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Die Wahrheit · 1911-09-08 · Heft 35 (8.9.1911) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1911
Issue
Heft 35 (8.9.1911)
Date
1911-09-08
Page
– (sequence 9)
Language
German
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9ir. 35 Oesterr.-ungar. Kantoren-Zeitung_Seite 9. IFsiitzr. Amtsfnbilämn des Oberkantors Mar Singermann, Troppan. Am 1. Tage, des Rosch-haschonohfestes feiert Oberkantor Max Siugermann sein 25-jährigesAmtsjnbilünm .kn Troppau, und erachte ich es als' kollegiale Ehrenpflicht den gesamten Kantorenstand/ zu dessen hervorragendsten Vertretern der Jubilar .zählt, zur Teilnahme an diesem Jubiläum anfzufordern. Oberkantor Max Singermann ist im Jahre 1860 in Kenin (Russisch-Polen) als dritter Sohn des dort berühmten Chasens „Herschke". geboren. Schon als 7-jähriger Knabe erregte er dnrch seine vorzüglichen gesanglichen Leistungen als „Singerl" bei seinem Vater die Aufmerksamkeit des Publikums. Im 18. Lebensjahre bezog er das jüdische Lehrer-Seminar in Hannover, wo er drei Jahre seinen Studien oblag, nebstbei aber auch bei Oberkantor Berggrnn und königl. Musikdirektor Moll gesangliche und musikalische Studien betrieb. Von dort ging er nach Breslau, absolvierte die Kantorenschnle des -Oberkantors Deutsch, zu dessen Lieblingsschülern er zählte. Im Jahre 1880 wurde er als Kantor nach Schweidnitz in Schlesien berufen, von dort kam er 1883 nach Duisburg a/Rheiu. Während seiner dreijährigen Wirksamkeit daselbst vollendete er in Köln und Düsseldorf bei hervorragenden Meistern (Ferd. Hiller und Franz Litzinger) seine Musikstudien, und errang sich als Konzertsänger im ganzen Rheinlande einen ehrenvollen Namen. Im Jahre 1886 wurde er nach Troppau berufen, wo er nnausgesetzt als Oberkantor wirkt. Als ausgezeichneter Fachmann verstand er es glänzend das alte Chasones mit modernem Kunstgesang zu verbinden und erfreut sich dadurch" der größten Anerkennung der -Gemeindemitglieder; er hat sich auch sonst eine hochangesehene Stellung erworben. In den besten Kreisen aller Bevölkerungsklassen der Stadt eingesührt, hat er wiederholt bereitwilligst seine Kunst in den Dienst der Wohltätigkeit gestellt. Die unter dem Protektorate der Gemahlin des Landespräsidenten, der Frau Gräfin Condenhove-Taaffe veranstalteten Wohltätigkeits-Vorstellungen wurden des öftern seiner Leitung auvertraut. Seine Gesangsschnler und Schülerinnen genießen einen guten Ruf au bekannten Bühnen. Seine Schülerkonzerte versammeln regelmäßig die Elite der Troppauer kunstsinnigen Gesellschaft, die wicht die Fortschrite der einzelnen Schüler bemißt, sondern ihr Interesse daraus konzentriert, was die Kunst eines verständigen, fachkundigen Gesangsmeisters aus ungeschälten Stimmaterial zu machen imstande ist. Aber auch als Komponist hat Oberkautor Singermann Erfolge erzielt, seine Keduscha und sonstigen Kompositionen werden in vielen Gemeinden ausgeführt. Drei Jahre war er auch Vorstand des jüd.-liter. Vereines, mehrere Jahre Schriftführer der Chewra Kadischa und hat sich dadurch ans allen Gebieten des Judentums Verdienste erworben, die am Inbiläumstage vollauf gewürdigt werden dürften. Als Kollege möchte ich nur noch eines bemerken: Oberkantor Singermänn ist einer der wenigen Kollegen, die wahrhaft kollegial denken, und deshalb wäre es wünschenswert, wenn an seinem Jubeltage seiner kollegial gedacht werden würde. Albert Schlesinger, Kantor u. Sekretär. Oberkimlor Moritz Sonntag. lieber das Leichenbegängnis des in Bukarest verstorbenen Oberkantors Moriz Sonntag erhalten wir folgenden Bericht: ' Am Dienstag, den 8. August, abends 9.Uhr, ist Oberkantor Moritz Sonntag gestorben und Donnerstag, den 10.. 