Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1911
- Issue
- Heft 34 (1.9.1911)
- Date
- 1911-09-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Sei te 4. Die Wahrheit Nr. 34. sich, vor die. Wahl-gestellt, zwischen Backhendel und Rindfleisch sich zu resolviereu, kurzer Hand für ersteres entschlossen, wäre chm diese Wahl nur nicht eben von den Antisemiten erspart worden, indem deren.Führer beide Fleischsorten einfach .für! sich : reklamierten. / . / Einst war dies anders. Die Priester und Führer Egyptens enthielten sich selbst des .Fleisches und .gönnten dem Volke dessen Genuß. Aber selbst dieses iin seinen besseren Teilen war nicht so fleischlüstern. Schon der Totemismus, die göttliche Verehrung zahlreicher Tiere verhinderte dies. Die Schweine- und Rinderhirten bilderen die beiden untersten Kasten der Bevölkerung und : die den Juden widerfahrene Verachtung darf mau. ohne fehlzugehen, auf deren Nomadentum und erhöhten Fleischkonsum zurückführeu. Der vorhin erwähnte fleischopfernde Pythagoras, der aus den Quellen egyptischer Priesterweisheit schöpfte, verbot seinen Schülern Fleisch g en nß; von-Moses, auch einem Priestereleven, wissen wir über diesen Punkt nichts Bestimmtes. Gleichwohl beweist die stattliche Reihe verbotener Tiere, ebenso das Blmverbot und die verschiedenen Kasteiungen,' daß Moses ein grvßer Hygieniker, lange vor Koch und Pettenkoser, der besonderen Gefahren der Fleischvöllerei sich sehr gut bewußt war und diese einznschränken sich bestrebte. Es ist vielleicht nicht zu kühn, wenn wir annehmen, es wäre in Moses klarem Plane gelegen, sein nicht zum geringsten Teile wegen vorwiegender Fleischkost degeneriertes Volk während der langen Wüstenwandernng von diesem verderblichen Nahrungsmittel zu entwöhnen und durch bedninenhaftes, strapaziöses Leben in freier Luft und Sonne zu stählen, geschickt zu machen für die Eroberung Palästinas. Mochte es immerhin gegen Moses murren und sich nach den Fleischtöpfen der Heimat zurücksehuen, er verwies sie auf das Mana, wahrscheinlich eine dort massenhaft vorkommende Flechte mit hervorragendem Albmningehalt. Ja nach seinen alten Göttern,: dem Apis, nach seinem Aberglauben, seiner geistigen, aber auch! physischen Unfreiheit sehnten sich die Hebräer zurück und schrien! nach Fleisch. Ist es heute, anders geworden? Nein, nur das Kostüm ist je nach Zeit und. Ort ein verändertes, doch sinds dieselben Akteure, die auf der zeitgeschichtlichen Bühne agieren, Fleisch ists vom damaligen Fleisch; die fleischgewordene Gier nach'Fleisch ist's, die allein die Massen in Bewegung zu setzen vermag. Seit mehreren.Jahren haben es erneute wissenschaftliche Forschungen zur Evidenz gebracht, hat sich die Wissenschaft selbst dahin korrigiert und revidiert, daß die frühere Forderung einer täglichen Eiweißration von 100 g in der Nahrung eines erwachsenen. kräftigen Menschen eine uunberechtigte und schon 40,; ja sogar 23 g zur Erhaltung des Eiweißgleichgewichtes vollständig ausreichen, dieses Eiweiß ganz gut auch pflanzliches oder ans Milch und Käse gewonnen sein kann und daß endlich eine erhöhte Eiweißzufuhr keine Reserven in den Muskeln anfhänft, sondern sofort durch Nieren und Harnorgane ausgeschieden wird. Noch gut, wenn dies geschieht, diese Organe kräftig funktionieren und keine Diathesen, Rheumatismen oder Herzkrankheiten anftreten!' Sport und Muskelübnngen sind der alleinige Weg zu einer Vermehrung oder Erneuerung, einem regeren Stoffwechsel in den Mnskelzellen. Bei den heutigen beliebten Volksaufklärnngen, bei den zahlreichen Druck- und Zeitschriften müßte, wenn der.süße Pöbel eben bildungsfähig wäre, dies alles schon eine Binsenwahrheit geworden sein; statt dessen brüllt er unentwegt nach Fleisch, wo doch selbst der römische Mob nur nach panem (et circenses) schrie. Was Wunder, wenn dieser vulgus mit demselben Mund, mit dem er Fleisch essen, auch die Juden zerfleischen möchte und wenn er in einem Anfall plötzlicher Laune statt der Antisemiten sogenannte Freisinnige wählt, die bar allen Freisinns sich unglaublicherweise mit Antisemiten in einem Nationalverband zusammensindeu? Ein solcher Freisinn ist frei von Freisinn. Wozu das Frohlocken der „N. F. Pr."