Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1911
- Issue
- Heft 34 (1.9.1911)
- Date
- 1911-09-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 34. Die Wahrheit Breite ö. vorzüglichster Freund und Kollege, Dr/ Gustav K o h n, der mich soeben mit einer so herzlichen Ansprache, auszeichnete. Wie es in einer so großen, intelligenten Körperschaft nicht anders denkbar ist, waren wir wohl nicht in allen Fragen immer derselben Meinung, aber wenn sich Widersprüche ergaben, so konnte es, sich immer nur um den Weg.handeln, der einznschlageu sei, damit das von uns allen gewollte, gemeinsame Ziel erreicht werde. Denn in den Zielen, in der Hauptsache,- war ich stets mit Ihnen Allen d'aocrord. Wir haben in den letzten Jahren mehrere bedeutende und bleibende Institutionen geschaffen. Ich erinnere nur an den Bau der Mikwah, durch welchen einem dringenden Bedürfnisse, namentlich dem konservativen Teile unserer jüdischen Bevölkerung Rechnung getragen wurde. Es wurde das Kaiserin Elisabeth Pflegerinuen-Jnstitut ins Leben gerufen, welches derzeit schon 18 Pflegerinnen zählt' das Kaiser Inbilänms-Knabenwaisenhans wurde nntei^ wesentlicher Mithilfeder Knltusgemeinde geschaffen. Ein großer Friedhofsgruud wurde erworben. Mehrere monumentale Vereinstempel erstanden unter kräftiger sinanzieller Förderung der Kultnsgemeinde. Es stehen uns aber noch viele große Aufgaben bevor und als eine der schönsten und auch wichtigsten Aufgaben wird es sein, den Ban eines monumentalen Zentraltempels in der Inneren Stadt möglich zu machen. Ich hege die feste Ueberzeugung. daß auch diejenigen meiner sehr geschätzten Vorstandskollegeu, die aus bloßer Besorgnis finanzieller Natur diesem Projekte gegenüber sich noch nicht zustimmend verhallen, auch zu der Erkenntnis gelangen werden, daß unsere große Gemeinde dieser Zentralsynagoge bedürfe, danrit sie den Sammelpunkt aller Gemeindemitglieder und gleichsam das Wahrzeichen der ersten Knltusgemeinde des Reiches und ihrer ethischen Bestrebungen bilde." Nach dieser mit großem Beifalle anfgenommenen Rede überreichte der Bethausvorstaud eine Adresse, in welcher Dr. Stern als Förderer der religiösen Einrichtungen unserer Gemeinde gefeiert wird. Die Deputation der Wiener Gemeinderabbiner, bestehend ans den Herren Dr. A b e l e s, Dr. B a u e r, Dr. B a ch, Dr. G r n n w a l d, Dr. Mandl, M a y e r f o h n, Reich, Dr. Rose n m a n n und Dr. T a g l i ch t erschien unter der Führung des Oberrabbiners Dr. G ü d e m a n n, der nach einigen kurzen Begrnßungsworten die Adresse der Rabbiner zur Verlesung brachte. Der wesentlichste Teil der Adresse lautet: „Wir haben seit vielen Jahren Gelegenheit, die Gewissenhaftigkeit, die Sie in der Ansübung der vielseitigen Aufgaben Ihres hohen Amtes bewiesen, sowie den nie erlahmenden Eifer, womit Sie die Ehre unserer Gemeinde und unseres Glaubens nach außen hin vertreten, zu beobachten nnd zu bewundern. Ebensolche Anerkennung zollen wir aber auch Ihrem frommen Sinn sowie Ihrer weisen Berücksichtigung der verschiedenen religiösen Bestrebungen, die sich innerhalb der Gemeinde geltend machen, wodurch es' Ihnen gelungen ist, ihr den kostbarsten Besitz, den iltneren. Frieden, zu erhalten." Dr. Stern erwiderte hierauf im wesentlichen Folgendes: „Vor Jahren war in unserem jüdischen Museum ein herrliches Bild zu sehen. Eine Schaar Juden schritt matt und müde über eine Eiswüste. Vor ihnen und hinter ihnen dichter Nebel. Sie wußten nicht weshalb sie ihre Heimat verlassen mußten und noch weniger wußten sie, wohin ihr Weg führt. Aber vorne -wie ein Wegweiser schritt ein Jude mit dem Sefer-Thora in der. Hand. Die Thorah war ihr Leitstern. Bei dem Anblick dieses Bildes erinnerte ich mich an eine Szene, die ich in den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts an der galizischrussischen Grenze erlebte, als ich in jener Schreckenszeit für unsere verfolgten russischen Glaubensbrüder die Hilfsaktion leitete. Diese gehetzten Juden hatten ihre ganze Habe eingebüßt, alles "ließen sie zurück, nur. ein Sefer-Thorah war der Schatz, den sie gerettet haben. Unsere heilige