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Die Wahrheit · 1911-09-08 · Heft 35 (8.9.1911) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1911
Issue
Heft 35 (8.9.1911)
Date
1911-09-08
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Redaktion ijiid Ildministration: Wien, II/, Novaragaße 27 Telephon: Redaktion 5107/VIIi. Admiiiislraiion 4938/11. K. ,k., Lsterr. Vostiparkassa- Scheck-Komo Nr. 100.918. Inserate: Tie viermal gesvaltene Nonpareille-Zeile W Heller. RbonneuieulS- und JnsertionSberräge nnd in Wien zahlbar und klagbar. Keilschrift für jüöische Intere^eu. Erscheint jeden Kreilag. Molto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!“ Ganzjährig.K 14 — Halbjährig.IC 7.— Für Kiiltttsbenmte: Ganzjährig.K IO. - Für Altslank»: Ganzjährig.8 Mark K Rubel oder lK Frc». Kr. 35. Wie«, 8. Septeuider Inhalt: Aus der Woche. — Der Kirchhofsfriede im Zionismus. — Das jüdische Familienleben in Demen. — Die Psalmen als Schulbuch. — Verschiedene Nachrichten. — Der Belser. — 25jähriges Amtsjnbilänm des Oberkantors Max Singermann, Troppau. — Oberkantor Moriz Sonntag. — Austritte aus dem Judentume. Ans der Woche. Der Zufall hat es gefügt: daß in den letzten Tagen zwei Männer in hohen staatlichen Stellungen, Generalchefauditor Falk und Sektionchef'i. P. von Herz, die als Juden geboren im Laufe ihrer'Beamtenkarriere den Glaubenswechfel vollzogen hatten, in kurzer Aufeinanderfolge gestorben sind. Wir erwähnen diese Tatsache nicht, um auf die ehemalige Glaubens- oder Stammeszugehörigkeit dieser bedeutenden Persönlichkeiten hinzuweisen, und auch nicht, um den Verlust zu beklagen, den ihr Abfall verursachte, aber wir können nicht stillschweigend hinweggehen über den Tiefstand der öffentlichen Moral, der sich an diesen beiden Fällen, wie bei so vielen vorangegangenen, neuerlich bekundete. Die genannten hohen Funktionäre haben gleich ihren zahlreichen Vorgängern gewiß nur durch ihre reichen Fähigkeiten und ihre volle Hingabe an den öffentlichen Dienst ‘ so ausgezeichnete Positionen errungen, aber der Staat hat ihnen erst dann die richtige Anerkennung und Würdigung zuteil werden lassen, als sie durch den Abfall vom angestammten Glauben die Schwäche ihres Charakters besiegelt hatten. Gerade vom Standpunkte der öffentlichen Moral, dessen berufenster Hüter der Staat sein sollte, ist es nicht nur tief zu bedauern, sondern auch entschieden zu verurteilen, wenn die Entfaltung und Betätigung der natürlichen Gaben und Fähigkeiten eines Staatsbürgers abhängig gemacht wird von dem Hinwegsetzen über gewisse moralische und ethische Verpstichtungen, die jeder Mensch vermöge seiner Abstammung und Glaubenszugehörigkeit zu erfüllen hat. ' * -i- , * Als Gegenstück muß der in dem christlichsozialen Wien allerdings höchst seltene Fall konstatiert werden, daß jüngst ein christlichsozialer Pfarrer eine Aktion gegen die Präterierung eines jüdischen Magistratsbeamten eingeleitet hat. Wie ans kommunalen Kreisen gemeldet wird, hat sich unter Führung des Pfarrers Michael H ersan, der der christlichsozialen Partei angehört und Mitglied des Bezirksrates der Josefstadt ist. eine Deputation, der auch Bezirksvorsteher Bergauer und Bezirksrat Walter angehörten, ins Wiener Rathaus begeben, um bei den maßgebenden Faktoren in der Angelegenheit des städtischen Oberbezirksarztes Dr. Ludwig Klaar vorzusprechen. Der Führer der Deputation führte aus, Oberbezirksarzt Klaar sei, weil er Jude sei, durch 17 Jahre präteriert worden, und es sei ein Gebot, der Billigkeit, demselben jene Einkünfte zu gewähren, die ihm billigerweise nach seiner Dienstzeit gebühren, und gab dem Wunsche Ausdruck, Dr. Klaar möge zum Physikus extra statum ernannt werde»: " Die Hoffnungen der Antisemiten auf den deutschen Kronprinzen, den die Antisemitenpresse erst kürzlich wieder byzantinisch umschmeichelte, weil er nicht (wie sein Vater) mit „jüdischen Kohlenbaronen" und „Börsenjobbern" verkehre, sind wieder einmal grausam eurtäuscht worden, vorausgesetzt, daß das Antisemitenblatt richtig informiert ist, das in einem Skandalartikel über die Affäre Graf Metteruich-Wertheim u. a. schreibt: „Ihr sonderbarer Freund, der komische kleine Zettelmann, ist noch immer das Fettauge des Poloklnbs und durfte neulich als dessen Mitglied sogar den „Grafen Ravensberg" die Hand drücken, der das Bedürfnis empfunden hatte, mit Georg Hellfft und Genossen zwischen zwei Gängen einmal Polo zu spielen. Wissen Sie, wer „Graf Ravensberg" ist, Herr Tietze, oder erfahren Sie nichts Neues mehr aus Berlin? Graf Ravensberg ist Friedrich Wilhelm, Kronprinz des Deutschen Reiches und von Preußen' Mit ihm, hören und staunen Sie also, durfte der kleine Zettelmann spielen." Und die Erde bebt nicht und die Schleusen des Himmels öffnen sich nicht, um Pech und Schwefel auf das „verjudete" Deutschland und sein Fürstengeschlecht herabregnen zu lassen ob der Greueltat,. daß der Kronprinz des Deutschen Reichs mit zwei leibhaftigen Juden Polo gespielt hat! * * * Die Türkei — ein Jndenstaat par excellence. Das ist die neueste Erfindung des „Hammer" (Nr. 218). dem freilich die Gluthitze dieses Sommers als mildernde Umstände zugebilligt werden muß. Immerhin ist es ein starkes Stück unfreiwilliger Komik, wenn das genannte. antisemiti-sche Hetzblatt folgenden blühenden Blödsinn — wir können wirklich keinen milderen Ausdruck finden — zusammenphantasiert. „Die meisten türkischen und französischen Zeitungen, welche in Saloniki und Konstantinopel erscheinen, werden von Domnes (nbergetretenen Renegaten) herausgegeben. Die gut türkischen Zeitungen sind unbarmherzig vernichtet worden, indem man ihre Herausgeber entweder ermorden ließ oder als Reaktionäre verdächtigte und sie aus dem türkischen Reiche auswies. In gleicher Weise hat man den Prinzen Sabahedin mit seinen Anhängern verfolgt, viele hohe Beamte, Paschas, welche nicht Domnes waren, entfernt. Wie schlimm es dem armen Ex- Sultan Abdul-Hamid ging, ist bekannt. Sein ungeheures Vermögen ist spurlos in unbekannte jüdische Hände gewandert und der jetzige Sultan Mehmet ist die Strohpuppe, die den Befehlen der Domnes folgen muß.

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