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Die Wahrheit · 1911-09-22 · Heft 37 (22.9.1911) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1911
Issue
Heft 37 (22.9.1911)
Date
1911-09-22
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 37. Seite 9. Die Wahrheit. Das Ununterbrochem Gesetzesstudium nicht geeignet. Gewiß Gefaßte man sich zur Zeit Esras mehr mit dem Thorastudium, welches damals einen Grundzng der jüd. Frommen bildete. Psalm 1 kann daher viel eher in der sopherische Zeit verfaßt worden sein, in der man sich eifrig mit der Thöra beschäftigte mnd nach ihr das ganze Leben einrichtete, während diese im makk. Zeitalter ganz vernachlässigt oder gar vergessen wurde. Psalm 30 ist entschieden ein Danklied eines von schwerer Krankheit Genesenen und hat mit der makk. Zeit nichts zu tun. Die Berufung auf die Ueberschrift, die gerade hier als echt an'erkanut wird und auf die Einweihung des Tempels unter den Makk. sich beziehen soll, ist durchaus nicht stichhältig. Im Psalm 44 nnd 74 stützt sich die Kritik auf die Schilderung der Verwüstung Des Tempels, auf die Schmähung der Juden wegen ihres Glaubens, welche auf Nikanor und Antiochus paßt. Allein kann nicht die Gotteslästerung Sanskerits und die Zerstörung des "Tempels durch Nebukadnezar ebenso den Hintergrund zu dieser .Schilderung bilden? Im Psalm 73 soll die relig.-philosophische Betrachtung über das Wohlergehen des Frevlers einem späteren .philosophisch gebildeten Zeitalter angemessen sein. Allein schon der Prophet Jeremias (8,1) und Habakuk (1,12) befassen sich mit diesem Thema. Am meisten aber stützte sich die makk. Hypothese ans Psalm 149, der übrigens zur Hallelujah-Grnppe (146—150) gehört, in welchem die Betrachtungen der Natur vorherrschen und die ruhige, friedliche Zeitläufe voraussetzen. Die Ausdrücke „Chassidim" (1, 5, 9) sollen ans die Partei der 'Chassidäer Hinweisen, die sich mit den Makk. zum Kriege verbanden. Allein der Epitetha a’TDn kommen auch anderswo vor, wo an den Verein der „Chassidäer" nicht zu denken ist. ^Endlich beruft sich 'Grätz auf die Anklänge des Vermächtnisses des sterbenden Mattathias (I. M. 2, 68) an den Psalm 149, 6—9. Es ist aber wahrscheinlich, daß der Verfasser des hebr. Makkabäerbuches dem fterbeitbeu Mattathias diese Psalm-Worte in den Mund gelegt hat. Denn sicher lagen ihm die Psalmen als ein bereits abgeschlossenes Buch vor, das er, wie der Verfasser des Buches der Weisheit, an mehreren Stellen wörtlich zitiert (I. M. 4, 24, vgl. Pf. 176. 1, I. M. 1, 37 und 7. 17, vgl. Psalm 79, 3) nnd aus dem er manche Redewendungen entlehnt. Es ist demnach kein zwingender Grund vorhanden, die 'Entstehung dieser Psalmen in das makk. Zeitalter zu versetzen. (Fortsetzung folgt.) Das jiidischeKinuttienlelterl iuUemeu. (Fortsetzung.) Am nächsten Tage, am Freitag, wird im Hause der Braut Gottesdienst abgehalten, und danach führt man das junge 'Ehepaar in seine eigene Wohnung. Vorauf ziehen die Tamtams, dann kommen die in ihren blauen Scharschafs gehüllten .Frauen und zuletzt die Männer. Am Eingang des Hauses wartet die Schwiegermutter, sie trägt einen Krug mit Wasser in der Hand und begießt die Schwelle des Hauses in dem Augenblick, in dem die Schwiegertochter sie betritt; das soll Glück bringen. Die Frauen nehmen in einem Zimmer Platz, -die Männer in einem anderen und der Rabbiner sagt die vor- -geschriebenen sieben Segenssprüche. Das junge Ehepaar begibt sich in das Brautgemach, einen kleinen Raum mit an den Wänden entlang liegenden Matratzen und Kissen. Beim Eintritt .entblößt die junge Frau, ihr Gesicht, es ist ein Mädelchen von neun Jahren; auf dem Kopf trägt sie einen Perlenaufsatz, der -sie größer erscheinen läßt; ihr Kleid zeigt ein rotes Blumenmuster, den Hals schmücken Ketten aus Glasperlen. Mit dem rot und schwarz geschminkten Gesichtchen sieht sie wie ein chinesisches Götzenbild aus. Sie setzt sich in eine Ecke des 'Zimmers, der junge Gatte in die zweite, nnd der Oberrabbiner gießt ihm Wasser über die Hände. Alle verlassen den Raum, der Rabbiner schließt die Tür fest zu. Die allein znrückbleibenden Eheleute sind so jung! Man erklärt mir, daß diese Ehe nur der