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Die Wahrheit · 1911-10-06 · Heft 39 (6.10.1911) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1911
Issue
Heft 39 (6.10.1911)
Date
1911-10-06
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 67. 3}ie;. Wahrheit. Nr. 39. tüügen bewälb mau /sich um seine Mitwirkung und er war. auch als Gesangmeister hochgeschätzt.Doch trotz 'dieser vielfachen JnänspruHnaMle.Hstßie. er' 'nöch-'Zeit'tz'ü gewinnen 7Mr'M tiefgeheudes Quellenstudium, ' das Die 'Grimdlage für seine spätere reiche und" fruchtbare literürische Tätigkeit 'ällf'Mnägvgatgeslniglichern Gebiete bildete.^. . 7.; .Dur'Hmereü Aerzens schied,' Singer von' Nürnberg, ' aber der. Ruf, nach Wieii^ warzu/^verlockend/ mtb' 'sowurde er im Jahre 1881 der Nachfolger Säldmoü 'Sülzers. Die .Formen des Wiener' Gottesdienstes waren strenggefügt, an ihnen durfte und konnte nichts geändert werden, aber'trotz aller Verehrung für Meister Snlzer und trotz vollster Würdigung des großen Werkes, das er geschaffen hatte, war Singer der Anschammg, daß Snlzer die traditionelle Note im jüdischen Gottesdienst zu stiefmütterlich behandelt hat, und nach dieser Richtung wollte er ergänzend wirken und der Tradition zu ihrem Rechte verhelfen. In der Praxis stieß Singer auf viele Schwierigkeiten und Unannehmlichkeiten, sein Streben wurde auch vielfach verkannt und mißdeutet, aber theoretisch konnte er sich freier bewegen. Mit eiserner Konsequenz verfolgte er sein Ziel und in der damals eben in Wien gegründeten „Kantoren - Zeitung" schrieb er zahlreiche Aufsätze über die Formen und Gesetze des traditionellen Gesanges und gelangte dann zur Aufstellung der Steigertheorie, die in Fachkreisen großes Aufsehen erregte. Diese Arbeiten, sowie die reichen Materialien, die er über die Entwicklung des Synagogengesanges veröffentlichte, sind grundlegend für kantorale Wissenschaft geworden und sichern dem Namen Singer einen ehrenvollen Platz in der Geschichte des jüdischen Kantorates. Auch als Präsident des „Oesterr.-nngar. Kantoren - Vereines" hat sich Singer im Vereine mit anderen Wiener Kollegen um die Organisation der Berufsgenossenschaft große Verdienste erworben und als er anläßlich des sechzigjährigen Regieruugsjubilänms Sr. Majestät mit dem Titel eines kaiserlichen Rates ausgezeichnet wurde, wurde diese seltene Auszeichnung von der gesamten Kollegenschaft freudigst begrüßt und/ auch als Ehrung des Kantorenstandes betrachtet. Wenn wir das reiche Wirken Josef Singers überblicken, dürfen wir auch seine Tätigkeit als Gesanglehrer am israel. Blindeninstitute und Waisenhause in Wien nicht vergessen. Mit ieltener Liebe und Uneigennützigkeit Hat er bis zum Vorjahre an diesen beiden Anstalten unterrichtet und die großen Erfolge, die er erzielt, haben wiederholt verdiente Anerkennung gefunden. Der im Jahre 1909 erfolgte Heimgang seiner innigstgeliebten Gattin hat der Arbeitslust und Arbeitsfreude Singers einen schweren Schlag versetzt und nur die zärtliche Hingabe seiner rrefstichen Kinder— von denen der älteste Eugen Direktorstellverrreker des Bankvereines in Lemberg, der zweite Simon Oberkantvr in Kattowitz, der dritte Hans Beamter der Generali in Wien und die einzige Tochter Kl ara Gattin des Komponisten Oskar- Straus * ist — konnte den schwergeprüften Mann allmählich wieder ins Gleichgewicht bringen. Des Amtes Bürden wurden chm aber doch zu schwer und so sah er sich zu Beginn des heurigen Jahres veranlaßt, von der ehrenvollen Stellung, die er durch drei Jahrzehnte in so ausgezeichneter Weise versah, zurückzutreten. Aber trotzdem ist er literarisch noch immer emsig und unverdrossen tätig und zu seinem siebzigsten Geburtstage bringen wir den Wunsch zum Ausdrucke, daß ihm noch eine lange Reihe von Jahren geistiger und körperlicher Rüstigkeit beschieden sei, damit er in die Lage komme, die reichen Früchte seiner literarischen Tätigkeit zu sammeln und den folgenden Kantorengenerationen als wertvolles Vermächtnis zu hinterlassen. Rasteuproblem und Indeufrage. Bon Dr. Ignaz Zollscha«. (Fortsetzung.) Zwar allgemein herrschend wie sonst nichts in der Gegenwart ist die Verachtung jeder Theorie. Aber die denkerisch zilsauunenfassende -Tätigkeit und die; denkerisch Ziele setzende