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Die Wahrheit · 1911-09-15 · Heft 36 (15.9.1911) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1911
Issue
Heft 36 (15.9.1911)
Date
1911-09-15
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 36. die schon vor Jahren eine Mischehe Mit einem Nichtjudeu einging. Der dortige.Killtusgemeuidevorstaud hat darauf keines Anstoß genommen Mlnd . so wiM die betreffende Lehrerin auch heute noch am der jüdischen Volksschule. ' ■>Vv ' *•>' » X-. -* '*'v ' ' * \ Die Münchener Polizei hat einige seit vielen Jahren dort ansässige aus Galizien und Rußland eingewauderte jüdische Hausiererfamilien plötzlich ausgewiesen. Weitere Ausweisungen osteuropäischer Juden stehen bevor. Vor kurzem veranstaltete die Polizei eine förmliche Razzia in dem von ausländischen Juden bewohnten Stadtteile und notierte sämtliche Familien, die keinen Gewerbeschein vorzeigeu oder nicht Nachweisen konnten, woher sie ihren Lebensunterhalt bestreiten. Die Mehrzahl dieser Familien soll ausgewiesen werden. £ * * Viel ernster als diese polizeilichen Chikanen ausländischer Juden äst eine Rechtsverkürzuug der deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens, über welche nach Einschreiten der kompetenten Faktoren der deutsche Reichskanzler mit einer recht bequemen aber nicht besonders geschickten Ausrede hinweggegangen ist. Es ist nämlich in letzter Zeit zu verschiedenen Malen vorgekommen, daß jüdische Medizinalpraktikanten, die ihr praktisches Jahr in. einer Krankenanstalt absolvieren wollten, dort, wohin sie .sich meldeten, abgewiesen wurden, weil. die „christlichen Kollegen" in ihrer Mitte keinen Juden wünschten oder weil der Leiter der Anstalt ans persönlichen antisemitischen Motiven die Ablehnung anssprach. Da die Absolvierung einer solchen.Krankenhausstation die unumgängliche Voraussetzung für Zulassung zum großen Staatsexamen ist, so erscheint es verständlich, daß eine etwaige Ausdehnung der antisemitischen Praxis der Nichtannahme von Juden schließlich wie eine Ausschließung der Staatsbürger jüdischen Glaubens vom Studium der Medizin wirken müßte. Wenn nun gar eine solche Zurückweisung jüdischer Medizinalpraktikanten von Seiten der Leitung von Krankenanstalten. erfolgt, 'die aus öffentlichen Mitteln, zu denen auch die Juden beisteuern, unterhalten, dann, so sollte man meinen, Hätte die Regierung allen Anlaß gegen ein solches offen, antisemitisches Gebühren einzuschreiten. Diese Angelegenheit wurde bereits im Parlament zur Sprache gebracht und da alle eingeleiteten Schritte keinen Erfolg hatten, wandte sich der Ausschuß der preußischen Aerztekammer mit einer Eingabe an den Herrn Reichskanzler, in der unter Hinweis auf die vorgekommenen Fälle der Abweisung von Medizinalpraktikailten jüdischen Glaubens das Ersuchen ausgesprochen wurde, die Annahme oder Ablehnung von Medizinalpraktikauteu nicht mehr von dem Ermessen der Anstaltsleitungen abhängig zu machen, vielmehr zu bestimmen, daß jeder unbescholtene Medizinalpraktikant, soweit Vakanzen vorhanden sind, aufzunehmen sei. Auf diese Eingabe ist nun folgende Antwort des Reichskanzlers erfolgt. „Zu einem behördlichen Eingriff in die den Kandidaten wie den Anstalten eingeräumte, wechselseitige Freiheit von Meldung und Annahme scheint mir um so weniger Veranlassung vorzuliegen, als die Zahl der in Preußen vorhandenen Praktikantenstellen diejenige der geprüften Kandidaten um weit mehr als das Doppelte übersteigt und es daher jedem Kandidaten möglich sein dürfte, eine seinen berechtigten Wünschen entsprechende Praktikantenstelle zu finden. Ein behördliches Vorgehen im Sinne der Eingabe würde nur dazu beitragen, auf dem seinem Wesen nach konfessionell neutralem Gebiet der ärztlichen Vorbildung konfessionelle Gegensätze zu schaffen oder zu beleben. Ich möchte daher von einem Vorgehen in dieser Richtung absehen." Es ist höchst sonderbar, daß der Reichskanzler, der die Beschwerdeführer über den konfessionell-neutralen Charakter der ärztlichen Vorbildung zu belehren weiß, diesen Standpunkt nicht mit der gleichen Energie gegenüber den antisemitischen Kraukenaustaltsleitern einnimmt. Es scheint also auch in dem deutschen Reichskauzleramte mit zweierlei Maß gemessen zu werden. ..