Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1911
- Issue
- Heft 35 (8.9.1911)
- Date
- 1911-09-08
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Die Wahrheit . ' ' Nr. 65. Die Herrschaft ist den Türken nur scheinbar geblieben. Die Juden essen die Aepfel, die Schalen aber bekommen die Türken vorgeworfen. Die Juden töten, schlachten und vernichten alles, den Türken aber wird die Schuld aufgeladen, daß sie die Rolle des Süudeubocks spielen müssen. Die heutigen Größen, welche die Schicksale des türkischen Reiches lenken, Tala Bey. David Bey, Halil Bey, Dr. Niazmi Bey, Nadzi Bey, Omar Bey, Niazim Bey usw. sind alle Domnes und nur äußerlich Mohammedaner. Die Generäle von heute, die Botschafter, Gouverneure, insbesondere aber die Obmänner der zahlreichen juugtürkischeu Klubs, sind Domnes. -Zwar findet man noch eine kleine Zahl einflußreicher Personen, die nicht Domnes. sondern armenischer, tscherkessischer oder griechischer Abkunft sind, aber sie sind von den Juden bestochen und abhängig, so daß sie ihnen blindlings gehorchen." Wie sagt doch Mephisto? „Mich dünkt, ich hör* ein ganzes Chor von 100.000 Narren sprechen." "" ' * 4- Heber die. judenfeindlichen Ausschreitungen in England wird ans London folgendes gemeldet: Die antisemitischen Unruhen in Südwales dauern fort. In der Stadt Moumonthshire kam es zu starken Ausschreitungen des Pöbels. Plünderungszüge wurden unternommen und viele Personen mißhandelt. Das Londouer . Komitee der britischen /Juden erhob im Ministerium des Inn e r n Vorstellungen und erhielt das Versprechen, daß weitere Truppen nach Moumonthshire abgehen würden, um die Ruhe wieder herzustellen. — Seit dem Ausbruch der Judenhetzen in Südwales ist es auch im L o n d o n e r I u d e n v i e r t e l zu allerlei Feindseligkeiten gekommen, die jedoch keinen gemalt-- tätigen Charakter hatten. > Ferner meldet man aus London : Immer neue Hiobsposten treffen stündlich aus Südwales ein. Das Volk bat sich nicht nur nicht beruhigt, es. geht in feinem sinnlosen Wüten immer weiter und nimmt die bedrohlichste Haltung gegen die Inden ein. Die Hauptschuld an den immer gefährlicher ausärteuden „Riots." wie mau die „echtr n s s i s ch" anmutenden Progrome hier beschönigend nennt, mißt man den gewissenlosen antisemitischen Demagogen zu, die die Wut des Pöbels in unverantwortlicher Weise schüren und unaufhörlich neues Vorgehen gegen die Juden predigen. Die schweren Ausschreitungen in Moumonthshire sind keineswegs zu Ende. Im ganzen Lande erregt es das peinlichste Aufsehen, daß das Militär, obwohl e s i n ge n ü g e n d e r Anzahl v o r Händen w a r, dennoch nicht helfend eingriff und den Ueberfalleuen Schutz gewährte. Die Miliz tat nicht das geringste, die Ausfälle der Wütenden zu verhindern, sondern sah dem schrecklichen Treiben, ganz nach russischem Muster, teilnahmslos zu. In T r e d e g a r standen allein 160 Mann, fünf Offiziere und eine Eskadron Husaren unter dem Befehl eines.Majors. Fast zweihundert Mann befanden sich in der Nachbarschaft und in C ardiff lagen tausend Mann Infanterie. Trotz dieser soldatischen Schutzmacht überfielen die Aufrührer Mittwoch den 23. August nochmals die jüdischen Häuser, drangen mit Gewalt in die Läden ein, zertrümmerten die Einrichtung und streuten die Waren auf die Straße. Die Beute, die sie Mitnahmen, wurde ihnen zwar zum Teil von der Polizei abgenommen. Unterdessen predigten die Hetzer weiter den „gerechten Kampf gegen die jüdischen Schädlinge." Die sonst als friedlich bekannten Bergarbeiter sind plötzlich in wilde. Meuterer verwandelt. Ganz England steht vor einem Rätsel. Von einem Abflauen der Pogromstimmung kann keine Rede fein. Immer weitere Kreise werden von dem Taumel ergriffen, sogar die besseren, gebildeten Gesellschaftsschichteu. Die jüdische Bevölkerung hegt die größte Besorgnis und. wenn die Sache nicht in . allerkürzester Zeit unterdrückt wird, kann die Bewegung Dimensionen annehmen, die man jetzt bei allem Pessimismus dennoch nicht anzunehmen wagt. Bemerkenswert ist, daß. die Bewegung, die zu Ende der letzten Woche in M o n m o n t h s h i r e ausbrach und auch nach B r e c o n s h i r e Übergriff, jetzt