Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1911
- Issue
- Heft 37 (22.9.1911)
- Date
- 1911-09-22
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Nr. 37 Seite 6. Die Wahrheit unruhen w erb e n die I ud en in Wa l e s überfallen und ausgeplüudert. — Pogromsurcht jn Englaub! — Rabbiner Moritz Z i n ner in Beraun gestorben. — 15. Der Franenvereiu in Vnkovar feiert das 50jährige Jubiläum seines Bestandes. .— Der Präsident der Kultusgemeinde Karolinenthal, Ritter des Franz-Josefs-Ordens und der eisernen Krone, Ignatz Kallburg gestorben. — 18. Der 81. Geburtstag des geliebten Kaisers und Königs Franz Josef I. wird von allen Inden Oesterreich-Ungarns mit Begeisterung gefeiert. . — Kantor und Rabbinatsverweser Philipp Spitz in Egbell (Ungarn) feiert sein silbernes Amtsjubiläum. — 29. Dr. Alfred ©fern, seit 7 Jahren verdienstvoller Präsident und seit 24 Jahren Kultusvorsteher in Wien, feiert unter großen Ehrungen seinen a ch t z i g st e n Geburtstag. — In Aidi n in Kleinasien ist das Judenviertel gänzlich abgebrannt. September. — Kaiserl.-Rat Bankier Leopold Langer in Wien erhält den Orden der eisernen Krone dritter Klasse. — 6. Oberkantor B 6 la Gultmaun, der beliebte, große Saugmeister im Leopoldstädter Tempel in Wien, nach langem Siechtum im 40. Lebensjahre gestorben. ^— 7. Der Präsident der autonomen orthodoxen Gemeinde in Budapest, Moses Freudigerde O - B u d a, 78 Jahre alt, gestorben. — Der große Komponist, Oberkantor Reverend Markus H e a r st in London gestorben. — Hermann Löwy, Altbürgermeister und gewesener Kultusvorsteher in Ung.-Brod, gestorben. — 8. Baronesse Valentine Rothschild, die einzige Tochter des seligen Baron Albert Rothschild in Wien, vermählt sich mit Bankier Siegmund Springer. — 17. Rabbiner und Prediger Dr. David L e i m d ö r f e r in Hamburg feiert seinen 60. Geburtstag. — Rabbiner Dr. I. Winter in Dresden und Oberkantor Max Singer mann in Troppau feiern ihr silbernes Amtsjubiläum. Vom 1. September 1910 bis 1. September 1911 sind in Wie n 620 Personen vom Judentum abgefallen. A. H. L. Aus der Woche Als der Lord-Mayor von London Sir Thomas Vezey S tro n g ans dem zu Ehren der Londoner Gäste veranstalteten Festbankett der Stadt Wien von seinen Gastgebern Abschied nahm, sprach er in seinem Toaste von den Aufgaben einer großstädtischen Verwaltung und stellte dabei einige lapidare Grundsätze auf, die trotz des zustimmenden Jubels die Herren der Wiener Rathauspartei in ihrem Innersten etwas peinlich berührt haben dürften. „Keiner für die Partei, alle für den Staat!" so rief der Lord-Mayor ans „das ist ein Grundgedanke unseres munizipalen Evangeliums". Ganz im Gegensatz Zn dem heutigen Wien wo die Parole lautet: „Alles für die Partei und nichts für den Staat!" Oder mußte es dem Wiener Gemeindewaltigen nicht unheimlich werden, wenn der Lord-Mayor von der Freiheit des Individuums sprach und seine Gedanken in folgende Worte kleidete: „Wir glauben, daß es die erste Pflicht ist aller jener, die an der Spitze von. Verwallungskorporationen stehen, das Recht und-die Prinzipien eines jeden einzelnen zu a ch t e n u u d z u s ch ü tz e it. Unsere Ausgabe muß es daher sein, daß wir zunächst unseren Funktionen und Obliegenheiten mit der größten Gewissenhaftigkeit Nachkommen und wir müssen von dem Grundsätze beseelt sein, daß alle g es ch ädigt w erd eil, wenn eiuem eiuzelnen ein Unre cht zugefügt wird. Wir müssen uns vor Augen halten, daß, bevor die Menschen uns zu Bürgern gemacht haben, Gott uns zu Menschen machte, daß durch das Unrecht, das dem einen Zugefügt wird, alle anderen mitbetroffen werden. D assind Sklaven nied erster Sorte, die das Rechtlichkeitsgefühl nur für sich selbst in Anspruch nehmen, und nicht für das ganze Volk." : Diese bitteren Wahrheiten dürften den Wiener Stadtvätern noch lange in den Ohren liegen, aber auch gleichzeitig der Wiener Bevölkerung Darüber völlig die