Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1911
- Issue
- Heft 33 (25.8.1911)
- Date
- 1911-08-25
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8. Die Wahrheit. Nr. 33. Kampf um das Dasein", „Der Gamalenfischer" und >,Der erste Schritt" — durchweg Szeueu oder vielmehr Situationen aus dem täglichen Leben der Fischerbevölkerung. Darunter sind aber Meisterwerke ersten Ranges, „Der Schiffbrüchige", der 1862 in London ausgestellt war, wurde im Athenänm „tke most touching picture of the Exhibition“ genänntmud — für 30.000 Gulden verkauft. Einzelne Schilderungen aus diesem Leben der Fischerbevölkerung sind geradezu ergreifend, wie der alte Mann, der an Körper und Seele gebrochen, auf dem Stuhle sitzt, während der entseelte Körper seiner Frau hinten in der Bettstätte ansgestreckt liegt, oder das „Häusliche Leid", wo eine junge Fischerfran mit abgehärmtem Gesicht znsieht, wie der Manu, in lustiger Gesellschaft den sauren Verdienst beim Schnaps und beim Spiel dnrchbringt, während sie mit den Kindern darben muß, oder die ängstlich unter der Tür auf die Rückkehr des Mannes wartende Fran, während ein Sturm das Meer aufwühlt und Blitze den Himmel zerreißen. Eines seiner gewaltigsten Bilder, vielleicht das genialste von allen, ist „Ein Sohn des alten Volks," einen armen, vor seiner ärmlichen Wohnung sitzenden Trödeljuden vorstellend, aus dem das ganze Leid, welches das Volk Israel im Laufe der Jahrhunderte erfahren, in beredten Worten zu uns spricht. Der größte Teil dieser Gemälde ist vervielfältigt und so Gemeingut des niederländischen Volkes geworden, in den einfachsten Bürgerwohnungeu sieht man eine. Abbildung der „Kleinen Strumpsstrickeriu" oder des lieblichen, äußerst anmntenden „Mutters Hilfe," wo ein kaum zweijähriges Mädchen der kranken, im Stuhl sitzenden Mutter den mit glühendem Torf gefüllten Stoof herbeiträgt, auf dem sie die Füße wärmen kann, lind fragt man zum Schluß, worin das Geheimnis besteht, mit welchem die Israelische Kunst auf den ersten Anblick jeden gefangen nimmt und hinreißt, so ist die Antwort darauf nicht schwer. Er versteht es, allen Figuren ein innerliches Leben eiuzuhanchen, so daß selbst ein, Stuhl, ein Tisch, ein Kessel ebenso wie das Innere einer Kammer oder eine ganze Landschaft beseelt sind, mit lauter Stimme zu uns reden und dies erreicht er ohne jedwede dekorative Hilfsmittel, ohne äußerlichen Kraftaufwand, man könnte sagen ohne irgendwelche bewußte Mimik, denn Israels ist ein Dichter des Unbewußten im vollen Sinne des Wortes. Eine seiner hervorragendsten Gaben ist seine Fähigkeit, daß er gerade den einfachsten Dingen, den alltäglichsten Handlungen dadurch, daß er sie in ihrem innersten Wesen ergründet hat. eine so große Bedeutung zu geben weiß. Und dann seine Technik!. Die einfache Darstellung des Vorwurfs kann es allein nicht tun, denn sonst wäre die Photographie eine ebenbürtige Kunst, aber Linien und Farben müssen derart ineinander schmelzen, daß der Gedanke an eine gefärbte Leinwand nicht störend zwischen das Auge des Beschauers und das Kunstwerk tritt; dies ist abernur möglich, wenn nicht Verstand und technisches Können allein das Werk schaffen, sondern wenn es die Aeußerung eines liefen Gefühls ist — und in dieser harmonischen Verbindung beider Faktoren ist Israels bis heute der unerreichte Meister geblieben. Die Psalmen als Schirllmch. Die Psalmen sind - ein eigenes, echtes Knlturprodukt des. jüdischen Volksgeistes. Nicht nur die Denkweise, sondern auch das ganze Gefühlsleben der Juden spiegelt sich in ihnen ab. Was sie bei freudigen und traurigen Anlässen empfinden, was sich ihren Herzen und ihren Lippen in heiteren uitd trübeit Tagen entwindet, das bringt der Psalmist in den herrlichsten Bildern zum Ausdruck. Aus den Aenßernngen der Freude am Dasein (22,5, 104.93. 