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Die Wahrheit · 1911-10-06 · Heft 39 (6.10.1911) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1911
Issue
Heft 39 (6.10.1911)
Date
1911-10-06
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Redaktion nud Administration: Wien, II/, Nvvaragasse 27 Telephon: Redaktion 5509/IV. Unabhängige Aertfchrift für jüötsche Verugs-prei»: Ganzjährig.K 14.— Halbjährig.K T.— Administration 49S8/II. Ä. k. bsterr. Postsparkaisa» Scheck-Konro Nr: 100.918. Juterefeu. Für DiltuSbeamte: Ganzjährig.K 10. — Inserate: Die viermal gespaltene Nonpareille-Zeile 25 Heller. Erscheint jeden Ireitng. Für Ausland: ' Abonnementsltub Insertion«- G»„ziährlg.8 Mark benage sind in Wien zahlbar und klagbar. Motto: „Das Siegel Glottes ist Wahrheit!“ t> Rubel oder l» Frei». Nr. 39 Wie», 6. Oktober 1911. Inhalt: Aus der Woche. — Kaiser!. Rat Oberkantor Josef Singer. — Rassenproblem und Judensrage. — Die Juden in Rumänieu. — Verschiedene Nachrichten. — Ein Phantom. — Feuilleton: Die Brautwahl. — Austritte aus dem Judentume. Abonnements-Einladung. Aie geehrten Kerren Monnenten werden um umgehende Erneuerung des Abonnements für das am t. Hktoöer 1911 begonnene 4. HuartaL ersucht, damit die regelmäßige Expedition des Blattes keine H'lnterbrechnng erleide. Abonnements-Bedingungen: Kanzjährig Kr. 14.— Kalbjährig Kr. 7.—, Vierteljährig Kr. 3.50. K. r. Poftsparkasfen-Konto 1OO.S18. Probenummern gratis zur Verftigung. Aus der Woche. Die christlich-soziale Partei, die in der Bevölkerung von Tag zu Tag an Anhang verliert, aber in der Verwaltung der Stadt Wien und des Landes Niederösterreich noch immer allmächtig ist, hat Ernst Schneider, der von Lueger kaltgestellt wurde, wieder in die Höhe gebracht und ihn als Nachfolger Geßmanns sogar mit dem Schulreferate im Landesausschusse betraut. Dieser bildungs- und kulturfeindliche Geselle, dieser hasserfüllte, blutrünstige Fanatiker Unterrichtsminister von Niederösterreich, das ist wo die größte Ungeheuerlichkeit, zu der sich die antisemitische Partei in ihrer Degeneration versteigen konnte, ein Faustschlag ins Gesicht der gesummten gebildeten Oeffentlichkeit. Wie ein Ertrinkender sich am Strohhalm klammert, so glaubt vielleicht die christlichsoziale Partei durch eine stärkere Akzentuierung des antisemitischen Standpunktes, die in der Wahl des Mechaniker Schneider zum Landesausschusse und Schulreferenten ihren Ansdruck sinden soll, die immer lichter werdenden Reihen ihrer Genossen zu verstärken. Aber alle diese Künste und Spiegelfechtereien sind vergebens und nur sichere Anzeichen ihres Niederganges. Reich und übervoll ist das Maß ihrer Sünden, verhängnisvoll sind die Folgen ihrer Politik, die zu Teuerungsexzessen, Blutvergießen und in fernerer Konsequenz auch zu Revolverschüssen im Abgeordnetenhause führten, und mögen sie sich äußerlich noch so übermütig zeigen, innerlich sind sie morsch und zerfallen und hoffentlich ist die Zeit nicht mehr so ferne, wo sie von ihrem wohlverdienten Schicksal ereilt werden. 4- -i- Goldene Priesterworte von konfessioneller Duldung hat jüngst der neuinstallierte Bischof des reformierten Kirchendistrikls jenseits der Tisza, Dr. Desiderius Balthasar, in seiner Programmrede ausgesprochen: „Es kann nicht die Aufgabe der verschiedenen Konfessionen sein," sagte er, „daß fie schon in den Schulen die Scheidelinien markieren und dann den Grenzgraben vertiefen, die die Menschen trennen, vielmehr muß es ihre heiligste Aufgabe bilden, die Summe von Liebe, die in der Brust ihrer Bekenner anfgehäuft ist, in den Dienst des uns allen gleichteuren Vaterlandes zu stellen, das uns, wenn wir seine Kraft erhöht, seinen Glanz vergrößert und seine Macht gestärkt haben, die Sicherheit des Körpers und die Heiligkeit der Seele gewährleistet." . . . 4- * Auch eine ' jüngst erfolgte Enunziation des ungarischen Ministerprästdenten gibt den erfreulichen Beweis, dass man in maßgebenden Kreisen Ungarns gewillt ist, antisemitische Uebergriffe, wie sie hie und da besonders in letzter Zeit von Keinen Verwaltungsorganen geübt wurden, nicht aufkommen zit lassen. Wie bekannt, wurde kürzlich in der uordnugarischen Ortschaft Stroyko der Tischlermeister Tkatsch, der durch 17 Jahre daselbst redlich seinem Gewerbe nachging, infolge einer Verfügung der Komitatsbehörde samt seiner Familie ausgewiesen. Tkatsch appellierte an das Miltifterinm des Innern, das nach Prüfung der Akten dem Manne zu seinem liechte verhals. Ministerpräsident Khuen-Hedervary, bei dem der Redakteur Max Szabolcsi und der Abgeordnete Paul Farkas in dieser Angelegenheit intervenierten, äußerte sich zu den Herren in folgender Weise: „Die Akten der Angelegenheit kenne ich nicht, und so kann ich von der Sache selbst keine Meinung abgeben. Soviel kann ich Ihnen aber schon jetzt sagen, daß ich die Ausweisung arbeitsamer Bürger, ohne daß sie ein schweres Verbrechen begangen hätten, oder ohne daß ein besonderes Staatsinteresse dies nötig macht, absolut nicht gutheißen könnte. Am wenigsten würde ich dies aber gutheißen in solchen Fällen, wo dies den Schein einer konfessionellen Verfolgung, des Antisemitismus, was ich vom Herzen verabscheue, hätte. Denn dies würde auch den Glauben wecken, daß die ungarische Regierung solche konfessionelle Tendenzen billigt, duldet und unterstützt.. Ich bin stolz darauf, daß der ungarische Liberalismus den Antisemitismus. diesen abscheulichen, finstern Gast der letzten Dezennien, bei uns nie Wurzeln fassen ließ. Und Sie können überzeugt sein, daß ich meinerseits stets diesen liberalen Tendenzen folgen werde." 4- 4- 4-

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