Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1911-07-28 · Heft 29 (28.7.1911) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1911
Issue
Heft 29 (28.7.1911)
Date
1911-07-28
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3062972-3063572-3063601--07385-3074466
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

In einer vorzüglichen Arbeitgeber die Wirtschaftliche und soziale Lage der Juden in Deutschland" in der Zeitschrift für Demographie und Statistik der Inden (Juni 1911 f.) kommt Dr. Segall-Berlin zu folgenden Resultaten: „Die deutschen Juden finden zwar nach wie vor in erster Linie durch den Handel ihren Unterhalt; der Zug zur Industrie und den freien Berufen wird aber auch bei ihnen in den letzten Jahren immer mächtiger. Die Erscheinung, für welche wir ziffernmäßige Beweise haben, steht in hellem Widerspruch mit der von judenfeindlicher Seite allerorts und allezeit ausgestellten Behauptung, die Juden seien ein Schachervolk und besäßen einen ausgeprägten. Handelsgeist. Wenn sie wirklich nur einen „ausgeprägten Handelsgeist" besäßen, so läge angesichts der höheren Bedeutung, die heute dem Handel, sowohl als Binnen-, wie vorzugsweise als Welthandel zukommt, nichts mehr als ein möglichst restloses Aufgehen in diesem Berufszweige. Wir sehen im Gegenteile bei den deutschen Juden das Bestreben, aus diesem Berufszweige herauszukommeu und mit au der Spitze der Armee zu marschieren, welche die Industrie erobert." ... „Der deutsche Jude hat den modernen Zug. der in der wirtschaftlichen Entwicklung Deutschlands zum Ausdrucke kommt, frühzeitig erkannt, ist ihm willig gefolgt und nimmt in immer stärkerem Maße Anteil an der industriellen Blüte Deutschlands. An sich ist auf den ersten Blick das verhältnismäßig rasche Sinken der Handelsbetätiguug unter den Juden sogar etwas sonderbar, zumal doch gerade jetzt der.Handel so sehr an Macht gewinnt. Einem aufmerksamen Beobachter der politischen und wirtschaftlichen Entwicklung Deutschlands kann aber der Grund für diese seltsame Erscheinung nicht verborgen bleiben." Es liegt nach Dr,' Segall in dem Eindrättgen der landwirtschaftlichen Bevölkerung in den Handelsstand und dem Antisemitismus der Angestellten, wodurch es dem vorwärtsstrebenden jüdischen Kaufmann unmöglich gemacht wird, sich eine Position zu verschaffen. * . * , , Aus Anlaß des Ablebens des Geh. Medizinalrats Prof. Hermann Senator haben der Reichska n zler und der preußische Kultus m i n i st e r der Witwe des dahingeschiedenen großen Forschers und Arztes Beileidskundgebnngen übermittelt. Der Kanzler und Ministerpräsident v. Bethmann Hollweg telegraphierte: „Beim Hinscheiden Ihres verehrten Herrn Gemahls, das für die medizinische Wissenschaft sowie für die leidende Menschheit einen so großen Verlust bedeutet, bitte ich Sie, verehrte gnädige Frau, den Ausdruck meiner innigsten Teilnahme entgegenzunehmeu." Das Telegramm des Kultusministers v. Trott zu Solz lautete: „Zu dem schweren Verluste, den Sie und die Ihrigen durch den Heimgang Ihres Herrn Gemahls erlitten haben, spreche ich Ihnen meine innigste Teilnahme aus. Die großen Verdienste, die sich der Verewigte als Arzt und Lehrer erworben hat, werden bei der Unterzeichneten Unterrichtsverwaltung unvergessen bleiben." Bei Lebzeiten des Mannes, der den deutschen Namen und die deutsche Wissenschaft zu Ehren gebracht, hat man die Anerkennung seiner Verdienste in eigenartiger Weise betätigt, indem man dem berühmten Gelehrten die ordentliche Professur v e r w e i g e r 1 e. lediglich aus dem Grunde, weil er Jude war und ein Opfer seiner religiösen Ueberzeugung nicht bringen wollte. Klingt es nicht fast wie ein Hohn, wenn jetzt der Minister versichert, daß die Verdienste Senators bei der Unterrichtsverwaltung unvergessen bleiben werden? Mit anderen jüdischen Universitätslehrern hat Prof. Senator am eigenen Leibe erfahren müssen, daß in Preußen seine Glaubensgenossen keine Gleichberechtigung genießen. •* * - . *■ Die „Deutschsozialen Blätter" regen sich darüber auf, daß die Beiträge für das Bismarckdenkmal am Rhein bei dem Bankhaus S. Bleichroder einzuzahlen sind. Sie bedauern, daß man nicht auch einmal „deutsche Staatsbürger" etwas