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Die Wahrheit · 1911-08-11 · Heft 31 (11.8.1911) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1911
Issue
Heft 31 (11.8.1911)
Date
1911-08-11
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Die Wahrheit . Nr. 31. daß die alten portugiesischen Juden, die zu stolz waren^ ihre Kinder au englische Juden zu verheiraten, es als eine Ehre ansehen, sich mit christlichen Familien afrikanischen Ursprungs zu verschwägern. Man begegnet hier einer großen Zahl farbiger Familien, die den Familiennamen Mendes da Costa. Morais, Gideon, Detgado usw. führen und auf ihre jüdische Abkunft stolz sind, aber selbst keine Inden sind. Die letzte Volkszählung gibt 2800 Juden in Jamaica an, nach meiner Schätzung dürften es kaum 1000 bis 1200 sein. Was nun? Studie zur politisch-ökonomischen Lage der gali zischen In den schüft. Die durchgeführten Reichsratswahleu in Galizien haben das politische Schlachtfeld elektrisch beleuchtet und Klarheit und Wahrheit über unsere Situation gebracht. Wir können sie nun ganz überschauen und wenn wir die gegebenen Tatsachen einer unparteiischen, sachentsprechenden Kritik unterziehen, lann noch maiiches Heil daraus ersprießen. Die todgeglaubte Partei der Assimilation hat wieder einige Pürlamentsstühle besetzt, durchwegs mit Persönlichkeiten, welche dem Wimperzncken eines Polen-blindlings gehorchen, und auch der Zuwachs an Rauch und Dr. Groß wird die Zwecke-der Polen und ihr judenfeiudliches Treiben nicht stören. Wenn man bedenkt, wie zahm und, zahnlos ein einflußreicher Großindustrieller im Polenklub und im Reichsrat anftritt, was kann man daun von den Kleinen erwarten, deren parlamentarisches Dasein mit dem Gras-wachsen-hören gleichen Schritt hält? .Verlassen wir jedoch diese polnisch-jüdischen Parlamentsheloten und befassen wir uns mit den jüdischen Sozialisten! Wohl sitzen dort einige Persönlichkeiten, denen man parlamentarischen Mut wie die nötige Rednergabe nicht abfprechen kann, allein so tüchtig sie auch sind, stehen sie doch unter dem Doppeldrnck des Poleutums und des sozialen Christentums, die ihnen beengende Fessel aulegen und sie davor bewahren, ihre Stimme' allzusehr als Juden zu exponieren. Vergebens wird man lauschen auf die Reden jener Männer, die sich als Vertreter des jüdischen Volkesgerierten >ünd unter dieser Flagge kämpften. Es scheint mir hier am Platze zu sein, eine Reminiszenz aufzufrischen, welche ein Streiflicht auf die jüdischen Wähler und die Wahlen im letzten Dezennium wirft. Als ich mit dem seligen Dr. Emil Byk einige Wochen' vor seinem Ableben im Angesichte des neuen Wahlgesetzes die politische Situation besprach, machte ich ihm den leisen Vorwurf, weshalb er nicht an die Spitze der jüdischen Abgeordneten trete, um auf diese Weife das ganze galizische Israel zu repräsentieren. Da erhielt ich von Dr. Byk folgende sehr bezeichnende Antwort: „Es ist ganz ausgeschlossen, daran zu denken, mich als Abgeordneten der Juden Galiziens hinznstellen. bin ich ja nur der Abgeordnete meines Geldes. Kommt bei der nächsten Wahl ein anderer Kandidat gerannt mit mehr Geld, dann wird jener Abgeordneter werden. Eben diese Känftichkeit, welche nicht bloß die Aermsteu, sondern auch schmutzige Bemittelte lockt, bringt unsere galizische Juden um das unantastbare Gut des freien Bürgers im konstitutionellen Staate und stempelt ihn zum Opfer der vereinigten Despotie. . Jeder ältere jüdische Politiker, dessen Tätigkeit in die letzten Dezennien des verftossenen Jahrhunderts zurückreicht, hat gewiß noch das politische Bild jener Zeit vor Augen, das wir nachstehend krrrz wiederspiegeln lassen wollen. Die Konzentrationsarbeit des galizisch-jüdischen Volkes, welche wir mit der Gründung des I. politischen Vereines „Scliomer Israel“ 1868 inaugurierten, erlitt großen Schaden durch die sezessionierendeu sogenannten Gottessnrchtigen, die Machsike hadas, die chässidischen Vereine, sowie durch die antijüdischen Pseudopolen. Es trat eine politische Räubwirtschaft eilt, und das Korrnptionswesen vergiftete den Bürgersinn im Hoheit Maße. Gleichzeitig traten die „gute Jüden" in den Bannkreis der