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Die Wahrheit · 1911-09-22 · Heft 37 (22.9.1911) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1911
Issue
Heft 37 (22.9.1911)
Date
1911-09-22
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 37. Die Wahrheit Seite 7 über jüdischen Kurgästen geübt wird, das zeigen die vielfachen Ehikanen und Verunglimpfungen, denen letztere zur Zeit der Badesaison überall ausgefetzt sind. So schreibt das „Slowo .polskie" in einer Kritik der Verhältnisse im Badeort Szczawnica wörtlich: „Die Haupthindernisse der gedeihlichen Entwickelung won Szczawnica liegen im Mangel einer Bahnverbindung mit den Hanptlinien des europäischen Verkehrs und in den 70°/0 jüdischer Kurgäste, die aus den niedrigsten Klassen stammen, schmutzig, lärmend und ohne Bedürfnis nach Komfort sind. Wenn jedoch dem Mangel an entsprechendenKouimunikatiollsmitteln in der Zukunft abgeholsen werden könnte, so droht die zweite Plage, die von Tag zu Tag wächst, der Anstalt mit völligem '-Ruin. Da ist ein verständiger Kopf und eine feste Hand von nöten, um diese Plage zu entfernen." Interessant ist die Art, in der man das Bad reinigen möchte. „Ans Anregung des -Eigentümers und Verwalters der Badeanstalt hat sich ein Klub gebildet, dessen Aufgabe in der Absonderung von den kulturlosen -Elementen besteht. Der Klubansschuß ist jedoch zur Ueberzeugnng gelangt, daß die Verwaltung auf diese Weise ans den .Klub ihre eigenen Pflichten abwälzen möchte, seine Tätigkeit aber dadurch unmöglich macht, daß sie Kaftanjnden in Wohnungen herein läßt, aus denen man direkt in die für Klub- Mitglieder reservierten Teile des Kurparkes gelangt. Dadurch müßte der beste Wille gelähmt werden." Seit Kasimir dem Großen, der durch das Heranziehen der Inden nach Polen nicht nur Gastfreundschaft, sondern auch Verstand bewies, scheint es bei seinen Konnatioualen an beiden .zu fehlen. Jüdischerseits sollte man endlich die Bestrebungen dieses Klubs unterstützen und Mitwirken, daß die „Plage der 70% jüdischer Kurgäste" ans ewige Zeiten ans Szczawnica werschwinden. * * * ' Vom Zentralbnreau der Föderation „Misrachi" erhalten wir folgende Mitteilung: Am Sonntag, den 10. September (27. Elul), tagte in Berlin, Atlas-Hotel, die von dem Zeutrnl-Komitee berufene außerordentliche Konferenz der Föderation Misrachi. Die Tagesordnung bildete die Stellungnahme der Föderation gegenüber den Beschlüssen des X. Kongresses. Das Zentralbnreau hatte seine Stellnuguahme in zwei der Konferenz zur Entscheidung vorgelegten Anträgen präzisiert. Diese Anträge lauteten: 1. Infolge der Fruchtlosigkeit seiner jahrelangen Bemühungen dem jüdischen Religionsgesetz in der zionistischen Organisation praktische Geltung zu verschaffen und insbesondere durch die auf dem X. Kongreß beschlossene Einbeziehung kultureller, religiöse Fragen eng berührender Unternehmungen in das Arbeitsgebiet der zionistischen Organisation sieht der „Misrachi" die Voraussetzungen für seine Zugehörigkeit znr zionistischen Organisation nicht mehr für gegeben und erklärt seinen Austritt aus ihr. 2. Der Misrachi hält an seinen bisherigen Grundsätzen fest und erklärt sich als selbständige Organisation. Entsprechend der Bedeutung der Tagesordnung war die Konferenz von einer großen Anzahl Delegierten aus Deutschland, Rußland, Ungarn, Galizien, Holland, Belgien und der Schweiz besucht. In einem ausführlichen Referat begründete Herr Dr. Feuchtwauger. Frankfurt a. M.. die oben erwähnten Anträge. Die lebhafte und angeregte Debatte ergab im Prinzip volle Uebereinstimmung der Delegierten. Es wurde allseitig anerkannt, daß durch die nunmehr vom Kongreß sanktionierten Kulturbestrebungeu die Sachlage insofern verändert sei, als der Boden neutraler Arbeit wirtschaftlicher und sozialer Natur anfgegeben und die Möglichkeit gemeinschaftlicher und friedlicher Ärbeit erheblich erschwert worden sei. Die Anträge des Zentralbureaus wurden durch Majoritätsbeschluß abgelehnt in einem Stimmenverhältnis von 22:12 bei einer Stimmenthaltung. Bestimmend für das Votum der Mehrheit war die Ueberzeugung, daß die Verantwortung für die Entwicklung der Kultur in Palästina in traditionell-gesetzestreuem Geiste fortbestehe, daß gerade in diesem Zeitpunkte diese Bestrebungen in einer der