verdienen lasse. Na, deutsche Staatsbürger, meint die „W. a. M.," sind am Ende auch die Inhaber des Bankhauses S. Bleichröder, wenn sie auch-wohl nicht gerade zu den Abonnenten der. „Staatsbürgerzeituug" gehören. Aber die Hauptsache: merken denn die braven Antisemiten gar nicht,/wie sterblich sie sich blamieren, wenn sie just gegen Bleichröder' protestieren? Bleichröder wä r doch per Bankier Bismarcks und wenn Bismarck selbst über die Sammelstelle für sein Denkmal zu verfügen gehabt hätte, so wäre sicher seine Wähl auf das Bankhaus gefallen/ zu dem er selbst das größte Vertrauen hatte. . ch * ■ •, ■ -. Bei der Wahl des Centralcomite der „Alliance Jsräelite Universelle" ist die Pariser Lifte mit großer Majorität dnrchgedrungen. Es wurden gewählt die in Paris wohnhaften Herren: Charles Berr mit 20.908 Stimmen; Richard Bloch 14.251, Albert Cahen 20.918, E. Hannanx 14.198, Lncien Lazard 20.922, Jsaie Levaillant 20.918, Narciffe Leven 20.916, Israel Levi 20.902, Alfred Lewy 20.915, Camille Lyon 20.913, I. Machiels 20.914, S. Reinach 13.190, Richtenberger 20.906, I. See 14.191. Ferner außerhalb Paris die Herren: Asscher aus Amsterdam 20.870, Dr. Feilchenfeld in Posen 20.649, Js. Feruandez aus Konstantinopel 14.185, Fischer aus Hannover 14.153, Max Fuchs ans Berlin 17.648, I. Gallinger ans Nürnberg 14.397, H. Gumpertz aus Hamburg 20.819, Leop. Gutmann, aus Beuthen 20.778. Von Gnttmann aus Wien 20.902, B. H. Hartogensis ans Baltimore 20.801, Landau aus Berlin,. 17.744, Jsaac Levy aus Bordeaux 14.281, D. E. Lioni ans Amsterdam 20.755, H. Löv-Stern aus Mannheim 20.795°, Emil L. Meyer ans Hannover 14.178, H. Oschinky ans Breslau 20.775, Dr. Rosenthal ans Breslau 20.709, A. Salomon aus Bukarest 20.889, Herm. Wittner aus Leipzig 19.728. *- 4- - * Die Juden in Dänemark erfreuen sich völliger Gleichberechtigung mit den übrigen Staatsbürgern, und doch läßt sich beobachten, wie das Judentum Schritt für Schritt in Dänemark verschwindet. Die Mehrzahl der zirka 4000 Seelen zählenden jüdischen Bevölkerung wohnt in Kopenhagen. Ihre materielle Lage ist glänzend. Es gibt unter ihnen lömal soviel Advokaten, als unter den Christen, ans einen christlichen Künstler kommen vier jüdische. Während jedoch die christliche Bevölkerung innerhalb der letzten sechzig Jahre sich fast verdoppelt hat,- ist die Zahl der Inden um ein Bedeutendes znrückgegangen. Die Ursache liegt in der starken Zunahme der Mischehen. Schon vor 30 Jahren standen 17 reine jüdische Ehen 8 Mischehen gegenüber. Gegenwärtig aber nimmt die Zahl der Mischeheil geradezu schreckliche Dimensionen an. Es ist unter den Juden zur Mode geworden, sich mit christlichen Familien zu verbinden. Die Kinder solcher Ehen gehen selbstverständlich dem Judentum verloren. Vor etwa einem Jahre hat die Kopenhagener jüdische Gemeinde ihren Rabbiner abgesetzt, weil er Mischehen nicht einsegnen wollte Daraus entstand ein Prozeß, welcher erst dieser Tage entschieden'wurde. Die Gemeinde muß dem Rabbiner eine bedeutende Summe als Schadenersatz bezahlen. * ch ' ' ch ' ' ' Ein Riesenprotestmeeting gegen das von der Regierung vorgelegte Sonntagsruhegesetz fand in der Great Assembly Hall in London statt. Es. sprachen: Lionel de Rothschild/ Leopold de Rothschild, K. Rat D. Alexander, die Abgeordneten Lawson. Glynn Jones, Stuart Samuel B. S. Straus, Car! Stettäuer und Dr. Salkind. Der große Saal war dicht - besetzt -und Tausende von Menschen mußten draußen bleiben. Wie verlautet, soll das Meeting eine große Wirkung auf die Negierung ansgeübt haben, die bereit Ist, den Inden - einige wichtige Konzessionen einznräumen, die in der nächsten Zukunft bekannt'gegeben werden sollen. - ' ch . * - :! ■ . * ' In Italien fand vor kurzem die Volkszählung statt.-Die. Zählbogen enthalten auch eine Rubrik über die konfessionelle Zugehörigkeit. Die Zahl der Juden in Italien dürfte kaum 50.000 übersteigen. Viele italienische Inden haben jedoch die Rubrik über die Konfession nicht ausgefüllt, zum Teile weil siei daraus eine geschäftliche Beeinträchtigung für sich befürchten, andernteils weil sie als überzeugte Freigeister prinzipiell dagegen wären, daß-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.