Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1911
- Issue
- Heft 29 (28.7.1911)
- Date
- 1911-07-28
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Seite 1. Mt, 29 Die Wahrheit;;5' •; Im Juliheft be§, „iitr nter" -wibmeh der bekannte Musik- ‘ Referent dieser ausgezeichneten Monatsschrift. Dr. Karl Storck, dem. verstorbenen.- Gustav M a h l e r, einen Nachrust der das i Nass e n y r o b l ein in den Vordergrund stellt. Storck scheint mit der Erörterung dieses Themas schlechte Erfahrungen gemacht. zu haben, da er seine Rezension mit der etwas unwirschen Anmerkung einleitet: - „Es wird ja wohl auch in Deutschland einmal die Zeit ckommen, daß man ohne Gefahr- 51t, (aufeii. Huben und drüben .mißverstanden zu werden und seine Ausführungen verzerrt zu l'ehen, die Probleme der R a s s e n f r a g e. auf die einzelne Person .anwenden darf. Heute ist es ja im allgemeinen noch so, daß, zumal wenn es sich um den'Irl den handelt, der Jude .selber ja gelegentlich znr G l 0 r i f i z i e r u n g eines Stammesungehörigen dessen Judentum hervorheben darf, daß aber, wo es von der anderen Seite geschieht, um irgendwelche Tl n t e r s ch i e d l i ch k e i t des Empfindens und Wirkens zu begründen, sofort ein Zetergeschrei über A u t i s e m i- .tismus sich erhebt. Da aber auch die Ausdeutungen solcher Ausführungen durch den grundsätzlichen Antisemitismus -wicht minder unangenehm und unlauter sind, so 'hat immer mehr eine Scheu Platz gegriffen, diesen Faktor zu .erwähnen und ün Rechnung zu stellen; so entsteht vielfach .geradezu Spiegelfechterei und ein um die Dinge Herumreden." - U. L übertreibt hier Storck ein wenig, wenn auch ein berechtigter Kern seiner Beschwerde nicht abznsprechen ist. Storck übersieht auch, daß die Rassentheoretiker, die jede andersgeartete 'Denk- oder Empsindungsweise durch die Rassenzngehörigkeit -erklären wollen, die gleichen extremen Lehranschaunngen auf der underen Seite erst erweckt haben. Storck bezeichnet Mahler als ein „schönes Beispiel -a u s g e s p r 0 ch e n e r jüdischer G e n i a l i t ä t," nicht -aber etwa in dem Sinne, daß das Judentum als solches durch Mahler , künstlerischen Ausdruck gesunden hätte, sondern auf dem 'Gebiete der Reproduktion. Damit will Storck aber keineswegs etwa das antisemitische Schlagwort sich zu eigen machen, daß die jüdischen Komponisten jeglicher Originalität eutibehren und die genialen Erfindungen anderer geschickt ausznmünzen verstehen; um Mißverständnissen vorznbeugen, fügt er .ausdrücklich hinzu: „Man muß sich immer wieder gegenwärtig halten, daß Äie Reproduktion in der Musik etwas g a n z -anderes ist als aus anderen Kunstgebieten, daß selbst die 'Tätigkeit des Schauspielers noch nicht dem Wesen des eigemlich .Schönen und Schöpferischen so nahe kommt, wie die des reproduzierenden Musikers." Hier zeige sich der Punkt, wo „diese jüdische Genialität der - Reproduktion von ungeheuerstem Knlturwerte werden -könnte." Und Gustav Mahler sei der Beweis dafür, daß das nicht nur Theorie ist, sondern sehr wohl zur lebendigen Tat werden, kann. Gleichwohl ist Storck weit entfernt, Mahler etwa die -eigene musikalische Schöpferkraft abznsprechen; an einer anderen Stelle sagt er: . „Auch zeigt die Richtung seines Schaffens eher eine l e i d e n s ch a f t l i ch e L i e b e f ü r Germ a n e n t 11 m, etwa der Art, wie sie bei Ludwig I a c 0 b 0 w s k i zu beobachten war. Mahler hat für die Texte seiner Lieder, für jene poetischen Vor- -stellungen, die den Kern seiner Sinfonien bilden, sich in die Gebiete versenkt, die als ü r d e n t s ch gelten. Kein anderer Musiker hat, wie er, aus des Knaben Wunderhoru heraus den -Quell künstlerischer Befruchtung zu gewinnen versucht;, kaum ein anderer so das M y st i s ch e des Naturgenusses der d e u t sch e n Seele künstlerisch einznfangen gestrebt." Die besondere Begabung der Juden für die S ch a us p i e l k u u st ist vielfach, nebenbei bemerkt, ebenfalls in der Rasse begründet: „Ich glaube, wennman aus dem Schauspielertum das Jüdische Blut nnd das in dieser Richtung ihm verwandte slawische ansstriche, es bliebe von jener Schauspielkunst, die uns im T ie fste n a nfzu w ü hleu vermag, sehrwenig; übrig. Das Höchste der Schauspielkunst ist mit dem sogenannten Vermitteln des. Dichters nicht zu geben. Die g e r m a n i s ch e Natur zumal kommt hier über eine gewisse Sprödigkeit . . . nicht hinweg." - - - ' - . * ■ * . Mahler hat sich, wie