Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1911-08-11 · Heft 31 (11.8.1911) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1911
Issue
Heft 31 (11.8.1911)
Date
1911-08-11
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3062972-3063572-3063603--07410-3074493
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. Bl Die Wahrheit Seite 7. HieInden und das Wirtschaftsleven. (Schluß.)/ ' - Das VI. Kapitel, das zum Teil eine wundervolle Diktion -Äufweisl und sich an manchen Stellen zu einer wahrhaft poetischen Höhe erhebt, wird mit den Worten eingeleitet (Seite 403): „Wollte, man die welthistorische Bedeutung der Juden insbesondere erklären und begründen, so müßte man sagen; das -ist es, daß ein orientalisches Volk unter Nordlandsvölker 'verschlagen wurde und mit diesen eine Kultur-Paarung -einging." - - „Das also ist es, was wir im Auge behalten müssen, wenn wir das jüdische Volk in seiner Eigenart und die gewaltige Wirksamkeit dieser-Eigenart verstehen wollen: nicht, ob es Semiten oder Hethiter oder sonst ein besonders benamster Stamm -sind, oder ob sie „rein" oder „gemischt" sind, ist das Entscheidende, sondern dies: daß es ein orientalisches Volk ist, das -in einer ihm völlig fremden klimatischen nnd volklichen Umgebung -seine besten Kräfte verzehrt." Sombart geht dann in glänzenden, farbentrnnkenen Schilderungen den ersten Anfängen jüdischen Lebens nach ititb erzählt mns, daß die ältesten Hebräer ein richelos umherirrender Bedninenstamm gewesen seien, die etwa um das Jahr 1200 vor Ehr. raubend und mordend in das Land Kanaan einbrachen, um hier von dem ewigen Wandern ansznrnhen, d. h. die stammeingesessene Bevölkerung für sich arbeiten Anlassen. Niemals, meint er, hätten die Inden die nomadischen Instinkte verleugnet, -sie seien ein ewiges Wüsten-Und Wandervolk gewesen. Und alles das, was in den früheren Kapiteln als „jüdische -Eigenart" gekennzeichnet ist, jene besondere Geistigkeit, die Beweglichkeit, Zielstrebigkeit usw. sei schließlich auf den Noma-;b i s m u s. ans die Wüste z n r ü ck z u f ü h r e n. Die Eigenart ihres Wesens, die so ganz anders sei wie die der nordischen Völker, hätten die Inden n n r in der W ü st e erwerben Minen. Die nordische Eigenart resultierte ans dem Walde, der dem Norden sein Gepräge gebe; Wüste und Wald seien die großen Kontraste, um die alle Wesenheit der Länder, wie der 'Menschen, die sie bewohnten, hernmgelagert sei. Bei den Rassen und Völkern, die in feuchten Wäldern, zwischen Sümpfen, zwischen 'Nebeln, in Eis nnd Schnee und Negen wohnten, habe, selbst wenn sie noch nicht völlig zur Seßhaftigkeit gebracht seien, der 'Ackerbau nie ganz gefehlt. Immer hätten sie ein Stück Wald -ausgerodet und sich da angesiedelt, wo ihnen Axt nnd Pflugschar einen Streifen in der Wildnis freigemacht hätten, nach harter, fchwerer. körperlicher Arbeit. Die Juden aber hätten von der 'Urzeit ihres Hirtendaseins an niemals körperlich schwere oder auch nur vorwiegend schwere Arbeit zu verrichten gehabt. (?) Das Hirtendasein verlege schon den Schwerpunkt der Tätigkeit in die bedenkende, disponierende, organisierende Arbeit und alle Berufe, die die Inden ergriffen hätten (ob zwangsweise, ob freiwillig, bliebe sich in diesem Falle gleich), erheischten nicht eigentlich körperliche Anstrengung, wohl aber geistige Fähigkeiten. 'Nachdem Sombart so die bodenbeständige Wirtschaftsordnung des Ackerbanstaates der Herdeuwirtschaft der Nomaden gegen- Äbergestellt hat, folgert er: Nur in der Herdenwirtschaft, niemals aber in der Sphäre des--Ackerbaus konnte die Erwerbsidee Wurzel schlagen und somit sei der Nomadismus in fast -allen Punkten der Vater des Kapitalismus gewesen. Die Keime der jüdischen' Geldknnst möchten vielleicht bei ihren Bettern in Babylon gelegen haben, aber das spätere Schicksal nötigte doch den Juden die Geldliebe auf und mußte ihnen die --Geldknnst anzüchten.' Denn (Seite 429): „Ihre Landflüchtigkeit zwang sie ja — seit ihrem Auszug .aus' Aegypten — ihrem Hab und Gut immer beweglichere Formell zu geben und unter diesen bot sich düs Geld — neben Schmncksachen — als die geeignetste dar. Es wurde ihr einziger Begleiter, wenn sie nackt auf die Straße geworfen wurden; und ihr einziger Beschützer, wenn man sie quälte nnd miß- Hündelte: sollten sie es nicht lieben lernen, wenn sie mit seiner .Hilfe die Großen dieser Erde sich unterwürfig machen-konnten? Das Geld wurde ihnen — und durch sie der ganzen Menschheit — zum