parlamentarischen Struktur der Bewegung entsprechenden festgefügten Organisation ihren Ausdruck finden müssen und daß dieser die Grundsätze des traditionell-gesetzestreuen Judentums vertretende Fraktion die Pflicht der Fürsorge für die Erfüllung der in Resolution 2 der Kulrnrbeschlüffe erklärten Grundsätze obliege. Diese Ueberzengung fand in der von der Majorität angenommenen Resolution dahin Ausdruck, daß der Misrachi unverändert an seinem Programm festhält und fest entschlossen ist, seiner Erfüllung mit vermehrter Energie nachzustreben. Die Konferenz nahm fast einstimmig den von der Minorität eingebrachten, dem Frieden und der gemeinsamen Arbeit dienenden Vermittluugsvorschlag an und beschloß, sofort in Verhandlung mit dem E. A. G-. eiuzutreten behufs genauer Feststellung von Garantien im Sinne der Resolution 2 der Kongreßbeschlüsse und beauftragt das Zentralbnreau, den Standpunkt und die Interessen des Misrachi in energischer Weise zu wahren. Der Beschluß der Frankfurter Konferenz wurde erneuert und die Leitung der Föderation nach Hamburg-Altona verlegt. In das Zentralbnreau wurden die Herren Dr. Frank, Rechtsanwalt David und Res. Möller gewählt. Der nengewählten Leitung wurde das Recht der Kooptation gewährt. Die endgültige Zusammensetzung des Zentralbureaus soll seinerzeit bekannt aeaeben werden. Zuschriften sind zu richten an Dr. Frank. Altona, Markstraße 33. * Agadir, das zum Zankapfel zwischen Deutschland und Frankreich zu werden drohte und in dessen Hafen jetzt die deutsche Fahne anfgehißt ist, beherbergt, wie die meisten Hafenstädte Marokkos, auch eine beträchtliche Anzahl von Inden in seinen Mauern. Sie wohnen in einem besonderen Viertel. Ein Berichterstatter des „Berl. Lokalanzeiger" findet, daß es dort etwas sauberer wie in den anderen Stadtteilen aussieht. Weiter erzählt er: Wie die Inden einen besonderen Stadtteil haben, so haben sie auch eine andere Tracht. Meist sind ihre Kaftans schwarz oder dunkelblau und auf dem Kopfe tragen sie eine Art schwarze Kappe, während die Araber meist hell gekleidet sind. Die jüdischen Frauen schmücken sich mit hellen, oft grellbunten Gewändern und ihr Haar ist zu einem zierlichen Knoten gewunden. Sie verhüllen auch nicht ihr Gesicht, sondern zeigen offen und ehrlich, daß sie oft recht hübsche feine Gesichter haben, mit einem ganz eigenen Ausdruck darin. Es scheinen dort oben fast noch patriarchalische Sitten zu herrschen. Kinder nnd auch junge Männer küssen Greisen ehrerbietig die Hand, eine Huldigung, die uns übrigens zuteil wurde. Man konnte dort wirklich Typen studieren. Ich habe alte Juden gesehen, bei deren Anblick ich wirklich dachte, ich sei Jahrtausende zurückversetzt in das gelobte Land. So rein hat sich der Menschenschlag erhalten. Ehrwürdige. Greise mit langen, schneeweißen Bärten nnd dunklen lebhaften Augen, der scharf geschnittenen Nase und den schmalen Händen. Es glbt sonst nicht viel in Agadir zu sehen. Ein „Haus" sieht wie das andere aus. Eins ist mir besonders allsgefallen: die hölzernen Türen trugen oft ganz eigenartige Schnitzereien, wie wir sie bei uns noch häufig an mittelalterlichen Möbeln sehen; sonst aber bildet der Baustil nur einen schwachen Abglanz maurischer Architektur. * * * Bekanntlich wurde nach der Trennung von Kirche und Staat in Frankreich eine Organisation der jüdischen Gemeinden geschaffen, welche im großen Ganzen dem System Napoleons I. treu blieb, indem die Einrichtung der Bezirkskonsistorien und des Zentralkonsistorinms beibehalten wurde. Daß dieses System seine Vorzüge hat, läßt sich nicht leugnen. Voraussetzung aber ist dabei immer, daß an der Spitze der Konsistorien Männer stehen, die von demokratischem und gerechtem Geiste durchdrundrungen sind. Leider wird aber dieser Voraussetzung in den meisten Fällen nicht entsprochen. Jedenfalls scheinen die Herren ilt Frankreich von Demokratie und Gerechtigkeit einen merkwürdigen Begriff zu haben, wenn das, was die „Archives Jsraelites" zu melden wissen, der Wahrheit entspricht. Danach soll nämlich das Zentralkonsistorium in einem Entwurf über Rechte und Pflichten der Rabbiner der Artikel 21 folgenden Wortlaut habewr Die Rabbiner und Kantoren sollen sich davor hüten, in dev

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