tsschreiten .nur durch die -Erreichung unseres. ziontftif chen Z ieies erfolgreich gehemmt werden. kann; und zweitens davon, ob es stimmt, daß der -Kulturwert der jüdischen Rasse wirklich ein so hoher ist und ob, von allen nationalen Empfindungen abgesehen, die Vermischung nicht etwas vorteilhafteres wäre, als die noch -weiter fortznsetzende Rassenzucht. Mit dieser Frage nun kommen wir auf das Rassenproblem. Auch Rnppin setzt die Untersuchung dieser Frage, indem er ans das von nur darüber geschriebene Buch hinweist, über diesen Punkt hinaus nicht fort. Nur will ich, bevor ich jetzt selbst darauf eingehe, kurz auf -einen Punkt Hinweisen, der — - vorhin bloß leicht gestreift — leicht zu einer irrtümlichen Auffassung Anlaß geben könnte: das war meine Bemerkung über die Hinfälligkeit der sogenannten sozial-ökonomischen Argumentation. Es wäre falsch, anzunehmen. :daß all die drückende Not von heute mit der ersten Konfession won Seiten der türkischen Regiernng eine Sache der Vergangenheit wäre, daß man heute die ganzen Massen wandernder Inden mach Palästina leiten könnte. Wir müssen nur die heutigen Verhältnisse in Osteuropa als die Exemplifikation eines tiefer liegenden Gesetzes erkennen, daß die Inden, solange sie nicht zu einem integrierenden Bestandteile wieder zur Urproduktion znrückkehren und nur Lücken in der Wirtschaftsorganisation andere r Völker ansfüllen, bei unbefriedigenden allgemeinen ökonomischen Verhältnissen. dieses Landes stets von dem Damoklesschwert der Depossedierung bedroht sind. Und die -Erkenntnis der periodischen Wiederkehr dieser Depossedierungen und. ihrer Ursachen ist ein sozialökonomisches Argument dafür, die Juden wieder zur Urproduktion zurückzuführen, das, wenn -erkannt, wenn schon nicht das Unglück von heute, so wenigstens das von.morgen und übermorgen unmöglich machen könnte. Nun aber wollen wir uns der Frage zuwenden, ob denn wirklich dieser Z e r m a l m u n g s p r o z e ß, dessen Objekt Lie Judenheit ist, gar so schreckliche rapide sortschreitet, wie dies in der letzten Zeit immer wieder hingestellt wurde. Und tatsächlich bröckelt vor unfern Augen Stein um Stein aus dem einst so fest gefügten Bau. Taufe und Mischehen lichten die -Reihen der Juden in immer steigendem Maße, so daß der gleichzeitige starke Rückgang der jüdischen Geburten es immer ichwieriger macht, die Lücken auf natürlichem Wege wieder zu schließen. Bis jetzt, sagt Ruppin richtig, war der Abbröckelnngsprozeß auf Mittel- und Westeuropa beschränkt. Man konnte bis vor einigen Jahren glauben, daß nur hier für ihn Boden -sei und daß die sechs Millionen Juden jenseits der Weichsel von ihm unberührt bleiben würden. Seitdem hat aber die russische Revolution grell gezeigt, wie stark insbesondere die intelligente -Oberschicht der Juden bereit ist, sich unter Aufgabe ihres Judentums inden Strudel den russischen Lebens zu stürzen. Damit greift der -Abbröckelungsprozeß auf die großen Judenmassen Osteuropas hinüber und droht, das letzte Bollwerk der Judenheit LU untergraben. Ueberall gravitieren nationale Minderheiten in der Richtung Lur nationalen Mehrheit. Trotz der großen Bedeutung, die bisher die Religion der Juden hatte, erzählt uns die Geschichte unserer Vergangenheit doch, daß auch bisher schon die Judenschasten ganzer Länder, wie die zehn Stämme, die Juden in Aegypten wor der Völkerwanderung, die in China, die blühend mittelalterlichen Gemeinden in Griechenland und Sizilien einfach verschwunden sind. Es ist ein falscher Optimismus, der die jetzige Arise deshalb-geringschätzt, weil die Judenheit zwei Jahrtausende allen Gefahren zum Trotz ihre Existenz bewahrt hat. Schon -in der Vergangenheit sehen wir das Verschwinden so bedeutencher Gruppen. Und doch besagt diese Vergangenheit noch gar michts für,die Gegenwart, weil die äußern Verhältnisse heute Eben ganz andere sind , als jemals zuvor. Seite %. Die Bevölkerungsbewegung