Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1911
- Issue
- Heft 31 (11.8.1911)
- Date
- 1911-08-11
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Wahrheit Seite 6. Nr. 31. Gatten und Tobias und wird dafür von diesem bekehrt. Nun bleibt noch der störrische Vater übrig. Um auch diesen nochtauf die vom Jesuiten vorgezeichnete Bahn zu lenken, greift die „Hand Gottes" höchstpersönlich ein. Zacharias erleidet auf seiner alltäglichen Wagenfahrt einen Sturz, der ihn aufs Krankenlager wirft. Nach einem Monat erliegt er seinen Verletzungen; die Hinterbliebenen haben aber den Trost, ihn zuletzt noch die Taufe und die letzte Oelung empfangen zu sehen. „Jesus und die Kinder" heißt das erbauliche Buch des Jesuiten, der seine Leser glauben machen will, ein Jude halte eigens im Haus ein Kruzifix, um es von seinem Jungen beschimpfen zu lassen. Der italienische Klerus darf sich nach solchen Leistungen nicht wundern, wenn man ihn für die Ausbrüche wilden Fanatismus mitverantwortlich macht. * * * In Rußland dauern die großen und kleinen Chikanen fort. Zwei solcher Fälle, von denen die „Allg. Ztg. d. Indent." melden, sind ebenso charakteristisch wie erbärmlich. Die eine Nachricht lautet: Es verlautet, Stolypiu habe beim Finauzminister Kokowzew und beim Handelsminister Timaschew angesragt, ob sie nicht einen Druck ans die Banken ausüben könnten, damit diese den jüdischen Getreidehändlern und -speknlauten den Kredit einschränken, da die Juden angeblich die Getreidepreise Hinabdrücken und überhaupt einen ungünstigen Einfluß auf den russischen Ausfuhrhandel haben. Kokowzew und Timaschew antworteten, es sei nicht möglich, den Wunsch Stolypins zu erfüllen, da die Banken bei der Kreditgewährung sich lediglich nach der Kreditfähigkeit der Kunden richten und keine Ausnahmen zuungunsten der Juden machen können. Im der anderen heißt es: Provinztyrann und jüdische Jugend. Der Chef des Bezirkes Pultusk ließ in den jüdischen Synagogen bekanntmachen, daß er, weil die jüdische Jugend sehr verdorben und revolutionär gesinnt sei, hiermit anordne, daß fortan die jungen Juden, wenn sie ihm begegnen, den Hut zu ziehen haben; Zuwiderhandlungen -werden mit siebentägiger Gefängnisstrafe geahndet. * * Während die Regierung immer neue Beschränkungen ersinnt, erheben sich in der Bevölkerung Proteste gegen den Segen der Judenentrechtung. So enthält der eben veröffentlichte Bericht der Studienkommission, welche auf Befehl des Zaren in das Amurgebiet entsendet wurde, einige wichtige Bemerkungen über die dortigen Juden. Bei Besprechung der Frage der Reformierung der städtischen Duma in Nikolajewsk (Amur) wird in dem Berichte gesagt: „Es wäre ein verhängnisvoller Fehler, die Juden aus der Stadtverwaltung auszuschließen. Die Entwicklung des weltberühmten Fischhandels dieser Gegend ist ausschließlich den Juden zu danken. In einem so völkerreichen Gebiet darf eine solche Methode nicht befolgt' werden. Die Juden bilden hier ein sehr nützliches Element und ein Land, das eine Besiedlung seines Gebietes austrebt, schafft eher Erleichterungen für die nützlichen Elemente, anstatt sie in ihren Rechten zu beschränken." * * * Der bekannte russisch-jüdische Bildhauer Naoum Arnsou, über dessen künstlerisches Schaffen wir oft zu berichten Gelegenheit hatten. wurde dieser Tage von der russischen Regierung eingeladen, sich am Wettbewerbe für das Denkmal, das dem Andenken Suworows gestelltwerden soll, zu beteiligen. Der Künstler, der ständig in Paris lebt, lehnte diese Einladung mit folgendem Schreiben ab: „Ich habe mich überzeugt, daß ich als Jude in Rußland weder auf eine gerechte Kunst-Jury, noch sogar auf' ein gewöhnliches kulturelles Verständnis für meine künstlerischen Bestrebungen rechnen kann. Wenn einmal der gegenwärtige Hexensabbat der falschen Patrioten von dem Schlage der Schwarzen Hundert ein Ende genommen haben wird, werde ich mich glücklich fühlen, an der gemeinsamen Arbeit ftir das geliebte Vaterland teilnehmen zu können." Der Brief ist eine Anspielung auf die Erlebnisse des -Künstlers im Vorjahre,, als er, trotzdem ihm vom Zar der freie Aufenthalt in ganz Rußland zugesichert wurde, infolge der Jntriguen der Volksverbändler Rußland fluchtartig verlassen mußte. 