Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1911
- Issue
- Heft 38 (29.9.1911)
- Date
- 1911-09-29
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Seite 5. Nr B8; , Die Wahrheit Merlieferten Zndentüms das Banner des altjüdischeu Ideals entfaltet und. der Funken altjndischer Begeisterung in die.Massen geschlendert wird. Weder Grenzpfähle noch das, Weltmeer würde ihr. eine Schrailke entgegensetzen; überall, wo Liebe zum überlieferten JudeNtnm herrscht, würde sie offene Herzen finden. Demokratisch müßte ihre Verfassung sein. Allen Inden müßte sie zugänglich sein.- Die Zugehörigkeit zu ihr. von einer Legitimation thoratreuen Lebens abhängig zu machen, ist in theoretischer .und präktischer Hinsicht etwas /ganz Undenkbares. Sie kann,- aber muß keine Gegenbewegung zum Zionismus sein. Die Kolonisation Palästinas muß sie in ihr Programm aufnehmen. Dazu drängt die Einsicht in die Not und die derzeitige Bewegung der Zeit. Aber, sie darf sich in der Kolonisation nicht erschöpfen und .muß sich von Politik fernhalten. Jüdische Kultur im Sinne des überlieferten Judentums ist ihre Hauptaufgabe. Dieses Losungswort wird heute noch einen gewaltigen Widerhall finden, wo. noch das Fünkchen jüdischer Begeisterung brennt. ' 4- * Den Anstoß zu dieser Bewegung hat die Frage des Austritts ans dem Zionismus gegeben. Aber die Bildung der Union ist vom tatsächlichen Austritt des Misrachi vollständig unabhängig. Dadurch, daß ein Teil der Misrachisten in, der Zionistischen Organisation verbleibt, verlöre eine Weltnnion der .Thoratreuen wenig an Anziehungskraft. Der Kern der Frage und die Schwierigkeit für alle Beteiligten liegt in der Aufgabe, alles Trennende bei Seite zu lassen und Nur an die Gemeinsamkeit des Ziels und des Strebens, an die barte Notwendigkeit der Zeit zu denken. Zu oft sind Meinungsverschiedenheiten, die im Grunde das Wesen der Sache nicht berührten, zu einer Lebensfrage aufgebauscht worden. Die Frage ist nun: Wird mit dem höheren Zwecke auch eine bessere Einsicht allenthalben Platz greifen und Raum für einen größeren Gesichtskreis gewonnen? Darüber müßte man. sich verständigen. Die Verständigung ist möglich. Ein weiter Blick, ein starker, reiner Wille und ein bischen Selbstlosigkeit, das ist alles, was dazu notwendig ist. Vielleicht haben wir diese schönen Eigenschaften, dann wird der Tag der Welt- Union der Thoratreuen gekommen sein!" * * * In die Londoner Stadtverwaltung scheint sich auch schon ba§ flutifemitifc^e ©ift euigefcftlic^eii zu haben. Das städtische Komitee für Armenpflege (Board of Guardias) in Bethnal Green im Osten Londons beriet dieser Tage über die Vergebung der Milchliefernngen für die ihm unterstellten Wohlfahrtsanstalten. Mr. Lock, der Vizepräsident des Board, schlug vor, das Angebot des billigsten Lieferanten, der Great Eastern Dairy Company, zu akzeptieren. Demgegenüber beantragte Dr. R. G. Style, Präsident der South-West Bethnal Green Conservative Association, das ungünstigere Angebot einer andern Firma anzunehmen. Er begründete seinen Antrag recht offenherzig damit,' daß an der Spitze der Great Eastern Dairy Company ein Herr Dubowsky ans Whitechapel stehe. „Jüdische Lieferanten brauchen wir nicht", setzte Dr. Style wörtlich hinzu. Der Board verwarf den Vorschlag von Mr. Lock und nahm den antisemitischen Antrag Dr. Siyles mit sechs gegen vier Stimmen an. . . : . Zur HttchLigsteü'rmg. In dem in voriger Nummer unseres Blattes veröffentlichten „Rückblick über das'Jahr 6671" war auch die Mitteilung enthalten, daß die Kultusgemeinde Wien am 14. Mai dieses. Jahres die Auflösung der Religionslehrerschnle beschlössen hat. Der Wortlaut dieser Mitteilung entspricht nicht, ganz den Tatsachen und wir sehen uns darum veranlaßt dieselbe nach den uns an kompetenter Stelle, gegebenen Informationen in folgendem richtigzustellen: Die Religionslehrerschüle in Wien wurde seinerzeit für vier-Jahre .ins Leben, gerufen, das heißt, mit einem vierjährigen Kurse, welcher Noch auf ein fünftes Jahr ausgedehnt wurde und. bei Ablauf dieses fünfjährigen Kurses hatte also