Mittel, Macht zu üben, ohneselbst stark zu sein: mit den feinen Fäden des Geldleihgeschäfts fesselte ein Volk von kleinen, in sozialem Sinne ganz unscheinbaren Menschen den feudal-bäuerlichen Riesen: wie die.Liliputaner den Gulliver banden." Diese „Nomadentheorie," so geistreich sie auch erdacht und in so schöner Sprache sie auch entwickelt ist, wird doch sicher viel Widerspruch erfahren. Und das mit Recht. Vor. der Wissenschaft dürfte sie nicht bestehen können. Die Juden sind keineswegs immer Nomaden gewesen, sie haben auch in ganz erheblichem Maße Ackerbau getrieben, nicht nur unter den Königen) sondern auch in viel späterer Zeit. Dafür fehlt es nicht an beweiskräftigen Belegen. So schreibt Flavins Josephns, ein berühmter Geschichtsschreiber zur Zeit des Kaisers Titus: „Was uns betrifft, so bewohnen wir weder ein Küstenland, noch haben wir Freude an Handelsgeschäften und stehen darum auch nicht viel im Verkehr mit anderen. Unsere Städte liegen vom Meere weit ab nnd u n s e r e Beschäftigung ist, das gute Land, das wir bewohnen, anzubanen." Ferner haben die Inden doch auch große Städte gegründet, mit starken Mauern und prächtigen Tempeln, was die Nomaden doch wohl kaum zu tun pflegen. Die vielen Wanderungen der Inden aber entsprangen keineswegs immer dem Nvmadentrieb, sondern waren ein Gebot des eisernen Zwanges, eine Folge der Siege fremder, stärkerer Völkerschaften. Daß die Juden früher auch, ehe man es ihnen verwehrte, als Handwerker usw. schwere körperliche Arbeit geleistet haben, ist so oft schon nachgewiesen worden, daß man hier wohl nicht mehr darauf einzngeheu braucht. Sombart führt dann weiter ans, daß für die Ausbildung des jüdischen Wesens natürlich auch das Ghettoschicksal nicht ohne Einfluß gewesen sei. eine noch größere Wirkung aber hätten die Religion und vor allem die Inzucht, die die Inden seit mehreren tausend Jahren geübt hätten, gehabt. Ob das, was über diese Punkte ausgeführt wird, der allseitigeu Zustimmung sicher ist, erscheint uns mehr als zweifelhaft: „Religion und Inzucht waren die beiden eisernen Reifen, die das jüdische Volk fest umschlossen nnd als eine einzige feste Masse durch die Jahrtausende erhalten haben. Und wenn sie sich lockern? Was wird dann die Wirkung sein?" - Mit dieser Frage, die zu den vielen ungelösten Problemen, die es aufrollt, noch ein weiteres hiuznfügt. schließt das. Symbartsche Buch. Wenn es auch in einzelnen Partien und namentlich in den allzu kühnen Schlußfolgerungen recht anfechtbar sein mag. so ist es doch immerhin ein interessantes, zum Nachdenken anregendes Werk, das auf jeden Leser, welche Stellung er anch immer zu der „Judenfrage" einuimmt, eine nachhaltige Wirkung ausüben wird. Es steht auch zu erwarten, daß es manchem Forscher Anlaß bieten wird, sich weiter mit diesen Fragen zu beschäftigen, an deren Klärung jedem Wahrheitsfrennde gelegen sein muß.__ . F. L. Verschiedene Nachrichten. Wien. Anläßlich des Allerhöchsten Geburrsfestes Seiner Majestät des Kaisers finden Freirag, den 18. August 1911, in den Gemeindebethänsern der Wiener israelitischen Knlmsgemeinde feierliche Gottesdienste statt, nnd zwar: Im Stadttempel I., Seitenstettengafie 4, um 9 Uhr vormittags; an Leopoldstüdter Tempel II.. Tempelgasse 3, um */410 Uhr vormittags; im Fünshanser Tempel XV., Turnergasse 29, um 9 Uhr vormittags; im Ottakringer Tempel XVI., Hubergafie 8, um V28 Uhr früh; im Währmger Tempel XVIII., Schopenhanerftraße 39, um Uhr früh; im Floridsdorfer Tempel XXI., Schindlergasse 4, um 1 Uhr abends. Wien. Anläßlich des Allerhöchsten Geburtstages Sr. Majestät des Kaisers findet Freitag, den 18. August l. I., um 9 Uhr vormittags, in der Synagoge II., Leopoldsgasse 29, ein feierlicher Gottesdienst statt. Wien. Der Präsiden! der Wiener israelitischen Knlrnsgemeinde Dc. Alfred Stern feiert am 29. d. seinen 80. Geburtstag. Dr. Ster» weilt zum Sommeraufenthalt in Baden, woselbst er auch seinen Geburtstag feiern wird. Dem Jubilar sind zahllreiche Ehrungen nicht bloß seitens des Vorstandes derWiener Gemeinde, sondern auch von vielen Korporationen zngedacht. die Dspntationen nach Baden entsenden werden. Wien. Durch das auf so tragische Weife erfolgte Hinscheiden des Frl. Ottilie Kuranda wurden deren allseits hochgeschätzte und verehrte Familie sowie die zahlreichen Freunde derselben in tiefe, schmerzliche Trauer versetzt. Die Heimgegangene war von seltener Begabung und Gemütstiefe.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.