Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1911
- Issue
- Heft 38 (29.9.1911)
- Date
- 1911-09-29
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 Die Wahrheil Nr. 38. durch die Gemeinsamkeit der Abstammungzusammengehörige Menscheukategorie auch ein bür g e r li ch org a n i s i e r t e s Ganzes darstelle, und.es steht leider außer Frage, daß heute nicht nur die st a atli ch e,. r e ch t l.i ch e und s p r a ch l i ch e, sondern auch die k u l t u r e l l e Zusammengehörigkeit a u f g e - - hört hat. ein einigender Faktor der Judenheit zu sein, daß wir diese Homogenität, die uns zu einer Nation wieder machen soll, e r st f ü r d i e Z u k u n f t erstreben. Die bisherige Theorie hat also außerordentlich starke Gebrechen, und zum Teil sind es nicht äußere, sondern sind es diese i n n e r u Grunde.. obwohl die innere Wahrheit des Zionismus von diesen Schlußsolgerungen ganz unabhängig ist, die die Propagaudakrast unserer Idee noch lähmen mußten. Auch ist dieser Nationalismus viel zu sehr ans die subjektive Richtung des Denkens und Wollens aufgebant, auf das bloße nicht immer gleich stark ausgeprägte nationale Gefühl und zu wenig auf die o b j ekt i v e Tat s a ch e, daß z. B. die Assimilation des Blutes, d. h. die Mischehe, ein viel schwereres, weil irreparables Vergehen gegen das eigne Volk darstellt als die bisher allein so stark befehdete kulturelle und Gesühlsassimilation. Wir müssen aber bestrebt sein, aus der Argumentation unserer Idee alles Problematische zu entfernen und ihre Fundamente aus Quadern anfzurichten, deren Objektivität auch von der schärfsten Kritik nicht, angezweifel werden kann. Nicht viel besser aber als mit der nationalen geht es mit unserer sogenannten sozial-ökonomischen Argumentation, obwohl gerade diese eigentlich lückenlos und völlig in sich geschlossen aussieht. Ein über die Möglichkeit eingeschränktes Existenzminimum der jüdischen Massen infolge des Fehlens von Arbeitsgelegenheiten in den Elendgebieten des Ostens, ungeheure Dimensionen anuehmende Massenwandernngen bei zunehmender Tendenz nach Abschluß der Jmmigrationsländer. Daher die zweifellose Notwendigkeit der Schaffung eines Refugiums für die Fluten dieser modernen Völkerwanderung. So zwingend aber auch diese Argumentation zu sein scheint, so muß uns doch die Liebe zur Wahrheit zu dem Geständnis zwingen, daß sie in dieser Form die Argumentation des Zionismus nicht werden dürste. Palästina ist zwar vollauf geeignet, der Kriftallisaiionskern einer neuen kräftigen Judenheit zu werden, aber alles ist, wenn wir ehrlich zu uns selbst sein wollen, eher möglich, als daß es gegenwärtig ein Refugium für die Hochflut der städtisch proletarischen Auswanderermassen werden könnte. Die Grundelemente der neuen Ansiedlnng müßten wirklich von Grund auf in langwieriger und umsichtiger Arbeit in elementarer Form erst neu errichtet werden und ein gütiges Schicksal bewahre unsere herrliche Idee vor her unvermeidlichen Katastrophe, wenn ein beruflich nicht gegliedertes Heer von Hunderttausenden auf einem dazu nicht vorbereiteten Boden ihre Pioniere sein müssen. Ich will also wiederholen, daß sowohl die gegenwärtige sozial-ökonomische Argumentation ebenso wie die bisherige nationale Argumentation nicht die ganze Tiefe unseres großen Problems erschöpfen, ja daß uns manchmal sogar diese Argumentationen selbst pro b l e m atisch erscheinen müssen. Und doch erscheint es einer eindringendeu Analyse nicht unmöglich, bis in jene Tiefen der Argumentation gelangen zu können, die gemeinsame Basis darstelleu aller bisher so gegensätzlich scheinenden Entwicklnngslinien. ja von uns sogar für die Betrachtung unserer Aufgabe eine Perspektive einer so ungeheuren Wirkungskraft eröffnen, wie sie, wenn zum Gemeingut der Judenheit geworden, vielleicht überhaupt kaum mit irgend einer andern Sache verglichen werden kann. (Fortsetzung folgt.) Die Psalmen als Schnllmch. (Schluß.) Geben wir die Möglichkeit zn, daß noch im Jahre 87 Psalmen verfaßt wurden (Hitzig a. a. O.), dann ist gar nicht abzusehen, wann diese abgeschlossen wurden und dann fragt es flch, aus welchem Anlässe und warum dieses .wichtige Ereignis nirgends -angemerkt wurde. s■/;$;• . .; Diese Fragen aber fallen fort,- wenu wir annehmeu, .daß die Männer der großen Versammlung. die. Psalmengesammelt und abgeschlossen haben. >1:. ... / .. Kraft der ihnen von Moses mittelst Josna>- der Alten lind Propheten übertragenen Autorität-fiel diese Arbeit in den Bereich ihrer Tätigkeit. (Ahoth 1, 1). 