der Vorstand zu beschließen, och derselbe erneuert werden soll. Da jedoch der Kurs mit Rücksicht auf die Bedürfnisse der Wiener Kultusgemeinde errichtet wurde, den Bedürfnissen Wiens aber nunmehr für längere Zeit Rechnung getragen ist, hat der Kultnsvorftand beschlossen, den Kurs nicht frisch zu eröffnen, also nicht zu erneuern. Daß dies nicht mit einer Auflösung der Schule identisch ist, ist klar. Zum Ueberflusse hat der Kultusvorstand auch au die Bedürfnisse außerhalb Wiens gedacht und beschlossen, bei allen großen Gemeinden Umfrage zu halten, ob sie solche Religionsschulen oder Kurse neu aktiviert wünschen, in welchem Falle die Kultusgemeiude sich gerne mit einem namhaften Betrage beteiligen würde. Diese Anfrage har bisher wenig Anllaug gefunden. Rajsenproblem und Inden frage. Bon Dr. Ignaz Zollschan.*). Ich weiß es, daß ich mich heute in die Gefahr begebe, alle die Sympathien, die ich das Glück hatte, mir durch mein Buch zu erwerben, nicht nur zu verlierensondern in ihr Gegenteil umzuwaudelu. — Aber die Frage, warum wir denn für tlnsere der gesamten Iudenheit dienenden Ziele nicht auch über die doch immerhin in Betracht kommenden Machtmitteln der Iudenheit verfügen, muß uns notwendig dazu zwingen, die Untersuchung unserer Argnmentation auch auf solche Argumente zu erstrecken, die uns heute durch ihre Selbstverständlichkeit und durch die Heiligkeit ihres Alters unantastbar scheinen. Eine vielleicht nicht unwichtige Ursache alles dessen, was die Partei in ihrer propagandistischen Kraft bisher gelähmt har, was sogar manche Zerwürfnisse im Innern und Mißverständnisse nach außen erzeugt hat, einer der Ursachen dieser Schwächen, die den Pessimismus so manchen ehrlichen Beurteilers hervorgernfen haben, ist der Mangel einer genügenden wissenschaftlichen Verarrkernng, das Fehlen eines genügend festen theoretischen Fundamentes. Ohne daß man sich genauer darüber Rechenschaft gab, zehrte man bisher eigentlich nur von den Gedankenschätzen, die in den Schriften Pinskers und Birnbaums lagen. Die Ewigkeit des Antisemitismus, die Unmöglichkeit der gänzlichen Assimilation, das Recht auf nationale Existenz und die Notwendigkeit des Strebens nach voller Entfaltungsmöglichkeit in notionalem Sinne: diese Schlagworte wurden die jüdisch-nationalen Axiome. Diese Kraftworte brachten zwar auch endlich einen großen Zug in das jüdische Geistesleben, und sie erst ermöglichten es, an eine alljüdische Politik zu denken. Ich werde aber zum Teil wohl schon auf Beistimmung, zum andern aber sicher noch auf Widerspruch stoßen, .wenn ich meiner Meinung Ausdruck gebe, daß ein Abflauen des Antisemitismus und eine gänzliche Assimilation heute rein logisch nicht mehr als undenkbar erscheinen. Das nationale Moment vollends stellt zwar heute das kraftgebende Rückgrat der bewußten Iudenheit dar. Aber trotzdem ist diese nationale Idee nicht das alleinseligmachende Prinzip, ja, in vieler Hinsicht müssen wir geradezu konstatieren, daß sie schädigend gewirkt hat. In der Einbildung vieler stellt die nationale Idee das trojanische Pferd dar, das entweder dazu dienen sollte, ein Gift gegen das bisherige religiöse Band in den Körper der Iudenheit, noch der Meinung anderer ein neues, unnützes, d. h. zersetzendes Moment au die Stelle gesunder kosmopolitischer Tendenzen in den Körper der Menschheit zu bringen. Auf anderer Seite endlich mußte die überstarke Betonung des nationalen Moments ein, wenn auch durchaus unberechtigtes Mißtrauen gegen die letzten Absichten mit der Hypostatisierung des Strebens nach einem Nationalstaate zur Folge haben. Und zum Schluß endlich ist es theoretisch genommen doch nicht so ohne weiteres sicher, ob man die Iudenheit in ihrem heutigen Zustande wirklich mit Recht als eine Nation bezeichnen darf. Das Wichtigste an dem Begriffe Nation ist ja, wie die Ethymologie des Wortes selbst angibt, der Nativismus, d. h. die Gemeinschaft der Abstammung. Aber ebenso wichtig ist nach der Ansicht der meisten staatsrechtlichen Auffassungen, daß diese *) Vortrag, gehalten am X. Zionistenkongreß zu Basel.