Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1911
- Issue
- Heft 29 (28.7.1911)
- Date
- 1911-07-28
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Die Wahrheit Nr. 29. Im September 1891 befestigte Baron Hirsch sein Werk, indem er die „Jewish Colonization Association" gründete, die bei Lebzeiten ihres Schöpfers keineswegs mehr bedeutete als nur den Namen. Erst nach dem im April 1896 erfolgten Tode des Barons Hirsch wurde der gegenwärtige Ausschuß konstituiert. Die sehr mittelmäßigen Resultate, die im Laufe der erste« Existenzperiode des Werkes erzielt wurden, hatten seinen Begründer fast entmutigt. Den Ansiedlern sowohl, .als auch denjenigen, die ihnen an Ort und Stelle als Beistand dienen sollten, schien es an den zum Reüssieren notwendigen Eigenschaften zu mangeln. Mau suchte nun eine bessere Zukunft ouzubahnen, indem man bei der Auswahl der Emigranten noch vorsichtiger zu Werke ging und selbst in Rußland nur solchen Familien zur Auswanderung verhalf, die mit der Landwirtschaft vollkommen vertraut waren. Ihnen bot. man Terrains von genügenden Dimensionen an. Es würde verfrüht sein zu behaupten, daß alle in das Unternehmen gesetzten Hoffnungen sich schon verwirklicht hätten. Jedoch kann man einen sehr.beträchtlichen Fortschritt konstatieren. Folgende Tatsachen, welche eine ständige Zunahme der Bevölkerung, sowie die materielle Entwicklung der Kolonien zeigen, beweisen, daß man der Zukunft mit Ruhe eutgegensehen kann und das Werk seinen normalen Verlauf nimmt. Unsere Kolonien, in den drei Provinzen Argentiniens: Bueuos-Ayres, Eutre Rios und Santa Fs gelegen, erstrecken sich über mehr als eine halbe Million Hektar und waren am 30.. September 1910 von 3777 Familien bewohnt, die 21115 Seelen zählten. Die verschiedenen Zentren haben sich langsam entwickelt, und zwar in dem Maße, wie der Erfolg des Unternehmens sich behauptete. Am Ende des Jahres 1897 nahm die Bevölkerung der Kolonien um 7015 Seelen als um ein Drittel der heutigen Bevölkerung zu; am Ende des Jahres 1901 zählte mau dagegen nur noch 7551 Einwohner und im Jahre 1903 7711 Seelen. Von diesem Zeitpunkt ab macht sich wieder ein Steigen der Bevölkerungsziffer bemerkbar; 11974 Einwohner im Jahre 1906. 15771 Einwohner im Jahre 1908, 19361 Einwohner am 31. Dezember 1909. Diese Zahlen zeigen nicht nur den ständigen Fortschritt unserer Kolonien im Laufe der zehn letzten Jahre. Sie beweisen augenscheinlich, daß die Zunahme ihrer Bevölkerung nicht das Resultat einer künstlichen Bewegung ist, da sie die ansscheidenden Kolonisten fortwährend durch neue ersetzt. Die 2103 Kolonisten .vom Jahre 1910 bilden mit ihren Familien eine Bevölkerung von 14289. Seelen, aber daneben leben noch 1205 andere Familien mit 6826 Seelen, welche die Reise auf ihre eigenen Kosten unternommen haben, ohne daß ihnen unserseits irgendeine Hilfe versprochen oder gewährt wurde, und die ihren Lebensunterhalt durch Landarbeit in unseren Kolonien verdienen. Die Zahl dieser Landlente wird mit jedem Jahre größer. Im Jahre 1904 betrug sie 836 (mit Frauen und Kindern). Im Jahre 1905 zählte man bereits 2195 dieser Leute. Am Ende des Jahres 1907 bildeten sich 546 Familien mit 3065 Seelen, im Jahre 1909 bildten sich 1054 Familien mit 5954 Seelen. Wir haben oben bereits ihre Bevölkern« gsziffer vom Jahre 1910 erwähnt. (Schluß folgt.) Der Mangel an Militärärzten im deutschen Heere. . Im Parlament und in der Presse ist wiederholt die wohlbegründete Ansicht vertreten worden, daß der Mangel an Militärärzten zum guten Teil auf den Ausschluß der jüdischen Aerzte von der militärärztlichen Laufbahn zurückzusühren sei. lieber diese Frage äußert sich in bemerkenswerter Weise auch ein Arzt im Stuttgarter „Beobachter" (15. 