Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1911
- Issue
- Heft 35 (8.9.1911)
- Date
- 1911-09-08
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Sette 5. Nr. 35. Die Wahrheit das sehr schwer° machen lasse, da die Banken nach dem Gesetz bei der Kreditgewährung an eine bestimmte Person sich nicht nm die Nationalität kümmern können. Stolypin gedenkt aber, wie die Zeitungen melden, die Sache weiter zu verfolgen. Nun muß man sich nur vergegenwärtigen, daß der Premierminister von den Banken verlangt, sie sollen einem jüdischen Kaufmann, der Vertrauen verdient, keinen Kredit gewähren, dagegen aber Unternehmungen von Zechten Russen" finanziell — wohl aus „patriotischen" Gründen —. unterstützen, um klar einzusehen, welchen bedenklichen Grad von Gemeingefährlichkeit eigentlich die „nationalistische" Politik Stolypius erreicht hat. Es verlautet, daß er im Herbst in dieser Hinsicht energisch vorgehenwill. Der Kirchhofsfriedc im Zionismus. Ein G e d e n k b l a t t dem X. Z i o n i st e n k o n g r e ß. Der heimliche König der Zionisten, der bekannte jüdische Publizist Achad-Haam, kann sich vollauf seines Sieges freuen. Der zehnte Ziontstenkongreß hat eine Entwicklung zum Abschluß gebracht, die mit dem siebenten Kongresse eingesetzt und dem löblichen Ziele zugestrebt hatte, die großen sozialpolitischen Gesichtspunkte aus der nationalen Bewegung auszumerzen und sie mit dem Geist des halb rationalistischen, halb - mystischen Palästiuophileutums zu erfüllen. Der jüdische Ost, der Geist der Kleinarbeit, der sozialen Quacksalberei und verworrenen mystischen Schwärmerei hat gesiegt und der jüdische West, der bisher die umfassenden, sozialpolitischen Tendenzen im Zionismus verkörpert hatte, ist zu Kreuze gekrochen, hat die letzte Hoffnung auf einen Sieg innerhalb der zionistischen Organisation anfgegeben und in aller Bescheidenheit demissioniert. Das ist der psychologische Untergrund der Kongressedebatten über die jüdische Kultur und — des Personenwechsels im engeren zionistischen Aktionskomitee. .... Nun herrscht Friede. Die sogenannten „politischen" Zionisten haben sich ergeben und statt Wolfsohn wird Schmarjohu Lewin den Zionismus dirigieren. Aber ist das eine Antwort? . . . . Zwar haben die „Politischen" ihr Schicksal in Ehren verdient. Als die zionistische Organisation durch die Ablehnung des Ugandaprojektes ihre sozialpolitischen Ziele verleugnet und die verworrenen Kulturideale des Paläftinophilentums in den Vordergrund der Bewegung gerückt hatte, da war das Urteil über die politische Richtung im Zionismus schon gefällt und die aufgeklärten, von romantischen Reminiszenzen freien Westler hätten die Konsequenzen daraus ziehen und die Organisation verlassen müssen. Es ist nicht geschehen, es hat ihnen der große Ernst gefehlt, den ein Herzl für das Problem der Judennot mitgebracht hatte und der ihn in einer seiner glänzendsten Reden auf dem sechsten Kongreß (an die Ugandisten) gegen die über das Schicksal von Millionen leidender Inden gleichgültig hinwegblickenden Palästinophilen das zornige Wort vom „traditionellen palästinischen Steckenpferd" schleudern ließ. Die „politischen" Zionisten sind eben damals viel zu politisch gewesen, haben eine Position nach der andern aufgeben und zuletzt ihre politische Erbsünde mit einer vollständigen Ausschaltung ans der Leitung büßen müssen. Jetzt können sie gehen oder bleiben, politisch sind sie tot, das palästinophile Sektierertum hat sie betäubt und lebensunfähig gemacht. Auch die schönen Reden eines Nyrdan, die das unruhige Gewissen beschwichtigen und auch einlullen sollen, werden nichts helfen, mit der Lösung der Judenfrage im Herzlichen. sozialpolitischen Sinne ist es nun einmal vorbei, das wird ihnen der nnnnlehrige Sieger Achad-Haam, der soeben seine Jünger Schmarjohu Lewin und Nahnm Sokolow ins zionistische Aktionskomitee delegiert, nicht ohne hämische Schadenfreude, aber aus purer Ehrlichkeit bezeugen können. „Wenn es wirklich in unserer Mitte Leute gibt, die den hungernden Proletariern zurufen: „Seid Zionsfrennde!" so sind es Dummk'öpfe und mit der Dummheit kämpfen Götter selbst-vergebens/ Im Gegenteil, allen diesen Unglücklichen, die in ihrem Elend zugrunde gehen und sich hilfesuchend an die Zionsliebe klammern, muffen wir zurufeu: „Seid' nicht Zionsfreunde!"