Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1911
- Issue
- Heft 36 (15.9.1911)
- Date
- 1911-09-15
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Seite 5. Nr. ZK. Die Wahrheit neu Rednern der Zeit.' Seinen Standpunkt hat Leimdörfer an einem Versöhnungstage folgendermaßen charakterisiert: „Von den Parteien im'Judentum gilt die eine als eine, die Traditionen festhaltende, die andere als eine über die Ueberlieferung fortschreitende religiöse Richtung. Halten und Fortschreiten, das sind die Verba, die bei beiden vorwalten. Die ersteren, die besonders das Halten betonen, bilden die Partei der ins Auge fallenden äußeren Handlungen, die der anderen schären sich um das Bekenntnis-Prinzip, um die Ideen und deren Fortentwickelung zu einem messianischen Ziele. Aber halten kann man etwas mit der Hand, fortschreiten knüpft sich mehr an den Fuß, jene heben also mehr die Religion der Hand, diese mehr die des Fußes hervor. Ich vermag sie nicht zu trennen, ich möchte eine Religion, die Hand und Fuß hat, daher verbindet beide aufs innigste, denn eine ohne das andere bleibt eine Halbheit im Judentum und zerstückt, was Gott geeint hat." Die Harmonie, sowohl in der Form wie in Inhalt der zahlreich veröffentlichten Sabbat-, Fest- und Gelegenheits-Reden äußert sich auch in jenen Vorträgen, die Leimdörfer in den verschiedenen wissenschaftlichen Vereinigungen in den größten Städten des In- und Auslandes gehalten hat. Man nannte Leimdörfer, der zwei Werke über Exelesiastes geschrieben hat, „Kohelet-Leimdörfer," mit Recht: Sammeln und Einen Aller um die Fahne des alten und ewig neuen Judentums und selbst nach den feindlichen Lagern die einigenden Prinzipien zu tragen, war die Hauptaufgabe seines seelsorgerischen und rhetorischen Wirkens. Was das seelsorgerische Wirken in seiner Gemeinde betrifft, sei in Kürze folgendes gesagt. Leimdörfer hat mit Hilfe seiner Kollegen eine Schule für die Religion geschaffen,, die er mit dem Kollegen Dr. Seligmann 10 Jahre lang geführt hat. Er gab ferner die allererste Anregung zum Bau eines neuen Tempels, der demnächst in Angriff genommen werden wird. Er hat mit Karpeles in Hamburg den Verein für jüdische Geschichte und Literatur gegründet, er ist der Schöpfer und langjährige Vorsteher des Gabriel Rießer-Vereins zur Förderung der Wissenschaft des Judentums. Er hat durch seine weise Mäßigung die Bannschleuderer gegen den Tempel und ihre Intoleranz erfolgreich bekämpft und besiegt, aber auch andrerseits gegen die radikale Form siegreich gerungen, wie z. B. gegen den Sonntags-Gottesdienst. Er war ein Mehrer seiner Gemeinde. Seit seinem Eintritt in sein hiesiges Amt vor 29 Jahren hat sich der Tempelbesuch wesentlich gehoben, alle Richtungen sind hierbei vertreten. Kein Tempelplatz ist unvermietet und zu den hohen Festen müssen Hunderte fortgehen aus Mangel an Raum. Vor 29 Jahren war der 3jährige Zyklus losgelöst.vom jüdischen Kalender, die Barmizwah-Feier nur in Verbindung mit der Mädchenkonfirmation, die üblichen liturgischen Gebete „Lechodandi, Olenn, die Tische beaw-Litnrgie, die Verlesung der Sonder-Abschnitte an den ausgezeichneten Sabbaten vor Pesach" — sie fehlten, ebenso die Ausschmückung des Tempels am Schabuoth, die feierlich weißen Paramente zu den hohen Feiertagen. Für all das trat Leimdörfer mit Erfolg ein und was feit fast 100 Jahren der Wunsch vieler in der deutsch isr. Gemeinde gewesen, nämlich die Abschaffung der portugiesischen Anssprache, es ist erst im vorigen Jahre auf Leimdörfers Initiative Tatsache geworden. So hat Leimdörfer eine rühmliche Tätigkeit an den Tag gelegt fiir die gedeihliche Entwicklung des historischen Hamburger Tempels. Seiner gottbegeifterten prophetisch glühenden Beredsamkeit gelang es auch, sehr zahlreiche Kreise, die dem Abfall fast nahe standen, für das Judentum zu gewinnen und sie zu treuen Anhängern des isr. Tempelverbandes zu erziehen. . Die Eintracht, auch zwischen den verschiedenen Konfessionen zu pflanzen, gelang ihm, wie in seiner vorigen Synagogen- Gemeinde ln Nordhausen, so auch in Hamburg vollständig. Auf seine Anregung widmete der große Philantrop Plaut anläßlich der goldenen Hochzeit Kaiser Wilhelms I. ein Alter- Versorgungsheim für Christen und Juden und als sich