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Die Wahrheit · 1911-07-28 · Heft 29 (28.7.1911) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1911
Issue
Heft 29 (28.7.1911)
Date
1911-07-28
Page
– (sequence 3)
Language
German
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K Rubel »der 16 Are«: |lv 29 Wien. 28. Anli MIL Inhalt: Aus der Woche. — Jewish Colonisation Association. — Der Mangel an Militärärzten im deutschen Heere. — Zum Jndentnm in der Musl'k- - ' ' . —' Verschiedene Nachrichten. — Der Belfer. — Kantorschnle. — Stuttgarter Syuagogengesänge. — Austritte aus dem Judentume. Ans der Woche. Die Not des Lebens schafft im österreichischen Abgeord- " netenhause die losen Verbände der „freien Vereinigungen." in denen die Abgeordneten, unbeschadet ihrer Zugehörigkeit zu verschiedenen nationalen und politischen Parteien, zur intensiveren Vertretung der Interessen einzelner Berufs- und Bevölkerungskreise sich zusammenfinden. So gibt es im österreichischen Parlamente eine freie Aerztevereinigung, eine Vereinigung der Ingenieure, die Agrarier haben sich zusnmmengeschlossen, eine Vereinigung der städtischen Vertreter ist in Aussicht und nur von einer Vereinigung der jüdischen Abgeordneten ist bisher keine Rede gewesen. Ja, würden wir Juden' nicht immer und überall als eine besondere Kategorie von Staatsbürgern betrachtet werden, dann bedürfte es allerdings keines solchen Verbandes, aber die alltäglichen Erscheinungen, wie beispielsweise der in der letzten Sitzung des Abgeordnetenhauses von christlichsozialer Seite unternommene und von dem Beifall der Deutschnationalen und anderer Parteien begleitete Versuch, die Fleisch teuernng den Juden aufs Kerbholz zu schreiben, zeigt mit klarer Deutlichkeit, wie notwendig es ist. daß auch die jüdischen Abgeordneten sich enger aneinander schließen, um Panschalverdächtignngen des Jndentnms energisch abznwehren und in geschlossener Reihe vorzngehen, wenn die Interessen weiter jüdischer Bevölkerungsschichten, die weder bei den großen, noch bei den 'kleinen Parteien einen Anwalt finden, zu vertreten sind. 4- * Der zunehmende gesellschaftliche Antisemitismus und die hiedurch .gesteigerte Abfallbewegung habeu in Ungarn den Gedanken-zur Gründung eines Jüdischen Nationalverbandes angeregt, zu welchem Behnfe sich ein angesehenes Mitglied der Pester israel. Knltusgemeinde, Dr. Wilhelm Grauer und der Sekretär der israel. Landeskanzlei Dr. Franz M e z e i, mit den leitenden zionistischen Persönlichkeiten in Verbindung fetzten. Wie NW: die „Welt" berichtet, wurde in einer von ernstdenkenden Jgden des Mittelstandes zahlreich beschickten Vorkonferenz der Vorschlag des Dr. Wilhelm Grauer, den auch Dr. Franz Mezei mit Wärme vertrat, angenommen, dahingehend, einen Jüdischen Kntralverband für Ungarn ins Leben zu rufen, der alle jüdischen^ gesellschaftlichen und kulturellen sowie Wohltätigkeitsvereine im -ganzen Lande zu 7 einheitlicher Tätigkeit für die Förderung der jüdischen Kultur und des jüdischen: Bolksbewnßtseins ziisümmenfaffen solle. Eine Kommission, die zur Ausarbeitung der Details, eytsendet /wurde/ erstattete in einer darauffolgenden Hogfer.enz-bereits -ihr. Referat und beantragte die Wahl: eines engeren Ausschusses, der bis zum Herbst die nötigen Vorarbeiten durchzuführen hätte, um die Gründung dann unverzüglich vornehmen zu können. In dieser zweiten Konferenz erhob sich jedoch ein unerwarteter Widerspruch von seiten einer Gruppe starrer Assimilanten unter Führung des Redakteurs des „Egyenlöseg" Herrn Szabolcsi. Dr. Grauer und Dr. Mezei. die nach dem Beginne ihrer Aktion auf eine derartige Opposition nicht gefaßt waren, sahen mit Besorgnis die drohende Uneinigkeit im jüdischen Lager nnd erklärten, unter diesen Umständen die Ausführung ihres Vorhabens auf einen geeigneteren Zeitpunkt verschieben zu wollen. Die geplante Organisation, welche einem unzweifelhaften kulturellen Bedürfnisse der ungarischen Judenschaft zu entsprechen bestimmt ist, dürfte , daher im Laufe des nächsten Jahres verwirklicht werden. * *• * Der Kampf der ungarischen Chauvinisten gegen die Einwanderung galizischer Juden nach Ungarn hat um so bedauerlichere Formen angenommen, als auch die chauvinistischen Juden Ungarns, um sich gegen den Vorwurf der Förderung dieser Einwanderung zu schützen, die Antisemiten in ihrer Bekämpfung der galizischen Inden womöglich noch überboten. Es war daher eine gute Tat, die der Schriftsteller Dr. Jlles vollbrachte, als er die ganze Frage einem wissenschaftlichen Studium unterzog und die Ergebnisse seiner Forschungen in einer lehrreichen Broschüre niederlegte. Dr. Jlles weist auf Grund offizieller Daten nach, daß die Behauptung, daß die eingewanderten galizischen Juden zumeist arbeitsscheue Wucherer seien, die das Land überfluten und die Bevölkerung aussaugen, vollständig ans der Luft gegriffert ist. Im Gegenteile: die eingewanderten galizischen Juden sind fast durchwegs arme Menschen, die von ihrer Hände Arbeit leben und Beschäftigungen nachgehen, die man früher bei den ungarischen Juden nie gekannt hat. Die Zahl der eingewanderten ..östlichen" Inden beträgt in ganz Ungarn nicht mehr als 5000. Davon sind mehr als 33 Prozent Taglöhner, 52 Prozent Kutscher, Steinklopfer, Tischler nnd Waldarbeiter, die übrigen sind Feldarbeiter und nur wenige Händler. Der reichste unter den so verpönten eingewanderten Galizianeru besitzt nicht mehr als kaum 7000 Kronen Vermögen. Im übrigen bleiben diese Juden nicht lange in dem Orte, in welchem sie sich versuchsweise ansiedeln, da sie dort nicht ihren Lebensunterhalt finden, und wandern bald weiter, nach Amerika. Es ist erwiesen, daß 80 Prozent, dieser armen, gehetzten Juden kaum die allernötigsten Lebensmittel erschwingen und nur in den allerseltensten Fällen sich eine Fleischspeise gönnen können. * *

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