118,17), der Lust und des Willens zum Leben (6,5, 102,25, 118,17) spricht der Optimismus des Judentums. Ans dem stillen Duldeu und ruhigen Tragen der Schicksalsschläge, aus der freiwilligen Ergebung in einen höheren, unerforschlichen Ratschluß (39,10) vernehmen wir die resignierende Weife des jüdischen Gottesfürchtigen. Die Grundgedanken des Pfalmisten wurzeln im jüdischen Bekenntnisse zum einig einzigen, ewigen, allgerechten und all-, wissenden Gotte, welches in vielen Psalmen einen lebhaften Widerhall findet (16,2, 73,25, 92,9). Auch er verkündet, die welterlösende Botschaft der Indischen Propheten, daß dieser Glaube dereinst alle Menschenkinder znm gemeinschaftlichen Gottesdienste vereinen wird (22.25, 86,9,102,16,118,3, 117,1). Seine Weltanschauung ist dieselbe, welche .zu'allen Zeiten die hervorragendsten jüdischen Geister und Denker beherrschte, die Ansicht nämlich vom Siege des Rechtes und vom Schwinden des Unrechtes. „Znm Rechte kehrt das Recht zurück" (94,15). „Dem Unschuldigen, bleibt das Gute nicht vorenthalten" (84,12). Wie jeder fromme Israelit, betrachtet anch er die Weltgeschichte vom religiösen Gesichtspunkte ans, als Willensäußerung des obersten Lenkers und Leiters aller menschlichen Geschicke (33,10, 115,3). Auch er hält die geoffenbarte Lehre für den einzigen Wegweiser, der zur Sittlichkeit und inneren Heiligung führt (50,6 105, 45). Auch er' stellt die Kenntnis und die Betätigung des göttlichen Gesetzes als die Voraussetzung und Grundbedingung der menschlichen Glückseligkeit hin (37,31, 40,9). Za sogar Hinweise auf positive religiöse Satzungen, wie z. B. auf das Posannenblasen am Nenjahrstage (81,4,11), anch das Verbot, die Fremden, Witwen und Waisen zu bedrücken (94,6, 146,9), das Recht zu beugen, Bestechung zu nehmen und Wucher zu treiben (15,5, 99,21) finden wir in den Psalmen. Gelten daher die Psalmen ihren Grundgedanken nach unbestritten als das geistige Eigentum der Inden, so sind sie doch wegen der in Ihnen vorkommenden rein menschlichen Ideen ohne irgend welche religiöse Beziehungen das Gemeingut aller zivilisierten Nationen geworden, nehmen sie wegen ihres veredelnden Einflusses auf die Gesinnung und Gesittung jedes Gebildeten einen Ehrenplatz in der Weltliteratur ein. Wie viele Dichter haben die Motive zu ihren Dichtungen den Psalmen entnommen. Wie viele haben die Sentenzen der Psalmen zur Richtschnur ihres Lebens gemacht. Wem sind die vielen Sprüchwörter und Redensarten unbekannt, die ihren Ursprung in den Psalmen haben? (7,10, 33,3, 56.5). Nennen wir nur die geläufigsten: „Wer einem eine Grube gräbt, fällt selbst hinein." „Ich wasche meine Hände in Unschuld." „Ich vertraue auf Gott und fürchte nicht, was kann ein Mensch mir tun?" (7,10, 25,5, 73,3, 56,5, 33.3. 75,10, 118,11.) . Was aber die.Pialmen ganz besonders znm echten geistigen Besitze der gesitteten Welt stempelt, was ihnen eine dauernde, universelle Bedeutung verleiht, das ist ihre Verwendung beim Gottesdienste aller Kulturvölker. Die Kirche hat viele Psalmen, selbst solche von ausgesprochenem jüdisch-nationalen Charakter, denen sie eine symbolische Bedeutung beilegte, in ihre offiziellen Gebete eingeschaltet. Sie hat neben änderen religiösen Einrichtungen der Synagoge auch die Psalmen entlehnt, welche zur Zeit der Entstehung des Christentums mit der jüdischen Liturgie bereits unzertrennlich verwachsen waren. Denn schon im ersten Tempel begann und schloß der Abend- und Morgengottesdienst mit Psalmen, welche von David verfaßt und von den Leviten Asaf, Heman. Jednlan und den Korahiten mit Chören gesungen wurden (Neh. 12, 46). Im zweiten Tempel wurde den Psalmen noch ein größerer Spielraum gelassen. Die Männer der großen Versammlung setzten für jeden Tag der Woche, für die.Feiertage und für jeden Halbfeiertag des Snkkothfestes einen bestimmten, auf die Weihe des Tages sich beziehenden Psalm fest. (Tamid Ende,- Snkkor 55, ' Rosch-Haschanah 31.) Unser gegenwärtiger Gottesdienst enthält 62 Psalmen, u. zw. das tägliche Morgengebet, Psalm 30, 100, 6, 145—150, 20, 24, 48,-94, 81, 83. 92, 99; für Sabbat: 19, 33, 34, 90—93, 135, 136; für Sabbat nachm. 103, 120—134; für Sabbat-Ausgang: 144, 67; vor dem Schofarblasen Psalm 47; für den Neumond und Festtag: Halle! 113—118.* *-) '_ (Fortsetzung folgt.) *) In der Nacht vor Hoschanah-Rabbah und Schewuoth, vor dem Abendgebet am ersten Nenjahrstage und nach dem täglichen Morgengebet werden in vielen Synagogen Psalmen rezitiert.; - Einzelne Gebetstücke sind nur ans Psalmenversen zusammengesetzt, wie die Einleitung' znm Morgengebet „Psuke desimrah". Bor dein Tischgebet wird an Wochentagen Psalm 126, an Sabbat und Festtagen Psalm 137 gesagt. In der häuslichen Andacht spielen die Psalmen Überhaupt eine große Rolle. Ssi begleiten den Israeliten von der Wiege bis znm Grabe. Bei der Geburt eines Kindes werden Türen, Fenster'und