Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1911
- Issue
- Heft 32 (18.8.1911)
- Date
- 1911-08-18
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 32. Tie Wahrheit, Seite 7 Das Referat fand eine ausgezeichnete Aufnahme. Da es än deutscher Sprache erstattet worden war, übernahm es Herr Langwill, es ins Englische zu übersetzen. ' Er tat dies mit einigen einleitenden Worten, in denen er Dr. Zollschau dem .englischen Publikum als den Autor des „Rassenproblem", ^ines der besten Werke der gegenwärtigen Literatur vorstellte. An die Uebersetzung selbst knüpfte er einige Bemerkungen, in Lenen er hervorhob, daß er mit den Argumenten des Redners -vollkommen einverstanden sei. Er glaube aber, daß nicht nur 'Palästina, sondern auch ein anderes Land geeignet ist, das -Judentum vor dem Untergang zu retten. . Ihm entgegnete Dr. Zollschan in einem kurzen Schlußwort: Um ein dem Pflug so lange entwöhntes Volk wiederum dem Ackerbau zu gewinnen, müssen so starke ideelle Faktoren Mitwirken, wie solche nur die historischen Beziehungen der alten Heimat für die Inden bedeuten können. Nirgends sonst, geht Lin städtisches Element freiwillig auf das Land zurück. Am Uorabeud des X. Ziouisten- Konyrejfes. Basel, den 8. August 1911. - Der Mond schien hell, so daß wir es kaum merkten, als 4>ie Gasflammen in der Straße erloschen. Und der alte Mann -auf dem Bürgersteig, umringt von einer Anzahl junger Menschen -sprach weiter. Einig sollt Ihr sein! Der zehnte Zionistenkongreß, der -morgen anhebt, soll eine würdige Kundgebung würdiger, vornehmer Menschen werden. Die ganze Welt blickt aus Euch; viele mit verachtender Geringschätzung, doch auch, viele mit angstvollem, zitternden Herzen, ob Ihr Euch selbst nicht wieder -schaden werdet durch Eure Uneinigkeit, wie Ihr das so oft -schon getan.. Eine Versammlung von Ladies und Gentlemen sollte der Kongreß sein, ruhig und still sein Verlauf, doch mächtig und machhaltend seine Wirkung! , . . . Ihr Juden seid ein sonderbares Volk, fürwahr! Ich liebe Euch und mit mir tun es viele, in denen, wie in meinen Adern kein Tröpschen jüdischen Blutes fließt. Ich danke Euch meine Bibel, meinen Heiland, die Propheten, die Ihr zu wenig kennt und leset. Jedoch, — verzeiht eines Freundes Wort, es cklingt oft rauh, doch ist es treu und. gut — Ihr habet Moses -nicht verdient, ihn nicht zu schützen gewußt, nicht Herzl zu würdigen verstanden und nicht einen der großen Männer, die Euere Glaubensgenossen sind . . . Ihr anerkennt nur die, habt Ehr- -surcht nur vor denen, die nicht Eures Blnt'es. . . . Habet mehr Achtung vor einander! Lernt es endlich, mit rinander zu verkehren, in Frieden beisammen zu sein, gemeinsam .Zn arbeiten für ein großes Ziel — und Altneuland ist Euer! Der erste Zionistenkongreß! — wie wird er mir unvergeßlich bleiben! . . . Mein Freund Herzl! . . . wie tief ist sein 'Bild in meiner Seele bewahrt! . . . Gemeinsam durchstreiften wir das heilige Land! Ans meiner Reliefkarte hat er mir oft und oft .die Punkte gezeigt, an denen er wohnen möchte in Zion! . . . Palästina! Das war das Land seiner heißen, tiefen Sehnsucht! . . . Und er glaubte fest daran, daß es einst Euer werde, doch Euch! Euch fehlt der Glaube! . . . Der Glaube au Gott, -an seine heiligen Verheißungen, der Glaube an Euch selbst, der -Glaube an Eure Zukunft! ..... Und weiter sprach der Mann, ein Seelenhirt aus dem Juselreiche jenseits der Straße von Calais, ein Priester, der 'Prinzen erzog und Menschenliebe predigt und . . . sie übt, sie 'betätigt, täglich, stündlich, die Menschenliebe, die mit dem „Fortschritt der.Entwicklung" außer Mode und in Mißkredit geraten ist, voll Begeisterung sprach er von den Inden zu den Juden, -erfüllt von tiefem Glauben an ihre Mission, an ihre baldige -Erlösung .... Und wie eine Vision-tauchte die Erinnerung in mir auf -an eine andere Nacht — daheim — an eine dunkle, sternenlose Macht; in der der Sturm