4- * ' * Sir Matthew Nathan, Sekretär der Postverwaltung, wurde zum Vorsitzenden der Fiskusverwaltnng, ernannt. Sir M. Nathan ist der einzige Jude, der zu verschiedenen Malen das Amt eines Gouverneurs in einigen britischen Kolonien bekleidete. Sir Matthew Nathan kam auch als Nachfolger des jüngst verstorbenen englischen Generalkonsuls in Aegypten. Sir Eldon Gorst, in Betracht. * * Aus London wird dem „Israelit" berichtet: Unter starker Teilnahme von Delegierten und Güsten aus allen Ländern, Nationalitäten und Konfessionen wurde letzten Mittwoch der Rassenkongreß in der Aula der Universität eröffnet. Eine volle Würdigung der Arbeiten und Erfolge dieses ungewöhnlichen Völkerparlamentes wird auf Grund des Berichtes, der alle Referate ltnd Resolutionen, von denen man in der Versammlung nur kurze Skizzen zu hören bekam, in einem stattlichen Bande vereinigt, geschehen können. Jetzt ist es in erster Reihe das bunte Völkergemisch, das der Versammlung farbenreiches Leben gibt und den Teilnehmer höchlichst interessiert. Die Initiative zum Kongreß ging bekanntlich vom Rabbiner Dr. Felix Adler in New-Iork aus. Im Präsidiuni sind auch viele Männer von Namen, auch Minister, vertreten, wiewohl von amtlicher Seite von der ganzen Veranstaltung keine Notiz genommen wird. Die Zahl der jüdischen Teilnehmer ist bet weitem nicht so groß, wie man erwartet hat. Von zionistischer Seite sind anwesend: Chacham Dr. Gaster, Zollschan, Sir Fr. Montefiore. Die Jlo ist durch Zangwill vertreten, dessen Referat über die jüdische Rasse formell den Glanzpunkt der Tagungen darstellte. Außerdem befinden sich unter den 260 Delegierten zwei englische Rabbiner und der bekannte russische Arzt Dr. Samenhof, der Erfinder der Weltsprache „Esperanto." Sowohl in der Begrüßungsrede des Vorsitzenden, wie in den anderen Ansprachen wird der ethische Charakter des Kongresses betont und seine Bedeutung für die Friedensidee hervorgehoben. * 4- * Wie die N. I. K. berichtet, wird Herr Lewis Einstein vom Präsidenten Taft zum amerikanischen Gesandten in Kostarika (Zentralamerika) ernannt. Herr L. Einstein war bereits im diplomatischen Dienst der Vereinigten Staaten in London, Paris, Konstantinopel und Peking tätig. * * * Der Mitarbeiter des „New-Iork Herald," Herman Bernstein, der vor kurzem von einem länger» Aufenthalte in Rußland zurückgekehrt ist, berichtet über seine Unterredungen mit hervorragenden russischen Staatsmännern über die Judenfrage. Graf Witte erklärte Herrn Bernstein, daß die gegenwärtige Lage der russischen Juden hoffnungslos sei. Es bestehe die Absicht, die Rechte der Juden auf dem Gebiete der Volksbildung so sehr einznschränkeu, daß das nachkommende Geschlecht überhaupt keine Möglichkeit mehr haben sollte, irgendwelche allgemeine Bildung zu genießen. Die Gesetzesvorlage wegen Aufhebung des Ansiedlungsrayons habe viel zu viel Gegner, als daß man eine günstige Erledigung derselben erwarten könnte. — In gleichem Sinne äußerte sich auch Finanzminister Kokowzew. — Herr Bernstein berichtet ferner, das er aus den Unterredimgen mit Witte, Kokowzew und dem amerikanischen Botschafter in Petersburg. Rockhill, die Ueberzeugung gewonnen habe, daß die russische Regierung nicht im entferntesten daran denke. amerikanischen Juden dasAufenthaltsrecht inRnßland einzuräumen. * * * Rabbiner Abraham» E. Dobrin aus Kingston (Jamaica), der ältesten Judengemeinde der westlichen Hemisphäre, schildert die Lage der Juden in Jamaica wie folgt: Wie in ganz Westindieu, ist auch irr Jamaica die jüdische Bevölkerung in steter Abnahme begriffen. In St. Thomas gab es einst eine große, blühende Jndengemeinde. heilte sind nur noch spärliche Ueberreste vorhanden. In Surinam sind die Verhältnisse nicht besser. Die Juden werden durch die Mischehen von der übrigen Bevölkerung aufgezogen. Das Merkwürdigste an der Sache ist.