4 Die Sopherim, welche - alle. Bücher der hl. Schrift sammelten, haben auch die, Psalmen in. ihrer gegenwärtigen Form. abgeschlossen. Wie sie um die Thora einen Zaun machten, so haben sie auch, um die Psalmen Schrankengezogen, welcheverhindert was in einem literarisch schöpferischen Zeitalter zu. befürchten war, daß kein neuer Psalm eingeschmuggelt--werde. (Koheleth 12, 12). Jm sopherischen Zeitalter hat es auch nicht, an Gelehrten gefehlt, die sich zur Sammlung - der Psalmen/berufen' fühlten und die sich der Aufgabe unterzogen, zum Gebrauche für den Gottesdienst und. das Lehrhaus eine Sammlung, der Psalmen anzulegen. Sie verfuhren dabei wie bei der Sichtung des Textes des Pentateuchs. Wenn sie einen Psalm in zwei verschiedenen Versionen vorfaudeu und sie über die - Richtigkeit der einen oder der anderen im Zweifel waren, wurden, beide an zwei verschiedenen Stellen ausgenommen. . Aus diese Weise erhielten.sie die Parallelkapitel wie Ps. -14. und 53, die von einander au 6 Stellen, und zwar 14: 2, 3, 4, 5, 6, 7 und 53: 1, 2, 3, 4, 6, 6, 7; Ps. 40 und 70, die von einander an 5 Stellen und, zwar 40: 14—18; 70: 2—6; Ps. 57, 60 mtd 108, die von einander an 9 Stellen -und: zwar 57: 8—12, 60: 9—12,108: 2—6, 9—11; Pi. 115 und. 135, die von einander an 4 Stellen, und zwar .115: 4, 6, 9, 10. 11 und - 135: 15, 17, 19, 20 abweichen, Psalm 105 : 96, 106 weichen von Ehr. I. 16 an 17 Stellen ab, und zwar 105: 5, 7, 8, 9, 12, 13. 1b; 96; 5, 2. 3. 4, 8, 10, 12, 13; 106 : 47, 48; Ehr. I. 16; 12, 13, 15, 16, 19, 20, 22, 23. 24, 25, 27, 31, 32, 33, 35. lieber die Abweichungen des Ps, 18, von Sam. II. Kap. vgl. meine „Varianten in den biblischen, Parallelen." In der Aufeinanderfolge der Psalmen beqchtete.il die Soferim ein gewisses System. Psalmen, welche gleiche Gedanken und Ausdrücke enthaltenwurden aneinander gereiht, wie Psalm 1 und 2,3 und 4, 9 und .10, 11 und 12, 16 und 17, 20 und 21, 42 und 43, 103 uud 104, 114 und 112, 135 mtd 136, 142 und 143. Die Psalmen 53—59, 85—88, 78 und 89, 95—99, 105—106, 417 und 118, 120—134, 146—150 bilden eine gedanklich zusammengehörende Gruppe. Als Endtermin für den Abschluß der Psalmen können wir das Jahr 300 bezeichnen, ungefähr die Zeit, da Simon der Gerechte, der letzte der Männer der großen Versammlung, lebte und der Vorsitzende des Lehrhauses war. (Vgl, Siräh Eiel, Fr. Jöma S. 5.) Nach den Abschlüsse der Sammlung dürfte der Text kaum eine nennenswerte Veränderung erhaltenhaben. — Als Beweis dafür kann die Uebereiustimmung der inder alten Mischnaangeführten Psalmenworte mit unserem gegenwärtigen Texte gelten. Wohl ist es denkbar, daß noch später manche Zusätze eingeschaltet und daß durch Abschreiber manche gleichlautende oder gleichförmige Buchstaben verwechselt wurden, wie in Ps. 53, 2; 61, 8; 63. 6; 76. 7; 99, 4; 119, 75 und 51, 3; 69, 17. Den jüdischen Weisen schwebte ja schon der Gedanke an eine solche Verwechslung gleichlautender Buchstabenvor, weshalb sie in den Psalmen au manchen Stellend Aenderuugeu und Verbesserungen der Lesearten Vornahmen (49, 12; 60, 23) und sogar zn mancher Umsetzung der Buchstaben oder Wörter griffen. Selbstverständlich lag ihnen eine Korrektur des überlieferten, für heilig gehaltenen Texts fern, sondern sie ließen die von ihnen vorgeschlagenem Aendernng der Leseart oder der Reihenfolge der Wörter als bloße Erklärung des Textes gelten (lrotmi *npön v-10). In diesem Geiste unserer Weisen soll der Lehrer den Schülern die Psalmen Vorträgen. So treffend und. einleuchtend ihm manche Emendation einer schwierigen Stelle erscheint, lege er ihr dennoch nur theoretische Bedeutung bei und teile sie mit größter Zurückhaltung - mit. - Kritik im Texte zu übe», ist nicht. feine