bekannt, taufen lassen, da er als Jude nicht daran denken konnte, auf den Direktorposten der Wiener Hofoper berufen zu werden. Welche engherzigen Anschauungen auch im lieben Deutschen Reich in dieser Beziehung noch walten, zeigt folgende der „T- R." mitgeteilte „Erinnerung an den jungen Mottl," der seinem genialen Wiener Kollegen leider so schnell in das Schattenreich gefolgt ist: „Die Erstlingsoper Felix Mottls „Agnes Bernalter" wurde Anfang 1880 in Weimar anfgeftthrt. Der ebenso talentvolle wie liebenswürdige nnd stattliche junge Künstler eroberte sich im Fluge die Herzen von jung uub alt. Während einer der berühmten Lisztscheu Matineen in der „Hofgärtnerei." die heute das Liszt-Museum birgt, vereinigten sich die kunstsinnige Tochter des Großherzogs Karl Alexander, Prinzessin E l i s a b e t h und eine für das Weimarer Musikleben bedeutende Frau in der begeisterten Anerkennung der Vorzüge des jungen Wieners. Man kam auch auf seine Abstammung zu sprechen. „Kgl. Hoheit." hieß es plötzlich etwas stockend, „er wird d 0 ch n i ch t . . . „Ach n e i n, das glaube ich nicht; aber darüber kann ich mir in Kürze Ansknnft verschaffen. Sollte sich dabei Ihre Vermutung doch bestätigen, so schicke ich Ihnen unrein Briefchen mit Trauerrand." Ein paar Tage später brachte der Hoflakai in die Wohnung der Weimarer Knnstsreundin ein Kärtchen ans zartestem Rosa-Papier. Es enthielt nur die zwei Worte: „G u t k a t h 0 li s ch!" Verschiedene Nachrichten. Wien. (Tagesordnung des Zehnten Zionistenkongresses.) . Mittwoch. 9. August, vormittag: Eröffnungsrede des Präsidenten des E. A. C., Herrn David Wolffsoh n, Rede des Herrn Dr. Max Vorbau, Wahl des Bureaus. Nachmittag: Bericht des Aktions- Komitees — Generaldebatte. Donnerstag, 10. August, vormittag: Fortsetzung der Generaldebatte. Nachmittag: Bericht des Jüdischen Nationalfonds: Dr. M. I. B o d e n h e i m e r, Köln, Bericht über die Banken: Dr. N. K a tz e n e l s o h n, Libau, Debatte. Freitag, 11. August, vormittag : Organisationsstatut: Referent Dr. E. M a r g u l i e s, Leitmeritz, Beratung des Statuts. Nachmittag: Fortsetzung der Beratung des Statuts. Sonntag. 13. August, vormittag: Referate über die Emigrationsfrage: Referenten Dr. N. Katzenelsohn, Libau und Herr Leo Motzkin. Berlin — Debatte. Nachmitrag: Referat über die hebräische Sprache: Referent Herr Nahum S o k o l o n>, Warschau — Debatte, Referat über die Arbeit der Frau im Zionismus: Referentin Frl. Prof. M. Schach, Paris — Debatte. Montag, 14. August, Sitzungen der Landsmannschaften und Kommiffionen. Dienstag, 15. August, vormittag: Wahlen. Beratung des Budgets für das Verwaltungsjahr 1. Juli 1911 bis 30. Juni 1912, Schließung des Kongresses. Wien. (Verein „A ch w a h". rituelle Volks-Speise- Halle). Montag, den 31. Juli, präzise 8 Uhr abends, findet mt Bereinslokale, II., Herminengasse 8, die ordentliche General-Versammlung statt. Tages-Ordnnng: 1. Rechenschaftsbericht. 2. Erteilung des Absolntoriums. 3. Wahl der Bereinslertung. 4. Anträge und Interpellationen. 5. Eventualia. Wien. Der bisherige Kantor des Bethaus-Bereines „Bne Brith" im XX. Bezirk, Herr P i n k a s s o w i t s ch. wurde nach Tarnopol atzeptiert und hat bereits feiireic Posten angetreten. Wien. „Am Ende aller Dinge erfährt man, ob Jemand gottessürchtig gelebt, und ob er die göttlichen Gebote mährend seiner irdischen Laufbahn erfüllt hat — denn das ist der ganze Mensch und dadurchunterscheidet er sich vom Tiere." So könnte mair den bekannten End-Bers des Koheleth variieren und dieser Gedanke drängte sich unwillkürlich dem Schreiber dieses auf bei der ehrenvollen, doch einfachen Bestattung des im Alter von 83 Jahren verblichenen Zaddik R. Antschel Lipichitz, der am Montag zu Grabe getragen und nicht nur von den nächsten Anverwandten, die von Nah und Fern in die Residenz gekommen, um dieseu ehrwürdigen Patriarchen das letzte Ehren-Geleite zu geben, sondern auch von Allen, die ihn kannten, beweint und betrauert wurde. Der Heimgegangene war der würdige Sohn des seinerzeit hochaugesehenen pN'N von Dom» brova, R. Josef L i p f ch i tz, der ein bedeutender Talmudist war, und er selbst fungierte viele Jahre als Vorstands-Mitglied der P*rt in Tarnow. Er hinterläßt 84 Nachkommen, die ihm und dem Judentum zur Ehre gereichen. Sein Andenken fei zum Segen! Gleichenberg. Die in Gleichenberg weilenden Kurgäste veranstalteten am 14. d. M. eine Seelenandacht für die am 19. Juni d. I. bei.