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Die Wahrheit · 1911-09-29 · Heft 38 (29.9.1911) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1911
Issue
Heft 38 (29.9.1911)
Date
1911-09-29
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Sette 8. Die Wahrheit. Nr. .38. gäste herbeigeeilten Oberrabbincr von Kaschau, Ofen und Aranyos-Maroth und zahlreicher Deputationen der Nachbargemeinden statt. Das prächtige Gotteshaus, ein schöner Kuppelbau in maurischem Stile, der eine architektonische Sehenswürdigkeit und Zierde der Stadt Neutra bildet, ist nach den Plänen des Architekten Leopold B au m h o r n, des berühmten Erbauers des S z e g e d i n e r Tempels, welcher als einer der schönsten Gotteshäuser des Kontinents gilt, erbaut. Die Einweihungsfeierlichkeit chegann mit einer im Bethause abgehaltenen Festsitzung, wobei d er Kultus - Präsident Herr Dr. Grünfeld Natan die Entwicklung der Gemeinde und des Tempelbaues in markigen Worten skizzierte, den Spendern/Behörden and allen, die in tatkräftiger Weise zur Vollendung dieses Herrlichen Gotteshauses beitrugen, seinen wärmsten Dank aussprach und seine Rede mit einem innigen Gebet für König und Vaterland schloß. Sodann.begaben sich die Festgäsie in feierlichem Zuge unter Führung des Gemeinde- Präsidenten B e r ö Artur vor den neuen Tempel, woselbst ' Architekt Baumhorn, mit einer kurzen Ansprache die Schlüssel des Tempels dem Gemeindepräsidenten feierlichst übergab. Kultuschef Dr. Grünfeld wandte sich hierauf au den ältesten der anwesenden Rabbiner, Herrn .Oberrabbiner Dr. Jozsef Klein aus Kaichau. mit' folgender Ansprache: Ehrwürdiger Herr Rabbiner! An Sie als den .amtsältesten der Hier ^anwesenden Rabbiner wende ich mich mit den Worte» des Psalmrsten: -Oeffnet mir die Pforten der Gerechtigkeit, damit ich einziehe und-lobpreise.denn Einig Einzigen, der da war, ist und ewiglich sein'wird. Offnen Sie. das-Tor der Gotlesstätte und im Vereine mit Ihren geehrtes Rabbinerköllegen. : führen Sie die Gemeinde in den Tempel,/damit wir daselbst-'das'erste Gebet inbrünstig verrichten. Der Oberrabbiner von Kaschau entledigte sich des ehrenden Auftrages, öffnete das 'Haupttor und nust. strömten, die Festgäste in das glänzend beleuchtete Gotteshaus, alle Räume desselben, bis aufs letzte Plätzchen füllend. Nun intonierte Oberkantor' Simon Deutsch, - der sich b e r e i t s w ä h r e n d d e r k u r z e n Z e i t s e i n er h i e s i g e n A m t s w i r k s a m k e i t die Sympathien der Gemeinde erworben hat, den Snlzer'schen Matowu in Begleitung eines gut geschulten Männerchores und entzückte mit diesem Gesänge die andächtig versammelte Menge. Nach Einstellung der Torarollen in die Bundeslade zündete Rabbiner Dr. Silberfeld ans Aranyos-Maroth mit dem üblichen Gebete das ewige Licht an, woraus der Neutraer Oberrabbiner Dr. Dav. Klein die erste Emweihungsrede hielt. Hierauf folgte das Minchahgebet sowie Psalm 115 und 160 vom Kantor und Chor wirksam vorgetragen und dann bestieg der als Publizist wie als glänzender Kanzelredner'bekannte Ofner Oberrabbiner Dr. Arnold K i ß die Kanzel und in einer fast einstündigen Rede begeisterte er die Zuhörerschaft derart, daß nur die Heiligkeit des Ortes dieselben von rauschenden Beifallskundgebungen abhielt. Nachdem nun noch Oberrabbiner Dr. Jozsef Klein-Kaschaü eine zweite, überaus feffelnde Festrede gehalten hatte, schloß die erhebende Feier mit dem vom Männerchore vorgetragenen „Königs-Hymnus". Am Abende versammelten sich die Festteilnehmer und unter diesen die Spitzen der zivilen und anderen Behörden zu einem Bankett, das in animierter Weife verlief und durch zahlreiche Toaste gewürzt wurde. Jüdische Bühne. Direktion M. S i e g l e r. Hotel Stefanie, XL, Taborstraße 12. Ab Dienstag, den 3. Oktober, täglich 8 Uhr abends : „Das j ü d i i ch e H e r z", Operette von I. Latainer. Sonntag Nachmittag halb 4 Uhr zu ermäßigten Preisen „Die goldene Hochzeit" von I. Latainer.• ' ' ' ' Are ZLrautrvaHk. Humoreske von Babette Fried. 