Tätigkeit,' d. h. die Theorie und in höchster Potenz die Philosophie. wirkennichtitnr, wie -manso oft unrichtig' sagt/ bloß kritisch und analysierend und den wirklichen Tatsachen nachhinkend/ sondern durch die logische Erfassung des'Gegenstandes und durch die, durch das 'voraussetzungslose Denken gewonnene überragende Perspektive in Wirklichkeit auch -Richtung gebend,- Ziele' setzend/ ja sogar geradezu^ Tatsachen ) ch affe il d. - Der auf bloße Erfahrungen und. unmittelbare Notwendigkeiten sich stützende, wenn auch noch so geschickte Politiker bleibt ohne - die großen ortentierenden Linien, der sich nur zuleicht in Augenblick-Konstellationen verlierende Routinier; und erst dann, wenn diese großen orientierenden Linien, wenn die durch soziologische. Erkenntnis gewonnene überragende Perspektive sein Denken und Wollen bestimmen, erst dann wird ans ihm der große in die fernsten Weiten blickende schaffende Staatsmann. Eine programatische Idee, die nicht nur der momentane Willenansdruck einer Partei ist, deren gedanklicher Unterbau vielmehr a it ch t h e o r e t i sch gut verankert i st, gewinnt so erst die notwendige Zielsicherheit und die Möglichkeit, großzügiger Propaganda. Wir wollen deshalb kurz untersuchen, welche Entwicklung unsere theoretischen Grundanschauungen in den letzten Jahren durchgemachi haben.; Soeben ist nun die zweite Auflage des Rnppinschen Buches erschienen. *) . Rnppin hat gezeigt, daß er einer der nicht vielen ist, deren etwa vorhandene seelische Emotion sich nicht in Rhetorik und Gefühlsaffekten entlädt, sondern in Handlungen und vor allem aber in. klarer, die Materie durchdringender Logik. Deshalb durste mit berechtigter Spannung erwartet werden, wie Rnppin als Theoretiker sich in der nunmehr vorliegenden Neubearbeitung seines Buches zu den in den letzten Jahren nach mancher Richtung geänderten Grundanschauungen des jüdischen Volkspröblems stellen'werde. Erinnert sei, daß die erste Auflage zwar die beste bis dahin vorhandene sozial-wissenschaftliche Studie über die Juden darstellte, daß sie aber im Wesen rein deskriptiv gehalten war, in den entscheidenden Punkten aber noch leitende Gesichtspunkte und besonders scharfe Problemstellung vermissen ließ. Leitende Gesichtspunkte und'scharfe Problemstellung können aber nur aus richtigen Grundanschaunngen erfließen. Die vorliegende zweite Auflage hat diese scharfe Problemstellung. Die richtige Erfassung des jüdischen Rassenproblems scheint bei dieser Neubearbeitung das richtunggebende Prinzip gewesen zu sein. Nur möchte-ich in mancher Richtung über den Standpunkt Rnppins noch hinausgehen, doch davon spätem Es sollen zunächst einige markante .Richtungsänderungen der Rnppinschen Anschauungen betont werden. Der Autor vertrat früher den Standpunkt, daß die westeuropäische Judenheit durch Taufe, Mischehe und Desorganisation in absehbarer Zeit zugrunde gehen müsse. Zweitens, daß der Zionismus wohl von großem idealen Wert, aber praktisch aus innern Gründen kaum realisierbar sei, daß aber drittens die Wahrscheinlichkeit bestehe, daß im Osten Europas eine neue jüdische Kultur mit gewaltiger Zukunft im Entstehen begriffen sei. Nur den ersten dieser drei Sätze hält Rnppin noch aufrecht. Negation und Affirmation der beiden andern Sätze Haben sich jetzt wohl mit Recht in ihr Gegenteil verwandelt. Wenn es gelungen ist. den Kultur wert, den Rassenwert der Juden darzustellen, wenn es klar geworden ist, welche ungeheure Möglichkeiten in diesem Rassenkörper noch schlummern, dann ergibt sich als ein Ziel, das allen jüdischen Parteien und wohl auch allen jedem Nationalismus abholden rein kosmopolitisch denkenden Nichtjuden gemeinsam sein muß, das Streben nach Erhaltung, nach Regeneration, nach Höherbildung dieser Rasse. Und dieses' eine feste Ziel ist jetzt auch das orientieren d e P r i n zip des vorliegenden Buches. Die Möglichkeit aber, dieses Ziel zu erreichen,' besteht nur dann, wenn es gelingt, einen integrierenden Teil der Judenheit wieder zu einer geschlossenen Masse zu konsolidieren unter Rückkehr zur *) Dr. Arthur Rupvin: Die Juden der 'Gegenwart. 2. Auflage. Köln und Leipzig, 1911. Jüdischer Verlag. Preis. drosch. Mk. 5.^;>7 -

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