Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1911
- Issue
- Heft 33 (25.8.1911)
- Date
- 1911-08-25
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Die Wahrheit Seite 7. Nr. 33. nun auch davor nicht zurückgeschreckt, auf Geheiß ihres Gebieters die oft und oft widerlegte Blutlüge aufzutischen und ohne mit einer Wimper zu zucken, von abgezapftem Blut zu rituell jüdischen Zwecken zu sprechen. Jonel B r a t i a n o. dessen einziges Verdienst lediglich darin besieht, daß er der Sohn feines Vaters, des großen rumänischen Staatsmannes Jon Bratiano ist, hat — es kann dies zn seiner Charakteristik nicht oft genug gesagt werden — erwiesenermaßen im Jahre 1907 die blutigen Banernrevolten arrangiert, durch dieses verbrecherische Mittel die konservative Regierung Cantacnzeue gestürzt und sich selbst dadurch in den Regierungssessel, geschwungen. Heute versucht es dieser Mann, der durch die enthüllte diffamierende Ratesti-Affäre das Vertrauen des Königs verloren und seine Demission geben mußte, durch diese Ritnalmvrdhetze Judenprogrome zu stiften, um dem Staatsmanne Peter Carp die Zügel der Regierung aus der Hand zu reißen und sich und seine ansgehungerten Parteigänger neuerdings an den Staatskrippen festzusetzen. Wir wollen jedoch hoffen, daß die gegenwärtige Regierung Carp stark genug sein wird, um diese sträflichen Machinationen rechtzeitig zu durchkreuzen und daß sie Mittel und Wege finden wird, 'uni dem „Viitornl" rechtzeitig das Handwerk zu legen. Ein geharnischtes Commnniqnö der Regierung gegen die aufgetischte Blntlüge wird alle Gemüter beruhigen und die Absicht des Sprachrohres der famosen „liberalen" Partei wirksam vereiteln. 2- * * lieber die Haltung der gegenwärtigen Regierung zu den niederträchtigen Spekulationen der. „Liberalen" wird aus Bukarest folgendes berichtet: Die rumänischen Gesetze sind bekanntlich den Juden nicht günstig. Um so wertvoller ist es. daß die jetzige rumänische Regierung keine Gelegenheit vorübergehen läßt, mit zu dokumentieren, daß sie gewillt ist, ihnen den bürgerlichen Rechtsschutz angedeihen zu lassen und etwaigen Ausschreitungen entschieden zu begegnen. Sie hat das bewiesen, als sie vor kurzem dem Versuche des „Viitornl" eine „Ritualmordhetze" zu inszenieren, energisch eutgegentrat, und neuerdings wieder, als der Minister des Innern H. A. M a r g h i l o m a n eine Deputation kr. Inden ans der Dobrndscha empfing. Die Deputation kam. aus der Stadt Tulcea und bestand aus den Herren: Raum Ginsberg, Chaim Goldstein, Salomon Aradin, L. Diamant und den Herren Weinberg und Sulina. Sie überreichten dem Minister eine Denkschrift, welche die Beschwerden der Dobrndscha enthielt. Minister Marghiloman empfing sie in wohlwollendster Weise und besprach mit den einzelnen Mitgliedern die Angelegenheit sehr eingehend, er ließ sich alle Tatsachen genau initteilen und gab ihnen die Versicherung, daß die Regierung die Denkschrift aufs sorgfältigste studieren und gerechten Beschwerden gewiß abhelfen werde. Er gab der Deputation auch die Aufmunterung, die ihnen gesetzlich zustehenden Schritte zu unternemen. Die konservative Regierung sehe als ihre Pflicht an, dem Rechte und Gesetze für jedermann Achtung zu verschaffen. Sowie der König bei seiner Anwesenheit in der Dobrndscha den Wunsch aussprach, daß sich die Bewohner dieses Landesteils unter seiner Herrschaft wohl fühlen und gedeihlich entwickeln, so habe auch die Regierung stets das Wohl des Landes und aller seiner Bewohner vor Augen. Die Worte des Ministers machten aus die Deputation den tiefsten Eindruck, und sie schied nicht nur mit innigstem Danke, sondern auch mit Kundgebung des vollsten Vertrauens vom Minister. Joseph Israels. Der Altmeister der holländischen Malerei ist,, wie bereits in voriger Nummer berichtet wurde, im 87. Lebensjahre gestorben. Wenn irgendeiner, so hat Joseph Israels die antisemitische Mär, daß die Juden auf allen Gebieten der Kultur nur uachahmen, aber nicht originell seien, Lügen gestraft. Einem Nachruf, welchen der Haager Korrespondent der „Köln. Ztg." Israels widmet, entnehmen wir folgendes: Joseph Israels, Hollands größter Maler, ist am 23. ds. gestorben. Wie so vielen großen Männern ist auch Israels Äe harte Schule der Entbehrungen und Enttäuschungen