Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1911
- Issue
- Heft 38 (29.9.1911)
- Date
- 1911-09-29
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Sette 9. Nr. 38^ Oesterr.-ungar. Kantoren-Zeitung Schire bes Jausef. Nagykanizsaer gottesdienstliche Gesänge für das ganze Jahr für Kantor, Solo, Soli, Chor mit und ohne OrgelbegleiUmg. Kompdniert vom Mnsikprosesior Leo Kartschmaroff, Oberkantor der israelitischen Kultnsgemeinde Nagykanisza. Besprochen durch kaiserl. Rat Josef Singer in Wien. (Schluß.) Allein 'unsere komponierenden und nicht komponierenden Kantoren-Epigonen betreten den geradezu umgekehrten Weg, sie kauen das ganze liebe Jahr — und fangen im neuen Jahre wieder Don vorne an — an dem abgenaglen Knochen irgend eines landläufigen Lecho dodi, versündigen sich jedoch dafür an der systematischen Neugestaltung des traditionellen Chasonus in einer Weise, daß man hierüber ganz interessante Abhandlungen schreiben könnte. Da erweist sich Kartschmaroff. dessen kantoraler Ruf weit in die Jahrzehnte hinauf reicht, auch als der rechte Mann der Tradition. Er veröffentlicht allerdings auch einen neuen Lecho •dodi, fügt auch eiuen Liüras schadbos und Loi ^68cholom hinzu, läßt jedoch alle übrigen Gebetsstrophen ruhig außeracht, in der Voraussetzung, daß wnhrlicb g e n u g Li8oreri existieren; er schreibt auch ein Ma godlu-Rezitativ mit Orgelbegleituug, welches sowohl in der Mnsikillustration des Wortes als auch in der modulatorischen Gestaltung geradezu als meisterhaft bezeichnet werden muß. Allein, wir können das Geständnis nicht zurückdrängen, daß der traditionelle Geist des 8chir Zion auch innerhalb dieser Töne, wie auch in dem hierauf folgenden Adonoj molooh Nr. 6, wie auch in dem weiteren Mah godeluli Nr. 7 wirksam in die Erscheinung tritt. — Nicht etwa abgeschrieben! Beileibe nicht! Nicht ein musikalischer Gedanke erscheint hier entlehnt; — doch, was Gestaltung, Rhythmus, Gruppierung der Worte sowie der Musikgedanken betrifft, steht Freund Kartschmaroff unter der geistigen Fessel des Lchir Zion. Mau betrachte nur weiter Nr. 20 Mögen owaus. Auch hier erweist sich Kartschmaroff — vielleicht ganz unbewußt,' vielleicht auch bewußt — als Mann der 8chir Zion-Tradition. Und, gestehen wir es nur ganz offenkundig, dieses musikalische Glaubensbekenntnis erhebt Kartschmaroff turmhoch über so manchen Synagogen-Komponisten der jetzigen Periode. Auch die ganz charmanten kontrapunktistischen Schenkungen und Fughetten (Adon olom Nr. 6) können sich, was Struktur und Stoffanwendnng betrifft, des Einflusses des Würfelschen Adon olom nicht entschlagen, trotzdem auch hier an ein melodisches Entlehnen nicht gedacht werden kann. — Doch, wir bemerken Plötzlich, daß wir unwillkürlich ins Besprechen geraten — und das beabsichtigen wir nicht; darum brechen wir plötzlich ab und überlassen eine etwaige Besprechung einem anderen. Doch nur eines müssen wir noch erwähnen, und zwar die traditionsgesanglichen, feinziselierten Sächelchen, mit denen uns Kartschmaroff beschenkt; die mannigfaltigen "Weschomeru, 'wajechulu, Elohenu wie auch Reze, Jechadeschehu, die verschiedenen Keduscha, Tal und G-esehem, Pismonim für TSeilali, die verschiedenen Se’chor rc., die uns alle mit einer Liebenswürdigkeit entgegentreten, als lächelte uns ein altes Mütterchen entgegen, dem Meister Kartschmaroff mit seiner musik-kosmetischen Kunst die fatalen Altersfnrchen ans dem Gesichtlein geglättet. Das ist die Kunst des geübten und im Amte reich erfahrenen pn und dieser Kunst spenden wir voll und ganz uusern Dankeszoll. Die aufstrebenden Kantoren und Kantoratskandidaten werden hier für ihre weitere Fortbildung Stoffe finden, die sie in den anderen Werken vergebens suchen dürften. Zum Schluffe nur ein Wörtchen über die Orgel. Es ist •allgemein bekannt, daß der Schreiber dieser Zeilen schon seit Jahrzehnten zu den Gegnern der Orgel in der Synagoge zählt, trotzdem er verurteilt war, schier ein Jahrzehnt während seiner Nürnberger Wirksamkeit selbst mit