1. Der Entsch luß. Die Gemeinde Waslowice galt als eine der frömmsten im ganzen Bezirke. Diesen Berus verdankte sie nicht zum mindesten ihrem Rabbi, welcher als Vorbild aller menschlichen und jüdischen Tugenden in seiner Gemeinde wirkte, und mehr als dies, bei dieser auch Anerkennung und Nachahmung seines frommen Lebenswandels fand. Die Liebe, welche die guten Waslowitzer für ihr geistiges Oberhaupt empfanden, wurde jetzt durch das Mitleid vermehrt, welches ihnen dessen verlassene Lage einflößte. Der Rabbi Naftali Herz war seit mehr als Jahresfrist Witwer und wurde von seiner, ihm den Haushalt führenden Schwester mehr tyrannisiert wie gepflegt. So saß der Rabbi eines Tages wieder eifrig an seinem Arbeitstische, welcher sich , unter der Last der Folianten beugte, welche von dem Fleiße ihres Besitzers Zeugnis ablegten. Da wurde ohne vorheriges Pochen die Türe mit Wucht aufgerissen und hinein stürzte eine in Zornesröte erglühende Dame, eifrig mit den Händen gestikulierend. . Erschrocken fuhr der in. seiner Forschung vertiefte Rabbi in die Höhe. - - Was ist geschehen, Schwester/doch kein Unglück? Und was für eines, gellte die Gefragte. Hat mir die Schlemilte4), die Mad, die Milch unter einem fleischigen Topf auslaufen lassen und ihn. trefoli2) gemacht. i) Ungeschickte. ^Ungenießbar. ' / Das ist alles, sagte kaltblütig der Rabbi,. nun. gib dem Topf weg, und kaufe einen andern. Und obendrein ist das Ghuzpepönem3) noch keck geworden. Es ist mit ihr nicht zum. Aushalten. Nun so gib sie weg, und nimm dir. eine andere, lautete die Antwort, nur stör' mich nicht in der Arbeit. . . . Ja stör' mich nicht, das sagst du immer,, aber ich sag dir„ Bruderleben, ich geh fort, wenn du nicht bald wieder heiratest^ Ich will nach Haus zu'meinem Mann, zu meinen Kindern. Heiraten, sagte der Rabbi gedehnt, heiraten soll ich? das ist zum Lachen. Red keine Narrheiten, und geh zu deiner Wirtschaft, daß dir die ungeschickte Mad nicht noch ein wirkliches Unglück anstellt, und weiter,, daß ich kein solches Wort höre.. Verstanden? Adje! . Geh' leoUsgirn ulesclioliin 4), Schwester und sei nicht bös £ Einem abziehenden Gewitter gleich, noch immer grollend, entfernte sich die Schwester des Rabbi. .Dieser begann seine Forschung aufs neue. Da pochte es an die Türe. Fast unwillig, klang das „Herein", welches den Besucher znm Eintritt aufforderte. Doch heiterte sich die Miene des Rabbi wunderbar auf, als er sich dem Eintretenden, zuwandte. Willkommen,. teuerer Freund, so rief der Rabbi, wie freue ich mich, Sie wieder einmal bei mir zu sehen. Das glaube ich Ihnen vom Herzen, mein würdiger Freund, denn Ihnen sind konventionelle Phrasen ebenso fremde als mir selbst Heuchelei. Darum sage ich unverholen: Ich freue mich nicht soganz über Sie und über Ihr Aussehen. Warum denn? Nnn grad heraus. Sie sehen miserabel aus, bleich, vergrämt, vernachlässigt. Das scheint Ihnen nur so, weil Sie eben zu einer Stunde gekommen sind, wo ich einen kleinen häuslichen Verdruß nicht ganz, überwunden hatte. Ich bin an dies kleinliche Treiben nicht gewöhnt, meine Selige hat mich immer mit Wirtschaftssorgen verschont. Das eben ist es, rief der Gast, Doktor U. W. Sittig; so soll es auch wieder werden. Sie müssen wieder heiraten, um dieses Aergers enthoben, zu sein, um Ihre Ruhe und Pflege zu finden, kurz um Ihre Gesundheit nicht weiter zu gefährden. Der Rabbi lächelte. Soeben meinte dies, wenn auch aus einem andern Grunde, meine Schwester. Aber wie könnte ich das Andenken an meine geliebte Frau so entehren, indem ich ihr eine Nachfolgerin gebe? Und aufrichtig gesprochen: Sehe ich aus wie ein Heiratskandidat? „Darüber steht mir . keine- Entscheidung zu. Ich sage aber als Freund .und als Arzt das Eine: Sie müssen heiraten l" Niemals! .Ist dies Ihr letztes Wort? Mein Letztes! Also Adje, rief der Doktor grollend. Adieu, tönte es ihm zurück. Allein zurückgeblieben beugte sich der Rabbi wieder über seinen aufgeschlagenen Folianten, konnte aber nicht die Stimmung zu seinem Studium finden. Die Worte: „Du sollst heiraten" schwirrten ihm vor den Ohren, schienen ihm aus jedev Spalte seines Sefer°) hervorzugrinsen. Jetzt klopfte es wieder an die Stubentür. Unwillig blickte der Rabbi auf und scholl gewohnheitsmäßig seine Brille auf die hohe kahle Denkerstirn, und rief sein. „Herein!" in einem Tone, der alles eher, als einladend klang. Trotzdem öffnete sich die Türe und herein trah umgürtet mit dem ganzen Stolze seiner Stellung, eine hohe korpulente Gestalt, welche Äußerlich ebenso herzlich bewillkommnet wurde, als vor einer Stunde der vom Rabbi immer gerne , gesehene Doktor, wenn auch der neue Gast dem Hausherrn nicht. so ganz sympathisch war. . (Fortsetzung folgt.) 3) Kecke. 4) In Gottes Namen. B) Buch. : Manuskripte sind zu senden an den Chefredakteur Dr. M. Löwy, II. Afrikanergasse II.

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