nicht erspart geblieben, und nur seiner beispiellosen Ausdauer, die auch da noch standhielt, wenn hundert andere die Arme mutlos sinken lassen, Halle er es zu danken, daß sein Name unsterblich sein wird. Seine Künstlerlaufbahn eröffuete sich zu einer Zeit, wo noch die Romantik unsterblich das Zepter führte, wo ein lnmpensammelndes Mädchen ohne den Kopf einer Madonna unmöglich war, und wo ihn sein Lehrer Kruseman davor warnte, ja keine häßliche Menschen zu malen, weil dies den Geschmack verderbe. Israels ist am 27. Jänner 1824 in Groningen geboren, war von seinem Vater ursprünglich zum Rabbiner bestimmt, trat aber in dessen kleines Effektengeschäft, wobei er in seinen freien Stunden seiner Liebhaberei folgte und zeichnete und malte. Da er außerordentlich gut und sicher porträtierte und seine Lehrer ihm ein günstiges Horoskop stellten, gab der Vater, da Joseph voraussichtlich doch nie ein guter Geschäftsmann geworden wäre, schließlich seine Einwilligung, daß sein Sohn die Künstlerlaufbahn betrete und in Amsterdam sich weiter ausbilde. Dort galt damals die italienische Kunst für das Ideal der Schönheit. Israels, der im Judeuviertel bei orthodoxen Juden wohnte, dachte noch gar nicht daran, seine charakteristische Umgebung der künstlerischen Betrachtung wert zu finden, sein erstes Gemälde in Amsterdam stellte einen — bunt ausgestatteten kalabresischen Räuber vor! Mitte der vierziger Jahre des vorigen Jahrhunderts machte sich der französische Einstnß in Holland geltend, Ary Scheffer, der ja selbst ein geborener Niederländer war. brachte durch sein „Gretchen am Spinnrad" die künstlerischen Kreise in Verzückung, und Israels war bgld entschlossen, nach Paris, damals dem ausschließlichen Mittelpunkt der Kunst, zu gehen und hier weiter zu studieren. Unter großen Entbehrungen — sein Vater konnte ihm während der zwei Jahre, die er hier zubrachre, nur. tausend Gulden geben — genoß er hier den Unterricht von Picot, Horace Vernet, Pradier und Paul Delaroche, und es verstand sich von selbst, daß die künstlerische Umgebung, besonders die großen Galerien, ebenfalls ihren erzieherischen Einstnß ausübten. Im Jahre 1848 kehrte er nach Amsterdam zurück, aber mit seinen ersten Gemälden, „Aron mit seinen vier Söhnen am Altar" und mit dem Porträt einer französischen Schauspielerin, Madame Taigny, fand er keinen Anklang, man fand sie „abscheulich und fatal". Er malte kleine Genrestücke, fast lauter romantische Vorwürfe, und er war glücklich, wenn er für das Stück 20 Gulden erhielt. Dann entstanden theatralische und historische Kompositionen, wie „Hamlet und seine Mutter", „Wilhelm der Schweiger und Margarethe von Parma" und „Prinz Moritz von Nassau bei der Leiche seines Vaters", aber der erwartete Erfolg blieb aus, erst durch seine „Träumerei", ein unter einer Blume am Wasser schlafendes Mädchen, begann man. auf ihn aufmerksam zu werden, er erhielt dafür die für seine Verhältnisse ansehnliche Summe von 500 Gulden. Aber das erlösende Wort für ihn sprach doch ein weiteres Mißgeschick: er wurde ernstlich krank und ging dann, wieder hergestellt, nach Zandvoort. um sich hier in der frischen Seeluft zu erholen. Er wohnte hier bei einem Schiffszimmeriitamt, sah und bewunderte das Innere der Fischerhntten, die charakteristische Kleidung und das ganze Tun und Treiben, wie Schuppen fiel es ihm von den Augen, daß auch im alltäglichen Leben dramatische Borwürfe zu finden seien, daß der Schmerz des Volkes das Herz'ebenso rührt, wieder der höheren Klassen, und daß eine ärmliche Fischerwohnung, durch deren enges Fenster das spärliche Licht fällt, ebenso harmonisch und poetisch sein kann, wie ein historischer oder literarischer Stoff. Jetzt hatte Israels, was er unbewußt gesucht hatte, gesunden, und von nun an war ihm auch der Weg vorgezeichnet, den er nicht mehr verließ und auf den er zur höchsten Vollendung emporgestiegeu ist. Die fruchtbarsten 'Jahre seines Lebens beginnen, in rascher Aufeinanderfolge eustanden „Erste Liebe", „Der Tag vor dem Scheiden", „Bei Mutters Grab", „Der Schiffbrüchige", „Den Kirchhof entlang", „Die kleine Strnmpsstrickerin", „Aus der Finsternis zum Licht", „Die Kinder der See", „Die Wiege", „Des kleinen Jan Geburtstag". „Wenn man alt wird", „Die Armen des Dorfes", „Der