Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1911
- Issue
- Heft 35 (8.9.1911)
- Date
- 1911-09-08
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Die Wahrheit - Nr. 35. Tochter; alle haben sie ein karriertes Tuch auf dem Kopf, daß sie über ihr Gesicht herunterziehen. Nach dem Schalom Alekem und dem Kiddusch setzt man sich; die Frauen rühren sich nicht und der älteste Sohn bedient bei Tisch. Er holt den Araki aus dem Schrank und bringt einen Korb voll Bohnen, Aepfeln und anderen Früchten der Jahreszeit, während man daran knabbert, unterhält man sich. Die jüdische Familie lebt in engstem.Einvernehmen; der Herr bestehlt — aber mit welcher Sanftmut, man hört kein lautes Wort, keinen Vorwurf — und man gehorcht ihm mit großer Höflichkeit. Unter dem einfacheren Volk kommen ja Streitigkeiten vor, aber sehr selten. Ost leben mehrere Frauen in demselben Haus zusammen: Mutter, Großmutter, Schwiegermutter, verwitwete oder geschiedene Töchter, Enkelinnen, und es ist rührend wie gut sie sich vertragen. Ihr Leben besteht aus Arbeit; sie haben keine Zeit, sich gegenseitig zu beobachten, zu kritisieren und miteinander zu streiten. Um zwei Uhr morgens, wenn der Schamas die Frommen znm Gebet ruft, stehen die Frauen auf und arbeiten bei der Lampe bis Sonnenaufgang. Jede hat ihren Beruf; eine näht Hemden für die Bauernfrauen, die keine Nadel einzufädeln verstehen; eine andere stickt die Kerkuschs (Häubchen) für Frauen und Kinder; eine dritte benäht die türkischen Beinkleider mit Seiden- oder Silberfäden. Selbst die alte Mutter arbeitet noch, meist ohne Brille. Sobald der Tag zu grauen beginnt, löscht mau die Lampe aus und beginnt mit der Hausarbeit. In allen Familien wir das Korn im Hause gereinigt, auf Handmühlen gemahlen und das Brot wird in besonders dazu eingerichteten Backöfen gebacken. Die Küche ist sehr einfach: warmes Brot. Kischer, die pikante Helbs- Sauee und manchmal auch eine Kürbissuppe. Nach der Mahlzeit setzt man sich wieder an die Näherei und Stickerei und arbeitet bis zum Abend. Wie wirkliche Ameisen, gönnen diese Frauen sich keinen Augenblick Ruhe und nach fünfzehn- bis sechszehnstüudiger Arbeit verdienen sie 25 bis 30 Centimes den Tag. Für dieses Geld schaffen sie sich ihre Kleider an, manchmal auch einen Schmuckgegenstand. Während der Woche unterbrechen die Frauen nur selten ihre Arbeit. Wenn der Ehemann zu einem Fest gegangen ist. bringt die Frau ihm das Mittagessen; es sieht sehr interessantans, wie diese Frauen im Kopftuch, dessen einer Zipfel mit den Zähnen festgehalten wird, in den hocherhobenen Händen das Essen tragen. Eine Hand hält die kleine Terrine mit der eigentlichen Mahlzeit, die andere Hand ein großes Taschentuch, in dem sich die Früchte und der unvermeidliche Araki besindeu. Die Frauen tun das ohne jede Unzufriedenheit. Da sie alle demselben Ziel Zuströmen, treffen sie sich in den steinigen Gäßchen und erzählen sich Neuigkeiten. Welches andere Vergnügen bietet ihnen sonst das Leben? Der Samstag ist ihr Freudentag. Schon am Freitag abend hören sie mit der Arbeit auf, ziehen einen frischen blauen Kittel und die Beinkleider mit den silber- oder seidegestickten Seitenteilen an, setzen das gestickte Kerkusch auf, nehmen einen Rautenzweig in die Hand und ruhen sich aus. Während am Samstag Morgen die Männer beim Gottesdienst sind, gehen sie zu einer Nachbarin, um dort den Kischer zu trinken oder sie besuchen eine Wöchnerin. Zum Frühstück kommen sie nachhause, und wenn gegen zehn Uhr die Männer, vom schweren Getränk ermüdet, etwa schlafen, gehen sie wieder ans und promenieren auf dem großen Platz, ihren Rautenzweig in der Hand. Manchmal hocken zehn, fünfzehn Frauen zusammen vor einer Haustür, sie unterhalten sich stundenlang, ohne müde zu werden; wenn aber in der Ferne irgend etwas passiert, laufen sie eilig, um zu sehen, was vorgeht. Sie bewegen Arme und Beine in drolliger Weise, ihr Kopftuch flattert im Winde; es sind eben wahre Kinder. Sobald sie einen Mann erblicken, bleiben sie beschämt stehen, bedecken das, Gesicht und zeigen nur ihre großen ausdrucksvollen Augen. Sie haben wenig Anmut, suchen nicht zu gefallen und zu reizen; sie wollen viele Kinder haben, damit der Gatte