Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1911
- Issue
- Heft 32 (18.8.1911)
- Date
- 1911-08-18
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 Die Wahrheit Nr. 32. Wicklung der sozialen Verhältnisse leidet. Die jüdische Rasse kann den Druck so vieler feindlicher Umgebungen oder — was noch schädlicher ist — so vieler freundliche^ Umgebungen nicht ausaushalteu. Die territorialistische Bewegung, die den Kern der Herzlichen Ideen vertrete, suchen einen reellen, nicht aber einen metaphorischen Boden. Es ist nicht die Pflicht der Welt, das Judentum als Rasse oder Religion zu erhalten. Die Erlösung kann nur von innen heraus geschehen, aber das Judentum hat ebensoviel Anspruch aus Sympathie und Hilfe, wie sie Italien und Griechenland im Kampf um die Regeneration zu teil wurde. Es ist die Pflicht der Welt, die ethischen Ideale zu erhalten, die sie dem Judentum verdankt. Das Judentum befindet sich in einem Dilemma, und der einzige Ausweg ist die Schaffung eines jüdischen Staates oder wenigstens eines jüdischen Zafluchtslandes mit lokaler Selbstverwaltung, wohin im Laufe der Jahrhunderte alles echt jüdische gravitieren 'würde. Wenn die Welt auch nicht die Pflicht hat, hiebei führend und. bestimmend mitznwirken, so hätte sie doch einen Vorteil in der Fortschaffung des jüdischen Problems. In der Diskussion ergriff auch der durch sein Werk „Das Rassenpro b lent" in weitesten Kreisen bekannte Wiener Arzt Dr. Ignaz Zollschan zweimal das Wort. Seine Ausführungen wurden mit großem Interesse verfolgt. In seiner ersten Rede sprach er über das Raffenproblem im allgemeinen und wendete sich zunächst gegen die früheren. Redner, die alle Rassen für gleichwertig hielten. Es gibt allerdings keine Kardinalunterschiede in der Rasfenbegabnng; die Begabungsqualität ist nicht an die Rasse gebunden, sondern ein Produkt des Milieus und der jeweiligen Entwicklungsstufe. Die Begabungsqnote aber ist abhängig von der Rasse, von ihrem Alter und ihrer Reinheit und von der Intensität ihres Kulturlebens in der Vergangenheit. Eine Rasse mit sehr starker und ununterbrochener Knltnrtätigkeit hat infolgedessen eine größere Begabungsqnote. Es ist ferner nicht gut, wenn hochgezüchtete Nassen sich miteinander mischen, weil beide Teile dadurch verlieren. Daher müsse sich Redner gegen die zu weit getriebene Assimilation wenden. Jede Rasse müsse möglichst weitgehende Entwicklungs- Möglichkeiten erhalten. Assimilation der Kultur, aber nicht des Blutes, d. h. Ablehnung der Rassenmischnng. An diese Folgerung knüpfte er dann am folgenden Tage in einer zweiten Rede an, die wir in ihrem wesentlichen Inhalte nachfolgend wiedergeben : „Wenn ich vor einem Forum, wie es dieser Kongreß ist, die Jüdenfrage besprechr, so brauche ich nicht erst voransznschicken, daß nach den anthropologischen und soziologischen Forschungen die sogenannten wiffenschaftlicheuBegründungeu des Antisemitismus, daß die Inden eine inferiore Rasse darstellen, heute eine abgetane Sache sind. Wenn ich über die jüdische Rassenfrage hier spreche, so will ich tiefer in dieses interessante Problem hineinleuchten. Ich betonte in meiner gestrigen Rede, daß die bisherigen Redner wohl darin Recht haben, daß es grundsätzliche Verschiedenheiten zwischen den einzelnen Nassen nicht gibt, daß die Begabungsqualität im Laufe der Jahrhunderte nach den verschiedensten entgegengesetzten Richtungen sich ändern kann, daß sie nur einen Ausdruck der Einwirkungen des Milieus und der jeweiligen Entwicklungsstufe darstellt, daß aber die Quote der Begabung nur abhängig ist von der Rasse selbst, abhängig ist von ihrem Alter und der Intensität ihrer bisherigen Knltnrtätigkeit. Ich betonte weiter, daß wir das Bestreben haben müssen, gerade damit wir das kosmopolitische Ziel erreichen, unsere Kultur auf eine möglichst hohe. Stufe der Entwicklungen bringen, hoch gezüchtete Rassen, deren Begabuugsquote eine überragende ist, rein zu erhalten, die Assimilation ihres Blutes, das heißt ihre Auflösung, zu verhindern. - Es steht heilte fest, daß die jüdische Rasse, neben der chinesischen die älteste der Welt, mit ihrer seit ihrem Bestände ununterbrochenen Knltnrtätigkeit, mit ihrer ganz beispiellosen auf die geistige unb seelische Auslese gestellten Zuchtwahl, wenn sie begabungsqualitativ ihre Anlagen noch nach änderen Richtungen hin mehr entfalten könnte, als ihr das in ihrer gegenwärtigen Diaspora möglich ist, daß sie dann ganz ungeheuere kulturelle Möglichkeiten in sich birgt. Es steht nun fest, daß diese Rasse — Rasse im Sinne meiner Definition als Jnznchtsgrnppe seit mehreren Jahrtausenden — gegenwärtig von Verüi chtun g bedroht ist. Im Osten durch politischen Druck und.