heransstellte, daß fast alle Bewohner dieses Altenheims Protestanten waren, denen das Alter nicht gestattete, die Kirche zu besuchen,' veranlaßte Leimdörfer das Kuratorium, dem er an gehörte, den Alten einen Allsonntagsgottesdienst in der Anstalt einzurichten, wofür ihm die Vertreter der dortigen Christenheit große Dankbarkeit an den Tag legten. Innige Freundschaft verknüpft ihn auch mit hervorragenden Vertretern von Staat und Kirche in der Elbe-Stadt und alljährlich hält er vor Alt und Jung des großen Kirchenvereins zu St. Pauli einen Vortrag zur Belehrung über die Ethik des Judentums, die viel dazu beitrugen, das Vorurteil einzudämmen und gute Verhältnisse herbeizuführen zwischen die verschiedenen Bekenntnisse, was der seinerzeit veröffentlichte Brief eines ersten Pastors zu St. Pauli aufs deutlichste beweist. Patriotische Feste gaben oft Gelegenheit, Leimdörfer mit Staatsgrößen zusammenzuführen und es bleibt unvergeßlich, wie infolge der Säkular-Rede zum 100. Geburtstage Wilhelms I. Generalfeldmarschall Graf Waldersee diese Rede in 100 Exemplaren unter den Soldaten des 9. Armeekorps in Altona mit eigener Hand verteilt hat. Sie brachte ihm nicht nur den Dank des Fürsten Bismarck, des Hamburger Senats, sondern auch die volle Sympathie Waldersees ein, der einen jahrelangen Briefwechsel zwischen Waldersee und Leimdörfer zur Folge hatte. Einige dieser Briefe wurden von Gustav Karpeles in der Allgemeinen Zeitung des Judentums, später auch im Altouaer Tagesblatt veröffentlicht, und wer sie liest, wird über die hohe Denkungsart Waldersees über das Judentum besser belehrt werden, als von der Fama, er sei ein Freund Stöckers gewesen. Die Kanzelberedsamkeit ist keine Wissenschaft allein, sondern eine hohe Kunst und Leimdörfer ist ein würdiger Interpret dieser Kunst, so daß Jellinek, sein Meister, in ihm seinen bedeutendsten Schüler erkannte und Ludwig August Frankl seine Reden als Gedichte in Prosa von bleibendem Wert bezeichnete. Als Gelehrter ist Leimdörfers Haupttätigkeit die Bibelforschung und zwar nach historisch kritischer Methode. Auf diesem Gebiete schuf er Werke, die noch lange die wissenschaftliche Welt beschäftigen werden, wie die talmudisch-midraschischen Abhandlungen: S i f r e - R ä t s e l, Messias-Apokalypse, K a d d i s ch g eb e t, der erste Priester o rn at im Talmud n. v. a. Professor Moriz Lazarus, der-Völkerpsychologe, äußerte sich höchst anerkennend über die Analysis, wie über den Kommentar in Leimdörfers: „Der Prediger Salomo in historischer Beleuchtung." Desgleichen hat die Arbeit über „Jbn Barnchs Lösung des Kohelet-Rätsels im 16.1 ah rh und ert" selbst viele Anhänger der Glosfatorenhypothese des Professors Siegfried in Jena stutzig gemacht. Zur Zeit der Ausschreibung der Preisarbeit über die Frage „das betende Ich" in den Psalmen seitens der Universität Berlin, erschien Leimdörfers Buch: „Das Psalter-Ego in den Ich Psalmen," zu der Professor Cornil, damals in Königsberg, eine schöne Einleitung geschrieben. Welche apologetische Kraft besitzt die Schrift Leimdörfers: „Zur Kritik des Buches Esther!" Was die Apologetik betrifft, hat sich Leimdörfer durch zahlreiche, populär wissenschaftliche Aufsätze in den verschiedenen Fachzeitschriften einen trefflichen Namen erworben. Leimdörfers Werk „der FH WH -Fund von Babel in der Bibel" gegen Delitzsch ist in 6000 Exemplaren erschienen und vergriffen. Auch auf dem Felde der Poesie darf besonders ein Blümlein erwähnt werden, dem Leimdörfer seine Pflege gewidmet hat, das in der Zeitschrift „Ost und West" erschienene Oratorium „Moses," das noch des vertonenden Meisters harrt. Daß der gelehrte Volkspädagoge auch für die Schulpädagogik stetst etwas übrig haben muß. ist selbstverständlich. Tausende von Schülern haben nicht nur aus Leimdörfers Munde, sondern auch ans seinen Büchern den Glauben nnd die Geschichte Israels tiefer erfassen gelernt. In 4. Auflage vergriffen .ist sein Buch: Nach biblische Geschichte," das auch in englischer Sprache (von Reverend Hecht in Montgomery übersetzt) in die Sabbatschulen Englands und Amerikas eingeführt ist. Ferner seine „Moseslehre," seine „kurz ge faßte Religionslehre," Anleitung zur Barmizwah." Dazu gehören die „lebende Megilla" und die „Chanukah-