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Die Wahrheit · 1911-10-06 · Heft 39 (6.10.1911) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1911
Issue
Heft 39 (6.10.1911)
Date
1911-10-06
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr 39. Die Wahrheit Seite 5. alle Frauen, denen er begegnet, mit dem Gesicht zn ihm gewandt, stehen bleiben, den Schleier lüften, und wenn die eine oder die andere vom Emir durch einen Gruß ausgezeichnet wird, so bedeutet, soviel, daß sie für den Harem bestimmt ist. Aber die schönen Damen von Buchara würdigen im allgemeinen eine solche Auszeichnung durchaus nicht und wenden verschiedene Kniffe an, um der Aufmerksamleit des Harems zu entgehen. So sieht man gar oft Frauen auf Krücken über die Straßen hinken, die zu dieser List nur griffen, um auf diese Weise sicher zu sein, nicht in den Harem kommandiert zu werden. Da der Emir durchaus keinen Unterschied macht, welchem Glauben die schöne Fran, die bei ihm Gefallen fand, angehört, und die bucharischen Jüdinnen sich durch besondere Schönheit und Anmut auszeichnen, so ist es nicht verwunderlich, daß sich im Harem des Emir auch zahlreiche jüdische Mädchen befinden, die durch die kaiserlichen Eintreiber in den Harem geschleppt wurden. Diese unglücklichen Mädchen werden, bevor sie dem Emir zugeführt werden, zum mohammedanischen Glauben überführt. Dieser Frauenfang im jüdischen Ghetto führt dann zu den unglaublichsten Tragödien. Zahllos sind die Fälle, in denen die Eltern durch alle möglichen Mittel das Gesicht ihrer Töchter verunstalten, um sie auf diese Weise vor den lüsternen Angen der Häscher des Emirs zu schützen. * * * Laut einem offiziellen Ausweise des amerikanischen Einwandernngsamtes sind im Monate Juli dieses Jahres insgesamt 6618 jüdische Einwanderer in Newyork gelandet. Davon waren 3433 Männer und 3183 Frauen. Es kamen aus Rußland 4799. Oesterreich und Ungarn 721, England 297, Rumänien 132, Türkei 110, Südamerika 73, Frankreich 60, Deutschland 34 nsw. Von den eingewanderten Juden blieben 4298 in Newyork und der Rest fuhr in die verschiedenen Teile des Landes weiter. Die jüdischen Einwanderer brachten zusammen 645.270 Dollar Bargeld mit. Die größte Summe,- die eine Person mitbrachte, betrug 16.000 Dollar. Unter den Einwanderern befanden sich 952 Mädchen, die ohne jede Begleitung gekommen waren, und 605 solche Personen, die erklärten, keine der lebenden Sprachen lesen oder schreiben zu können. Kais. Kat Oberkantor Josef Singer. Zu seinem 70. Geburtstage am 15. Oktober 1911. Es dürfte in der Geschichte des modernen Kantorates zu den Seltenheiten gehören, daß ein Mann in so bedeutsamer Stellung einen so hohen Markstein seines inhaltsvollen, der ernsten Arbeit gewidmeten- Lebens erreicht, ohne, wie es jetzt allgemein Gepflogenheit ist, in einzelnen, gewiß bemerkenswerten Etappen desselben ein Jubelbedürfnis empfunden und damit der Oeffentlichkeit Gelegenheit gegeben zn haben, seinem Wirken und Schaffen in der üblichen Weise Würdigung und Anerkennung zn zollen. Und so erscheint uns Josef Singer an dem Tage, da er das siebzigste Lebensjahr vollendet, nicht nur zum erstenmale, und vielleicht auch diesmal wider seinen Willen, als Jubilar, sonderrr auch als eine ganz eigenartige Individualität, die es jederzeit abgelehnt hat, ausgetretene Bahnen zn wandeln und mit der gewöhnlichen Schablone gemessen zu werden. Wer einer solche originellen Persönlichkeit gerecht werden will, der muß schrittweise ihrem Werdegange folgen, den innersten Motiven seines Trachtens und Strebens nachforschen, um so zn einer richtigen Bewertung derselben' zu gelangen. Als Sohn eines Chasens, der unter dem Namen „Srole Hlinik" einen weitverbreiteten, ausgezeichneten Ruf genoß und zu jenen traditionellen Meistersängern gezählt wurde, die in der ersten. Hälfte des vorigen Jahrhunderts besonders in den ungarischen Gemeinden durch ihre eigene Kunst sowie durch ihr treffliches Meschorerim-Ensemble gesangliche Triumphe feierten, hat Josef Singer nicht nur den religiösen Sinn, sondern auch das feine Empfinden und die Liebe für die duftigen Blüten des alttraditionellen Gesanges aus dem Elternhanse geholt, und es kann gewiß nicht Wunder nehmen, wenn später der reife Mann gerade diesem