Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1911
- Issue
- Heft 33 (25.8.1911)
- Date
- 1911-08-25
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 9. Die Wahrheit. Nr. 33. Uon der Prophetie nnd den Uistonen. Bon Dr. I. Brecher. Besprochen von A Stößler, Olmütz. Die wohlwollende Beurteilung, welche die bisherigen Reproduktionen Dr-. Brechers gefunden haben, veranlaßt mich, die weiteren, höchst interessanten Ausführungen des geehrten Autors betreffend die „Prophetie und die Visionen rc." unter Hinweglassung aller Allegorien und Hyperbeln zu veröffentlichen und ich glaube damit, einem allgemeinen Wunsche der geehrten Leser zu entsprechen. Der Talmud läßt sich über Prophetie in keine erklärende Erörterungen ein nnd sagt bloß, die Schichina (Repräsentation der Gottheit) gibt den Propheten die Prophezeiung ein. Doch können wir eine tiefe Deutung zulassende Talmndstelle hier nicht unerwähnt, lassen. Der Mensch, solange er in den Banden der Materie gefangen, durch materielle Sinnesorgane zur Erkenntnis der Außenwelt gelangt, wird auch in den Vorstellungen von intellektuellen Dingen, sein beschränktes Wesen nicht verleugnen, und kann die Schranken der Kategorien nicht überspringen. Alle Begriffe, die er zu seinem Bewußtsein bringt, bekunden eine Beschränkung. Umso deutlicher tritt diese hervor, wenn er sich ,ait transzendentale Dinge wagt, insbesondere wenn er seine Gedanken über solche einem andern mitteilen will. Die Rabbinen lehrten: Drei waren es, welche schauten, aber sie hatten nicht das rechte Schauen, nämlich: Nebat, Achitofel und die Astrologen Pharos. Nebat sab ein Feuer ans seinen Gliedern kommen und meinte, er werde selber König werden; es bedeutete aber das Königtum seines Sohnes Jerobeam. Achitofel sah einen Aussatz an seinem Körper hervorkeimen, auch er wähnte König zu werden, unterdessen bedeutete dieses Gesicht, daß von seiner Enkelin Bat-Scheba der König Salomo geboren werden wird. Die ägyptischen Astrologen sahen voraus, daß der Befreier Israels durch Wasser verunglücken wird und rieten daher, alle männlichen Kinder der Israeliten den Wassertod sterben zu lassen. Das Wasser bedeutete aber das „Haderwaffer," worüber Mose das Strafgericht Gottes ans sich zog. Ueber die Art und Weise, wie die heiligen Orakel Urim und Tnmim befragt wurden, berichtet der Talmud folgendes: Die Rabbinen lehrten: der Fragende richtet sein Angesicht gegen den Priester, der Befragte gegen die Schichina. Die Frage wurde leise gesprochen, mußte aber mit Worten ausgesprochen werden. Man fragte nicht zwei Dinge ans einmal; tat man es, wurde nur die erste Frage beantwortet. Obschon der Ansspruch eines Propheten oft nicht in Erfüllung ging (z. B. des Propheten. Jona über Ninive), so traf der Ausspruch der Urim unfehlbar ein. Sie (die Orakel) hießen Urim (Lichter), weil sie ihre Worte erleuchteten. Tnmim (Vollkommene), weil sie ihren Worten Vollkommenheit gaben. Rabbi Nachman sagte, daß in den Zeiten Daniels die Urim oft keine Antwort gaben. So befragte sie der Priester Ebjatar nnd erhielt keine Antwort, weshalb er dem Priester Zadok Platz machen mußte; dieser erhielt Bescheid. Wie geschah die Antwort? Rabbi Jochauan sagte: es traten die Buchstaben hervor (die Buchstaben der aus den Edelsteinen Wände,der Wohnstube nnd die Kopfseite der Wiege mit „Kindbcttbriefen" behängt, auf denen Psalm 121 steht. Kaum daß das Kind sprechen kann, werden ihm am Morgen, Mittag und Abend Verse ans den Psalmen vorgesagt (19,8, 37,2, 145,16). Kann es selbst lesen, sucht es sich in den Psalmeti den Vers, dessen erster und letzter Buchstabe mit dem Ansangs- Uiib Endbuchstaben seines Namens übereinstimmt und den es als Denksprnch vor der Beendigung des Achtzehngebotes wiederholt. Dem Jüngling Wird als Leitfaden ans seinem Lebensweg der Psalmvers mitgegeben, der ihn übet manche Krümmungen und Abgründe hinwegsührt. „Ein reines Herz schaffe mir, Gott, und einest festen Sinn erneuere in mir" (51,12). Mit Psalmen zieht der Mann hinaus ins Leben, mit Psalmen kehrt er wieder heim. .Sie sind seine Freunde in trüben und in heiteren Tstgen, lstr Mannesuiid Greisenalter. Nähert er sich diesem, dann betet er: BeÄasse mich nicht, wenn meine Ktäfte schwinden (71.9, 17,18). Zur letzten Ruhestätte wird der Jstde mit dem Psalm getragen „Er wohnt im Schutze des . Höchsten; er weilt im Schüttelt des Allmächtigen" (90,1). Im Tranerhansd werden