ökonomische Not, im Westen, wo sie überall nur in kleinen Minderheiten zerstreut leben, durch den überraschend starken und von Jahr zu Jahr zunehmenden Umfang der- Taufen; und Mischehen. Die letzte Ursache der ökonomischen Not im Osten liegt darin, daß die Juden, seit sie in der Zerstreuung leben, nur Händler, aber nicht Ackerbauer sind, und dadurch auch dem für die nicht mehr der Urproduktion angehörenden Gruppen aller andern Völker gellenden soziologischen Gesetz der Depossedierung unterworfen sind, wenn es nicht mehr gilt, Lücken in der Wirtschaftsordnug der Antochthonen auszufüllen. — Die letzte Ursache aberfür die Auflösung des Blutes liegt darin, daß kleine Minderheiten bei gleicher Kulturstufe stets.sich verlieren, wo ' die Mischehe nicht durch den,äußeren Zwang des staatlichen Gesetzes oder durch den inneren Zwang des Religionsgesetzes verhindert wird. Beide Faktoren bestehen heute im Westen nicht mehr, deshalb die innere Notwendigkeit des tatsächlichen Resultates. Die bei der Besprechung der jüdischen Nassenfragen sich ergebenden Probleme lassen sich in drei Hauptpunkte zusammenfassen: 1. Die wissenschaftliche. Untersnchnng der den Antisemitismus stützenden Rasseutheorien, 2. die notwendige Behebung der ökonomischen Not im Osten und die damit zusammenhängende Regelung der Answandererfrage, 3. die im nationalen, vor allem aber im kosmopolitischen Sinne noch viel wichtigere Menschheitsfordernng, die Raffe wegen der vielen Möglichkeiten, die infolge ihrer reichen Begabung in ihr schlummern, zu erhalten. Die definitive Beseitigung der Not, und gleichzeitig die Möglichkeit einer Regeneration läge in der Rückführung zur Landwirtschaft. Die bei freien Gesetzen einzige Möglichkeit ihrer Erhaltung als Stamm würde darin liegen, aus kleinen isolierten Minderheiten sie zu einer großen geschlossenen Masse zu konsolidieren. Beide Notwendigkeiten nun fuhren auf das zionistische Programm, das nicht eine Sache der staatlichen, sondern im Wesen eine Sache der Aulturpolitik repräsentiert. Denn Kanfleute wieder zu Bauern zu machen, ist nur in einem Lande, nur dort möglich, wo starke ideelle Faktoren Mitwirken, wie es die historischen Beziehungen der alten Heimat sind. Daß es dort möglich ist, ist heute auch schon durch die Tatsachen bestätigt. Die ans dem Studium der jüdischen Rassenfrage sich ergebende wissenschaftliche Forderung lautet: Territoriale Konsolidierung unter Rückführung zur Urproduktion unter freien kulturellen Entfaltungsmöglichkeiten unter der den auswärtigen Schutz, die Stabilität und eine kräftige ökonomische Entwicklung sichernden Souveränität eines Großstaates, wie der Türkei. Im Mai dieses Jahres wurde im ottomanifchen Parlament der Antrag gestellt, eine Kommission einzusetzen, die die Regierung über das Wesen dieser Bewegung anfznklären habe. Es wäre eine der schönsten Aufgaben des Rassenkongresses, seinen moralischen Einfluß auf das Zustandekommen einer derartigen Aktion zu verwenden.. Die Erreichung eines solchen Zieles würde nicht nur die Rückführung einer uralten Rasse aus dem zwei Jahrtausend alten Exil bedeuten, sondern auch für das betreffende Reich-durch den Zuwachs loyaler Elemente, durch den Zuwachs vonJutelligenz. Arbeitskraft und Kapital ein Glück und vielleicht sogar eine Notwendigkeit. Das wäre aber vor allem eine ganz unvergleichliche Exemplifikation der Ideen dieses Kongresses. Wenn den Juden wirklich die historische Mission zufallen sollte, durch friedliche Kulturarbeit — wie nach Werner Sombarh bisher in den meisten Ländern des Abendlandes, und der neuen Welt, so nunmehr in ihrem eigenen Heimatlände — diese Provinz des großen türkischen Reiches wieder zur Blüte zu bringen und dadnrch dem Reiche selbst sowie dem Orient eineil Strom neuer gesunder Säfte zuznführen, die begabten morgenländischen Rassen mit modernem Wissen und modernem Fortschritte zu dnrchdriugen, so wäre das in dem hohen Sinne dieses Kongresses eines der sichersten Instrumente, der modernen Kultur den alten Orient wieder zu erobern, Ost und Westdurch friedliche Methoden für einander zu gewinnen, durch dasselbe Volk, das so oft schon die größten Knlturmissionen durchgeführt. (Stürmischer Beifall.)