*) Wir wollen nicht an den Juden laborieren, — so wird sich ungefähr Achad-Haams Rede fortsetzen — wir wollen dem jüdischen „Geist" eine Stütze in Palästina bereiten. Für den unglückseligen „Judaismus" und nicht für die zerstreuten und versprengten Juden wollen wir eine Heimstätte errichten, auf daß der verwahrloste jüdische Geist sich unter besseren Bedingungen als in der Diaspora entwickeln möge. Was können wir den armen Juden geben? In Palästina ist leider sehr wenig für sie zu finden, nicht der Rede wert, mögen sie sich anderwärts umschauen oder ans ihren Messias hoffen" . . . Und was werden die „Politischen" dazu sagen können? Sie haben ja zusammen mit den Palästinophilen den Herzlschen Jndenstaat, der frei von allem romantischen Plunder war, zu Grabe tragen helfen, haben von der Herzlschen Politik den rein äußerlichen Flitter — die türkophile Diplomatie — übernommen und in der Person von Herzls Nachfolger, dem ehrenwerten David Wvlfsohn, eine politisch-diplomatische Komödie aufgefnhrt, haben endlich die Haltlosigkeit dieser Farce eiugesehen und demissioniert . . . mein Gott, konsequenter kann man seine Sünden nicht abbüßen, nun kann wirklich Friede herrschen . . . Es war daher nur naturgemäß, daß der zehnte Zionistenkongreß die Existenzberechtigung einer zweiten jüdischen Gesamtorganisation anerkannt hat, die sich mit profanen jüdischen Dingen, wie Regelung der Emigration, Answandererschutz n. s. w. zu befassen hätte, die nicht so sehr an die Konservierung des jüdischen „Geistes", als an die Auferstehung des jüdischen Fleisches, nicht so an die von romantischem Dusel ergriffenen jüdischen Bourgeois, als an die jüdischen Proletarier denken sollte. Es ist ein gewaltiger Schritt zur Selbsterkenntnis, den hiermit der Zionismus gemacht hat, und wir werden den Zionisten nur dankbar sein müssen, wenn sie den offenherzigen Resolutionen auch offenherzige Taren folgen lassen, sich weiterhin immer mehr auf ihre bescheidene Aufgabe in Palästina beschränken, weniger über die Juden frage und mehr über ihre engeren Parteifragen verhandeln wollten. Sie würden dabei selbst mehr praktische Arbeit leisten und auch anderen Ersprießliches zu vollbringen gestatten. B e r t o l d i. Das jAdischeKamMeittebe« inUemen. Wie bereits früher mitgeteilt wurde, hat das Zentral- Komitee der Pariser Alliance vor zwei Jahren den Direktor der Allianceschulen in Beyrut, Herrn Jomtob Semach beauftragt, eine Reise nach Jemen zu unternehmen, um die Lage der dortigen Juden zn studieren. Aus dem soeben veröffentlichten Berichte geben wir nachfolgende kulturhistorisch intereffante Skizze über das Familienleben der Jemenitischen Juden wieder: Am Freitag abend, zwei Stunden vor Sonnenuntergang, holt mein alter Hauswirt Maudha mich zum Besuch der Synagoge ab. Wir gehen zuerst in seine Wohnung. Seine betagte Mutter hat bereits die Sabbatlampe angezüudet: eine kleine Steinplatte mit gezacktem Rand. Maudha selbst beschäftigt sich mit der Petroleumlampe; er reinigt sie, gießt sie an, schneidet den Docht ab und zündet sie an. Die Frauen tränen sich nicht, diese Lampe anzufaffen und ihren komplizierten Mechanismus zu handhaben. Maudha legt iu meiner Gegenwart seine Alltagskleider ab, um das weiße Gewand und das gleichfalls weiße Ueberkleid anzuziehen; dann hüllt er sich in einen weißen, schwarzgestreiften Talit nach türkischer Art. nimmt sein Käppchen ab und setzt eine schwere graue Mitra mit runden Applikationen aus roter Seide auf das Haupt. Mein Freund ist kaum wiederzuerkennen, seine dunklen Gewänder hatten besser zu seinem braunen Teint gepaßt. Wir gehen in die Synagoge, und nach beendeter Andacht gehe ich zum Kiddusch wieder zu ihm zurück. Die Frauen werden hereingerufen und weigern sich erst, zu kommen. Der sonst so friedfertige Maudha wird ärgerlich — nun kommen sie alle: seine Frau, feine Mutter (die zweite Frau seines Vaters), seine Schwester und seine *)Achad Haam „Am Scheidewege" S. 60.