bereits 'chäs eigentliche Wales und zwar die Grafschaft G l a n m ö r g a n s h.i re erreicht hat. Sie springt von Tag zu Tag auf neue Ortschaften über, während sie in ihrem Ürsprungsgebiet um Tredegar nachzulassen scheint. Donnerstag abends griff die Menge in der Oitschaft Bargold eine. Anzahl jüdischer Läden an und w n r d e e r st li ach wiederho 11 e n V o r st ö ß e n d e r .Pol i z e i v o m Militär durch Bajonettangriff zerstreut. . . In G ilfa ch fallt es während der Pacht zu ähnlichen Szenen und in S e n g h e n z o d wurden heute morgen z w ei jüdische Geschäfte ei n g e äschert. In den betreffenden Siedlungen dauerte während der Nacht ein wahrer Guerillakrieg an, den organisierte Bänden der Plünderer mit der durch Infanterie verstärkten Polizei führten. . Was sich gegenwärtig - das Ministerium Stolypin auf dem Gebiet der Judenentrechtnng leistet, übersteigt'wohl alles, was bisher von den zahlreichen Vorgängern. Stolypins, unter denen es an Antisemiten wahrlich nicht fehlte, vollbracht wurde. Es ist, so schreibt der Berichterstatter, des „P, Lloyd,", ein förmlicher Kreuzzug aller' Verwaltungsressorts gegen die Juden. Die schmalen Rechte, die die Inden, richtiger gesagt einige privilegierte Kategorien der Juden, ’ noch besitzen, werden in der herzlosesten und brutalsten Form beschränkt. Es hat keinen Zweck, sämtliche. Fälle aufzuzählen, . die in der letzten Zeit auf diesem Gebiete bekannt geworden sintr Man könnte Spalten mit den' neuesten „Entscheidungen" des Senats und Maßregeln der Administration, die namentlich auf die Beschränkung des „Wohnrechts" hinzielen, füllen. Wir wollen nur zwei Beispiele herausgreifen, in denen sich die Tendenz der Stölypinschen Jüdenpolitik besonders kraß offenbart, nämlich die Frage der „Datschi" (Landhäuser) und - der Beteiligung der Juden .am Handel.? In Rußland sind die Städte meistens hygienisch so außerordentlich' mangelhaft ausgerüstet, daß der Aufenthalt in ihnen während des Sommers eine wahre Qual ist. Jeder,, der nur die Möglichkeit dazu hat, mietet sich daher in der Umgebung 'der Stadt eine „Datscha," wo man wenigstens frische Luft einatmen und dem Staub und. den.sonstigen antihygienischen Verhältnissen der Stadt .entrinnen kann. Der Familienvater, der in der Stadt zü tun hat, hält sich während der Geschäftsstunden in der Stadt auf und fährt dann am Abend oder für die Feiertage zu seiner Familie auf die „Datscha" hinaus. Nun gibt es in Rußland .einige Kategorien von Juden, namentlich Handwerker, welche außerhalb des jüdischen „Ansiedlungsrayons" nur unter der Bedingung.wohnen dürfen, daß sie sich .mit ihrem Gewerbe beschäftigen. Begeht ein solcher Mann das Verbrechen, etwas anderes zu tun, zum Beispiel weuu sich ein . Schneider untersteht, einen Laden zu eröffnen, in dem er nicht nur von ihm verfertigte Kleidungsstücke, sondern . Fabrikate einer anderen Firma verkauft, so wird er unbarmherzig ausgewiesen. In-den letzten Jahren wurde es nun unter Stylypin üblich,'dieses Gesetz so zu deuten, daß diese Juden auch nicht das Recht haben, auf einer „Datscha" zu wohnen, weil-ihnen nur gestattet ist, sich in der Stadt anfzuhalteu, wo sie sich mit ihrem Gewerbe beschäftigen. Da sie das aber auf der „Datscha" nicht tun, müssen sie in der Stadt bleiben. Somit werden die jüdischen Handwerker wie ihre Kinder gezwungen, im Sommer in der nnerträglichen Stadtlnft zu bleiben und ihre Gesundheit zu ruinieren, damit das „Gesetz" nicht verletzt wird. Es, vergeht kaum ein Tag in diesem Sommer, an dem die Zeitungen nicht melden würden, daß dieser oder jener Gouverneur die Juden von den „Datschi" ausweist. . Nicht weniger merkwürdig ist der Feldzug, den Stolypin jetzt gegen die Beteiligung der Inden an dem Handel nnternimmt. Vor einiger Zeit wandte er sich in deinem Schreiben an die Minister der Finanzen Kokowzew und des Handels Timöschew, in dem er ihre Aufmerksamkeit darauf lenkt, daß der Anteil der Inden an dem Handel, namentlich an dem Getreidehandel, sehr groß ist und ihnen den Vorschlag macht, Maßregeln zu treffen, um den Juden den Kredit bei den Banken zu beschränken. Kokowzew und Timöschew antworteten, daß sich