Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1911
- Issue
- Heft 30 (4.8.1911)
- Date
- 1911-08-04
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Die Wahrheil Teile 5. Nr 30. Energie und Unbefangenheit an ihre Aufgabe gegangen. Sie gelangten bald zur Ueberzengnng, daß das Verbrechen vom Stiefvater des ermordeten Knaben, dem eine Reihe Perfonen assistiert haben müssen, begangen wurde. Sie machten auch kein Hehl daraus, daß die Untersuchung ursprünglich äußerst tendeziös gesührt worden und vom Wunsche beseelt war. unbedingt einen „Ritualmord" zu ermitteln, wodurch die Angelegenheit verdunkelt wurde und wichtige Indizien verloren gingen. Diese Wendung der Sache, die die Verhaftung von Brichodjko (dem Stiefvater des ermordeten Juschtschinsky), dessen Schwager und einiger anderer Personen zur Folge hatte, paßte natürlich den Herren Patrioten nicht in den Kram. Es begann nun eine unerhörte Hetze gegen die Untersuchnngsbehörde. Die „Rußkoje snamja" schrie Zeter und Mordio gegen das Justizministerium, das sich in seiner Tätigkeit vom jüdischen Gelde bestimmen lasse. Das Untersuchungsmaterial werde vom Justizministerium durch Vermittlung der Hessen, Gnrland (Gurland ist der getaufte Redakteur der antisemitischen offiziellen „Roffija"?), Sliosberg u. a. dem Kahal ansgeliefert; als Geheimpolizisten würden nach Kiew treulose Polen und Inden gesandt n. s. w. Die Zeitung forderte die Regierung auf, dem Jifftizminister den strengen Befehl zu erteilen, daß er aufhöre, ein Spielzeug in den Händen der „Jndenbengels Hessen und Winawer" zu sein, daß er ferner die nichtsnutzigen Untersuchungsbeamten ans dem Dienste jage lt. s. w. In ähnlicher Weise agitierten die anderen patriotischen Blätter, die nicht anfhörten, über die Macht des jüdischen Geldes zu wehklagen, der es zn verdanken fei, daß schuldlose russische Männer im Gefängnisse schmachten, während die verbrecherischen Rabbiner, deren Schuld zur Evidenz bewiesen sei, frei nmhergehen. Die skrupellose Agitation der patriotischen Blätter blieb nicht ohne Folgen. Die festgenommenen Verwandten des ermordeten Juschtschinsky wurden bald freigelassen, resp. sollen demnächst freigelassen werden. Nun wurde bereits eine neue Deutung des Verbrechens lanziert. Wie verlautet, wird, nunmehr angenommen, daß der ermordete Knabe von seinen nächsten Verwandten den Zigeunern, die zur Zeit des Verbrechens in Kiew weilten, verkauft worden sei. Diese hätten versucht, den Knaben zu verstümmeln, um ihn so fürs Betteln zu präparieren. Jnfchtfchinsky aber, — ein recht entwickelter und eigensinniger Knabe, hätte energischen Widerstand geleistet, worauf ihn die Zigeuner aus Furcht vor der Strafe ermordet hätten. Diese Version befriedigte indes die Herren Patrioten durchaus nicht. Mit großer Vehemenz treten nun die „rechten" Preßorgane gegen diese Annahme auf, „da ja nur die Inden menschliches Blut gebrauchen". Dabei wird allerlei über die Machinationen der Rabbiner, die sich in Wilna versammelt hätten, um einen Plan zur Irreführung und Verwirrung der Angelegenheit anszuarbeiten, und des „Kahals" gefabelt und das russische Volk unzweideutig aufgefordert, die Konsequenzen ans der Affäre zn ziehen. , Vor eine interessante Frage sieht sich der russische Senat gestellt. Die Rechtsbeschränknngen inbezug auf die Erwerbung von. unbeweglichem Eigentum, welchen die Juden in Rußland unterliegen, sind bekanntlich ebenso weitgehend als weitverbreitet. Nun hat sich der Fall ergeben, daß in einer Gegend, in welcher die Juden nicht das Recht genießen, Land zu erwerben, sich das Bedürfnis nach einem jüdischen Friedhof briitgenb bemerkbargemacht hat. Was nun? — Diese Frage bereitet den Herren Senatoren gewaltige Kopfschmerzen; in der heißesten Sommerszeit wurden darüber sogar Sitzungen abgehalten. Die Lage ist in der Tat derart, daß ein surorauna jns im gegebenen Falle einer summa injuria gleichkommt. Im Jahre 1892 stand der Senat vor. derselben Frage. Damals entschied er, eine Ausnahme vom Gesetz zuznlassen, da sonst der Leichentransport „eine große Gefahr für die öffentliche Hygiene bedeuten würde". Vielleicht schöpfen auch diesmal die Senatoren ihre