Form nach bestehe. . . . Mehr als ein kleines Mädchen ist dabei zugrunde gegangen. Am Samstag früh ging ich in die Synagoge El Sehet zum Gottesdienst; her junge Ehemann wurde znm Sefer gerufen nnd hat die Haftarah vorgetragen. (In manchen anderen Gemeinden wird dieser Teil der Gebete von den Männern vorgelesen, die Familientraner haben.) Die Hochzeitsfeierlichkeiten dauern einen ganzen Monat; der junge Ehemann bleibt zehn Tage lang zu Hanse und tragt während dieser Zeit ein weißes Tltch auf dem Kopf. Jahre vergehen; das kleine Mädchen ist größer geworden und ist jetzt 14 Jahre alt. Sie erwartet ein Kindchen, verrichtet aber dabei die schwersten Arbeiten. Das Kind ist glücklich zur Welt gekommen. Hierzulande werden Mädchen und Knaben mit gleicher Freude begrüßt. Man läßt die Nachbarinnen und alle kleinen Jungen des Viertels holen und bewirtet sie mit in Honig gesottenen Getreideköruern. Auch die Wöchnerin bekommt davon zu essen und erhält zu ihrer besonderen Stärkung zerlassene Butter, die sie gauz heiß trinkt. Ist das Neugeborene ein Knabe, so wird er in Gegenwart sehr vieler Männer beschnitten. die im Kreis ans der Erde sitzen; der Vater hält das Kind, das in einem Korbe auf seinem Schoß liegt. Die junge Frau denkt nicht daran, daß sie besonderer Pflege bedürfe und steht schon am ersten Tage ans, um ihre Wirtschaft zu versorgen. Sie. setzt sich zum Ausruhen nur, wenn am Abend Freunde zum Besuch kommen, verläßt das Haus aber erst nach einer bestiminten Frist. Zum ersten Ansgang werden alle Verwandten und Freundinnen feierlich eingeladen. Alle diese weiblichen Wesen haben Rautenzweige in der Hand und spazieren in Reih und Glied ans die Straße hinaus. Die Mutter trägt ihren Säugling, und eine Frau verteilt geröstete Erbsen an die vorbeikommendeu Kinder. Nachdem sie eine bestimmte Entfernung erreicht haben, drehen alle Frauen sich o. tempo um. werfen ihre Rautenzweige über den Kopf hinter sich und kehren unter lautem Halloh wieder in das Halls. Durch diese Formalität sind alle bösen Geister gebannt, und das Alltagsleben geht weiter, bis ein neues Kind geboren wird, was nicht allzulange dauert. So zahlreich die Gehurten auch sind, so groß ist anderseits die Ernte, die der Tod unter diesen elenden Menschen abhült. Avath, der Sohtl einer meiner neuen Freunde, hatte noch vor zwei Tagen in seiner Werkstatt gearbeitet, und ist jetzt an einer Gehirnentzündung gestorben. Kein Metisch hat daran gedacht, einen Arzt zu holen. Ich gehe in das Trauer- Haus, das trotz seines eugeil Raumes voller Menschen ist, bahne mir einen Weg durch die Menge, nnd was erblicke ich? Der tote Avath sitzt nackt auf dem Hof, zwei Leute gießen ihm Wasser auf den Kopf, nnd Männer und Weiber stehen dabei und sehen zu: einige Personen weinen leise und unaufdringlich. Das Antlitz des Toten sieht friedlich ans, sein Kopf ist frisch. geschoren. In einem Zimmer, das schon gauz schwarz von Rauch ist. wird Weihrauch verbrannt. Jetzt holt man eine Matratze, bedeckt sie mit einem großen Laken, und plötzlich erhebt sich ein lautes Geschrei; einige Leute sprechen Gebete, andere begnügen sich damit, in den verschiedensten Tönen: Oh! oh! oh! zu schreien. Unter den Weihranchwolken wird Avath wie ein Paket gebracht und mit den weißen Sabbatgewändern bekleidet; Männer, Frauen. Kinder blicken unverwandt auf den armen, kleinen Leichnam; das betäubende Geschrei wird nicht unterbrochen. Ueber die Kleider wird das große, weiße Laken um ihn gelegt und mit Bindfaden fest umschnürt, so daß eine richtige Mumie gebildet wird, nur der Kopf bleibt frei. Jetzt wird die Leiche auf eine Bahre gelegt nnd unter lautem Geheul fortgetragen. Alle Tage kommen die „Sekenim“ (Greise) in das Sterbehaus und verrichten dort Gebete für ba§ Seelenheil des Verstorbenen; am siebenten Tage wird ein festliches Mahl abgehalten. bei dem die Sekeniva, die Verwandten und Rabbinen gemeinschaftlich essen nnd trinken, als ob man sich nicht in einem Trauerhaus befände. Wenn er das Glas zum Munde führt, sagt jeder Gast: „Gott tröste die Trauernden." und Avaths Vater antwortet: „Der Herr der Belohnungen gebe

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