der Juden, in der Diaspora zerfällt — ich spreche hier wieder mit den Worten Ruppins in eine absteigende und eine anssteigende Kurve. Der Abstieg brachte die. Zahlder Juden, die zurzeit der Vernichtung ihres Staatsweseus etwa fünf. Millionen betrug, im Läufe der darauf folgenden etwa sechzehn Jahrhunderte bis auf eine Million zurück. Der Ans st i e g hat sie im. achtzehnten Jahrhundert etwa auf d rei Millionen und bis' zur Gegenwart auf zwölf Millionen vermehrt. Es ist unzweifelhaft, daß die heutige Zahl der Juden in keiner früher» Epoche der jüdischen Geschichte auch nur annähernd erreicht worden ist. Aber zu gleicher Zeit sind auch die Gefahren, die ihrem Bestände drohen, größer als sie jemals zuvor waren. Der gegenwärtige Höhepunkt der numerischen Stärke der Juden konnte nur erreicht werden, weil die Juden im achtzehnten und zum großen Teil noch im neunzehnten Jahrhundert vor Taufe und Mischehe bewahrt blieben, eine niedrige Sterbeziffer hatten und die im Gefolge der modernen Kultur einhergehende Furcht vor großem Kindersegen nicht kannten. Der Wegfall dieser Momente muß von neuem zum Abstieg führen und zwar noch um so rascher, je rascher das Wachstum der Ziffer der jüdischen Binnen- und Auswanderung fortschreitet. Die Ziffern der Taufen und namentlich der Mischehen auf den Vorposten der Assimilation, namentlich in Dänemark, in den Westländern, in Australien, in Italien, jetzt auch schon in Deutschland und besonders stark in den Großstädten erreichen — woraus ich ja in statistischen Zusammenstellungen in meinem Buche hingewiesen habe — auch Teilhaber hat ja erst vor kurzem wieder nachdrücklich darauf aufmerksam gemacht — eine solche Höhe, die Binnenwanderung in die Großstädte schreitet so rapide fort, die Auswanderung und Zerstreunng aus dem Osten und ebenso die Entnationalisierung der noch stabilen Juden infolge des durch das soziale und ökonomische Leben bedingten Verlustes der Sprache, infolge der Akquisition kosmopolitischer Bildung und Sitten nimmt so starke Dimensionen an, die Maßgeblichkeit der alten Orthodoxie ist infolge der modernen Weltanschauungen s o im Sinken begriffen, daß mau mit Fug und Recht sagen kann, daß die Religion allein heute nicht me h r i m st a n d e ist, d i e I u d e n i n d e r D i a s p o r a v o r dem g än z l i ch en Uute r g a n g e zu retten, und daß wir in der gegenwärtigen Assimilationsbewegnng die gefährlichste Krisis erblicken müssen, welche die Juden seit ihrer. Zerstreuung je bedroht hat. Wenn einmal über kurz oder lang das Verbot des Aufenthalts außerhalb des Ansiedlungsrayons fallen sollte, so würde dann mit dem wirtschaftlichen Aufstieg, der bessere n Schulbildung der Kinder, den vermehrten Verkehrsbeziehungen mit den Christen, vor allem mit der A uf l ö su n g der derzeitigen großen Mehrheit in kleine, über das ganze ungeheure Reich zersprengte Minderheiten — in Rußland heute nur in rapiderer Form — dieselbe Entwicklung beginnen, wie sie in Westeuropa mit dem bekannten Resultate im vorigen Jahrhundert begonnen hatte. Ja aber — wir müssen als denkende Menschen uns ja auch von nationalen Empfindlichkeiten befreien können, wir müssen ja imstande sein, bei einer wissenschaftlichen Betrachtung diese Fragen aus dem Rahmen der gefühlsmäßigen Beurteilung heraus zu heben und sie allgemein gültig zu beantworten — würde es denn, von der Warte eines höheren Standpunktes aus betrachtet, überhaupt ein Unglück sein, wenn ein Volk, das zum Leiden erschaffen scheint, seine volkliche Existenz endlich einbüßt und die Individuen, die es umschloß, dadurch u m so freier und glücklicher werden? Werden die Juden für die Menschheitskultur mehr leisten oder werden sie überhaupt glücklicher sein, wenn sie als Sondervolk bestehen bleiben oder wenn sie in den andern Völkern restlos aufgehen und verschwinden? (Fortsetzung folgt.) Die Wahrheit

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