ihnen zugetan bleibt; sonst haben sie gar keine Wünsche. Die einzige Vorsicht, die sie brauchen, um sich ihre Männer zu erhalten, besteht darin, daß sie niemals ein Dienstmädchen ins Haus nehmen. Da die Polygamie gestattet ist, könnte der Gatte sie nach feinem Geschmack finden und sie heiraten. Es gibt in Jemen verschiedene Männer, die zwei Frauen haben; aber dann ist fast immer die erste Frau kinderlos gewesen oder sie hat nur Töchter geboren. (Fortsetzung folgt.) - ' Die Ujalmeu als Schulbuch. (Fortsetzung.) Trotz des gleichen Grundznges und der gleichen Grundform jedoch kann man die Psalmen nicht als das Produkt eines Verfassers und eines Zeitalters ansehen. Schon der Talmud nimmt 10 Verfasser an. Gegen die Einheit des Verfassers spricht auch der Styl der Psalmen. Während die Sprache bei einigen eine erhabene, schwungvolle, an Bildern reiche ist, sinkt sie bei manchen ins Vulgäre hinab und nimmt sie fremde, besonders aramäische Elemente in sich auf. Gegen die Einheit des Verfassers spricht ferner die Verschiedenheit der Anschauungen über den Wert der Opfer (vgl. Kp. 50,8, 51,18 zu 20,3, 66, 13—15). Auch sonst stößt man in den Psalmen auf Widersprüche. In dem einen tritt der stille Dulder hervor (38, 14), in den anderen der Rachsüchtige, Unversöhnliche (100, 6—20), in dem einen. der Bescheidene, Selbstbewußte (49, 31), in dem anderen spricht der Selbstgenügsame und Zufriedene, der sich seiner Frömmigkeit und Tugendhaftigkeit rühmt (4,4, 86,2, 65,17). Bald wird auf jdas Innere, die Herzensreinheit, die Gesinnung, bald auf das Aeußere, auf das Formwesen Wert gelegt (51,19. 116,14). Auch die Auffassung vom Wesen Gottes ist nicht in allen Psalmen die gleiche (86,15. 94,1). Sicher ist, daß die Psalmen einen Zeitraum von mehreren Jahrhunderten umfassen und daß die bedeutendsten Männer von der Königsperiode bis zum Ende des sopherischen Zeitalters an ihnen mitgearbeitet zu haben.*) Den Grund zur Psalmen-Sammlnug hat David „der liebliche Sänger Israels", gelegt. Schon in seiner frühesten Jugend hat er die beiden Künste Musik und Gesang geübt. Wie das Schwert und den Bogen handhabte er die Harfe und Zither, entlockte er dem Zehnsaitenspiel harmonische Töne, die seine Seele in dichterischen Schwung versetzten und sie auf den Flügeln des Gesanges zu. Gott erhoben. Die dichterische Begabung Davids bekunden das Trauerlied auf. Saul, Jonathan und auf Öbner, das Siegeslied über Saul und „Die letzten Worte". (I. B. Sam. 1, 6,18, 23,18,10). Allein nicht nur seine persönlichen Erlebnisse, sondern auch die Geschicke des Volkes regten ihn zum Dichten von Psalmen an, welche er im Tempel mit geschulten Chören singen ließ. Diese Psalmen bildeten den Grundstock der Liturgie beim Gottesdienste für spätere Zeiten. Der Psalm, den David bei der Ueberführung der Bundeslade in die Davidstadt verfaßte und den die levitischen Tonknnstler mit hellklingender Stimme vortrugen, wurde auch in derselben Sangweise bei den Tempel-Einweihungen unter Salomo und Esra gesungen. (I Chr. 9, 23). Die davidischen Lieder wurden von Salomo, dessen Name an der Spitze der Ps. .72 und 122 steht, im Sinne und Geiste seines Vaters vermehrt. Gewiß entströmten auch seinem gläubigen Gemüte Psalmen zum Lobe des von ihm verherrlichten Gottes. (II. Kön. 3, 3. 8, 13), bevor die ausländischen Frauen sein Herz betörten. Doch die zunehmende Ueppigkeit, der sittliche und religiöse Verfall unter seinen Nachfolgern beeinträchtigten die zur Abfassung der Psalmen nötige Gottinnigkeit. Zur Zeit der lasterhaften Könige verstummte der Mund der Psalmensäuge. - Erst das fromme, kunstsinnige Zeitalter des Königs Hiskiahu war der Psalmeudichtung wieder günstig. Sammelten doch die Männer seiner Umgebung alte Sprüche und Gesänge. (Prov. 28, 1). Der gottesfürchtige König, der in den Wegen seines Ahnherrn Davids wandelte, führte wieder den feierlichen Gottesdienst ein, bei dem die Gesänge und Instrumente Davids wieder zur Anwendung kamen, dessen Lieder zum Vorbilde dienten und dessen *) Diese. Charakteristik. läßt auf 2 .verschiedene Persönlichkeiten schlie-. ßen. Kp. 37, 25. 71, 17. 18 spricht ein alter, erfahrungsreicher Mann. 119, 9 und 143, ein Jüngling, den niemand beachtet.