Psalm 16 nnd 119 gesagt. In allen' Sagen des Lebens sucht der Jude in den Psalmen Ttöst und Erholung. der Urim eingegrabenen Namen der zwölf israelitischen Stämme wurden „haut-relief“ und aus ihnen die Worte zusammengesetzt). Man befragte aber keinen Priester, der nicht durch den heiligen Geist sprach und der nicht der göttlichen Kraft (Schichina) voll war. Nach dem Ableben der letzten Propheten (Chagai, Zacharia und Maleachi) wich der prophetische Geist aus Israel und man achtete nun auf das Bat-Kol. Bat-Kol (Tochterstimme) erklärt Tossaphot für eine Stimme, welche das Echo einer himmlischen Stimme ist. Am Todestage des Rabbi Jehuda Hanassi rief ein Bat-Kol: Für Alle, die beim Tode des Rabbi anwesend waren, ist die ewige Seligkeit bereit. Ein Wäscher, der täglich bei Rabbi Jehuda Hanassi erschien, war gerade an jenem Tage abwesend. Als er das Bat-Kol hörte, stieg er auf den Söller, stürzte sich hinab und blieb tot. Da rief ein zweites Bat-Kol: Auch für diesen Wäscher ist die ewige Seligkeit bereit. Maimonides spricht sich über die Prophetie folgenderart ans: „Wisse, das wahrhaftige Wesen der Prophetie ist eine Ausstrahlung der göttlichen Fülle, mittels des Intellsktnm Agens vorerst aus die menschliche Vernunft, dann weiter auf die Einbildungskraft. Durch diesen Ansspruch erhalten wir über das wahre Wesen der Prophetie Kunde, daß sie nämlich eine Vollkommenheit ist, zu der der Mensch im Traume oder durch eine Erscheinung gelangt. Erreicht nämlich die Einbildungskraft den möglichsten Grad ihrer Wirksamkeit, so scheint, es dem Propheten, als nehme er ein Objekt außer sich wahr und als wirke ein außer ihm sich befindlicher Gegenstand auf seine Empfindung, was eine „Erscheinung" genannt wird. Vision uitb Traum sind also zwei verschiedene Grade der Prophetie. Es ist ferner bekannt, daß die Gegenstände, mit welchen sich der Mensch im wachen Zustande beschäftigt, besonders solche, au welchen er Interesse nimmt, während des Schlafes von der Einbildungskraft unter Einwirkung des Verstandes, je nach den Fähigkeiten des Menschen, reproduziert werden. Die Wahrnehmung dieser Vorstellungen ist gewissermaßen eine wiederholte Sinneswahrnehmnng. Ist also bei einem Menschen das Gehirn von Natur aus das ebenmäßigste konstruiert, besitzt es die gehörige Reinheit der Materie und die gehörige Mischung in allen seinen Teilen und finden keine störenden Einwirkungen von dem Temperamente irgend eines anderen Organes statt, bildet sich ferner ein solcher Mensch ans und entwickelt seine latenten Geistesfahigkeiten derart, daß sie znm gehörigen Durchbrnch kommen; hat ferner ein solcher Mensch einen vollkommenen Menschenverstand, besitzt er Reinheit der Sitten und gehen alle seine Bestrebungen dahin, die Geheimnisse der existierenden Dinge und ihrer Ursachen zu erforschen; wendet er seine Denkkraft nur auf höhere Dinge an. und zwar auf die Erkenntnis Gottes und seiner Werke, so daß er alle seine tierischen Triebe nach den verschiedensten sinnlichen Genüssen unterdrückt und sich ihrer entwindet; verachtet er ferner die Herrschaft und die falsche Ehrsucht, ein solcher Mensch wird ohne Zweifel nur göttliche Dinge wahrnehmen, nur Erscheinungen der Gottheit haben nnd zu den wahrhaftesten Ideen jener Dinge gelangen, die auf das gesellschaftliche Leben des Menschen und auf die bürgerliche Gesetzgebung den größten Einfluß üben. — Nach Maßgabe aber der Vollkommenheit der drei genannten Faktoren, nämlich der Vollkommenheit des Verstandes durch Wissenschaft erworben, der Vollkommenheit der Einbildungskraft als Natnrgabe und der sittlichen Vollkommenheit durch Entsagung aller Sinnengenüffe, ist auch die Stufe, welche die Propheten erreichen, verschieden. Ja, selbst bei einem nnd demselben Propheten wechselt die prophetische Gabe als eine körperliche Kraft — denn eine solche ist doch die Einbildungskraft. welche der Schwäche und der Ermattung unterworfen ist, ja oft fehlen kann. Daher kommt es auch, daß die Propheten ihre prophetische Kraft zn Zeiten ganz verlieren, z. B. wenn sie im Zustande großer Traurigkeit oder des Zorns sich befinden. So heißt es auch im Talmud: Die prophetische Gabe geht verlustig, durch Traurigkeit, durch Trägheit rc. Ja selbst Moses verlor transitorisch seine prophetische Kraft bei der Empörung der Kundschafter, bis das ganze Geschlecht der Wüste ansgestorben war, obgleich bei Moses die Einbildungskraft gar