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Die Wahrheit · 1911-09-08 · Heft 35 (8.9.1911) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1911
Issue
Heft 35 (8.9.1911)
Date
1911-09-08
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seile 8. Die Wahrheit. Nr, 35. Vöslau. Sonntag nachmittags wurde im, Hiesigen Bethause die d i o m ä u t c u e Hochzeit des Ehepaares Scholem Frau k l mit seiner Gattin Gitl bei Zahlreicher Beteiligung der' Glanbensgenosien von hier und Gainfarn wie auch der Badener Gemeinde und der christlichen Bevölkerung in besonderer Weise gefeiert. Vom Gemeiuderate erschienen Herr Moriz Z w i e r s ch ü tz und Herr Franz Schaum a n lt wie auch andere Bürger. Nach weihevollem Vortrage des Miucha-Gebetes durch Kantor Z old an von Baden hielt Herr Rabbiner Reich eine formvollendete, Tiefempfundene Rede, in der er die Bedeutung des seltenen Tages und des jüdischen Familienlebens in glänzenden Farben schilderte. Hieraus richtete der Präses der Badener Kultusgemeinde, Herr Direktor Moriz Lettner, an das Jubelpaar einige herzliche Worte, zugleich demselben ein namhaftes Ehrengeschenk überreichend. Der Obmann des Tempelvereines, Herr Badearzt Dr. Brösle r, dankte allen Teilnehmern für ihr Erscheinen und ein gemütlicher Abend im Restaurant Schwarz beschloß das schöne, erhebende Fest. Der Jubilar ist 86 Jahre alt und noch ziemlich rüstig. Sein Name datiert von dem berühmten Rabbiner R. Scholem Charis in Lakenbach. Trebrtsch. Von Herrn Rabbiner Dr. Johann Stößler werden wir um Veröffentlichung folgender Zuschrift ersucht: In verschiedenen anonymen, dem Brunner „Volksfreund" entlehnten Zeitungsartikeln waren gegen den von mir erteilten Mädchenkonsirmationsunterricht . unqualisizierbare Anwürfe veröffentlicht. Ich machte dem Vorstande meiner Kultusgemeinde hievon freiwillig Mitteilung. Der Kultusvorstand gelaugte einhellig zu der Ueberzeugnng, daß jene Anschuldigungen jeder Grundlage entbehren und überreichte mir ein Vertrauensvotum, in deni es u. a. heißt: „Der gefertigte Vorstand spricht seine Entrüstung über die Form aus, in welcher die Ihnen angeschuldigteu Tatsachen verbreitet wurden und weist bie Ihnen von offenbar gehässiger Seite unterschobenen unlauteren Beweggründe auf das entschiedenste zurück, zumal er Ihre musterhafte Lebensführung wie Ihr ersprießliches Wirken durch mehr denn vier Jahre kennt und Ihre bisherige Amtsführung dem Kultusvorstande keinen Anhaltspunkt bietet, solche unlautere Motive für wahr zu halten. Indem wir gerade Ihre Verdienste um die Erziehung unserer Jugend und die schon erzielten schönen Erfolge anerkennen, sprechen wir Ihnen hiemit unser vollstes Vertrauen aus und wünschen: „Euer Ehrwürden mögen unbeirrt an der Erfüllung Ihrer Pflichten Weiterarbeiten und unserer Gemeinde noch recht lauge erhalten bleiben." Die Eltern der von mir unterrichteten Mädchen übersandten mir ' gleichfalls eine ehrenvolle Zuschrift, in der sie mich ob meiner selbstlosen Hingabe au den Jugenduuterricht ihrer vollsten Anerkennung und Dankbarkeit versichern. Ich erachte die Angelegenheit, soweit sie mein Verhältnis zu Kindern, Eltern und Gemeindevertretung betrifft, für.mich und für vernünftige Leser hiedurch als erledigt und werde an die Loyalität jener Blätter nicht appellieren. Berlin. Der deutsche Jahresbericht der Alliance Israelite Universelle für 1910 ist in einem 11 Bogen starken Bande erschienen. Wie alle Jahresberichte der Alliance so ist auch dieser Bericht eine Art Geschichte der Juden des verflossenen Jahres. In besonderen Abschnitten werden behandelt die Juden in Rußland, Rumänien, Marokko und Persien. Zugleich bietet der Bericht ein Bild von der Tätigkeir der Alliauce, die sich über drei Erdteile erstreckt. Er zeigt, auf welche Weise die Alliance ihre immer größer werdenden Aufgaben erfüllt, wie in ihrem trefflichen Schul- und Lehrlingswerk ein Geschlecht herangezogen wird, das ein neues wirtschaftliches Leben beginnt, Bon hervorragendem Interesse ist in dem vorliegenden Jahrbuch der Bericht über die Alliance-Expedition nach dem Jemen, deu der Direktor der Allianceschulen in Beyrut, Herr Jomtob Semach, erstattet hat. Költt. Die Adreffe des Zionistischen Zentralbureaus, der Redaktion und Administration der „Welt" und des Jüdischen Verlags lautet vom 1. Oktober ab: Berlin W. 15, Sächsische Straße 8. Der Keifer. Von Oberkautor M. A. Landau, Wiener-Neustadt. (Fortsetzung.) Und wenn Blume über ihrem Stickrahmen gebeugt dasaß und mit stinken Stichen aus bunten Seidenfäden die schönsten Sternchen hervorzauberte und ab und zu mit strahlendem Auge zu Jossale aufblickte; und wenn dieser, sein Ideal