4 Uhr nachmittags, wurde er unter imposantem Geleite zu Grabe getragen. In. der Wohnung des Verblichenen hatten sich zahlreiche Trauergäste «ungesunden, darunter die Vorsteher aller Synagogenvereine und als 'Präsentanz des „Choral-Tempel" der Tempelvorsteher Herr. Borely ' W i s n e r, begleitet vom Sekretär Herrn Odesjano. Sämtliche Kantoren Bukarests waren im Ornate erschienen und gruppierten sich mit dem Chorpersonale aller Synagogen im Kreise, um den Sarg, der im Hofe des Sterbehauses anfgebahrt war: Die Hauptfunktionen wurden von Oberkantor M. S e i f ert (Gr. Synagoge) und Kantor Perelmann (Tempel Choral) abgehalten. Die Chorgesänge leitete Chormeister Herr F e i g e n b a u m (Gw Synagoge). Präzise 4 Uhr intonierte Oberkantor Seifert das Ädonoj Mo Odom, welches vom ganzen Chor vierstimmig gesungen wurde, ebenso das Scbiwisi (von Sulzer). Hieraus widmete Oberkantor Seifert dem Heimgangenen einen Nachruf, in dem er betonte, daß Moritz Sonntag sich als Kantor und Komponist einen unsterblichen 'Namen erworben hat. Einer achtbaren Familie in Lemberg entstammend, studierte er als Knabe und Jüngling sehr fleißig und bereitete sich gründlich für den kantoralen Berns vor. Schon im Alter von 18 Jahren wurde er. als Oberkantor in Makp angeftellt und. nach mehrjähriger Tätigkeit daselbst, während welcher er auch sein erstes Werk „W o ch en - Trad ition" heransgab, wurde er so populär, daß er nach Totis (Ungarn) und dann nach Temesvar (Ungarn) berufen wurde, wo er 18 ehrenvolle Jahre als Oberkantor fungierte. Viele Gemeinden in Ungarn haben dem Verblichenen die Einführung eines geregelten und modernen Gottesdienstes zu verdanken und seine Kompositionen werden fast in allen Weltteilen gesungen. Moritz Sonntag hat viel für die jüdische Synagoge geleistet linb sein allerletztes Werk „Teiillas Neilah“ hat er zu wohltätigem Zwecke, und zwar für den österr.-ungar. Kantorenverein in Wien gewidmet, so daß sein Leben auch mit einer guten Tat abschloß. Sein Andenken sei gesegnet- Nach Vortrag des El mole rachamim durch Oberkantor Seifert, der der großen Trauerversammlung Thränen entlockte, wurde der Sarg von Vorstandsmitgliedern unter den Klängen des „Joscbew bessesser“ zu dem vierspännigen Leichenwagen getragen. Vor dem Sarge schritten die Kantoren mit dem Chore, hinter dem Sarge sah man den Bruder des Verblichenen, der eiligst ans Budapest zur Leichenbestattnng hergekommen war. Als von dem großen Chore das Omar ladonoj erscholl, ward es still im Zuge und von allen Stadtteilen strömten Menschen zu, so daß die Pferdebahn und Droschken nicht passieren konnten und so geleitete man die Leiche zum Tempel Mamular,. wo der Verblichene vier Jahre als Oberkantor tätig war. Am Eingänge des Tempelhofes übernahm Herr Kantor Perelmann (vom Tempel Choral) die Funktion, indem er beim Abheben des Sarges Josebew bessesser Eljon intonierte, woraus der Chor Omar ladonoj sang. . Im Tempelhof wurde der Sarg auf einer Tribüne aus- ^ebahrt. Der ganze Tempelhof war schwarz drapiert, die Lampen Mit Flor umhüllt und auch hier bildeten die Kantoren Spalier. Kantor Perelmann intonierte Adonoj mob Odom, worauf der Chor diesen Tranerpsalm, komponiert vom Verblichenen, wunderbar zum Vortrag brachte. Hierauf hielt Kantor Perelmann dem Verstorbenen im Namen aller Kollegen einen Nachruf, in welchem er die große Arbeitsleistung und das schöpferische Genie Moritz Sonntags würdigte, der sich zur Lebensaufgabe machte, überall, wohin er kam, den Gottesdienst künstlerisch zu regeln und streng an der Tradition festznhalten. Auch hier in Bukarest, war er derjenige, der die Orgel eingesührt und für den ganzen Gottesdienst die Orgelpärtitür niedergeschrieben hat; mit einem Worte, Moritz Sonntag hat sein ganzes Leben gearbeitet und studiert und nicht nur ans dem Gebiete der gottesdienstlichen Musik, sondern auch auf dem Gebiete der Liturgie. Und dieser so reichbedachte Mann war schlicht, einfach, bescheiden und für Jedermann hilfbereit. Das letzte Vermächtnis, welches der Verblichene zurückließ. stempelt ihn für alle Zeit als gutherzigen und weitdenkenden Menschen. Tag und Nacht arbeitete er eifrig an demselben, als wenn er es gewußt hätte, daß die Zeit ' drängt. . Alst es fertig war, sandte er es schleunigst nach Leipzig zum Drucken ans eigene Kosten und übergab es sofort dem Kantorenvereine Wien-Budapest als Stiftung für Kantorenzöglinge, die unbemittelt sind. Schön und edel wie sein Leben ist auch dieses Vermächtnis, mit dem er sich ein ehrenvolles Denkblatt in der Geschichte des Kantorenbnndes gesichert hat. In endlosem Trauerznge setzte sich hierauf der Kondukt nach dem Friedhofe in Bewegung. Hier teilten sich wieder Oberkautor Seifert und Kantor Perelmann in. die kantoralen Funktionen und unter tiefer Bewegung der großen Tranerversammlung wurde Moritz Sonntag zur ewigen Ruhe gebettet.

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