Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1911
- Issue
- Heft 32 (18.8.1911)
- Date
- 1911-08-18
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3062972-3063572-3063604--07422-3074506- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 8 Die Wahrheit. Nr. 32. Mission erfüllen und seine Aufgaben lösen, vor allem aber das bringen, was uns am meisten nottut, die Einigkeit. Einigk e i t und Einheit muß unser Losungswort sein! (Stürmischer Beifall). Nach Verlesung des Begrüßungsschreibens der . Baseler Regierung und anderer wird beschlossen, der türkischen Regierung aus Anlaß der Brandkatastrophe in Konstantinopel Beileid auszusprechen und ihr 5000 Frc. zugunsten der Betroffenen zu überweisen. Mit großem Ethusiasmus begrüßt, ergreift Max Nordan das Wort. Der zehnte Kongreß, so führt er aus-sei ein Jubelkongreß, aber nicht im Sinne von Jubilieren,: sondern in dem des hebräischen Zobel, denn zum Jubel liege kein Anlaß vor. Das Bild der jüdischen Gesamtlage sei äußerst düster. . Ueberall flamme der Judenhaß zur Hellen Lohe auf, selbst in Amerika, wo Taft in letzterer Zeit wiederholt gegen die antisemitischen Stimmungen einschreiten mußte. Ueber kleine Nadelstiche und moralische Mißhandlung könne mau sich stolz hinwegsetzen. Schlimmer aber stehe es in den Ländern, wo die Judenverfolgung amtlich betrieben werde. Entrechtung und P r o l e t a r i s i e r u n g sei kein passender Ausdruck zur Kennzeichnung der Lage, da die Juden geflissentlich von der Arbeit zurückgedrängt werden. Die Massenmorde in Rußland seien Non schlimmerer Art als die Metzeleien im Mittelaller, da jene zumeist im Rausche geschehen waren, während man es heute darauf absehe, die Millionen Inden systematisch verkommen zu lassen. Die s ch a mlose Lüge der heutigen Gesittung ertappen wir hier aus frischer Tat. Wie nehmen die Schönredner, die Klugschwätzer, die amtlichen, die regierenden noch viel mehr als die privaten, den Mund voll von Fortschritt, von Entwicklung, von Menschenwürde, von Gerechtigkeit! Wie läßt mau uns die hochtrabenden, großsprecherischen und wichtigtnenden Worte: soziales Empfinden, Bruderliebe, menschliche Gemeinbürgschaft, hageldicht um die Ohren prasseln! Mau hält feierliche Friedenskongreße ab, auf denen man gegen den Krieg deklamiert und zu seiner Verhütung paragraphenreiche Schiedsgerichtsverträge zu Dutzenden abschließt und für die ein großer Menschenfreund einen prächtigen Palast erbauen läßt. Aber die tugendhaften Regierungen, die. mit so edlem Eifer an der Vorbereitung des ewigen Friedens arbeiten, bereiten eingestäudig sechs Millionen Menschen den Untergang, und niemand außer den Opfern erhebt dagegen seine Stimme, obschon dies doch ein ungleich größeres Verbrechen ist als irgend ein Krieg, der noch nie sechs Millionen Menschenleben vernichtet hat. (Stürmische Zustimmung!) Und wenn man die elenden Heuchler der „Menschlichkeit." des -.Fortschritts," der „Gerechtigkeit" anrnft, ihnen die an unseren Brüdern begangenen Greuel zeigt und sie fragt, wie sie dieses Massenverbrechen seelenrnhig mitansehen können, zucken sie gelangweilt die Achseln und murmeln etwas wie: „In die inneren Angelegenheiten souveräner Staaten darf man sich nicht einmischen." .... „Wir Haben' dann auch das europäische Gewissen von unserer Besuchsliste gestrichen. (Heiterkeit). Wenn wir die- Verbrechen, die an unseren Brüdern begangen werden, gleichwohl in die Welt hinausschreien, so ist es nicht, weil wir davon irgend einen Erfolg erwarten. Wir tun es, weil es ein Gebot der Sittlichkeit ist, Heuchlern die Maske vom Gesichte zu reißen (stürmischer Beifall), und Missetäter vor dem Richterstuhl der Geschichte und der ewigen Moral anzuklagen, gleichgültig, ob die Anklage einen praktischen Nutzen haben wird oder nicht." Mit großer Heftigkeit und Schärfe wendet sich Nordan gegen die jüdischen Verläumder des Zionismus bei den einzelnen Staaten, insbesondere in der Türkei. „Wir müssen die öffentliche Meinung im ottomanischeu Reiche in den Stand setzen, sich über uns und unsere Feinde eine eigene Meinung zu bilden. Möge die Schande, die dem jüdischen Volke daraus erwächst, auf die Verläumder zurückfallen. Wir haben die Pfiicht, die türkischen Staatsmänner mit den wirklichen Tatsachen