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Die Wahrheit · 1911-10-06 · Heft 39 (6.10.1911) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1911
Issue
Heft 39 (6.10.1911)
Date
1911-10-06
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. ' ‘ Die Wahrheit Nr. 39. „Pesti Napflos" brachte jüngst unter dem TstelJuden und die / Landwirtschaft" einen sehr lesenswerten Aussatz Und sagt u. a. folgendes: „Den.Anlisemitisnius suchen viele auch in der übermäßigen Beteiligung der Juden am finanziellen Leben, während fast jedes Kulturland über ein größeres Legat. ' über einen Verein oder über eine Genossenschaft verfügt, deren Zweck es ist, die jüdische Generation für Landwirtschaft, Gärtnerei und Gewerbe, zu erziehen, und will damit quasi beweisen, daß das ursprünglich agrarische Volt durch seine Lage auch heute noch zu anderen Erwerbsquellen zu greifen genötigt ist. Kann das Volk aber zur Scholle zurückkehreu, legt es sofort seine im Ghetto erworbenen Eigenschaften ab. . . . In Deutschland sind bereits mehrere derartige jüdische landwirtschaftliche Kolonien. Ein sehr reicher hannoverischer - Bankier namens Moritz Simon hat zur Erziehung jüdischer Landwirte und Gärtner eine beträchtliche -Summe hinterlafseu und aus seinem Fond wird die in der Nähe von Hannover in der Gemarkung der Ortschaft Ahlem befindliche bedeutendste jüdische Kolonie im Deutschen Reiche aufrechterhalten. Ideale uub teils höchst sentimentale Zwecke verfolgte der edelgesinnte Philanthrop und die größte Geuugtnuug und edelster Stolz der Verwaltung des ' Fonds ist die Tatsache, daß man in den sich fortwährend im Freien aufhaltenden, sonnengebräunten, stämmigen, gesunden Jungen die Sprößlinge des Ghettos kaum erkennen kann. Die' Wirtschaft dient in erster Reihe für Gärtnerei. Den Mittelpunkt, bildet das schon zmn wiederholtenmale erweiterte Erziehnngsinstitnt. ringsum befinden sich Wirtschaftsgebäude, Werkstätte und ein wunderschöner Justitutsgarlen. Ein besonderes Institut dient zur Ausbildung von Mädchen und ein ungefähr 80 Joch großes Stück Acker zur Ausbildung von Gärtnerjüngern. . . . Außerdem unterstützt der Simon-Fond 'bei sechzig jüdischen Volksschulen, damit ihre Zöglinge in der 'Gärtnerei Unterricht genießen und werden zu diesem Zwecke für jüdische Volkslehrer Lehrkurfe abgehalten, die reich besucht werden." ... Der sehr gediegene Artikel erwähnt auch die jüdische Kolonie in Steinhorst bei Isenhagen mit seiner rationellen-und großartigen Viehzucht und die Abiturienten sind da noch kräftiger und gehärteter, denn die harte Arbeit und das Umgehen. mit Hornvieh und Pferden bedarf mehr Kraft und Zähigkeit als die Pflanzenwelt. Der schöne Aufsatz fand in den weitesten Kreisen des. ungarischen Lesepublikums allgemeine Wertschätzung und Würdigung. 4- * S Die deutschen Antisemiten hätten anläßlich der Ermordung Stolypins gern wieder einmal einen frischen, fröhlichen Pogrom in Rußland gesehen und „Kreuz-Ztg." und „Deutsche Tages- Ztg." haben alles Mögliche getan, um die Leidenschaften der Bestie im Menschen zu entflammen; die letztere zweifelte nicht daran, „daß der junge Jude, der den Mordanschlag ausführte, v o it reichen I uden ged u n g e n w a r". Gerade die ..reichen Juden" in Rußlaud sind aber eines der stärksten Elemente der Ordnung; denn sie müssen bei einer allgemeinen Emeute des Pöbels gegen die Juden in erster Linie ihre Haut zu Markte tragen. Auch die Sozialdemokratie und der „jüdische A rb ei terb u n d", die erklärte Gegner des Terrors sind, haben 'mit dem Attentat nichts 'zu schaffen, dessen intellektuelle Urheberschaft gerade wegen der intimen Beziehungen des Mörders zu der Kiewer Ochrana in tiefes Dunkel gehüllt ist. Es find schon Stimmen laut geworden, die 'da meinen, daß'man die eigentlichen Anstifter des Attentates nicht in revolutionären Kreisen, sondern'in den Kreisen der reaktionären Gegner Stolypins zu suchen haben. Selbst Herr Prof. Th. Schiemann, der Aitslandsredakleur der „Kreüz-Ztg." > (20. 