Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1911
- Issue
- Heft 36 (15.9.1911)
- Date
- 1911-09-15
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Leimdörfer. — Die Psalmen als Schulbuch. — Das jüdische Familienleben in fernen. — Verschiedene Nachrichten. — Der Belfer. — Das Leichenbegängnis des Oberkantors Bela Guttmann. — Schire bes Jausef. — Austritte au» dem / - ' Judentume. Ans der Woche. Im Wiener Rathaus herrscht Heller Jubel und lauter Festesklang und, die hochweisen Stadtväter, die am Beginne ihrer kommunalen Laufbahn die Engländer am liebsten mit Stumpf und Stiel ansgerottet hätten, ersterben jetzt in Höflichkeiten und Liebeilswürdigkeiten für den Lordmayor von London, der gegenwärtig mit einer Delegation des Londoner Gemeinderates in Wien zu Gaste weilt. Allerdings haben sich die Zeiten ganz gewaltig geändert und die einst allmächtige Wiener Rathäuspartei muß jetzt alle möglichen Mittel verfuchen, um ihre schlissig gewordene Popularität- und Autorität wieder aufzufrischen. Aber ebensowenig wie die Wiener Bevölkerung sich Sand in die Augen streuen läßt, wird die Delegation des größten, aus dem Prinzipe der vollsten Freiheit und Gleichberechtigung aufgebauten städtischen Gemeinwesens der Welt, bei aller Anerkennung der Schönheiten und Einrichtungen der herrlichen Wienerstadt, über den wahren Geist, von dem unsere Gemeindeverwaltung geleitet wird, im unklaren bleiben. * Der Wiener Vertreter der „Odeßkia Nowosti" richtete an eine Reihe hervorragender Persönlichkeiten eine Rundfrage über den Einstuß der Freizügigkeit der Inden in Oesterreich-Ungarn und Deutschland auf das wirtschaftliche, soziale und kulturelle Leben der Völker. Von den eingelanfenen Antworten dürften für unsere Leser die der österreichischen' und ungarischen aktiven und nichtaktiven Regierungsmanner von besonderem Interesse sein: Ministerpräsident a. D. v. K o erb er erklärt, daß nach aller Erfahrung -Ausnahmegesetze nur selten zum Ziele führen und den Zweck, der dabei vorschwebt, erreichen. Um so unwirksamer werden solche Gesetze in einem Zeitalter, in welchem die Abschließung der Völker und Menschen immer mehr und mehr schwindet. Ministerpräsident Freiherr v. Gautsch: Ich bedauere, mit Rücksicht auf meine amtliche Stellung als Chef einer Zentralstelle mich der Abgabe von Erklärungen für publizistische Zwecke enthalten zu müssen. Der frühere Statthalter/ :von Niederösterreich Graf Kielmansegg bedauert, üher /die Verhältnisse der Juden in Oesterreich sich aus dem Grunde nicht äußern zu können, weil ihm die zur Beurteilung der/Verhältnisse erforderlichen amtlichen Daten nicht zur Verfügung! stehen.. Der ehemalige ungarische Ackerbauminister Ignaz v.-sD,ur a n y i erklärt: Die Freizügigkeit der Juden in Rußland, kann für uns Mich nicht, ohne Belang sein, denn - es scheint uns, als ob, falls den Juden in Rußland die Freizügigkeit gesichert würde, es zu erhoffen wäre, daß die Auswanderung bezw. die Einwanderung über Galizien und die Bukowina nach Ungarn j sich verringern würde. Vom Humanitären Standpunkt aus kann j die Einräumung des Rechtes nur gebilligt werden. Ministerpräsident a. D. Freiherr von Fejervary schreibt: Wie Ihnen vielleicht bekannt, habe ich mich seit dem Frühjahr 1906 vollkommen jeder politischen Meinungsäußerung enthalten. Sie, werden es sohin vielleicht erklärlich sinden, wenn ich mich vis-ä-vis der Ihrerseits au mich gestellten Fragen aus denselben Standpunkt stelle. Handelsminister a. D. Franz Kossuth hat folgende zwei an ihn gestellte Fragen mit Nein beantwortet: Hat in Ungarn die Freizügigkeit der Inden auf die wirtschaftliche Entwicklung hindernd eingewirkt? Haben sich infolge des den Juden gewährten Rechtes der freien Wahl ihres Wohnortes ökonomische, politische und moralische Nachteile eingestellt? Der deutsche Konsul in Wien v. Liebig antwortete: Ich habe nur tiefe Verachtung für Politiker, die nur über die Reckitsbeschränkung der Juden sinnen und sie in ein eigenes Ansiedlungsgebiet einpferchen. Die Gleichberechtigung, welche den Inden in Oesterreich gewährt wurde, wie auch die Freizügigkeit über das ganze Land haben diesem großen Nutzen gebracht, weil sie zur wirtschaftlichen Entwicklung des Landes viel beitrugen. * -i- * Die Mischehe bedeutet in vielen ungarischen neologen Kreisen kein Problem mehr, sondern eine tägliche Erscheinung, mit der man sich leicht abfindet. In Satoralya-Ujhely ist jüngsthin eine an der Schnle der jüdischen Gemeinde angestellte jüdische Lehrerin infolge einer Mischehe die Gattin eines Katholiken geworden, und es ist bezeichnend für die Auffassung der neologen Kreise Ungarns, daß nun darüber eine Kontroverse entstehen konnte, ob die genannte Lehrerin auch weiterhin an einer rein jüdischen Schule tätig sein könne. Und noch bezeichnender ist es, daß diese Frage gar nicht ohne weiteres beantwortet werden kann, da es noch zweifelhaft ist, ob ihre Entlassung auch von dem ungarischen Unterrichtsministerium bestätigt werden würde. In den Regierungskreisen ist man nämlich der Ansicht, daß Mischehen in Ungarn gestattet sind, und die genannte Vokksschullehrerin hat demnach nichts getan, was gegen die Landesgesetze oder die guten Sitten verstößt. Man ist jn den Kreisen der ungarischen Judenheit naturgemäß auf die endgiltige Lösung dieser, wichtigen prinzipiellen Frage. sehr gespannt. Interessant ist es, daß dieser Fall nicht vereinzelt dasteht. Jn einer anderen Gemeinde in Waag-Neustadtl wirkt gleichfalls eine Lehrerin an der dortigen jüdischen Volksschule,