bekannt zu machen und sie zu überzeugen, daß die Heimatssehnsncht der zionistischen Juden für die Türkei eine Quelle unabsehbaren Nutzens werden kann, daß sie in der weiten Welt keine aufrichtigeren. und opferwilligeren, Freunde hat als die Zionisten^ und daß sie sich ihrer nützlichsten Mitarbeiter an dem Heil ihres-. Vaterlandes berauben, wenn sie dieses den Zionisten verschließen- (Lebhafte Zustimmung.) Wir zweifeln nicht daran, daß unsere Bemühungen Erfolg, haben werden. Die Verläumder des Zionismus iverd.en ihre Infamie vergebens begangen haben. Aber die schließliche Wirkungslosigkeit ihrer Ränke vermindert ihre: Schuld nicht und s i e* bi e i ben vor d e Nl Richter st n h l der G e s ch i ch t t a n g e k lagt, alles getan zu haben, was in ihrer Macht stand, um die Rettung des jüdischen Volkes auS Todesgefahr zu vereiteln, und dieser nnbestechliche Richter wird ihnen das Kainsmal des Brudermordes in die Stirn einbrennen. (Stürmischer Beifall.)? Wir werden nichts unterlassenum die irregesührte Regierung und öffentliche Meinung des ottomanischeu Reiches mit: den wirklichen Tatsachen bekannt zu machen und wir zweifeln: nicht am Erfolge unserer Bemühungendenn wir glauben an die Macht der Wahrheit und an den gesunden Menschenverstandder türkischen Staatsmänner. Aber die unerläßliche Voraussetzung dieses Erfolges sei> die Einigkeit innerhalb der Organisation. Die-Organisation isk der Rahmen des künftigen erlösten Jndenvolkes. Er muß so stark dastehen, daß keine äußere oder innere Erschütterung sein Gefüge lockern kann. Nur durch Annahme des neuen Organisationsentwnrfes und durch die Erschließung ergiebiger Hilfsquellen fürdie Bedürfnisse der Bewegung wird dieser Kongreß die Erwartungen erfüllen, Sie das zionistische Judentum in ihn setzt- (Stürmischer Beifall.) ' Nach einer kurzen Debatte, ob die Annahme der neuen Geschäftsordnung erst mit dem Organisationsstatüt zu beraten sei, oder gleich vor Eintritt in die Tagesordnung akzeptiert: werden solle, wurden die Wahlen für die Kongreß-Kommission, vorgenommen, die. von der Leitung der Organisation völlig getrennt ist und die nach dem Vorschlag des Permanenz-Ausschusses einstimmig Nordan das Präsidium übergab und zw Vizepräsidenten die Herren Dr. B o d e n h e i m e r, Dr. M a rm o r e k, T s ch l e n o f f, U s s i s ch k i.n und Adolf S t a u b> wählte. Hierauf schließt Nordan die Eröffnungssitzung und setzt den Beginn der Nochmittagssitzung auf 4 Uhr fest, in der das Aktions-Komitee den ausführlichen Tätigkeitsbericht erstatten wird, der den Delegierten gedruckt vorliegt. * 4- - ' - ' * Die Nachmittagssitzung eröffnet Präsident Dr. Max No rd a n mit Worten des Gedenkens an die seit dem letzten Kongreß Heimgegangenen, und nach dem Bericht des Legitimationsansschusses, der 429 Delegierte answeist, wird in die Generaldebatte über' den Tätigkeitsbericht des Aktions-Komitees eingegangen. Zunächst: erstattet Professor W a r b u r g das P a l ä st i n a r es e r a t, in welchem er die Entwicklung und den gegenwärtigen Standder seitens der zionistischen Organisation in Palästina geleisteten Arbeit eingehend klarlegt und. dann zu folgendem Resume gelangt: Wir brauchen nicht zu zweifeln, daß diese Arbeit, dieübrigens schon ihren Lohn in sich selbst trägt, auch seitens desottomanischeu Staates dankbare Anerkennung finden wird, denn die Regierung muß und wird zu der Erkenntnis gelangen, daß: wir nicht nur das Land reich und zufrieden gemacht haben werden, sondern was noch mehr wert ist, daß durch unsere- Arbeit dem Lande eine zahlreiche arbeitsame Bevölkerung Angeführt wurde, auf deren Treue der ottomanische Staat sich iw guten und trüben Zeiten, blindlings wird verlassen lönnen.. (Beifall.) Die Debatte, welche sich auf die Vor- und Nachmittags sitzung am Donnerstag erstreckte und in deren Verlauf awch- Dr. Zolls ch an über den „Internationalen Rassenkongreß" berichtete, brachte manche scharfe Kritik der Tätigkeit der Leitung. Nach einem - Schlußworte - des Präsidenten W o l ff so Hw wird folgender Antrag des Dr. T h o n nahezu einstimmig angenommen: Der Kongreß ■ spricht dem E A. C. für seine vierjährigefruchtbare und erfolgreiche Arbeit Vertrauen und Dank aus,, dankt aber insbesondere Herrn Präsidenten David W o l ff-