Gebiete des Synagogengesanges die eifrigste Pflege angedeihen ließ. Dem Vater mag es betreffs der Zukunft des Sohnes als ganz natürlich und selbstverständlich geschienen haben, daß der gesanglich und musikalisch talentierte Junge, der sich als „Singerl" so vortrefflich bewährte, nach den üblichen Lehr- und Wandel fahren als Meschorer sich dem kantoralen Berufe zuwende; aber die weiterblickende Mutter hatte, als die Frage spruchreif wurde, andere Pläne. Sie wollte, vielleicht der Neigung des jungen Singer entsprechend, ihn vor er ft mit Wissen und moderner Bildung ansgestattet sehen und so kam er an die Lehrerpräparandie nach Tyrnan, die er nach mehrjährigen Studien, während welcher auch das Hebräische und die Musik nicht vernachlässigt wurden, mit ausgezeichnetem Erfolge absolvierte. Mit dem Lehrbefähignngszengnisse als Hauptschullehrer in der Tasche, kehrte Josef Singer nach Hlinik zurück, wo er im Hause des dort begüterten Baron Popper die Erziehung der Söhne desselben leitete. Allein diese engbegrenzte pädagogische Wirksamkeit konnte den hochstrebendeu jungen Mann für die Dauer nicht befriedigen, zudem machten die Eindrücke seiner Knabenjahre sich wieder mächtig in ihm geltend. Musik und Gesang waren sein Element, die heiligen Melodien klangen in seinem Ohre und ihnen wollte er seine ganze Lebensarbeit widmen. Doch der Unzulänglichkeit seiner musikalischen Bildung bewußt, ging er zur^ Vervollkommnung derselben zunächst nach Prag mld dann nach Wien, wo er mit emsigem Fleiße und mit dem Ernste, der ihm bei allem zn eigen war, eingehende gesangliche tind musiktheoretische Studien betrieb. Wenn Singer vielleicht in manchem Momente seiner vorbereitenden Studien sich noch nicht vollkommen klar darüber war, ob er dem weltlichen oder gottesdienstlichen Gesänge sich znwenden sollte, so wurde sein Aufenthalt in Wien für die Entscheidung ausschlaggebend. In Wien, damals das Mekka aller Jener, die dem kantoralen Berufe sich widmen wollten, wirkte Salomon Snlzer, der Reorganisator und Schöpfer des modernen Synagogengesanges. Die Zaubergewalt des Meisters, der damals auf der Höhe seines künstlerischen Schaffens und Wirkens stand, übte mächtigen Einfluß auf den empfänglichen jungen Mann und wie er früher den duftigen Blüten des traditionellen Gesanges mit Innigkeit gelauscht, so nahm er jetzt in der unvergleichlichen Interpretation, wie sie nur der Meister geben konnte, die Klänge des „Schir Zion“ in sich auf. Nach solch ernster und vollkommener Vorbereitung für den kantoralen Beruf konnte Josef Singer den Anspruch auf eine beachtenswerte Stellung erheben und erhielt auch in Beuthen, einer altehrwürdigen und vornehmen Gemeinde in Oberschlesien, einen ansehnlichen Wirkungkreis. Hier war auch der ältere Weintraub, ein Sohn des berühmten Kaschtan, als Kantor tätig und Singer hatte Gelegenheit, aus dem reichen Melodienschatze, den dieser von seinem Vater übernommen hatte, voll zit schöpfen und noch tiefer einzudringen in das Singen und Sagen unserer Altvordern. Auch in anderer Beziehung bildete Beuthen eine wichtige Station seines Lebensganges. Hier führte Singer seine Gattin Othilde Ungar aus Andrychau heim und er hatte das Glück, an ihr eine Lebensgefährtin zu gewinnen, die, mit hohen Gaben des Geistes und des Herzens ausgestattet, dem idealen Streben des Mannes zu folgen vermochte und ihm durch ihre Intelligenz und Klugheit in manchen schweren Situationen seines Lebens eine kraftvolle Stütze war. Von Beuthen wurde Josef Singer nach Nürnberg berufen. Hier kam er in ganz andere synagogale Verhältnisse. In Beuthen war der Gottesdienst streng konservativ, in Nürnberg hyperfortschrittlich, ein Orgelgottesdienst nach Lewansdowskischem Muster. Bei feiner genauen Kenntnis des Alten und Modernen konnte ihn: selbstverständlich auch dieser Gottesdienst keine Schwierigkeiten bereiten, nur war er bei seiner ansgesprochenen Neigung sür das Traditionelle möglichst darauf bedacht. zwischen den beiden Richtungen ausgleichend zu wirken. In Nürnberg gewann Singer, der dort vielfache künstlerische und wissenschaftliche Anregungen fand, eine angesehene gesellschaftliche Position; bei den vornehmsten musikalischen Veranstal-

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