Weisheit aus dieser alten Erfahrung. Zu welchen Absurditäten im öffentlichen Leben aber derartig archaistische und sinnlose Bestimmungen führen können, die nur in einem Staate mit so verschiedenartiger Werteinteilung der einzelnen Nationalitäten unud Religionen möglich sind, beweist der vorliegende Fall wieder einmal zur Evidenz. Iewish Colonstatio» AUastalion (Schluß.) Dieses regelmäßige Anwachsen der Ziffern erklärt sich durch die ständige Vergrößerung des bebauten Bodens und des Vermögens der Kolonien. Im Jahre 1891 hatten die Ackerbauer von Moisesville, von Mauricio und von Clara 40854 ha Land in Arbeit genommen. Diese Zahl steigt allmählich mir mehr oder weniger Schwankungen bls zum Jahre 1903, in welchem 52598 ha Boden in Betrieb genommen wurden. Dieser Fortschritt nimmt immer mehr zn. Bon Jahr zn Jahr kann mau Neuerwerbungen von 10. 20 und selbst von 40000 ha konstatieren. Nur einmal 1906 sinder eine Unterbrechung statt, um folgendermaßen wieder mit den Neuerwerbungen fortzusetzen: Im Jahre 1904 61848 ha, 1905 80452 ha, 1906 58423 ha, 1907 64433 ha, 1908 84507 ha, 1909 103060 ha, 1910 144320 ha. Demzufolge vermehrt sich auch der Ertrag des Bodens zusehends. Im Jahre 1904 108055, 1905 238113, 1906 222228, 1907 225454, 1909 270132 Zentner Getreide; 1905 60772. 1909 96459 Zentner Flachs; 1905 57626, 1909 108921 Zentner Mais mw. Der den Kolonisteit zur Verfügung stehende Viehbestand hat sich ebenfalls vergrößert, besonders haben die Schafherden zugenommen. Einige Ziffern ergeben den Beweis. Die Ackerbauer unserer Kolonien besaßen: 1901 im ganzen 44192, 1903 65911, 1905 109353, 1907 144249, 1909 173567, 1910 mehr als 18OOOO Stück Vieh. Moisesville. welches vor zehn Jahren z. B. 1913 Pferde mtd 6310 Stück Rindvieh besaß, zählte im Jahre 1910 mehr als 12000 Pferde und mehr als 35000 Stück Rindvieh. Der Totalwert der im Jahre 1909 in unseren Kolonien erzielten Ernten betrug 3686046 Dollar (8109301-20 Franks). Diese Ziffer ist im letzten Jahre tioch übertroffen worden. Aber andere Rechnungsauszüge werden uns noch sicherer den Grad von Wohlstand würdigen lassen, den unsere Kolonien erreicht haben. Die Abzahlungen der von unserer Gesellschaft gewährten Darlehen betrugen im Jahre 1896 1724*21 Dollar, 1899 21625-12 Dollar, 1901 113858 61 bis schließlich ein Herabsinken, der Ziffern bemerkbar wird. Erst im Jahre 1905 beginnt die Abzahluugsziffer wieder zu steigen: Im Jahre 1905 211261-08 Dollar. 1906 279536 27 Dollar. 1908 399638 46 Dollar, 1909 499338-08 Dollar, 1910 538429-43 Dollar. Diese Ziffern zeigen durch ihr ständiges Anwachsen von Jahr zn Jahr, daß die Zeit des Herumtappeus vorüber ist, und daß die Ansiedler arbeiten und ihre Subsistenzmittel dem von ihnen bebauten Boden verdanken. Leute, die gewöhnt waren, regelmäßig Unterstützungsgelder zu empfangen, und die sich wenig um die Zurückerstattuug ihrer Schulden kümmerten, sind eifrige Abzahler geworden. Im vollen Bewußtsein ihrer neuen Würde kennen sie ihre Rechte und Pstichten. Ueberall in den Kolonien kann man wahrnehmen, wie sich Bildung und Solidarität entfalten. Dank unseres stetigen Protektorats haben sich auch die Schulen vervielfacht. was aus folgendem Auszug ersichtlich ist: Es gab im Jahre 1897 4 Schulen mit 4 Lehrern. 1901 20 Schulen mit 45 Lehrertl. 1903 22 Schulen mit 60 Lehrern, 1906 28 Schulen mit 71 Lehrerit, 1908 37 Schulen mit 109 Lehrern, 1909 44 Schulen mit 130 Lehrern, 1910 60 Schulen mit 155 Lehrern. Die Zahl der Schüler hat noch in größerem Maße zugenommen. Es wurden gezählt: Im Jahre 1897 350 Schüler, 1902 1400 Schüler, 1906 1779 Schüler, 1908 2529 Schüler, 1909 3083 Schüler, 1910 3538 Schüler. Trotz dieser Fortschritte, trotz der ständigen Entwicklung der mitwirkendeu Vereine, der sozialen Einrichtungen aller Art, trotz des Wohlstandes zahlreicher Ansiedler mangelt es Glicht an Unzufriedenen. Von letzteren bemühen sich einige in den verschiedenen Zentren eine gewisse Agitation zn betreiben. Es dürfte interessant sein, hier eine der Ursachen dieser Unruhen aufzudecken. Mehrere Pflanzer von Maurico haben unsere Gesellschaft schon vor einiger Zeit gebeten, ihnen das Eigentumsrecht ihrer