Augen geöffnet haben,, wie wenig Wien von der gegenwärtig herrschenden Partei in freiheitlichem und modernem Sinne geleitet wird. * * » . -, Trotz aller offiziellen Versicherungen hat besonders in der letzten Zeit der Antisemitismus in Ungarn recht garstige Erscheinungen gezeitigt und beim ungarischen Mob lebt das Rezeptionsgesetz der Inden in der' lapidaren Variation fort: Gleiches Unrecht f ü r a l l e I n d e n! Oft bedarf es nur eines Funkens, um bei der mit Explosivstoffen durchsetzten Atmosphäre eine Katastrophe herbeiznführen. Daß es zu einer solchen in der.vorigen Woche nicht gekommen ist, das danken wir der göttlichen Vorsehung, die, wie immer, auch jetzt mit offenem Auge über den Schicksalsgaug unseres Volkes wacht. Es war in K u n - S z e n t - M a r t o n — so berichtet der Bndapester Korrespondent des „Israelit". Die kleine, zweijährige Geopulics Jllona ging ins Maisfeld, um zu spielen. Als sie nach einiger Zeit nicht zum Vorschein kam und nach einigem Suchen tot anfgefnndeu wurde, war die Mutter mit der Ritualmordanklage gegen die Judenheit des Ortes, die — so tuschelte der Mob — zum Aufbau der Synagoge das Blut braucht, fertig. Erdrosselungsspuren ans dem Halse und drei eingebrochene Rippen waren der schreiende Beweis des Jndenmordes, der blutige Rache fordert. Nun förderte die Untersuchung zutage, daß die eigene Mutter ihr Kind ermordete und daß sie die Lüge nur ersonnen hat, um die Schuld von sich ab auf die Judenheit zu wälzen. Charakteristisch für den Geist der Gleichberechtigung, der hier herrscht, ist auch die Leidensgeschichte des Stropkoer Tischlermeisters Moses Tkacs. Er stammt ans Galizien, wohnt seit 15 Jahren in Stropko, wo er durch seine mühevolle, fleißige Tätigkeit seine Familie, die ans Frau und sechs kleinen Kindern besteht, ehrlich ernährt. Nun hatte er einmal das Malheur, zugegen zu sein, wie der Bezirksrichter Malouyai, der zugleich Grenzbeamter ist, einen nichtjüdischen'Bauern von der Treppe stieß und wie dieser an den erlittenen Rippenbrücheu seinen Tod fand. Als Zeuge vor Gericht zitiert, mußte er natürlich das Geschehene wahrheitsgetreu beschwören. Das ward ihm zum Verhängnis. Er wurde als unliebsamer Fremder ausgewiesen. Seine Papiere wurden konsisziert und da er vorbestraft war—er hat nämlich, um als Jude nicht zu verhungern, das Sonntagsruhegesetz einmal überschritten und wurde vom gleichen Richter Malouyai wegen Anhäufung von Brettern in seinem schmalen Hofraum zu zehn Kronen verurteilt — der Richterspruch zu sofortiger Exekutive. gebracht. Während er nach Budapest eilte, um bei den höchsten Behörden sein Recht zu suchen, wurde sein Haus aufgestöbert und Weib und Kinder in sinsterer Nacht über die Grenze ins Ungewisse getrieben.. Seine Tragik wächst ins Unermeßliche, wenn man bedenkt, daß der arme Tkacs seine Kinder zu echten Magyaren erzogen hat und diese keiner anderen als der magyarischen Sprache mächtig sind. Nach langem Drängen haben die Fürsprecher erreicht, daß der famose Richter Malenyai seines Amtes entsetzt wurde; das Unrecht aber, das er veranlaßt, wartet aber immer noch auf Restitution. Es gibt viele, die den Worten des ungarischen Ministerpräsidenteii) die dieser auf Veranlassung einer bei ihm unter Führung von Szabolcsi, in diesem Falle vorsprechenden Deputation Bedeutung beimessen und glauben, daß feierliche Versicherungen, wie diese, geeignet seien, Tatsachen ans der Welt zu schaffen und Volksinstinkte aufzuhalten; wir sind fest überzeugt, daß in all den hochtönenden Verkündigungen nichts als politische- Verlegenheitsauflüchte eines klugen Diplomaten zu entdecken seien, 1>er in der politischen Not des Augenblicks nach den Reservetruppen auslugt, die den verfahrenen Karren der Regierung ■ aus dem Moraste zu zerren berufen sind. * * * Polnische Gastfreundschaft war in früheren Jahren sprichwörtlich. Wie sie aber jetzt in den galizischen Kurorten gegen-