Tborah ist auch der Schatz, den Sie, meine hochverehrten Herren, zu hüten haben und auch mit Hingebung hüten. Und ich bin glücklich, daß Sie Ihre verantwortungsvolle Pflicht unter der Aegide eines Oberrabbiners tun, wie es unser von uns allen tief verehrte und hochgeschätzte Oberrabbiner Dr. G n d e m an n ist. Hierauf folgte die Abordnung des österreichisch-ungarischen Kantorenvereines und der Wiener Kantoren, geführt vom Herrn Oberkantor kaif. Rat Josef Singer. An der Deputation nahmen ferner teil: Oberkantor Josef M o r g e u st e r n, die Kantoren Basse l, Kaufmann, L ö w i t, R o s e n b e r g und der Vereinssekretär Dr. Löwy. Nach den mit Wärme vorgetragenen Begrüßungsworten des Bereinspräsidenten kaiserlicher Rat Singer verlas Dr. Löwy die Adresse, in welcher der folgende Passus hervorgehoben sei: „Schöpfend ans den Lehren unserer wechselvollen Geschichte haben Sie stets daran festgehalten, daß die Pflege des Kultus im Geiste unserer Tradition die Grundlage eines jeden jüdischen Gemeinwesens bleiben müsse und der Förderung der gottesdienstlichen Institutionen die vollste Fürsorge zugewendet." In seinen Dankesworten sagte Dr. Stern, daß er den Wiener Kantoren wohl keinen besseren Wunsch entgegenbringen könne, als daß sie tatsächlich das sein mögen, als was sie unsere Tradition bezeichnet, nämlich Scheliche Zibbur, die Gesandten der Gemeinschaft nnd daß sie eingedenk dieses ihres Berufes auch ihr Amt ansfüllen mögen. Nach diesen Worten trat Oberkantor Morgen ft e r n vor und trug unter gespannter Aufmerksamkeit einen von ihm für diesen Anlaß verfaßten Mischeberach vor. Sowohl seine herrliche Stimme als auch die kiinstlerisch vollendete Vortragsweise lösten bei den Anwesenden stürmischen Beifall aus. Dr. Stern nahm die Mappe, in welcher der Mischeberach, sowie die Widmung des Autors kalligraphiert enthalten war, mit Dank entgegen. Namens der Religionslehrer sprach Inspektor Kani tz. Er dankte dem Präsidenten für die Förderung, die er den jüdkschen Religionslehrern stets augedeihen ließ, so wie sie ihm auch die Hebung ihres Ansehens nach außen hin zu danken haben. In seiner Erwiderung hierauf meinte Dr. Stern, daß er nur seiner Pflicht der jüdischen Gesamtheit gegenüber erfüllt habe, wenn er stets bemüht war, sowohl das geistige, als auch das materielle nnd soziale Niveau der jüdischen Lehrer, denen unser größtes Vermögen, die jüdische Jugend, anvertraut ist, zu heben. Hierauf erschien die Abordnung der Verwaltungsbeamten der Wiener Kultnsgemeinde unter Führung des Ersten Sekretärs, Herrn kais. Rat Dr. Lieben, der an den Präsidenten die folgende Ansprache hielt: Hochverehrter Herr Präsident! Wir erscheinen heute vor Ihnen, hochverehrter Herr Präsident, um Ihnen anläßlich Ihres achzigsten Gebnrtsfestes namens der gesamten Beamtenschaft der altehrwürdigen Wiener Knltusgemeinde die aufrichtigsten Glückwünsche zum Ausdrucke zu bringen und Ihnen als Zeichen unserer tiefen Verehrung Ihrer Person und Ihrer hervorragenden geistigen Kapazität diesen Pokal zu überreichen. Der Becher spielt im Leben der Juden eine bedeutende Rolle. Der Sabbathgruß am Eingänge des Festes und der Gruß an die Arbeit beim Ausgange des Festes werden in der Synagoge und in der Familie mit dem Becher in der Hand gesprochen. Mit der Ueberreichnng dieses Kaus schel brochoh wollen wir den Wunsch ansdrücken, daß Sie, hochverehrter Herr Präsident, noch viele Jahre hindurch des Segens teilhaftig sein mögen, Ihre gottbegnadete Arbeitsfreude in voller Gesundheit dem Wohle dieser großen Gemeinde als deren tatkräftiger, umsichtiger Führer widmen zu können. Dankbarst gedenken wir heute der Tatsache, daß unter Ihrer Führung nnd iin Einvernehmen mit Ihren Vorstandskollegen das Los der Beamten immer besser, ihre Stellung eine präzisere geworden. Lassen Sie mich mit den Worten schließen, welche Sie bet ähnlichen Anlässen gern gebrauchen: „Ad meoh weesrim schonoh I'*4 Sichtlich erfreut über diese Kundgebring der Beamtenschaft dankte Dr. Stern in besonders warmen Worten und hob hervor, daß es ihn mit Stolz erfülle, sagen zu können, daß es wohl