Politik. Die Machsike Hadaspolitiker mit dem Belzer Zadik an der Front hatten die gegebene Gelegenheit ergriffen, um für sich die Gunst des Bezirkshauptmannes wie der Prizim zu erwerben. Wie häißl, meinte der weltweise Rabbi aus Belz. dem Kaiser „akegeüreden!" Dine de Malcliute dine. — Folglich darf eilte antisemitisch-klerikale Regierung über Inden alles Böse verhängen und der nichts Böses ahnende Rabbi wird ihr in VM hinein Generalpardon erteilen, weil er is in Gnlis. In diese trostlose politische Situation, welche noch bis heule das galizische Israel schädigt, hat der Zionismus einiges Leben und Bewegung gebracht. Den Zionisten wird man es hoch anrechnen müssen, daß sie es waren, welche Redner in die kleinsten wie in die größten Städte gesandt haben und dem Volke über seine traurige Situation die Angen geöffnet und es über seine Freunde und seine Hasser zu orientieren. Gewiß wäre so.mancher Sieg ihnen zngefallen. wenn nicht die Wahlkorrnption unter Patronanz der galizischen polnischen Regierung so schamlose Orgien gefeiert hätte. Man muß ferner den Zionisten das große Verdienst lassen, iin österreichischen Parlamente den jüdischen Namen und die jüdischen Interessen offen und ehrlich proklamiert zu haben, was wohl in den verflossenen Dezennien kaum oder nur mit geschlossenen Zähnen zu geschehen pflegte. Wie kann nun unserem Volke das io hart Umstrittene, intakt erhalten, resp. wieder erobert werden? Zunächst kann und darf die Rolle der politischen Harlekinäde, die jedes jüdische Denken und Fühlen und den lebendigen Sinn des konstitutionellen Bürgertums perhorresziert, und den Polen die Kastanien ans dem Feuer zu holen und ihnen moderne Robott zu leisten. Nicht mehr gespielt werdet!. Von welcher Seite uns derartiges zugemutet wird, ob vom Rebbebegeisterten oder Tanfbereiten, ist es' mit Entrüstung abznweisen, und wer in jenem vernichten Sinne mitwirkt, begeht das Verbrechen des Verräters an seinem Volke. Der einzig richtige Weg ist der, den wir vor 44 Jahren betreten haben: die unausgesetzte, unerschrockene politische Arbeit im Sinne eines freien österreichischen Staatsbürgers, und eines vollberechtigten Landeskindes Galiziens. In diesem Sinne sollte eine große Laudesorganisatwn statt eines Einzelvereines ins Leben treten, der Saminel- und Zentralpnnkt aller denksähigen und selbstbewußten Inden Galiziens. dessen Beschlüsse Gemeingut der Gesamtheit werden und alle Bundesbrüder znr Mitarbeit verbindet. Wenn wir in groben Umrissen die Hauptaktionen dieses nationalen Bundes skizziren, dann müssen wir auf die Einhall tnng eines Mittelweges bedacht sein, welchen das konservätitje Judentum mit den anderen Richtungen nlitmachen kann, ohne von seinem Feingehalt etwas abznstreifen und anszngeben. Denn es muß zugegeben werden, was ja die zweitansendjährige Geschichte unseres Volkes llnwiderleglich lehrt, daß eben nur jenes jüdische Volkselement das jüdische Volkstum zu allen Zeiten und in allen Weltgegenden erhalten hat. ' Und welche sind liitn die Aufgaben des Bundes? Der jüdischnationale politische Bund schafft eine Organisation des galizischen Israel, die ihre Zentralleitung besitzt und mit einem gleichgesinnten Verein in Wien in organischem Kontakte steht. Diese Organisation beruft alljährliche Hauptversammlungen ein, deren Beratungsgegenstände zunächst die politische Situation in ihrer Nückwirknng auf die allgemeine Lage des jüdischen Volkes bilden. . Erhebung von Protesten gegen Vergewaltigung oder aber Zurücksetzung des jüdischen Volkselementes in seinen Stellungen in und außer dem Lande. - Ueberwachnng und zentrale Leitung der jeweiligen Wahlaktion des Reiches, wie des Landes. Entgegenlreten gegen die Uebergriffe der römischen Kirche und ihrer Seelenfangarbeit. . - Gründung von jüdischern Lehranstaften und Verbreitung der hebräischen "Sprache und jüdischer Geschichtskennlnis unter unser Volk — bei gleichzeitiger Einhaltung des staatlichen Schulprogramms. Fürsorge für. die Heranbildung eines tüchtigen jüdischeü, Handwerkerstandes. , Bildung eines jüdischen Kanfmannschäftsverbandes. - 1 , Dr. Bierer.

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