heulte und die Wasser der Donau peitschte, daß sie sich hoch aufbänmten, um tosend znrückznsallen in. ihr Bett oder zischend am User zu zerschellen. . . Und eine feste, warme Hand hielt Meine zitternden Kinderhände und ein starker Arm war schützend um meine Schultern gelegt. . . . „Mein Kind," sprach jene liebe, tiefe Stimme, die lang verklungen ist ins weite All, „Gott schenke dir die Fähigkeit . . . zu glauben!" . . . Der alte Manu vom Bürgersteig ist zur Ruhe gegangen mit einem freundlichen und eindringlichen „Schalom!" Der Rhein rauscht leise dahin; glitzernd brechen sich die Strahlen der wenigen Lichter vom User und beit umliegenden Häusern in seinen dunklen Fluten. . . Die Manen Herzls umschweben mich .... Herr Gott! gib mir die Fähigkeit — zu glauben! — Ilona Löwy. Der zehnte Zionisten-Kangreß. Der große Saal des Baseler Stadtkasino, in welchem Mittwoch, den 9. August die X. Tagung des Zionistenkongresses begonnen hat, bietet ein imposantes Bild und überwältigend ist der Gedanke, daß Hunderte von Delegierten ans allen Teilen der Erde sich znsammengefnndeu haben, nur von dem einen Gefühle geleitet, dem jüdischen Volke zu dienen. Wichtige Fragen, besonders betreffs der Organisation, gelangen diesmals zu. Entscheidung, und allgemein geht die Ueberzengung dahin, daß Einigkeit innerhalb derselben die notwendige Voraussetzung jeder ersprießlichen Tätigkeit sei. Kurz nach 10 Uhr vormittag eröffnet Präsident Wolssohn den Kongreß mit einen Rückblick ans die Entwicklung der zionistischen Institutionen seit dem ersten Kongresse. „Bor 14 Jahren war der Zionismus eine Sensation, heute ist er eine feststehende Tatsache." Hierauf bietet er eine Schilderung der allgemeinen jüdischen Läge, die leider keine Besserung anfweist, die Lage in Rußland habe sich sehr verschlimmert, ebenso in Rumänien. Das Elend in Galizien, das moralische imd materielle, nimmt immer größere Dimensionen an. Anch England und Amerika sind der jüdischen Einwanderung nicht geneigt.. Den einzigen Lichtpunkt sehen wir in der Türkei, wo unsere Brüder die gleichen Vorteile der errungenen Freiheit genießen, wie die übrige Bevölkerung des ottomanischen Reiches. Die dort gegenwärtig herrschenden Vorurteile gegen den Zionismus müssen bald verschwinden, da sie aus Unkenntnis des Wesens der Bewegung beruhen. „Das ottomanische Reich ist Jahrhunderte hindurch wirtschaftlich vernachläßigt worden; es ist ans eine Einwanderung nützlicher Elemente setzt mehr als jemals zuvor angewiesen. Bessere, nützlichere n n d l o y a l e r e E i n w a n d e r e r als die heimatlosen Juden aber wird es niemals und nirgends finden!" Mit scharfen Worten wendet er sich gegen die Unterstellung, daß der Zionismus eine Lostrennung von der Türkei erstrebe. Nicht einen Staat, s o n d er n e i n e H e i inst ä t t e wünscht das z i o n i st i s ch e P r o g r a m m s ü r das jüdische Volk. Die Iu d en sollen als osttom anische B ü r g e r, sich unbeschränkter Bürge rfreiheit in P a l ä st i n a e r s r e n e n, was ebenso im Interesse des türkischen Reiches liege. Und die Parole muß heißen: st a n d h a f t, s e st und treu. Präsident Wolfsohn skizziert dann die Aufgaben, die der Kongreß zu lösen har, die Erledigung des neuen Organis a t i o n s e n t w u r s e s. die Sanierung der n n g n n st i g e n Finanzlage, die Stellungnahme zur Emigration sfrage, die Pflege der nationalen S p r a ch e rc. Die allerwichtigste Aufgabe ist aber die Einsetzung einer ne neu Leitung. „Ich trete von der Leitung zurück, weil ich muß. Ich muß es tun, sowohl im Interesse der Bewegung, als anch im Interesse meiner geschwächten Gesundheit, die mir Ruhe gebietet und es mir nicht mehr gestattet, der erste Diener unserer Organisation zu bleiben." Die Geschichte des Zionismus ist bisher in zwei Perioden einzuteilen, in die Herzliche und die Kölner, mit diesem Kongresse treten wir in eine dritte Periode ein. Möge er seine