7.). Er führt aus: „Von den 20 württembergischen Truppenteilen — Regimentern und selbständigen Bataillonen -— haben, wie ein hiesiges Blatt neulich mitgeteilt hat, neun keinen Ober- oder Assistenzarzt zum ärztlichen Truppendienst zur Verfügung, darunter allein fünf von den zehn Jnfanterieregimentern mit ihren meist drei Bataillonen; - acht Kavallerie- und Feldartillerie' Regimenter des Armeekorps verfügen bei gänzlichem Mangel an Stabsärzten über insgesamt fünf Oberärzte. Air Assistenzärzten besitzt das ganze-, württembergische aktive Sanitätskorpsnur vier. Dieser Mangel an aktiven Militärärzten ist gegenüber her sonstigen Ueberfüllnng im ärztlichen Staude eine zu auffallende Erscheinung,. als. daß man der Ursache dieses Mißverhältnisses nicht nachgehen sollte, und so bringt auch das „Medizin. Korrespondenzblatt" in seiner letzten Nummer eine Würdigung dieser Frage. Auf einen Hauptpunkt kommt aber weder das ärztliche noch.das politische Blatt zu sprechen und. deshalb mögen an dieser Stelle einige Ausführungen folgen, die zur Ergänzung und Klärung dienen sollen. Eine Erscheinung, die mindestens ebenso auffallend ist wie der jetzt bedrohliche Dimensionen .annehmende Mangel an Militärärzten, ist die Tatsache des absoluten Ausschlusses der jüdischen Aerzte von der aktiven militärärztlichen Karriere in den letzten Jahrzehnten, und, so paradox es klingen mag : diese, beiden Tatsachen stehen in einem direkten Verhältnis zueinander nicht etwa in dem Sinne, daß so der ganze Mangel an Militärärzten aus jüdischen Aerzten zu decken gewesen wäre, aber der Geist der Intoleranz und Unduldsamkeit, der aus dieser Zurücksetzung spricht, dürfte manchen christlichen Arzt abgehalten haben, in die militärärztliche 'Karriere . einzntreten. Ein Arzt, dessen ganze Veruftstätigkeit in der Abschätzung und Beurteilung des Einzelindividuums besteht, wird sich nur schwer mit einer generellen Aburteilung aus religiösen Gründen befreunden können, und er wird sich sagen müssen, daß mit derselben Härte und Entschiedenheit in analogen Fällen verfahren wird, wenn er etwa in wissenschaftlichen Dingen oder gegenüber, den großen Fragen unserer Zeit einen Standpunkt vertreten würde, durch den er an irgendeiner Stelle Anstoß erregen könnte. Ohne daß er sich über das Unrecht, das seine jüdischen Kollegen trifft, die in der Reserve recht gerne verwendet werden, besondere Ge-- danken machen würde, muß er darin ein Symptom eines Systems der Unduldsamkeit und Unfreiheit sehen, dem er die besten Jahre seines Lebens nicht anvertrauen mag, und die berechtigte Furcht, daß ein selbständiges Urteil mit Zurücksetzungen in der Beförderung beantwortet werden kann, ist auch durch die schönste Aussicht auf sonstige Kommandos ltub Ausbildungs- Möglichkeiten nicht zu beschwichtigen und hält viele ab, die nicht zu den schlechtesten Vertretern ihres Standes zu zählen sind, als aktive Militärärzte dem Vaterlande zu dienen. Das beste und sicherste Mittel, ein genügend zahlreiches und arbeitsfreudiges Sanitätsofsizierskorps heranznziehen, wird darin bestehen, daß. man , an den. maßgebenden Stellen jene Forderung erfüllt, die unser Landsmann Friedrich Schiller, der auch einstens so etwas wie Arzt war, in die kurzen Worte gefaßt hat: Geben Sie — Gedankenfreiheit." In der neuesten Nummer des „Med. Korr.-Bl." nimmt Augenarzt Dr. Emil L e v i, K. W, Stabsarzt d. L. I, Stellung zu der Frage und kommt hierbei zu dem gleichen Resultat wie der Verfasser des „Beobachter"-Artikels. Er schreibt: „Die Ursache des Mangels au Militärärzten liegt eben au dem bisher geübten System, einen großenDeil der Mediziner von der militärischen Laufbahn künstlich fernznhalten, nämlich die jüdischer Konfession. Es ist ein offenes Geheimnis, daß die Heranziehnng der jüdischen Aerzte sofort den -Mangel an Militärärzten bedeutend verringern, wenn nicht ganz verschwinden machen könnte, wie es auch ein offenes. Geheimnis ist, daß dieser schon von vielen Seiten vorgeschlagene Weg nicht begangen werden soll. Denn sonst braucht man nicht die gekünstelten Versuche zu machen, auf andere Weise den Zufluß zur militärischen Laufbahn zu heben." Das Unsinnige, und Verwerfliche des Verhaltens der zuständigen Militärinstanzen wird aber noch mehr hervorgehoben durch die Tatsache, „daß diese (zurückgewiesenen) Aerzte,zum Teil dem Sanitätsoffizierkorps der Reserve und L a n d w e h r .angehören, ihre Brauchbarkeit für die speziell militärischen Bedürfnisse also erwiesen und anerkannt, schließlich, daß diese Aerzte bereit sind, auch Hier, wie sonst, der Oeffentlichkeit und dem Gemeinwohl, zu dienen."