Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1911
- Issue
- Heft 29 (28.7.1911)
- Date
- 1911-07-28
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 29, Die-Wahrheit Seite 5. die Volkszählung' zu einem konfessionellen Zensus benützt werde. In Kenntnis dieser Tatsachen hat der Vorstand des vor einiger Zeit gegründeten Verbandes der Jüdengemeindeü Italiens an sämtliche Juden des Landes einen Aufruf gerichtet, im Interesse der jüdischen Gemeinden die Rubrik über'die'Konfession unbedingt auszufüllen. Aus den Berichten aus den einzelnen Gemeinden scheint jedoch hervorzngehen. daß die Ansfordernng der Verbandsleitnng nicht die gebührende Würdigung gefunden hat. * * * Als ein Pendant zu den Gerüchten über neue Rechtseinschränkungen für die Juden ans dem Gebiete des Handels und der Industrie. — die, wie verlautet, in der Sitzung des Ministerrates vom 17. Juli bestimmte Formen erhalten sollen, — wird berichtet, daß die Reichsbank bereits einen symptomatischen Anfang gemacht hat. Seit einiger Zeit wird nämlich den jüdischen Kauflenten und Diskonteuren ihr Kredit in der Reichsbank bedeutend, herabgemindert, bezw. ganz entzogen. Diese Maßnahme bleibt natürlich auch nicht ohne Wirkung ans das Verhalten der Privatbanken den betreffenden Klienten gegenüber. In Warschauer Handelskreisen wird versichert, daß dieser Umstand bereits schwerwiegende Folgen für den Kreditmarkt gezeitigt hat. Die Zahl der Bankerotterklärnngen nimmt mit jedem Tage enorm zu. Selbstverständlich ziehen all diese Stockungen und Fallissements auch die ausländische Handelswelt in Mitleidenschaft. Daher die feine Nase und die Empsindlichkeit des Auslandes gegenüber den Judenverfolgungen nach dieser Richtung hin, während andere, schwerere Verfolgungen dasselbe kalt lassen .... * * * Der Fall Bloom hat zur Folge gehabt, daß im Kongreß der Antrag gestellt wurde, eine Untersuchung darüber anzustellen, inwieweit die Juden im amerikanischen Heer und in der Marine wie auch in der Militärakademie in Annapolis Zurücksetzungen erfahren haben. Einer Washingtoner Korrespondenz der „Köln. Ztg." (6. 7.) entnehmen wir darüber folgendes: Der Kriegssekretär Stimson sowie der Marinehilsssekretär Winthrop haben eine unterschiedliche Behandlung der Inden mit Nachdruck bestritten undder Kommandant des Marinekorps, Biddle, bezeugte, daß unter 330 Offizieren des Marinekorps gegen 30 Inden sind, -die sich hoher Achtung und Beliebtheit erfreuen. Auch Konteradmiral Potter bestritt, daß so etwas wie ein ungeschriebenes Gesetz gegen die Juden bestehe. Selbst der jüdische Senator Gnggenheim gab zu, daß ihm als Mitglied des Staatskomitees für Militärsachen niemals eine Klage zugegangen sei. Andere Kongreßmitglieder dagegen behaupten, daß sie zahlreiche Beweise in Händen hätten nnd der Abgeordnete Kahn von Kalifornien besteht darauf, daß die schuldig befundenen Offiziere ans dem Heer und der Marine zu entfernen seien. Der Abgeordnete Edwards ging sogar so weit, zu erklären, daß die Juden wüßten, was sie zn gewärtigen hätten und daß deshalb mancher tüchtige jüdische Junge, der mit Begeisterung Soldat würde, nicht nach Westpoint oder Annapolis gehe, weil er der Ueberzengung wäre, dort nicht gerecht behandelt zu werden. * * * Die Newyorker jüdische Einwanderungsgefellschaft „Hebrew Imigrant Aid Society“ hat an sämtliche jüdische Einwanderungsgesellschaften eine Einladung zu einer Konferenz ergehen lassen, in welcher wichtige Reformen auf dem Gebiete des Emigrantenschutzes beraten werden sollen. Die Konferenz wird Ende Juli in Newyork stattfinden. Ueber die Juden in Australien bringt ein Korrespondent der „Hazefirah" authentische Nachrichten. Es leben gegenwärtig im Laude 15.000 jüdische Seelen. Die meisten von ihnen sind Osteuropäer, die eine Zeitlang in England geweilt haben, und von dort aus nach Australien answanderten. Die meisten sind tüchtige Geschäftsleute, die sich im Lande eine Position und Vermögen erworben haben. Viele von ihnen haben hohe Staatsstellen. Was die religiöse Frage anbetrifft, so gibt es in Sidney und Melbourne