■■■>■ * * * Nachdem dieäantisemitischen Exzesse äm England nunmehr zu Ende. , sind, versuchen Hie .meisten.- Blätter .Denselben eine Harmlosere EÄärDg zu geben. G.p schreibtz. V.Ke >Voss. Ztg'.": a „England Hst' ein vexesilMesMönigreich Hnd besteht aus 'so tzrmchWWMnWLänderü^wie EnglandXSHWaud, Irland und Wales. Von diesen Ländern leimt der .Mrchschnltts-Mitteleuropäer eigentlich.uür England, höchstens -etwa Schottland. Von dem an die Schweiz gemahnenden Wales oder der reizenden, grünen irischen Insel' weiß er^wenig.;Füx ihn äst eben, alles; zusammen — England. v ^r v . r.; Und so kommt es, daß die antisemitischen Krawalle in „England" in der ganzen zivilisierten Welt maßlose Verwunderung hervorgerufen haben. Der Kenner der Verhältnisse jedoch wird sich weniger wundern. Denn er 'weiß, daß Tredegar, Bargoed und Giljoch in Wales liegen und dazu noch stark mit Iren bevölkert sind. Der Ire aber haßt den Juden. Es ist England bis ans den heutigen Tag nicht gelungen, in Irland z. B. den Schulzwang einzuführen. Bei weitem der größte Teil aller Iren sind Analphabeten. Und der Priester ist ähr Befehlshaber. Ihm gehorcht der Ire blindlings. Nun entstammt der irische Priester aber dem Milieu, in dem er sich bewegt. Die Folge ist ein religiöser Fanatismus, der in nichts dem der Mohammedaner nachsteht, gepaart mit Unwissenheit und Aberglauben, wie sie im dunkelsten Rußland nicht böser Hausen können. Für diese Leute ist der Protestant der verabscheuungswürdige Ketzer, der sicher einmal in der Hölle schmoren wird. Der Jude aber —. Wenn man den Namen ansspricht, muß man sich bekreuzigen. Denn er ist der leibhaftige Teufel. Es leben auch in Irland fast gar keine Juden, in Wales verhältnismäßig wenige. Und Protestanten und Juden scheinen in den bedrohten Distrikten bereits gemeinsame Sache gemacht zu haben, denn es haben sich, dort „freiwillige Schutztruppen" gebildet, die Tag und Nacht durch die bedrohten Straßen marschieren und an deren Spitze; ein protestantischer und ein methodistischer — Geistlicher stehen." Ueber alle Zweifel fest steht aber nunmehr, daß sich alle Behauptungen, als seien die Krawalle dadurch entstanden, daß jüdische Kanfleute, den Streik ansnützend, die Lebensmittelpreise . emporgeschrailbt hätten, durch die Untersuchung als völlig grundlos ergaben. Im übrigen wäre es auch schwer zu ersehen,'was Butterpreise mit dem Ausranben von Juwelierläden zu tun haben. Dagegen ist charakteristisch, daß fast alle bei den Krawallen Verhafteten — Irländer waren. Ueber die Ausschreitungen selbst werden immer neue Einzelheiten bekannt, die darauf schließen lassen, daß dem Mob doch mehr an Raub und Diebstahl gelegen war^ als an Zerstörung und Mißhandlung. In mehreren Fällen scheuten sich jedoch die Horden auch nicht, das Einschreiten der Behörden mit Brandlegung zu beantworten. Nur ein Fall brutaler Mißhandlung, der an russische Pogrome erinnert, ist bis jetzt bekannt geworden, dessen Opfer eine Wöchnerin mitsamt ihrem Kinde ist. Das Kind hat dabei den Tod erlitten; die Mutter ist schwer verletzt nach dem jüdischen Hospital in London verbracht worden, wo var seiten der Gemeinde in liebevollster Weise für sie gesorgt wird. Dr. D. Feimdörfer - Rabbiner und Prediger in Hamburg.' Zu seinem 60. G eburtstag. Am 17. September d. I. begeht der in den weitesten Kreisen bekannte Rabbiner lind Prediger des isr, Tempel- Verbandes in Hamburg seinen 60. Geburtstag und seinen zahlreichen Freunden und Verehrern sowie der weiteren Oeffentlichkeit dürfte es willkommen sein, wenn wir die biographischen Notizen, die Dr. Michelson und später Dr.Kohnt über diesen ausgezeichneten Manu bereits veröffentlichten, noch durch folgende Skizze ergänzen. Als Kanzelredner hat Leimdörfer die Methode Jellineks, des lebendigen Midrasch, mit der Methode Joels, des Psychologen, aufs innigste verbindend, Bahn brechend gewirkt. Ludwig Philipson nannte ihn nach Ueberreichung der Widmung seiner Rede: „Moses erste Predigt" den berufensten unter den moder-

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