der Orgel zu arbeiten. Lebten t)ie beiden seinerzeitigen Synagogenorganisten Emmerling und Bayerlein noch, sie müßten bestätigen, daß meinerseits die Orgel in der Synagoge nur dann gutgeheißen wurde, wenn dieselbe charakteristisch jüdisch spielte. Hier chei Kartschmaroff finden wir diese unsere seinerzeit knndgegebene Anschauung vollgiltig verwertet. Klingt das Orgelvorspiel zu Unesaneh tokef Nr. 80 und das Zwischenspiel vor Uweschofor godol nicht wie ein Nesboreh des einstigen Meschorer? Oder ist das Vorspiel vor Olenu Nr. 84 etwas anderes? Hier finden wir keine weißem Choral-Noten; dafür aber macht sich das Steiger-Jntervallengefüge in einer Weise bemerkbar, daß uns der Ausspruch auf der Zunge schwebt: Nun, eine solche Orgel könnte sich vielleicht den Tendenzen des Synagogengesanges allmählig anschließen, um in weiterer Folge zur Freiheit zu gelangen, vielleicht auch zu dominieren. So zeigt sich uns Freund Kartschmaroff allenth alben, wohin wir auch blicken, als Vertreter des Traditionsgedankens und die Veröffentlichung des vorliegenden Werkes war auch insofern eine segensreiche Tat, als die in demselben vorfindlichen gesanglichen Darbietungen erschöpfend dokumentieren, unter welchem Gradmesser Synagogeugesänge zu komponieren seien. Mögen nun die Blätter hinausflattern ins syuagogale Leben, dieselben werden ihre Anfgabe allenthalben erfüllen. Dilatationen des ö|t~utig.. Üimtorm-lereines. In der Mittwoch, den 20. d. M. stattgehabten Borftandssitzung des öfterr.-ltng. Kantoren-Vereines wurde unter anderem beschlossen, dem nach langjähriger Amtstätigkeit in Pension getretenen Vereinsmitgliede D. K o hn in Rakouitz den statutarischen Jnvaliditätsbeitrag zu bewilligen. Gemäß den Bestimmungen der Statuten werden die geehrten Vereinsmitglieder hiemit aufgefordert, den für solche Fälle stipnlierten Pflichtbeitrag von 2 Kronen mittelst Erlagscheines an das Postsparkassen-Konto des Vereines oder mittelst Postanweisung an den Vereinskassier, I. Kantor S. I u r b e r g e r, Wien, H., Tempelgasse 3. ehebaldigst einzusenden. In der gleichen Sitzung wurde beschlossen, die vom Vereine gegründete Kantorenschnle am 1. November 1911 zu eröffnen itnd hierüber die nachfolgende Kundmachung zu verlautbaren. Der Lehrplan der Schule, der der kompetenten Behörde bereits vorgelegt ist, wird gleichfalls demnächst veröffentlicht werden. Die Schule hat zwei Jahrgänge, einen Vorbildungs¬ und einen Ausbildungskurs und ist bei Nachweis der nötigen Borkenntniffe auch der sofortige Eintritt in den 2. Jahrgang möglich. Wien, im September 1911. Der Borstand des österr.-ung. Kantoren-Vereines. Kautoreu-Dildnngsanstatt. Kundmachung. Am 1. November wird die behördlich genehmigte Kantorenschule des österr.-ungar. Kantoren-Vereines in Wien eröffnet und haben sich die Aufnahmswerber bei dem gefertigten Bereinsvorstande bis 15. Oktober a. c. schriftlich zn melden. 'Aufnahmsbedingungen: Vollendetes 19. Lebensiahr» bildungsfähige Männerstimme, Nachweis der nötigen Kenntniffe im Hebräischen und der allgemeinen Bildung, soweit dieselbe durch Absolvierung einer unteren Mittelschule oder einer Bürgerschule erreicht wird. Der Bildungsnachweis, insofern er nicht durch das Zeugnis einer öffentlichen Lehranstalt erwiesen wird, kann durch eine Prüfung bei der Aufnahme in die Kantorenschule oder im Laufe des Studienganges erbracht werden. Dauer des Studieugauges in der Kantorenschule: zwei Jahre. 1 Jahr Vorbildung, 1 Jahr Ausbildung. Bei genügenden Borkenntniffen kann auch die Aufnahme in den Ausbildungskurs erfolgen. Schulgeld: Bei Absolvierung beider Jahrgänge 300 K jährlich, für den Ausbildungskurs allein 400 K. Das Schulgeld ist vierteljährig im Vorhinein zu entrichten. Einschreibegebuhr 6 K. Besonders talentierte oder gänzlich mittellose Aufnahmswerber können vom Schulgelde zum Teile oder gänzlich befreit werden. Wien, im September 1911. Der Borstand des österr.-ungar. Kantoren-Vereines: kaiserl. Rat Josef Singer Jakob Bauer Präses. I. Bizepräfe».