Synagogen, die fast immer geschloffen sind, außer an den Festtagen. Spezielles jüdisches Leben ist nicht viel vorhanden und auch keine große Verbindung mit den jüdischen Zentren in Europa und Amerika. In der jüngsten Zeit merkte man wieder etwas mehr jüdisches Interesse. Man sucht eine Verbindung zwischen den einzelnen Juden herznstellen, Um den Rückgang des jüdischen Denkens und Lebens zu verhindern. Irrvish Colom;ation Assoziation In der am 1. d. M. in Paris stattgehabten Generalversammlung der „Jca" erstattete, nach Wiederwahl der ausgeschiedenen Herren Leonard L. Cohen, Paul Evrera. N. Leve n, H. G. L o n s a da. S. R e i n a ch und Dr. James Simon zn Mitgliedern der Verwaltung, der an Stelle des erkrankten Präsidenten Herrn N. Leven den Vorsitz führende Vizepräsident Herr F. P h i l i p p s v h n-Brüsfel nachfolgenden Bericht: Die Gründung unserer Gesellschaft datiert von dem Tage, an welchem Herr Baron v. Hirsch mit seinem weiten Blick und der ihm'eigenen Hochherzigkeit den Entschluß gefaßt hatte, unsere heimatlosen, von Unterdrückung und Elend verfolgten Glaubensgenossen in den fruchtbaren Ebenen Argentiniens anznsiedeln. Indem er diese Idee in die Tat umsetzte, ist er nach Ueberwindung großer Schwierigkeiten, wie neue Unternehmungen dieser Art sie zubringen pflegen, nicht allein dazu gelangt, ans unglücklichen Menschen würdige und freie Männer zn machen, sondern er hat der ganzen Welt bewiesen, daß der Jnde trotz aller durch unmenschliche Behandlung erfolgten Degradierung und Unterdrückung ein tüchtiger, intelligenter Arbeiter werden kann, der sich mit derselben Energie, mit der er den Handel nnd die Industrie beherrscht, auch dem Ackerbau znwenden kann. Wir sind zu der Ueberzengung gelangt, daß die kritische Beweisperiode der Gründung jüdischer Kolonien in Südamerika beendet ist. Wir wollen uns hier ans die Aufgabe beschränken, die Geschichte dieser Zeit uns noch einmal zn vergegenwärtigen, indem wir zit gleicher Zeit auf den Jahresbericht von 1910 Hinweisen, der ein Gesamtbild unserer in so verschiedenen Formen auftretenden Tätigkeit enthält. Es sind jetzt genau 20 Jahre her, daß die ersten Gruppen zum Zwecke der Kolonisation in Argentinien Europa verließen. Unsere Gesellschaft existierte damals noch nicht, doch hatte Herr Baron Hirsch damals schon den Entschluß, sie zu gründen, gefaßt. Er hatte bereits eine Kommission nach Argentinien geschickt, die beauftragt war, die Bedingungen zu prüfen, welche das Land bot, und das nötige Terrain zn erwerben. Man sah voraus, daß man mindestens ein Jahr der Vorbereitung bedürfen werde. Als aber im Sommer 1891 die Ausweisungen der Juden aus Rußland eine Menge Israeliten an die Grenzen Deutschlands und Oesterreichs führten, wandten sich die Grenzkomitees an den Baron Hirsch mit der Bitte, diese Emigranten nach Argentinien zu senden. Noch war nichts zu ihrer Aufnahme vorbereitet. Trotzdem sah sich Herr Baron Hirsch genötigt, den dringenden Bitten nachzugeben. Am 5. Juni 1891 wurden einige hundert Auswanderer in Hamburg eingeschifft. Andere Abteilungen folgten, nnd schließlich ließ man 800 Personen abreisen, die mau unter den vielen sich in Konstantinopel aufhaltenden Flüchtlingen ausgewählt hatte. Am Ende des Jahres 1891 zählte man ungefähr 2200 nach Argentinien expedierte Emigranten. Strenge Anweisungen hatte man den Komitees betreffs der Auswahl von Emigranten gegeben; nur mit dem Ackerbau vertraute Personen sollten zur Auswanderung bestimmt werden. Indessen gab es unter den Auswanderern nur wenige, die sich eine richtige Vorstellung von der Art ihrer neuen Beschäftigung machten. Man kann wohl sagen, daß diese Ignoranz auf dem Gebiete des Ackerbaues und der Landwirtschaft eine der Hauptursachen für die großen Schwierigkeiten bildete, die sich der Entfaltung des Werkes in den Weg gestellt haben. Eine große Anzahl der ersten Ansiedler, abgeschreckk durch die Schwierigkeiten ihrer neuen Existenz und nicht den nötigen Anhaltspunkt bei den Verwaltern der Kolonien findend, hatte das neue Land schon nach kurzer Zeit ihrer Ankunft verlassen.