9.) scheint sich gewisser Besorgnisse nach dieser Richtung nicht entschlagen zu-können. Als die erste Nachricht über geplante terroristische Akte anftailchte und-ein entlaufener Sträfling, der an - der Pariser Konferenz der Sozialrevolutionäre teilgenommen hätte, verhaftet wurde, fand man bei ihm Briefe und Adressen, die zahlreiche andere Persönlichkeiten; kompromittierten, worauf dann ' weitere Berhasruugeu folgten. Genannt wurden u. a. mehrere Arbeiter, die Tochter eiues Staatsräts, eine Aerztiu und auch ein Reda kteur der ,>No moje Wremj a", M. I. Rogow. Also, selbst ein Redakteur des reaktionärsten Antisemitenblattes in Rußland stand, mit den Revolutionären in irgendeiner Ber-" bindung; das läßt allerdings tief, blicken. Prof. S ch i e in a n n - fällt bei dieser Gelegenheit überhaupt ein vernichtendes Verdikt über „Panrusslsmus und Repression", ein System, „das vou gerechten und billig denkenden Männern ausgeführl, zwar schwer zu tragen, aber immerhin zu rechtfertigen gewesen wäre, aber den Händen despotischer, w i 1*1 kürli ch er und zum Teil unlauterer P ersö nll i ch ke i t e n anvertrant, völlig tt^l ert r äg li ch werden mußte"? Das Vorgehen der russischen Regierung gegen andere ihr untertänige NätionaliMeil „bedeutete stets einen Rückschritt in der Kultur >und -eine Vergiftung loyaler G e s i n n it n g. Dazu ist dann weiter eine trotz der gesetzlich verbürgten Toleranz, intolerante nationalistisch gefärbte Ki r ch l ich kei t getreten, die Blüten getrieben hat, wie jenen I l i o d o r, ' der vor kurzem dem Kreise seiner Gläubigen predigte: „Wenn den Reichen ihre Häuser -demoliert und ihnen und den gottlosen Juden die Bäuche a ufge s ch litz t werden, so werden daran nur diese pseudogebildeten Dummköpfe und hartherzigen Reichen selbst schuld fein, welche das arme Volk knechten und berauben." Es muß in der Tat im Reiche des weißen Zaren ein grauenvoller Zustand herrschen, wenn selbst die „Kreuz-Ztg/V die vor 50 Jahren Rußland als „Hort der konservativen Interessen" feierte, heute „die r n ck h a l t l o s e A n er k e unun g der einmal verliehenen V erfassn u g, Beseitigung aller Ausnahmegesetze bei strenger und gerechter Handhabung des geltenden Rechtes -und -Anerkennung des historischen Rechtes für um e r l ä ß l-i ch" hält und -von dem Mhrer der Nihilisten, ..Fürsten Krapo l-k-in, sqgt: „Er wäre auf dem Boden jedes anderen S t a a t e s eine Zierde seiner Nation gewesen." . - .. . ■ ■ Ä-; ■’ ' Infolge der vielen.Klagen jüdischer Auswanderer über schlechte Behandlung auf den Schiffen des Norddeutschen Lloyds hatte die Verwaltung der Jüdischen "Eniigratiousgesellschaft in Kiew eine Beschwerdeschrift an die Direktion der genannten Schiffahrtsgesellschaft.gerichtet. In dem Schreiben war u. a. betont, daß die Emigrationsgesellschaft, 'falls ihre Forderungen betreffs einer -korrekten, Menschenwürdigen Behändlung der '/jüdischen Zwischendeckpassagiere nicht -erfüllt werden sollten, genötigt wäre, die Beförderung der nach G a-l v e st o n bestimmten Allswanderer auf den Schiffen einer anderen Gesellschaft zil bewerkstelligen. Daraufhin erhielt der Vorstand der -Emigrationsgefellschast von der Direktion des Lloyd die-Mitteilung, daß eine auf dem Dampfer„Hannover" eingeleitete - strenge Untersuchung die Berechtigung einer Reih e von K-lag e.n erg e b em h a t, die seitens der jüdischen Passagiere dieses Schiffes erhoben worden waren. Demzufolge sei der erste Offizier der . „Hannover" entlassen und der. zweite Offizier strafversetzt worden. Die schuldigen Matrosen mild Schiffsdiener würden streng -bestraft werden. Auch der Kapitän der „Hannover", der für das Verhalten der Schiffsmannschaft verantwortlich sei, habe eine nachdrückliche Verwarnung erhalten. Die Direktion des Nordd^ Lloyd spricht schließlich ihre Ueberzengung aus, daß .die /getroffenen strengen Maßnahmen zu den gewünschten Resultaten nicht nur auf dem Dampfer ..Hannover", sondern auch auf'.den anderen Schiffen des Nordd. Lloyd führen werden. Die Direktion werde ihr besonderes Augenmerk auf-die anständige Behandlung der.jüdischen Zwischendeckpassagiere richten.. .In einem zweiten Schreiben teilt-die Direktion des Lloyd mit, daß-sie Vorsorge getroffen -habe, um die Uebelstände, die sich .hinsichtlich der -Beköstigung der .jüdischen -Emigranten - ergeben hatten, abzustellen. " * * ' * ■. Der Emir lpon Buchara ist -Unter allen asiatischen Füksteu der einzige, 'dessen Harem auch -heute ltoch -eine ungemein /große Zahl von Frauen .aufweist. In beü Mitteln,' Frauen 'für seinen Harem:zu gewinnen, :ist -der Emir duvchäus rüi'cht:wählerisch. I So oft eine kaiserliche Müjestät durch die Straßen fährt, müssen

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