? Ihr seid nur ungeschickt, ihr hochmögenden Staats- und Gemeindegewaltigen; stopft ihnen den Mund mit dem begehrten Fleisch und dieser Mund wird verlernen, was anderes, Unliebsameres^ zu9verlangdn! Sie werden dann lispeln: - „Ich bin so frei; uoch/mehr Fleisch zu verlangen" und nicht mach dem blutig ironischen/ Wort Grüns flüstern : >,Ich, bin. so frei, f r e i sein zu wollen." .; . kv ■. . ■; : Vor einigen Jahren klagte mir eine vertriebene russische Jüdin/über, das teure Fleisch hier zu Lande: und meinte, in Rußland wäre das Fleisch, um wenige Kopeken seil; es wäre, fügte sie witzig hinzu, noch immer besser m Rußland - massakriert zn werden, als da leben zu müssen. Sapienti sat. ‘; S. Bineta. ' Dr Alfred Stern. - Die am 29. August d. I. stattgehabte Feier des 80. Gebnrtssestes des Präsidenten der Wiener israelitischen Knltnsgemeinde, Dr. Alfred Stern, gestaltele sich zn einer imposanten Kundgebung der hohen Wertschätzung, deren sich der Jubilar nicht nur in der Jndenschaft der Reichs- Hauptstadt, des Reiches und des Auslandes, sondern, auch .in den angesehensten politischen und gesellschaftlichen Kreisen erfreut. Mehr als tausend Glückwünsche und Zeichen besonderer Hochachtung kamen Dr. Alfred Stern gns diesem festlichen Anlasse auf schriftlichem und telegraphischem - Wege zu und in allen diesen Kundgebungen gelangt die Anerkennung der Verdienste zum Ausdrucke, die sich der Gefeierte in einer mehr als 50jährigen Tätigkeit m den verschiedensten Zweigen des öffentlichen Lebens um seine Vaterstadt. Wien, um den allgemeinen Fortschritt und insbesondere um die Förderung der Interessen seiner Glaubensbrnder erworben hat. .. Die Sommerwohnung in Baden, in welcher sich die Feier abspielte, war ans diesem Anlässe mit Blumen festlich geschmückt. Den Reigen der Gratulationen eröffnten namens der Großneffen des Jubilars, die Kinder des Med. Dr., G o l db e r ge r. , ,. - Als erste offizielle Deputation erschien die Abordnung des Vorstandes der Wiener Knltnsgemeinde unter Führung des Ersten Vizepräsidenten, Dr. Gustav Kohn. An der Deputation nahmen sämtliche in Wien weilenden Mitglieder des Knltnsvorstandes: die Herren S. B r o d, Gartu er. Architekt Dr. Jakob Engel, Em H offmann, Karl L e m b e r g e r, Adolf S ch r a m e k, Dr. Heinrich Schrei b e r, S. Steine r und kaiserlicher Rat Jonas W e i l, teil. Dr. Gustav Kohn versicherte in seiner Begrüßungsansprache, daß der Vorstand seinem Präsidenten an diesem Tage nicht nur seine besondere Verehrung, sondern auch seine Liebe für ihn zum Ausdrucke bringen wolle. Die Verdienste, die sich Dr. Stern'um die Wiener Knltnsgemeinde während seiner langjährigen Wirksamkeit im Vorstände und dann als Präsident erworben, seien zu offenkundig, als daß er sie jetzt alle aufzählen müßte. Zur Verewigung dieses festlichen Anlasses hat der Knltnsvorstand beschlossen, eine von Meisterhand ansgeführte Plaquette anfertigen zn lassen, die das wohlgelnngene Bild des verehrten Präsidenten darstellt. Indem er ihm dieses Zeichen der besonderen Verehrung überreicht, gibt er der Ueberzeuguug Ausdruck, daß der Achtziger bloß eine Anweisung sei auf den Neunziger und spricht im eigenen, wie im Namen des Vorstandes den Wunsch ans. daß er auch als rüstiger Neunziger noch an der Spitze der Gemeinde stehen möge.. Die- Plagnette ist nach den Entwürfen des berühmten Medailleurs. Professor S ch w a r tz, in Silber ausgefnhrt. Dr. Alfred Stern dankte für diese besondere Ehrung, die zu den schönsten Erinnerungen, seines Lebens zählen werde. ..Der Archivbeamte Sigmund H u s s e r l unterzog sich der Mühe; die Geschichte der Wiener Knltnsgemeinde vom Jahre 1793 bis an , den heutigen Tag in anschaulichen statistischen Tabellen darzustellen. Dieser lehrreichen Arbeit entnehme ich, daß von den Vorstandskallegen, mit denen ich bei meinem vor nahezu 25 Jahren erfolgten Eintritte in den.Kultusvorstand zusammen zn arbeiten die Ehre hatte, außer mir nur noch zwei Kollegen am Leben sind, -es sind dies unser hochgeschätzter, vortrefflicher Kollege, Dr. Maximilian S t e i n e r und mein ausgezeichneter.