Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1911
- Issue
- Heft 32 (18.8.1911)
- Date
- 1911-08-18
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3062972-3063572-3063604--07419-3074503- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr 32. Die Wahrheit Seite 6. Ivurde, 100 Kronen monatlich von s e ine m H a u s e an Zins einnimmt! Abgesehen von diesen — man kann ruhig sagen — seltenen Ausnahmen sind die alten Wanderer nicht.auf Rosen gebettet.; Denn es ist doch offenbar klar, daß die Strapazen längerer Reisen, schlechter Nachtquatiere und die Furcht vor Schande, Hunger und Arreststrafe von alten Leuten nicht so leicht auf sich genommen werden und daß hier wirklich zumeist nur die Not allein zuin „Eisenbrecher" wird. In dieser Gruppe ist Jerusalem und das übrige Palästina am stärksten vertreten, dann kommen Ungarn und Galizien. Sehr viele dieser Alten sind mit Krankheiten behaftet, veraltete Leiden, die unheilbar oder nur operabel sind. Noch immer gilt Wien als die Heilstätte aller Uebel und der Strom der Siechen ergießt sich hieher. Das Spital der Kultusgemeinde (Rothschildspital) beherbergt jährlich solche arme Kranke in großer Zahl und wenn schließlich so ein gebrechlicher . Alter, nachdem er sich von Ort zu Ort Almosen nehmend nach Wien durchgeschlagen hat, als unheilbar entlassen wird, so bleibt er zumeist in Wien, wohnt mit vielen anderen Leidensgenoffen iit einem elenden Masseuquartier und sticht tagsüber bei Vorübergehenden, in Geschäften, Speise- Häusern und Wohnungen das Mitleid zu erregen. Wäre es nicht Pflicht und Schuldigkeit der H e i m a t s g e m e i n d e n für ihre Krüppel zu sorgen, wenn schon kein Gesetz bemittelte Verwandte zum Unterhalt dieser Bedauernswerten zwingen kann? Es gibt ja auch unter diesen Alten sehr viel verschämte Arme, die irgend einen kleinen Massenartikel anbieterr, nm nur nicht als Bettler zu gelten. Freilich tun dies auch viele aus Furcht vor dem Bettelparagraphen. Unter diesen Alten sinden wir zugrunde gegangene Geschäftsleute, die vielleicht einmal bessere Tage gesehen,—^ ich kannte einen alten Mann, der einst ein bedeutender Seidenfabrikant in Rußland war nnd nach Vertreibung der Inden bis auf den Bettelstab hernnterkam — es sind auch Handwerker, Angestellte, Kleinhäusler darunter. Die ersteren wurden wegen zu hohen Alters arbeitsunfähig, respektive entlassen, die letzteren haben ihr bißchen Erwerb durch Brand oder Hochwasser verloren. Die Alten,, die in manchem Ort jährlich wiederkehren, werden von jedermann gerne unterstützt, denn schließlich ist ja, wenn sie auch gesund sind, das Alter selbst eine Krankheit. Man findet sie im Sommer in vielen Kurorten, wo sie von den Heilquellen naschen nnd bei den Kurgästen nm Unterstützung bitten. In letzter Zeit haben die russischen Pogrome viele Greise hieher getrieben, die aber die Wohltätigkeit nur für die Reise nach Jerusalem in Anspruch nehmen, wo diese ärmsten der Armen ihre Tage in Elend beschließen und vielfach von jüngeren Unternehmern dazu benützt werden, die europäische Wohltätigkeit für sie zu interessieren, wobei natürlich die Unternehmer das bessere Geschäft machen. Damit komme ich zur zweiten Gruppe. Wenn ich' früher von einer jüdischen Schande, einem Skandal sprach, so habe ich dabei nur an die überaus große Zahl arbeitsscheuer Männer gedacht, die im Alter von 20—60 Jahren ganz Oesterreich-Ungarn, Deutschland nnd die Schweiz bereisen und als einzige Erwerbsquellen die Taschen -der Glaubensgenossen ausuützen. Es gibt viele darunter, die ganz unverschämt sind und einen kleinen Betrag mit Entrüstung, oder gar mit Scheltworten zurückweisen, andere sind etwas bescheidener nnd bieten Kleinigkeiten an, oder haben die möglichsten unmöglichsten Gründe für ihr Verlangen. Sehr beliebt ist die „momentane Verlegenheit" — man kann es von Bekannten gelegentlich erfahren, daß dieselbe Verlegenheit ui allen Häusern ^wiederkehrte — andere Ausflüchte sind Krankheit der Frau, Verheiratung einer Tochter, oder Reise nach Amerika. Ich möchte nicht