bewundernd, vom Pariser Leben und Treiben erzählte, da war es jedem offenbar, daß die göttliche Vorsehung diese beiden Menschenkinder schön lange, sehr lange für einander bestimmt haben mußte. Und diese beiden schienen , dies ganz genau zu fühlen und ganz genau zu wissen, a b e r 's i e hätten es doch nicht gewagt, diese schlummernden Gefühle einander zu offenbaren. Während .dieser Sommertage, die für Blume ein Erwachen zu einem neuen, kräftigen Leben wurden, erhielt Jossale von seinem Wohltäter aus Paris ein Schreiben, daß-er ihm, seinem Versprechen gemäß, im Falle seiner Rückkehr, die Stelle des Kassiers im Bankhanse anbiete. Dossale dachte nicht mehr an-eine Rückkehr. E i n . jat ii-g e § R eis^g e d eich t i m h e i mm t l i che n B o d en,am best em Er glaubte genug Kenntnisse erworben zu haben, um sich hier eine Existenz gründen zu können. Ueberdies fühlte .ep,. wie ihn eine geheimnisvolle Macht festhielt und, ihm mit scharfen, d entlich en Zng e n d e n Wegein er g lückI ich en Zukunft vorzeichnete.- Blume war vom Sommeraufenthalt vollkommen gekräftigt zurnckgekehrt und empfing auch in der Stadt die Besuche.Jossales als etwas Selbstverständliches, Der Entschluß Jossales ^war unabänderlich. Er wollte,— nein, er mußtebleiben. Und es dauerte gar nicht ..lauge, so hatte er sich in einigen. Familien als französischer Lehrer äußerst beliebt gemacht und, wie es schon einmal im kleinen Städtchen ist, einer gab. die Kunde dem anderen, daß ein ganz vorzüglicher Lehrer aus Paris nach den neuesten..Regeln der Pädagogik und dazu ganz billig Unterricht gebe und so wurde Jossale mit Stunden geradezu, überhäuft, denn es wurde bald zu einem besonderen Stolz, wenn man sagen konnte: „Meine Kinder werden auch vom „Pariser" unterrichtet!" Jossale konnte mit großer Genugtuung und mit großer Freude auf die sich stets mehrende Zahl der Schülev und —- Gulden sehen und war umso glücklicher, als ec bemerken konnte, daß Blume auch in der Stadt ihr freundliches Wesen und ihr gutes'Aussehen bewahrte. Noch machte ihm bie öfteir wiederkehreude Blässe einige Sorge und nach einer neuerlichen geheimen Unterredung mit der guten Tante mußte Blume, trotzihrer Weigerung, auf das gütige.Zureden Jossales in eine eisenhältige Kuranstalt fahren, von wo sie nach einigen. Wochen, zur großen Freude des überglücklichen Jossale ihre früheren rosigen vollen Wangen wieder heimbrachte. Und nun begann er während seiner fast täglichen Besuche seine reichen Kenntnisse und Erfahrungen in der anziehendsten Weise, oft sogar in Form der Erzählung, seiner Blume mitznteilen. Bald war sie mit dem reichmaschigen, engverknüpften Netz der pragmatischen Weltgeschichte innig vertraut und der mächtige, ewig kreisende Erdball, den stets wechselnde. Genera---, tionen mit stets gleichbleibendem Neid und Hader bewohnen, war für sie keine „terra incognitä“ mehr. In gleich spielender Weise brachte er ihr die gründlichen Kenntnisse der schönen, französischen Sprache bei, führte sie in die reiche, geisterquickende- Literaturgeschichte ein und konnte mit großem Vergnügen wahrnehmen, wie Blume gleichsam auf suggestivem Wege das etwas linkische, kleinstädtische Benehmen mit dem weltmännischen Pariser Ton vertauschte.. Die Vertrautheit der Beiden wuchs in dem Maße, daßes niemandem anffallen konnte, wenn Jossale seiner Blume zum Geburtstage ein schönes, modernes Kleid von Schaje Ritter schicken ließ, oder wenn er ihr zu Pfingsten ein schmuckes, kokettes Hütchen kaufte; gerade wie es für Blume selbstverständlich war,, ab und zu die Ordnung in der Junggesellenwohnung Jossales herzustellen und mit kundiger Frauenhand seine Kleider und seine Wäsche in musterhafter Weise zu sichten. Für sie war Jossale kein Fremder. Er war ihr-ein lieber, wiedergeschenkter Bruder, wie sie für ihn eine teuere Schwester. Und deshalb war es ihr ganz eigentümlich zu Mute, ja, sie hätte am liebsten laut auflachen mögen, als ihr die Tante eines Tages mitteilte' bafe Jossale i n' a l l e r Form u m ihre Hand angehalten habe. ' : ■ - (Schluß folgt). Mach Schluß des Mattes erhalten wir die traurige Nachricht, daß Oberkantor Bela G u t t m a u n Mittwoch, den 6. d. M., nach langem, schwerem Siechtum in^eiuer Heilanstalt in Tulln gestorben ist. Ein reiches Talent ist mit ihm frühzeitig zu Grabe gegangen, und die Erinnerung au ihn wird immer verknüpft.sein mit der Bewunderung seiner herrlichen Stimme und des . erhebenden, gemütvollen Vortrages, der ihm : in seltener Weise zu eigen war. Das Leichenbegängnis findet Freitag, , den 8.. d. M., 11 Uhr vormittags, auf dem Wiener Zentralsriedhofe statt.

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