behaupten, daß diese Ausreden immer erdacht sind; es wird sicherlich Fälle geben, wo auch wirklich Bedürftige um ein Almosen bitten, besonders gibt es auch in dieser Gruppe zahlreiche Kranke nnd Krüppel, die wieder nur mach Wien wollen; aber diese wirklich Armen sind ganz leicht zu erkennen, sie werden immer in der solidesten Weise auftreten und nicht wie jene Prosessionsbettler über die Gemeinheit einer Khille losziehen, die nicht einmal eiqe Armenkasse besitzt. Und diese. Armenkassen, die von manchen ganz willkürlich oder sicherlich ganz unpraktisch gehandthabt werden, haben einen bedeutenden Schuldanteil an dem großen Wanderbettel. Wenn man so zu gewissen Zeiten, besonders um Tischo Beab und Jom Kippur herum, ganze Legionen von jungen Wanderbettlern von Gemeinde zu Gemeinde ziehen sieht, so kann man sich des Eindruckes nicht erwehren, daß hier eine planmäßige Organisation besteht, bei der ein Mitglied dem anderen mittheilt, wo die Kasse viel und wo sie wenig gibt. Aber in den meisten Gemeinden genügt ihnen der Betrag der Kaffe nicht, sondern sie gehen von Haus zu Hans, so daß die Steuerträger, die doch auch die Kaffe erhallen, in doppelter Weise in Anspruch genommen werden, was doch sicherlich eine unnötige Belastung ist. (Schluß folgt). lIndischer Emigrations-Kottgreh. Vom Komitee in Angelegenheit des jüdischen Emigrations- Kongreßes in Wien erhalten wir folgende Zuschrift: An die geehrte Redaktion „Die Wahrheit" Wien. In mehreren jüdischen Blättern wurde vorige Woche eine Mitteilung über die Verschiebung des in Wien geplanten „Allgem. Jüdischen Emigrations-Kongreßes" veröffentlicht, die Dichtung mit Wahrheit vermengt. Da lvir in diesem Belange eine Orientierung der Oesflntlichkeir für notwendig erachten, bitten wir, zur Klärung des wahren Sachverhaltes um Ausnahme folgender Richtigstellung: Das Wiener Komitee hat in den letzten Monaten mit maßgebenden Organisationen und Persönlichkeiten, darunter auch mit der in den betreffenden Blättern genannten hervorragenden Persönlichkeit, welche schon wiederholt für die Emigrationsfrage tiefgehendes Interesse bekundete und große materielle Opfer brachte, einen regen Ideenaustausch betreffs des Emigrationskongreßes gepflogen. Es ist nun richtig, daß hiebei gegen den für Ende August d. I. angesetzten Terniin, der manchem als ein verfrühter schien, Bedenken laut wurden, denen wir uns umso weniger verschließen konnten, als sie von höchst berücksichtigungswürdiger Seite erhoben wurden. Richtig ist auch, daß im Laufe der Verhandlungen eine Vorberatung angeregt wurde, die vor dem Kongresse abgehalten werden soll und nunmehr in die Wege geleitet wird. Alle anderen Mitteilungen, besonders aber die erwähnte persönliche Begegnung der Delegation der Petersburger Konferenz mit der in den betreffenden Blättern genannten hervorragenden Persönlichkeit und die Behauptung über das gänzliche Falleulassen der Kongreßidee, gehören in das Gebiet vager Kombination. Für die Aufnahme dieser Darstellung in der nächsten Nummer Ihres geschätzten Blattes im vorhinein bestens dankend, zeichne mit vorzüglicher. Hochachtung Für das Komitee Der Obmann Dr. Gustav Kohn. Die Indenfrnge ans dem Raffen- Kongreß. Auf dem in London stattgehabten, von der internationalen Gelehrtenwelt beschickten Rasseukongreß wurde auch das Jnden» problem in eingehender wissenschaftlicher Weise behandelt. Zuerst sprachen Professor Louis G r o ß m a n n, dann Israel Za n gwill über die Judenfrage. Sein Referat begann mit einer Darstellung der Entwicklung des jüdischen Volkes mit seinem Eintritt in die Geschichte. Das jüdische Problem ist nach seiner Auffassung ein künstlich geschaffenes, da es der Intoleranz des Heidentums nnd Christentums entspringt. Weiter flizzierte er die Lage des Judentums in Rußland nnd Rumänien, wie auch in Marokko. Die Komödie und Tragödie der jüdischen Existenz erwachsen in erster Linie ans dem Mangel eines Territoriums, auf dem das Volk sich national ausleben kann. Es hat sich in ein religiöses Milien zurückgezogen, das unter der Ent-